Fallstudie: Überwachung III – Die Tribute von Panem

Was, wenn jeder Schritt, jedes Wort, jede Geste gefilmt, archiviert und gegen mich verwendet werden kann? Was, wenn niemand mehr Herr über die eigenen Taten ist, weil niemand weiß, was sie für die eigene Familie für Folgen haben können? Was, wenn man in einer Welt lebt, in der jeder Mensch zum Feind werden kann, weil das eigene Gesicht auf jedem Fernsehapparat des Landes zu sehen war?
Willkommen in Panem – einer Welt, in der man nur dort sicher ist, wo keine Kameradrohnen hinkommen. Und auch dort nicht zwingend. Nicht nur während der Hungerspiele – der TV-Übertragung von Kämpfen Jugendlicher um Leben und Tot – und nicht nur die (ehemaligen) Tribute werden rund um die Uhr überwacht.

Warum wird überwacht?

Im Grunde genommen können alle im Buch genannten Argumente für die Überwachung zu einem zusammengefasst werden – es geht darum, den Status Quo mit allen Mitteln zu wahren.
Doch der Status Quo ist nicht annähernd so stabil, wie das Propagandafernsehen des Kapitols dem Volk zeigen will – denn die Machthaber fürchten respektloses Gerede, Spott und jede noch so kleine Geste, die bei der Bevölkerung den Status des Kapitols ins Wanken bringen könnte.
Denn wer das Buch gelesen hat, weiß, dass die Menschen in den einzelnen Distrikten nicht glücklich sind – Viele leiden Hunger und wären nicht in der Lage, auf legale Weise zu überleben. Doch während gelegentliche illegale Nahrungsbeschaffung noch toleriert werden könnte, wird jedes falsche Wort, jeder aufrührerische Gedanke im Keim erstickt und erbarmungslos verfolgt.
Denn das Kapitol ist nur mächtig, solange es unangezweifelt bleibt – doch Katniss’ Geste mit den Beeren, vor laufender Kamera und in allen Haushalten als Pflichtprogramm, hat dieser Macht einen empfindlichen Dämpfer gegeben.

Wie wird überwacht?

Zum Einen gibt es direkt Beamte, die dafür zuständig sind, zu überprüfen, ob beispielsweise alle Bürger bei der Ernte erscheinen. Fehlt jemand, besuchen sie denjenigen sogar zu Hause um zu sehen, ob es für das Fehlen einen triftigen Grund wie z.B. Krankheit gibt.
Innerhalb der Distrikte selbst weiß man nie, wo es versteckte Kameras, Mikrofone oder schlicht missgünstige Mitmenschen verstecken. Oder ob die Kameras aufrührerische Worte von den Lippen ablesen können.
Der Staat ist also quasi allgegenwärtig, sodass man überall die Angst haben muss, belauscht zu werden.
Eine gesteigerte Form davon findet sich zusätzlich in der Arena bei den Hungerspielen – überall befinden unzählige Kameras und Mikrofone, die alles aufzeichnen, was die Tribute sagen und tun. Schließlich wird es im Fernsehen ausgestrahlt und gilt als Pflichtprogramm. Sogar in Distrikten, in denen die Fernseher veraltet sind oder wo sonst regelmäßig der Strom ausfällt, funktioniert während der Übertragungen der Hungerspiele alles tadellos.
So kommt für die Tribute zusätzlich zur permanent gegenwärtigen Todesgefahr – sowohl die Mitspieler als auch die Arena können jederzeit zum Verhängnis werden – die permanente Überwachung in jeder Minute.

Was passiert mit denen, die geschnappt wurden?

Die Strafe für alle, die sich aufständig verhalten, ist grausam und einen allgemeinen Strafenkatalog scheint es nicht zu geben oder er wurde im Roman nicht direkt thematisiert. Darum können an dieser Stelle nur Einzelschicksale behandelt werden.
Darius, ein ehemaliger Friedensrichter, der sich gegen die Strafmaßnahmen des neuen obersten Friedensrichters aufgelehnt hat, wurde beispielsweise zu einem Avox – einem stummen Sklaven, der im Kapitol den Tributen dienen muss.
Peeta, den man des Komplotts mit den Rebellen verdächtigt hat, wurde eingewebt. Das bedeutet, dass man ihn mit halluzinogenem Gift traktierte und ihm dabei falsche Erinnerungen einimpfte, bis er nicht mehr zwischen Realität und Wahn, Freund und Feind unterscheiden konnte.
Der verbotene Schwarzmarkt in Distrikt zwölf wurde zusammen mit allen Menschen darin schlicht niedergebrannt.
Schließlich muss sogar ein ganzes Distrikt für die angeblichen Fehler Einzelner leiden und wird ausgelöscht.

Feuer mit Feuer bekämpfen?

Ironischerweise überwacht nicht nur das Kapitol – District 13 hat ein Kamerateam abgestellt, um auch während des Sturms auf das Kapitol Katniss bei militärischen Aktionen zu filmen und die Aufnahmen durch Hacking ins Staatsfernsehen zu bringen.
Dies kann zu seltsamen Situationen führen – wie beim Erobern von District 2, als Katniss auf einem der vielen Bildschirme mitverfolgen kann, wie sie selbst angeschossen wird.

Weltenbauerisches Fazit

Die Panem-Trilogie zeigt sehr gut, was aus der Welt werden kann, wenn “um der Sicherheit willen” die Menschen überwacht werden. Und zwar in zweierlei Hinsicht – nicht nur die Überwachung erreicht immer absurdere Dimensionen, auch die Strafen für jede noch so kleine Gesetzesübertretung stehen früher oder später in keinstem Verhältnis mehr zum tatsächlichen Vergehen.
Es gibt nichts zu essen und man wildert in einem Wald, der niemandem gehört? Tod durch Auspeitschen.
Man lehnt sich dagegen auf? Sklaverei.
Jeder noch so kleine Fehltritt erzeugt Gegenmaßnahmen, die nur noch eins zum Zweck haben – die Menschen durch Angst gefügig zu machen.
Die Trilogie zeigt jedoch auch eindrucksvoll, dass dies auf Dauer nicht funktioniert und spätestens wenn der Bogen überspannt ist, sich auch genügend tapfere Menschen finden, um den Widerstand zu leiten.

Dabei fixiert sich der Roman allerdings stark auf zentralisierte Medien, Videokameras und das Fernsehen, um die Überwachungsproblematik aufzuzeigen. Gefahren und Problematiken der Internetüberwachung wurden hier noch nicht berücksichtigt, da die Problematik zur Entstehungszeit der Romane noch nicht so stark in der Diskussion stand wie heutzutage.
Für jeden, der einen eigenen Roman rund um das Thema Überwachung, Privatsphäre und Diktatur schreiben möchte, kann die Panem-Trilogie dennoch als gut geschriebenes Anschauungsmaterial dienen. Außerdem handelt es sich schlicht um sehr gut geschriebene Romane.

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Weltengeflüster September 2014

Der September war ungewöhnlich spärlich – sind alle Autoren bereits damit beschäftigt, sich auf den NaNoWriMo im November vorzubereiten und haben keine Zeit für Weltenbaupostings? Oder woran sonst liegt die Flaute? Sogar die englischsprachigen Blogs mit drei-vier Postings am Tag waren ungewöhnlich unergiebig…

Tor.com versorgt uns mit der spannenden Neuigkeit, dass eine Wikingerkriegerin keineswegs in den Bereich moderner Geschichtenerzähler gehört, die einfach jeden Film mit starken Frauen in Rüstung aufpeppen wollen. Die Hälfte aller Wikingerkrieger war weiblich – was nicht nur die Sicht auf die Wikinger revidiert, sondern auch Autoren historischer Romane (inklusive historischer Fantasy, Zeitreiseromanen etc.) und Filmemachern ganz neue Geschichten eingeben könnte.

Natürlich macht es besonders viel Spaß, coole Raubtiere für die eigene Welt zu erfinden. Aber da die Raubtiere auch von was leben müssen und man die Nahrungskette generell besser von unten aufdröselt, gibt es bei Fantasyfaction einen tollen Einblick in die Biologie der “Beutetiere“.
Aus irgendeinem Grund gehört Fantasy mit zu den Genres, die zum Nutzen von Charakterschablonen und genau festgelegten Gruppenzusammenstellungen à la “ein Kind, ein Mentor, ein Elf, ein Zwerg” neigen. Daran ist im Prinzip nichts Verkehrtes – aber man kann interessantere Charaktere gestalten, wenn man auf ein paar Kleinigkeiten beim Charakterdesign achtet.
Außerdem findet sich dort eine sehr faszinierende Artikelserie darüber, wie Religion eine Romanwelt beeinflusst – unter anderem verändert sie den Charakter der gläubigen Figuren.
Viele Fantasyromane verwenden in irgendeiner Weise Gilden – doch was sind Gilden überhaupt und wie baut man sie sinnvoll ein? Hier ein paar Tipps. Aber nicht mit Zünften verwechseln ;-).

Unser alter Bekannter Sofian befasst sich mit den Grundlagen der Geschichtlichkeit einer Welt – und beginnt bei ihren Quellen. Welche Urkunden, Chroniken und andere Schriften können von einer fiktiven Vergangenheit künden?
Als kleine Ideenhilfe, worüber sie erzählen könnten, ein Link zu unserer Liste möglicher geschichtlicher Ereignisse und zum wirkungsvollen Einbauen von Sagen, Legenden und Gerüchten.

Carmilla deWinter, gelegentliche Gastautorin auf der Weltenschmiede, beschreibt die Gedankengänge und Probleme beim Integrieren einer eigenen, selbst gebauten Religion. Ein sehr interessanter Einblick, der sich auch dann lohnt, wenn man schon häufiger eigene Religionen gebastelt hat.

Auf newyorker.com kann man alles lesen, was man jemals über Wonder Woman wissen wollen könnte. Ein sehr langer (englischer) Artikel, der viele Informationen bereithält.

Jahrelang war ich mir sicher, dass Laserschwerter so nicht funkionieren (auch wenn sie unfassbar coole Waffen abgeben) – nun widerspricht ein Artikel auf Legendarium Media – man kann Photonen nicht nur erzeugen, sondern sie auch zwingen, innerhalb eines bestimmten Bereichs zu bleiben.

Habt ihr einen Artikel gelesen oder gar selbst geschrieben, der im Weltengeflüster Oktober verlinkt werden sollte? Dann schreibt es als Kommentar unter diesen Artikel oder über das Kontaktformular. Außerdem suchen wir weiterhin Gastartikel!

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Minifallstudie: Die Sprache von Qwghlm

Qwghlm – ungefähr Taghum gesprochen, mit Betonung auf die zweite Silbe, ist eine kleine fiktive Inselgruppe im gemeinsamen Canon des Barock-Zyklusses und des Romans “Cryptonomicon” von Neal Stepehnson. Die Sprache, die dort gesprochen wird, ist für Fremde praktisch unaussprechlich und die Schrift besteht nur aus Runen für Konsonanten.

Die von Jack Shaftoe, einem weitgereisten Vagabunden aus London, während des Türkenkriegs gerettete Haremssklavin Eliza ist eine Muttersprachlerin dieser Sprache. Kaum dass sich die Wege der Beiden trennen, verstrickt sich Eliza in die politischen Intrigen rund um Wilhelm von Oranien und Ludwig den Vierzehnten von Frankreich. Um ihre Ziele zu erreichen und gefahrlos unter anderem mit Leibnitz kommunizieren zu können, beschäftigt sie sich mit Verschlüsselungstechniken.
Normalerweise verschlüsselt sie dabei ihre Briefe, indem sie mit Hilfe einer Zahlenkombination aus dem chinesischen I-Ging einen Brief schreibt, der bedenkenlos abgefangen und gelesen werden kann, da er unverfänglich ist – in Wirklichkeit jedoch einen kürzeren Brief mit geheimer Zusatzbotschaft kodieren soll. Dieser Code, laut Roman von Leibnitz erfunden, wird im Verlau des Romans nicht geknackt.

Einmal jedoch nutzt sie ihre Muttersprache und ihr Talent zum Verschlüsseln, um Informationen unbemerkt zu transportieren. Sie nutzt die besonderen Eigenschaften ihrer Muttersprache – keine Zeichen für Vokale und einige wenige Zeichen für Konsonanten – um jeder Rune einen binären Wert zuzuweisen und diesen mit Hilfe von zweierlei Arten von Kreuzstich zu kodieren.
Um die Muster der Kreuze abzulesen, müsste man die Stickerei umdrehen und anschließend die zwei Arten von Sticktechnik in Nullen und Einsen umwandeln.
So konnte Eliza ein Reisetagebuch auch auf einem Flussschiff oder auf der Flucht vor französischen Truppen führen, ohne dass jemand etwas Verdächtiges bemerkt hätte. Denn eine reisende Frau, die stickt, war im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert nichts Ungewöhnliches, im Gegenteil.
Raffinierterweise sollte dieser Code jedoch gar nicht unbrechenbar sein – ein ausgeklügelter Plan sorgt dafür, dass dieses verschlüsselte Reisetagebuch zu Ludwig dem Vierzehnten gelangt und dort von einem Entschlüsslungsmeister und einem Kenner des Qwghlm entschlüsselt wird. Denn Eliza hat hier eine gefälschte Botschaft codiert, die nur auf diese Weise ihren Empfänger erreichen kann.

Die qwghlminische Sprache, wie sie im Barock-Zyklus und später verstärkt im Cryptonomicon verwendet wurde, stellt im Grunde genommen das fiktive britische Equivalent zum real existierenden amerikanischen Navajo-Code dar und wird im Cryptonomicon tatsächlich ähnlich verwendet.

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Weltenbauartikel: Die Motivation des Bösen

Nachdem wir uns schon mal damit beschäftigt haben, welche Bösewichtklischees zu vermeiden sind und welche Gedanken man sich sonst noch zum Thema „Das Böse“ machen könnte … geht es heute um die Motivation hinter dem sogenannten Pfad des Bösen in der Fantasyliteratur.
Selbst gestandene Fantasyautoren wie Anne Rice stellen sich und ihren Fans gelegentlich die Frage, was beispielsweise für Voldemort eigentlich der Reiz der Dunklen Seite war. Mit anderen Worten: Was hat man davon, böse zu sein?

Tu, was du willst

Ein Antagonist sieht sich in den seltensten Fällen selbst als böse – im Grunde genommen möchte er sich aus dem gesellschaftlichen Wertekorsett von Gut und Böse lösen, um außerhalb des Gesetzes die maximale persönliche Freiheit leben zu können. Auch auf Kosten anderer.
Im ersten Harry-Potter-Band sagt Quirrel während der Konfrontation mit Harry angesichts des Spiegels „Nerhegeb“ sinngemäß, dass Voldemort ihm gezeigt hat, dass es kein Gut und Böse gäbe – nur Macht, und diejenigen, die zu schwach seien, um danach zu streben.
Nicht nur bei Harry Potter, sondern auch in vielen anderen modernen Fantasysettings gibt es bestimmte typische Ausprägungen des Bösen, die in der Regel eng mit der Motivation für den Seitenwechsel zusammenhängen.
Kurz ließe es sich mit folgendem Prinzip zusammenfassen:
„Strebe nach Macht und nutze sie auf selbstsüchtige und nicht auf die Gesellschaft ausgerichtete Weise, um

  • Unsterblichkeit, wie im Falle von Voldemort
  • die Macht, andere vor dem Tod zu bewahren, wie im Falle von Darth Vader
  • völlige Unabhängigkeit von den moralischen Einschränkungen großer Macht, wie Saruman

zu erlangen.
Wesen, die eigentlich genauso mächtig wie ein Antagonist wären, jedoch ihre Kräfte maßvoll und gemäß den moralischen Standards der Gesellschaft gebrauchen, gelten von diesen Antagonisten als Schwächlinge – denn sie sehen nicht, dass ein „Guter“ in der Regel seine wahre Stärke nicht aus seiner Machtfülle, sondern aus ebenjener Liebe und Selbstdisziplin bezieht.
Im Grunde genommen könnte man die Motivation dieser Antagonisten also so zusammenfassen, dass sie nur ihrem eigenen Willen folgen, um ihr Ziel wenn nötig auch auf Kosten anderer Lebewesen zu erreichen. Selbst wenn ihre Absichten – wie bei Darth Vader – anfangs nobel sein mögen, stellen sie sich auf Dauer selbst ins gesellschaftliche Aus und ihnen bleibt nichts Anderes, als die Gesellschaft als solche zu bekämpfen oder zu unterwerfen.

Der Schwächefehlschluss

Auf den ersten Blick erscheint es den Antagonisten, dass sie durch den Verzicht auf Liebe und/oder selbst auferlegte Beschränkungen der Machtausübungen stärker sind als die Guten in der Geschichte.
Denn natürlich machen Liebe und Beschränkungen in gewissem Sinne verletzlich. Anakin hätte ohne seine Liebe zu Padme vielleicht nie die Dunkle Seite gewählt, weil es nicht so einfach gewesen wäre, ihn zu korrumpieren. Harry hätte ohne die ihm innewohnende Güte und Menschlichkeit zugelassen, dass Lupin und Sirius Pettigrew töten – und hätte somit Voldemorts Auferstehung und Cedric Diggorys Tod verhindern können. Gandalf hätte Saruman vernichten können, hat sich aber an die ethischen Einschränkungen gehalten, denen er als Zauberer nun einmal unterlag und aus denen Saruman willentlich ausgebrochen ist.
Aber genau diese Verletzlichkeit und Verwundbarkeit macht einen Menschen erst zu einem Menschen. Wirklich große Herzen und große Geister können der Versuchung widerstehen, sich auf die gleiche Stufe wie die Antagonisten zu begeben, um diese leichter besiegen zu können – egal wie verlockend es ist.
Ein weiterer Fehlschluss (seitens des Antagonisten und eventueller Anhänger) ist, dass so ein Antagonist selbst keine Fehler oder Schwächen hat. In der Regel bringen sich jedoch Antagonisten selbst zu Fall – gerade weil sie Liebe und Emotionen oft als Schwäche auslegen, können sie sich meist nicht in ihre Gegner, die Protagonisten, hineinversetzen. Sie können nicht vorhersehen, zu was diese aus purer Liebe zu jemandem in der Lage sind oder solche Gefühlshandlungen einzuplanen – denn natürlich schließen sie wie viele Menschen von sich auf andere.
Gerade klassischere Bösewichte sind sich sicher, unverwundbar zu sein – sind es jedoch nicht.

Weltenbauerisches Fazit

Natürlich sieht man dieses Phänomen in dieser Größenordnung in der Regel in Romanen oder Filmen und dann überwiegend in fantastischen Genres.
Aber das bedeutet nicht, dass das Prinzip „Antagonist befreit sich vom Zwang der Gesellschaft und der Protagonist überwindet ihn durch die Verbindung von Macht und Liebe“ nicht auch auf nicht fantastische Geschichten anwendbar wäre.
Auch im kleinen Rahmen und für Alltagsgeschichten oder Krimis kann das Prinzip an sich durchaus spannend zu variieren sein und wird auch gerne angewendet – nur ist es da oft nicht ganz so offensichtlich thematisiert. Es kann jedoch auch durchaus beispielsweise in einer Kindergeschichte über Mobbing und Freundschaft angewendet werden.
Man muss sich lediglich bewusst sein, dass es so ein häufig in der modernen Fantasy genutztes Bösewichtsprinzip gibt – und es gegebenfalls auf andere Genres anwenden, umschiffen oder anderweitig kreativ damit umgehen. Oder es ganz klasisch für eine Fantasygeschichte verwenden.
Wieso nicht, solange es gut gemacht ist?

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Fallstudie: Gestaltenwandler I – Gestaltenwandler in der “Delia”-Trilogie von Mia Bernauer

Nicht immer sind es die mit den Millionenauflagen, von denen man sich inspirieren lassen muss. Im Gegenteil. Wann immer man als Leser das Gefühl hat, bei Büchern aus demselben Genre immer nur die gleichen vorgekauten Figurenkonstellationen und die immergleichen Fabelwesen vorzufinden, sollte man sich ein wenig bei Independent-Autoren, Kleinverlagen und Selfpublishern umsehen.
Und manchmal sollte man einfach beim Autorenkollegen vom Blog nebenan schauen, was so geschrieben wurde.
Gesagt, getan – und die „Delia“-Trilogie von Mia Bernauer entdeckt, die der Weltenschmiede die Einleitung einer Fallstudienserie wert ist. Sie entführt die Leser nämlich in die geheimnisvolle Welt der Halbwesen.

Optik

Die meisten Halbwesen sehen größtenteils wie Menschen aus, höchstens ihre Haut ist heller und ebenmäßiger. Außerdem hat jede Tierart ihre charakteristische Augenfarbe – alle Löwen sind grünäugig, alle Adler haben schwarze Haare und die Augen sämtlicher Jaguare sind beispielsweise saphirblau. Auch sonst sehen sich die meisten Vertreter der selben Tierart recht ähnlich.
Einzig die Reptilienhalbwesen unterscheiden sich teilweise deutlich von den Menschen – ihre Haut ist grünlich und ihre Pupillen sehen aus wie die von Schlangen oder Krokodilen.

Fähigkeiten

Selbstredend können sämtliche Halbwesen sich in ihre jeweilige Tierart verwandeln. Darüber hinaus besitzen sie jedoch eine ganze Reihe an Fähigkeiten.
Diese hängen von ihrer Tierart ab. So beherrscht jede Tierart ein anderes Element und kann damit die Umwelt beeinflussen oder kämpfen. Löwen beherrschen das Feuer, die Adler das Eis, Jaguare beispielsweise den Wind.
Darüber hinaus beherrschen manche Tierarten zusätzliche Fähigkeiten – Jaguare können sich telepathisch verständigen und Schlangen besitzen besondere Heilkräfte.
Jede Tierart kann mit Hilfe eines Bisses Einfluss auf einen Menschen erlangen, aber in der Regel ist dieser nicht verheilende und permanent blutende Biss für den Menschen so schädlich, dass kaum ein Mensch länger als zwei Wochen mit diesem Biss überlebt. Damit der Mensch nicht an den Folgen stirbt, muss das Halbwesen mit der Zunge über den Biss lecken.
Allgemein betrachtet sind die Sinne der Halbwesen jedoch auch in ihrer menschlichen Gestalt wesentlich schärfer als die eines Menschen. Sie können besser sehen und riechen. Auch hier sind die jeweiligen Fähigkeiten abhängig vom Wesen – keine Halbwesen sehen so scharf wie Adler. Dazu kommt, dass sie in der Lage sind, Menschen zu hypnotisieren und sie z.B. vergessen zu lassen, sie je getroffen zu haben. Halbwesen wirken auf Menschen von Natur aus charmanter als Menschen, sodass die Menschen sich zu ihnen hingezogen fühlen.
Außerdem sind Halbwesen stärker und schneller als Menschen. Sie spüren weniger Schmerz und benötigen nur wenig Schlaf.

Verwandlung

Normalerweise wird man als Halbwesen geboren – als normaler Mensch wird man nicht zum Halbwesen.
Die einzige Ausnahme bildet die Vorhergesehene – eine Frau aus einer bestimmten Familie mit bestimmten Fähigkeiten, die alle hundert Jahre geboren wird.
Nach einer gewissen Zeit der Einweisung muss sich die Vorhergesehene selbstständig dafür entscheiden, entweder in die für sie vorherbestimmte Tierart verwandeln zu lassen oder ein menschliches Leben zu führen. Bei der Wandlung erhält sie Energie von einem Halbwesen, die mit ihrer Energie als Vorhergesehene vermischt wird.
Die Wandlung dauert eine Weile und ist für die Vorhergesehene mindestens unangenehm, meistens sogar schmerzhaft. Sie sollte von Heilern betreut werden, damit die Vorhergesehene dabei nicht ums Leben kommt.

Vernichtung

Man kann ein Halbwesen nur dann töten, wenn man ihm vorher sein Element nimmt. Dazu sind nur besonders ausgebildete Halbwesen, sogenannte Teiler, in der Lage. Diese können ein Halbwesen von der eigenen Energie trennen und sie so zu sterblichen Wesen machen.
Danach können Halbwesen ganz normal getötet werden.
Ein Halbwesen kann allerdings durch die Macht anderer Elemente und natürlich durch Waffen verletzt werden.

Bedürfnisse

Gelegentlich kommt im Halbwesen das Tier an die Oberfläche – dann muss das Halbwesen seinem Jagdtrieb nachgehen und ohne von den Menschen gesehen zu werden, Tiere jagen und fressen. Wenn ein Halbwesen dieses Bedürfnis ignoriert, wird es gefährlich für die Menschen und könnte diese angreifen. Das jedoch würde den Geheimhaltungsregeln widersprechen und viel Ärger nach sich ziehen.
Halbwesen benötigen außerdem etwa drei Stunden Schlaf pro Nacht, wenn auch nicht mehr.

Herkunft

Man weiß nur, dass es die Halbwesen schon seit mindestens viertausend Jahre gibt, denn so alt ist ihr Buch, in dem die Vorhergesehenen und deren Betreuer verzeichnet sind.
Außerdem weiß man, dass die Halbwesen seit längerer Zeit nichts mehr mit den Menschen zu tun haben wollen. Leander macht Delia darauf aufmerksam, dass einige uralte Legenden auf Halbwesen zurückgeführt werden können.

Sonstiges

Die Halbwesen halten sich an strenge Regeln und Gesetze, um nicht aufzufallen, nachdem sie beschlossen haben, sich nicht mehr von den Menschen für deren Zwecke vereinnahmen zu lassen. Wenn ein Mensch von der Existenz der Halbwesen erfährt, muss er schnell und unauffällig getötet werden.
Wer als Halbwesen mutwillig Menschen tötet, riskiert eine Vorladung vor die Therion – ein Gremium aus alten und erfahrenen Halbwesen mit je einem Vertreter aus jeder Rasse. Dieses Gremium hält Gericht, kontrolliert die Beschlüsse und wacht über die Einhaltung der Gesetze. Ein jeder Therion-Vertreter kann je einen Teiler ausbilden.

Weltenbauerisches Fazit

Auch wenn die Halbwesen an manchen Stellen ein bisschen überstark daherkommen, merkt man irgendwann im Laufe der Trilogie, dass das seine Berechtigung hat – da werden von den Gegnern der Protagonisten so gewaltige Kräfte entfesselt, dass Delia und ihre Freunde unbedingt selbst ebenbürtige Kräfte benötigen, um eine Chance zu haben.
Ansonsten bot die Romanreihe jedoch eine wunderbar ausgearbeitete, in sich logische Welt, die ich sehr faszinierend fand. Egal ob es sich um eine eigene Stadt der Halbwesen, um Fallen oder – mein absoluter Favorit – eine ganze Eisfestung irgendwo im hohen Norden handelte – alles war unfassbar gut ausgearbeitet und originell gelöst.

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In eigener Sache: FeuerFlocke

Seit drei Jahren bloggen wir – Evanesca Feuerblut und fruehstuecksflocke – nun hier bei der Weltenschmiede, zerlegen fiktive Welten in ihre Einzelteile und wollen wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. All das in gewohnt seriöser Optik nach fixen Schemata und mit möglichst systematischem Zugang.

Vermutlich wirken wir wie die größten Nerds aller Zeiten.

Sind wir auch.

Aber noch viel mehr als das.

Nur ein Bruchteil dessen, was wir lesen, spielen, sehen, schafft es wirklich hier auf die Weltenschmiede in Form eines Artikels.
Ein weitaus größerer Teil hat mit Fantasy oder Sci-Fi rein gar nichts zu tun.
fruehstuecksflocke steht zum Beispiel auf Actionserien aus den 80ern und auf lateinische Klassiker rund um Christi Geburt.
Evanesca hingegen sammelt uralte Bücher und liest wahllos alles, was ihr unter die Nase fällt – und dabei nur wenig Fantasy…

Ist das das Ende? Nein, es ist ein Anfang.
Heute verkünden wir voller Stolz (und mit etwas schlechtem Gewissen) den Start eines zweiten Blogs, der FeuerFlocke!

Im Gegensatz zur Weltenschmiede soll es dort etwas lockerer zugehen und Platz für alles mögliche geben – von allgemeinen Überlegungen zur Weltsituation der Fantasyliteratur, über Buchrezensionen quer durch alle Genres bis hin zur Besprechung des einen oder anderen Films.

„Zweitblog“ sagt es bereits, aber es sei hier nochmals ausdrücklich erwähnt: Für die Weltenschmiede ändert sich nichts, neue Artikel gibt es wie gewohnt am Sonntag (und falls wir sehr viel Zeit haben, auch am Mittwoch).

Für die FeuerFlocke wollen wir uns auf keinen bestimmten Rhythmus festlegen, sondern posten einfach, wie uns die Rezensionen aus den Fingern fließen. (Den Anfang macht übrigens fruehstueckflockes Meinung zum neuen Hercules-Film.)

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Fallstudie: Vampire in verschiedenen Canons – Teil 8 – die “Wächter”-Romane

Wer denkt, dass es sich als Anderer freier lebt – egal ob man ein Magier, ein Tiermensch, ein Vampir oder sonst ein Wesen ist – der irrt sich. Denn in den “Wächter”-Romanen von Sergey Lukianenko sieht die Welt der Anderen kaum anders aus als unsere eigene: Überall gibt es gesetzliche Richtlinien, Vorschriften und eine allgegenwärtige Kontrollinstanz, die alles überwacht.
Denn das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit ist fragil und egal ob es die Hellen oder die Dunklen sind, die das Gleichgewicht gefährden – wird es zerstört, bricht ein blutiger Krieg aus.
Vor allem aber sollten die Menschen nicht zwingend merken, dass mitten unter ihnen allerlei Geschöpfe lauern – beispielsweise Vampire.

Fähigkeiten

Zu ihren Fähigkeiten gehört der “Ruf” – mit Hilfe dieser Fähigkeit können Vampire ihre Opfer telepathisch zu sich heranlocken, ohne sich selbst in unmittelbare Nähe zu den Menschen begeben zu müssen. Dadurch können sie unauffälliger agieren, was nicht zuletzt der Geheimhaltung förderlich ist. Allerdings ist der Ruf nicht “abhörsicher” – unter bestimmten Bedingungen können Andere den Ruf ebenfalls hören und ihm folgen, um das Opfer zu retten. Das geschieht insbesondere, wenn Jagd auf wildernde Vampire gemacht wird.
Wie alle Anderen können Vampire das Zwielicht betreten. In welche Schichten sie vordringen können, hängt von ihrer Macht ab.
Vampire können den Blick der Menschen ablenken, sind jedoch weiterhin im Spiegel sichtbar und können manchmal nur auf diese Weise entdeckt werden.
Um ihre Hierarchien untereinander auszukämpfen, können Vampire Willensduelle untereinander veranstalten. Der Gewinner erhält Macht über den Verlierer und kann ihn beispielsweise zur Selbstvernichtung zwingen.
Magisch besonders begabte Vampire können sich außerdem in Ratten, Wölfe, Fledermäuse und andere Tiere verwandeln.
Äußerlich unterscheiden sich die Vampire nicht von den Menschen – sie könnten höchstens ein bisschen blasser sein, weil sie ungern an die Sonne gehen. Die scharfen Zähne kommen dann hervor, wenn sie benötigt werden.

Verwandlung

Um einen Menschen in einen Vampir zu verwandeln, müssen beide Seiten einverstanden sein – sowohl der Mensch als auch der Vampir. Solche Verwandlungen sind in der Regel illegal und werden geahndet.
Ausnahmen bestehen beispielsweise, wenn eine solche Verwandlung die einzige Möglichkeit darstellt, ein Leben zu retten.

Vernichtung

Anton verwendet ein mächtiges geladenes Amulett, mit dem er einen der wildernden Vampire beschießt, um ihn zu vernichten. Außerdem kann man Vampire in diesem Canon mit einem Eimer Vodka übergießen, um sie zu vernichten.
Vampire vertragen keinen Alkohol, er kann sie schwer verletzen und im Zweifelsfall sogar vernichten.
Außerdem benötigen Vampire, je mächtiger sie werden, desto mehr Magie, die sich aus nichtmagischen Lebewesen gewinnen lässt. Wo es keine Lebewesen gibt, können sie auch nicht zaubern und können vernichtet werden.
Weder Knoblauch, noch Kreuze noch Silber können ihnen wirklich gefährlich werden – allerdings fügt eine Silberkugel dem Vampir sehr starke Schmerzen zu, ohne ihn zu töten.
Ansonsten sind Vampire – ebenso wie sämtliche initiierte Andere – unsterblich, können jedoch natürlich vernichtet werden.

Bedürfnisse

Auch diese Vampire müssen Blut trinken. In der Regel haben sie dabei mit Blutkonserven und Schweineblut auszukommen, gerade noch im Wachstum befindliche Vampire oder frisch Verwandelte benötigen jedoch auch zwingend Menschenblut. Hier wird es heikel – da laut dem Großen Vertrag der Anderen die Zahl der guten Taten immer mit der Zahl der bösen Taten identisch sein muss, können die Vampire nicht einfach dann morden, wenn ihnen danach ist. Sie müssen einen Antrag stellen und erhalten irgendwann die Lizenz, einen bestimmten per Losverfahren ausgewählten Menschen zu töten. Das Losverfahren umfasst alle Menschen – außer Kinder unter zwölf Jahren, Andere und deren Angehörige. Ein per Los zugewiesenes Opfer darf per Ruf zum Vampir gelockt zu werden und empfindet beim Biss selbst weder Schmerz noch Angst.
Einige Vampire verzichten freiwillig auf die Lizenzen zum Töten und erhalten dafür Zuwendungen.
Wird ein Vampir beim “Wildern” erwischt, also dabei, ohne Lizenz Menschen anzufallen und zu töten, ist die Nachtwache verpflichtet, ihn zu verhaften oder zu vernichten.
Mächtigere Vampire – auf dem Niveau eines Nullmagiers und somit ohne eigene magische Energie – benötigen außerdem Lebewesen um sich herum, um durch das Zwielicht Magie zu sich heranziehen zu können. Das benötigen sie, um zu zaubern.
Sie mögen die Dunkelheit, denn helles Licht ist für sie zwar nicht schädlich, aber sehr unangenehm.

Herkunft

Woher genau die Vampire kommen, wird in den Büchern nicht geklärt.
Man weiß nur, dass sowohl Dracula als auch Nosferatu sehr alte Kreaturen sind – jedoch weder die ältesten noch die mächtigsten Vampire darstellen.

Sonstiges

Im Canon der Wächter-Romane gehören Vampire automatisch immer zu den Dunklen – sie sind also nicht in der Lage, ihre Seite frei zu wählen. Dabei kann man durchaus Vampire beobachten, deren Ziele nicht auf ihren eigenen Vorteil, sondern auf den der Menschheit ausgerichtet sind. So versucht Konstantin im X Band, mit Hilfe eines uralten Zauberbuchs sämtliche Menschen in Andere zu verwandeln, um die Welt gerechter zu machen. Zuvor sucht er nach Mitteln, um Vampirismus zu “heilen” – er vermutet, dass auch er ein normaler Mensch sein könnte, wenn durch die Verwandlung sämtlicher Menschen in Andere es keine Magie mehr gäbe.
Vampire gelten als “nierede Dunkle”, außer sie sind auf einer so hohen Stufe, dass sie den Zauberern als ebenbürtig angesehen werden müssen. Es ist nicht leicht, ein höherer Vampir zu werden, Konstantin schafft es nicht zuletzt, weil er im Besitz des Fuaran ist. Normalerweise müsste man um auf eine so hohe Magiestufe heraufgehoben zu werden, zahlreiche Menschen töten – was aufgrund der bürokratische Hürden nicht auf legalem Wege zu schaffen wäre und somit normalerweise alten Vampiren vorbehalten bleibt. Außerdem wächst die Macht des Vampirs schneller, wenn es sich bei den Getöteten um Kinder und Jungfrauen handelt – Kinder sind jedoch, wie bereits erwähnt, bis zu einem gewissen Alter von der Lotterie ausgenommen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, Spenderblut von zwölf verschiedenen Menschen zu vermischen und zu konzentrieren, ein Rezept, das im Buch als “Sauschkin-Cocktail” bekannt ist, da Konstantin Sauschkin es erfunden hat. So konnte er zu einem ranghohen Vampir aufsteigen, ohne auch nur einen Menschen töten zu müssen.
In der Regel jedoch werden sie gemieden und nur Wenige lassen sich dazu herab, mit ihnen befreundet zu sein. Andererseits werden Hohe Vampire aufgrund ihrer Macht durchaus respektiert und können sogar Inquisitoren werden – Teile einer Instanz, die Tag- und Nachtwache überwacht.
Auch bei Lukianenko können Vampire kein Haus ohne ausdrückliche Einladung betreten. Erhalten sie eine solche, bildet sich ein im Zwielicht sichtbarer “Vampirpfad”.
Als niedere Dunkle sind Vampire verpflichtet, sich bei der zuständigen Nachtwache zu registrieren – dabei erhalten sie einen Stempel auf der Brust. Wird dieser Stempel aktiviert, stirbt der Vampir augenblicklich.

Weltenbauerisches Fazit

Lukianenko hat mit seinem Wächter-Universum eine Welt geschaffen, die aus zahlreichen fantastischen Geschöpfen und neuen Möglichkeiten besteht. Es sit sehr erfrischend, die russische Fantasyausprägung zu lesen, die sich in vielerlei Hinsicht von dem unterscheidet, was man auf dem deutschen oder amerikanischen Markt gewohnt ist.
Was derzeit noch fehlt, sind die Hintergründe über die Entstehung der Vampire, aber auch anderer Zwielichtwesen – Gestaltenwandler, Tiermenschen, Hexen, Magier… Woher stammen die Ersten von ihnen? Wie fing alles an? Viele Fragen bleiben noch offen.

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Fallstudie: Werwölfe II – Werwölfe bei Anne Rice

Nachdem Anne Rice mit ihren Vampirchroniken Weltruhm erlangt hat, erschien 2012 mit “The Wolf Gift” (deutsch: “Das Geschenk der Wölfe”) der Reihenauftakt zu den “The Wolf Gift Chronicles”, dessen zweiter Band “The Wolfs of Midwinter” noch nicht auf deutsch erschienen ist. Wie schon bei ihren Vampirromanen, nahm Anne Rice sich hierbei nur die Klischees und althergebrachten Werwolfmythen, die sie gebrauchen konnte – und ließ die anderen unauffällig verschwinden.
Doch was macht ihre Werwölfe so besonders?

Aussehen und Veränderungen

Normalerweise sind die Werwölfe auf den ersten Blick nicht von Menschen zu unterscheiden – oft strahlen sie eine gewisse Aura der Selbstsicherheit und Zufriedenheit aus, aber nicht jeder selbstzufrieden dreinschauende Mensch ist ein Werwolf.
Allerdings erlangt ein Werwolf nicht nur eine zusätzliche Gestalt – auch der Mensch an sich verändert sich im Äußeren. Selbst bei erwachsenen Menschen werden Wachstumshormone ausgeschüttet, sodass Hände und Füße wachsen, der Mensch an sich größer und kräftiger wird. Auch die Haare sprießen fortan wesentlich stärker als vorher.
Die Wolfsgestalt erinnert nur sehr bedingt an einen Wolf – der Werwolf kann sowohl aufrecht als auch auf allen vieren rennen und sich sehr flink in Bäumen fortbewegen. Sein ganzer Körper ist von einem dichten Fell bedeckt, wobei empfindlichere Stellen wie Hände, Füße und Genitalien nur von einer Art weichem Flaum umhüllt sind. Die Finger verschmelzen zu einer großen klauenartigen Fläche und Krallen wachsen, aber es bleibt ein Daumen erhalten. Auch die Füße verändern sich entsprechend. Dem Werwolf wächst aber beispielsweise kein Tierschwanz und die schwarze, ledrige Nase erinnert nicht an die eines Hundes. Von den Menschen, die ihn sehen, wird er eher mit Bigfoot verglichen als mit einem Wolf.
Die wichtigste Veränderung betrifft jedoch weniger das Äußere als die Sinne des Werwolfs: Nicht nur haben Werwölfe stark verstärkte Sinne und eine bessere Wahrnehmung mit allen Sinnesorganen, sie können die Stimmen und Gedanken der Menschen auch in weiter Entfernung hören und gute Menschen anhand ihres Geruchs von bösen Menschen unterscheiden.
Werwölfe an sich sind jedoch geruchlos und können auch andere Werwölfe nicht mit dem Geruchssinn wahrnehmen.

Ungeschriebene Gesetze?

Junge und unerfahrene Werwölfe sollten idealerweise keine anderen Werwölfe erschaffen – es ist besser, wenn diese Aufgabe von erfahrenen und alten Werwölfen übernommen wird.
Außerdem geben sie sich die Namen von Werwölfen aus der Literatur, um sich untereinander zu erkennen.
Andere Sachen sind nicht geregelt – einige Werwölfe wollen anonym bleiben, öffentliches Heldentum wie das, was Reuben ausübt, gefällt ihnen nicht. Andere finden das jedoch gut. Sie nennen sich selbst Morphenkinder – auch in der englischen Originalausgabe – und die Werwolfsgabe bezeichnen sie als Chrisam. Morrok deutet an, dass Werwölfe sich bewusst ihre Nachfolger auswählen und es vermeiden, zufällige Menschen zu beißen.

Verwandlung und Kräfte

Die Verwandlung erfolgt nach einem Biss durch einen Werwolf. Dabei wird “Chrisam” weitergegeben, eine Substanz, die dafür sorgt, dass der Mensch zum Werwolf wird. Nicht alle Menschen vertragen eine Übertragung von Chrisam – Viele sind nicht robust genug, werden krank und sterben. Nur Wenige sind so robust dass sie die Verwandlung gut überstehen und anschließend selbst zu Werwölfen werden. Der Prozess an sich ist schleichend – Wachstumshormone werden ausgeschüttet, im Blut befindet sich mehr Kalzium, Haare und Nägel wachsen allmählich schneller und der Gebissene bekommt einen Wachstumsschub. In dieser Zeit ist das Gewebe ein Zwischending aus menschlichem und Werwolfsgewebe – später nimmt das Werwolfsgewebe überhand.
Der Prozess, bei dem der Mensch sich in die Werwolfsgestalt verwandelt, wird vom Menschen selbst als erregend und geradezu orgiastisch beschrieben. Muskeln wachsen, Sinne erweitern sich stufenweise, Haare sprießen und bedecken die Haut vollständig, Hände wandeln sich in Pfoten um. Zusammen mit den körperlichen Veränderungen tritt auch eine Verschiebung der Moral auf – der Werwolf ist nicht in der Lage, Mitleid im menschlichen Sinne zu empfinden. Stattdessen wird das Fressen von getöteten Tieren als sehr befriedigend empfunden.
Interessant ist hier auch die Rückverwandlung. Diese kündigt sich mit Muskelkrämpfen an und dabei bilden sich die wölfischen Aspekte zurück und die Haare fallen aus. Kurz nachdem sie ausgefallen sind, zerfallen sie zu Staub und von ihnen bleibt keine Spur zurück. Das Gleiche passiert übrigens mit jeder Art von Gewebe, selbst wenn es der menschlichen Gestalt abgenommen wird. Auf diese Weise hinterlässt ein Werwolf keine Spuren.
Im Laufe der Zeit lernt ein Werwolf, die Verwandlung willentlich herbeizuführen und sich auch aus eigenem Antrieb wieder zurückzuverwandeln.
Zusätzlich zu einer höheren Körperkraft und besseren Sinnen, auf die der Werwolf teilweise auch in menschlicher Gestalt Zugriff hat, kann der Werwolf in seiner wölfischen Gestalt die Stimmen von Hilflosen und deren Bedrängern hören und ihnen bis zum Tatort folgen. Das funktioniert selbst über weite Entfernungen, für die auch der schnelle Werwolf mehrere Stunden benötigt.

Vernichtung

Ein Werwolf verfügt über hohe regenerative Kräfte und kann nur getötet werden, indem man ihn enthauptet oder das Gehirn zerstört. Nach dem Tod lösen sich alle Bestandteile des Wolfes allmählich in seine Bestandteile auf.
Ansonsten altern Werwölfe jedoch nach ihrer Verwandlung nicht mehr, sie können keines natürlichen Todes sterben.

Weltenbauerisches Fazit

Anne Rice schafft es auch hier, eine alte Sagengestalt auf eine neue und unkonventionelle Weise umzusetzen. Das Konzept des Werwolfs, der nachts durch die Städte streift, Unschuldige rettet und Bösewichte tötet, erinnert in gewisser Weise an die Marvel-Superheldencomis, nur radikaler. Denn hier werden nicht nur Superschurken und Weltherrschaftsansichreiser besiegt und im Notfall getötet, sondern auch der Kleinkriminelle von Nebenan. Auch den meisten Werwölfen ist bewusst, dass mit ihrer Macht eine Menge Verantwortung einhergeht und die Diskrepanz zwischen “Mord ist etwas Böses” und “Diese Menschen sind schlecht, sie müssen sterben” wird im Roman immer wieder thematisiert.
Dabei wird der Werwolf keineswegs verniedlicht – er behält seine Wildheit und eine gewisse Tierhaftigkeit, was einen neuen Blick auf aktuelle moralische Fragen wirft.
Erneut ein meisterliches Beispiel für das Umwandeln alter Sagen in aktuelle Stoffe, ohne in die Niedlichkeitsecke abzuschweifen, die sich vor allem bei Jugendfantasy als Gefahrenzone erweisen kann.

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Weltengeflüster Juli/August 2014

Sommerpausenbedingt war es uns nicht möglich, Juli einen eigenen Weltengeflüsterpost zu widmen. Daher gibt es diesen Monat die vereinte Ladung Sommer, Sonne und Weltenbau – auch wenn in diesen Breiten der Herbst schon eingezogen ist.

Jonathan Stroud persönlich teilt in einem Gastbeitrag auf waterstones.com  seine Tipps für das Schreiben von Geistergeschichten. Es ist immer wieder erstaunlich, mit wie wenigen Grundzutaten es möglich ist, eine spannende und nicht abgeklatschte Geschichte zu schreiben.

Sailor-Moon-Fan zu sein ist so 90er? Keineswegs – nicht nur, weil VIVA die Rechte am Anime gekauft hat und ihn fast täglich ausstrahlt, sondern auch wegen der Neubearbeitung des Stoffes. Doch was muss man über Sailor Moon wissen, um mitreden  zu können? Hier ein kurzer Guide auf wired.com.

Fragt ihr euch auch, was eigentlich nach den denkwürdigen Ereignissen in “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes” geschah? Genauer, was nach dem “17 Jahre später”-Kapitel passiert ist? Nun gibt es eine Kurzgeschichte von J.K.Rowling, die 30 Jahre nach den Ereignissen spielt, Artikel gefunden auf Tor.com.
Rowling beantwortet außerdem eine weitere Frage – wer ist die “bezaubernde singende Hexe” Celestine Warbeck, deren Musik zu Weihnachten bei den Weasleys zum Programm gehört? Auch dieses Geheimnis ist gelüftet.
Wenn man sich umsieht, stellt man fest, dass man in der Literatur nicht immer die selben Berufsgruppen bedienen darf – klar, in vielen Fantasygeschichten gehört der Magielehrer zum Inventar – aber darf es auch mal was Anderes sein? Wie beispielsweise ein mehr oder weniger sympathischer Bibliothekar?
Drachen müssen nicht immer wie riesige Echsen aussehen – einige wundervolle Inspirationen für die eigenen Drachen bietet die Bilderstrecke “Picturing Dragons“. Was sind eure liebsten Drachenbilder? Ich habe selbst mal einen Drachen samt Reiterin gezeichnet – das Bild ist aber immer noch nicht fertig (digital) koloriert und somit leider nicht herzeigbar.Und wo wir schon bei Drachen sind – er ist auch eins der tollsten Transportmittel der literarischen Welt. Womit würdet ihr am Liebsten reisen?
Man muss aber nicht nur Menschen transportieren – auch Güter und Informationen wollen schnell von A nach B. Wieso nicht mit einem Rohrsystem? Egal ob im historischen New York oder in einer Steampunk-Welt…

Natürlich ist auch unser englischer Dauergast Fantasy Faction wieder unter den Linktipps.
Fantasy-Autor Geoff Matthews schreibt darüber, wieso man auf keinen Fall beim Weltenbau die Umgebung vernachlässigen sollte – nicht nur, dass es der Atmosphäre dienlich ist: Bestimmte Umgebungen fordern vom Helden ihren Tribut…
Bäume als Figuren in einem Fantasyroman – habt ihr es schon versucht oder gehören für euch sprechende Bäume (außer es handelt sich um Ents) eher in Kindermärchen rein?
Und wo wir schon bei Bäumen sind – manchmal sieht man in der Fantasy den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, dabei sind Wälder als Handlungsort oftmals kein Zufall.
Glaubt ihr, in “Herr der Ringe” wären sogenannte Ringe der Macht zum ersten Mal relevant? Es gibt ältere – aber auch neuere Versionen der Geschichte rund um Ringe, die alles vermögen.Frösche scheinen auf den ersten Blick in der Literatur recht rar zu sein – doch wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass sie nicht nur gute Märchenprinzen abgeben.
Welches Thema ist eigentlich sehr wichtig und könnte mit einfachen Mitteln viel Atmosphäre erzeugen, wird jedoch sträflichst vernachlässigt? Das Essen - Fantasy Faction bietet einen interessanten historischen Überblick, ein älterer Artikel aus unserem Haus greift dagegen eher den Faktor “Verfügbarkeit” auf.
Die Gretchenfrage nach der Religion stellt sich auch beim Weltenbau – man muss sich bewusst machen, dass Religionen tief die moralischen Verhaltensweisen und Hintergründe von Romanfiguren beeinflussen können. Eine Religion, die nur so nebenher existiert, wirkt nicht authentisch.

Die Zeitzeugin ist zurück auf dem Weltengeflüster – mit der Meldung über eine Frau Thor, die demnächst das Marveluniversum bevölkern wird. Die Meldung ist durchaus kontrovers – kommt die neue Heldin an? Wird Marvel das Recht abgesprochen, selbst über die Neuentwicklung der Story zu entscheiden? ;-)

Sucht ihr nach ein paar verrückten Methoden, um einen Brief zu befördern? Bei xkcd werdet ihr fündig – und angesichts dessen, dass Briefe innerhalb einer Stadt in Deutschland manchmal fast eine Woche brauchen, halte ich die 11 Tage zu Fuß für gar nicht mal so langsam…

Habt ihr euch schon immer gefragt, wo die ganzen Katastrophenlegenden herkommen und wieso es überall auf der Welt Sagen von der Sintflut gibt? Ich schon – und fand in einem Artikel von Hiltibold eine ziemlich plausible Erklärung.
Das alte Rom wird immer wieder von Autoren als “antike Version” unserer Zeit verwendet – doch es war selbstredend exotischer, als man annehmen könnte. Macht man sich über Krankenversorgung Gedanken, stellt man fest, dass besonders einige Gerüchte über das Totarbeiten von Sklaven absoluter Quatsch sind.

Ich war aufgeregt genug, als ich im Weltengeflüster verkünden durfte, dass demnächst ein neuer Lestat-Roman erscheint. Nun gibt es noch mehr Vampirfutter – dieses Mal für die Kinogänger. Universal hat die Rechte an sämtlichen Büchern der Vampirchroniken aufgekauft und die Fans dürfen gespannt sein. Ob die neue Version von “Interview with the Vampire” an die aus den 90ern herankommt?

Auf bl.uk wird die Figur der Gouvernante hinterfragt – wieso kam sie früher so häufig in Romanen vor und wer war sie überhaupt? Nicht nur ein reizvolles Thema für alle Autoren historischer Romane unter den Bloglesern – auch andere Welten kann man mit gebildeten Frauen in einer schwierigen gesellschaftlichen Stellung versehen.

Zum ersten Mal im “Weltengeflüster” – Jery Schober mit ihrem Artikel über Sprache in Fantasyromanen. Ein Thema, das wir auch sehr häufig auf diesem Blog behandeln, sodass ihr Artikel eine wunderbare Ergänzung bildet.

Physiker tun schon mal verrücktes Zeug, wie man auch in “The Big Bang Theory” sehen kann – aber so verrückt waren sie noch nie. Oder kennt ihr eine Folge, in der Sheldon in der Mikrowelle Plasma hergestellt hat? Wenn ihr in euren Geschichten verrückte Wissenschaftler, Superschurken oder einfach verspielte Nerds habt, dann lasst sie doch dieses Experiment wiederholen!

Last but not least, lüftet Sofian das Geheimnis, um was es sich bei der vielzitierten “Brücke” im Raumschiff eigentlich handelt.

Habt ihr einen Artikel gelesen oder gar selbst geschrieben, der im Weltengeflüster September verlinkt werden sollte? Dann schreibt es als Kommentar unter diesen Artikel oder über das Kontaktformular. Außerdem suchen wir weiterhin Gastartikel!

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[Gastartikel] Er, sie, xier, nin: Genderneutrale Pronomen

Carmilla deWinter bloggt auf http://carmilladewinter.com/  über das Schreiben von Queer Fantasy, über das Schreiben allgemein und über Geschlechtervorurteile. Ihr Roman “Albenbrut: Ein bindender Eid” erschien am 15.04.2014 und kann u.a. hier bestellt werden. 

Nachdem der letzte Rückblick einen englischsprachigen Artikel zum Thema verlinkte, habe ich mich kurzerhand bereiterklärt, das Thema „Gender und geschlechtsneutrale Pronomen“ auf Deutsch für Autor*innen aufzubereiten, die davon noch nicht so viel gehört haben.

Zunächst kurz umrissen: Was ist Gender?

Das Natürlichste der Welt ist die Trennung der Menschheit in Männer und Frauen. Oder? Tatsächlich besitzt ein Großteil der Menschen einen der zwei häufigsten Geschlechtschromosomensätze: XX oder XY, und die passenden dazu äußeren Merkmale.

Gelegentlich werden Menschen mit anderen Chromosomensätzen geboren – das nennt sich dann Gonadendysgenesie – zum Beispiel mit XXY (häufigste Variante des Klinefelter-Syndroms), XXX, oder nur X.

Ist das biologische Geschlecht an den äußeren Merkmalen nicht eindeutig zu erkennen, spricht mensch von Intersexualität.

Gender ist hingegen das soziale Geschlecht. Ein Kind kommt zur Welt, wird begutachtet und dann – üblicherweise – zum Mädchen oder Jungen erklärt, und entsprechend dieser zugewiesenen Rolle erzogen. In den meisten Ländern der Nordhalbkugel und jenen, die davon beeinflusst wurden, gibt es nur zwei Kategorien, das Genderkonzept ist also binär.

Mädchen haben niedlich zu sein, Jungs tapfer. Für Mädchen, die sich gern prügeln, ist in einer binär denkenden Gesellschaft genauso wenig Platz wie für empfindsame Jungs.

Mädchen bekommen rosa Strampler, Jungs blaue. Obwohl keine Farbe an sich männlich oder weiblich ist, und diese Zuordnung vor nicht all zu langer Zeit völlig zufällig vorgenommen wurde, ist es heute in der westlichen Welt undenkbar, einem Jungen rosa Kleidung zu kaufen, und die Eltern werden sich zumeist vehement dagegen wehren. Als würde Rosa an sich einen Jungen zu einem Mädchen machen, oder ihn später schwul werden lassen.

Derlei Panik wegen einer Farbe zu verbreiten, beweist nur, wie fragil dieses Konstrukt „Gender“ ist.

Und Hand aus Herz, Jungs: Welcher von euch Hetero-Kerls kann einfach bloß lachen, wenn wer vermutet, dass ihr schwul seid? Schon mal überlegt, warum ihr so empört seid?

Eben.

Trans*-Personen

Die weitaus meisten Menschen sind cis-gender, sind also mit der bei der Geburt vorgenommen Einteilung zufrieden. Manche Menschen haben aber ein Gender, das nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt. In binär denkenden Gesellschaften kommt das für die Umwelt der Betreffenden einer größeren Katastrophe gleich, da nun, für transidente/transgender Personen, entweder umsortiert werden muss, oder, Schock, die zwei Schubladen nicht ausreichen.

In letzterem Fall werden die Betreffenden sich selbst, sofern sie begreifen, was los ist, und die entsprechenden Wörter kennen, zumeist in die Kategorie trans* einordnen. Je nach spezifischer Ausprägung gibt es dafür eine Reihe von Begriffen: agender, neutrois, bigender, genderfluide, genderqueer …

Es kann sein, dass die Betreffenden Genderdysphorie erleben – ihren Körper also als so weit entfernt von ihrem Gender empfinden, dass sich das auf ihre Psyche niederschlägt. Genderdysphorie lässt sich mit Hormonen, beziehungsweise Hormonblockern sowie einer Reihe von Operationen behandeln. (Auch wenn die medizinische Fachwelt derzeit noch darauf besteht, die Trans*-Identität an sich als eine psychische Störung zu klassifizieren.)

Personen, die sich dabei nicht als eins von zwei Geschlechtern einordnen lassen, haben derzeit meines Wissens nach noch kein Recht auf medizinische Unterstützung.

Solche Menschen freuen sich aber, wenn sie nicht ungefragt mit „er“, oder „sie“ betitelt werden. Das heißt nun für einige Schreibende, dass sie, wenn sie sich unsicher sind, welche Pronomen die Leser*innen haben, eine neutrale Möglichkeit einschließen möchten, um auf Zuschreibungen zu verzichten.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch einige grundsätzliche Verhaltensregeln im Umgang mit allen Trans*-Menschen hinweisen: Den gewählten Namen verwenden, nicht nach „echten“ Namen fragen, und das gewünschte Pronomen verwenden, egal, ob Bartstoppeln oder Brustansätze erkennbar sind. Wenn das Pronomen unklar ist: Höflich nachfragen.

Allgemein gilt: Wenn es eine Frage gibt, die ihr nicht beantworten wollen würdet, diese Frage nicht stellen.

Gender in außereuropäischen Gesellschaften

Außerhalb unseres Kulturkreises gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, weder ein Mann noch eine Frau zu sein, und trotzdem anerkannt zu werden. Der deutsche Wikipedia-Artikel taugt nicht wirklich was, Englischkönner*innen sei diese sehr ausführliche Übersicht hier empfohlen.

Hijras in Indien sind nicht einfach Kastraten oder Männer in Frauenkleidern, sondern eine eigene Kategorie. Dito die Khawaja Sara in Pakistan und ein Teil der Kathoey/“Ladyboys“ in Thailand. Daneben anreißen möchte ich Two-Spirit Personen in den nordamerikanischen Indianerstämmen, und die Bakla auf den Philippinen. Hier sind ein paar interessante Blogeinträge diesbezüglich.

Einige Beispiele mehr lassen sich finden, und nur begreifen, wenn mensch das europäische Zwei-Schubladen-Denken hinter sich lässt.

Damit sollte die Notwendigkeit von genderneutralen Pronomen im echten Leben hinreichend bewiesen sein.

Wozu genderneutrale Pronomen in der Fiktion?

Genderqueere und/oder nicht-binäre Personen in der Fiktion sind noch relativ selten, und mir in der Fantasy bislang noch nicht begegnet. Meine bereits käufliche Version hat noch weibliche Pronomen, was in Teilen dem Weltenbau, aber auch meiner eigenen Feigheit geschuldet ist.

Kulturen mit einem dritten Gender wie beispielsweise den Hijras sind mir ebenfalls noch nicht aufgefallen, könnten aber durchaus schon beschrieben worden sein. Die Autorin nimmt Hinweise gerne entgegen.

Denkbar außerdem …

… Spezies, die nur zu bestimmten Zeiten ein Geschlecht haben, wie es Ursula K. LeGuin in „The Left Hand of Darkness“ beschreibt. (Deutsch „Winterplanet“ oder „Die linke Hand der Dunkelheit“)

… Spezies, die nicht notwendigerweise einen festen Körper haben – wie beispielsweise die Dschinn, die aus einer rauchlosen Flamme geboren wurden. „Jinn“ ist zwar ein maskulines Kollektiv im Arabischen, das heißt aber nicht, dass ein einzelnes Wesen davon es sich nicht aussuchen könnte, als Mann, Frau, Tier, oder sonst was zu erscheinen.

… Oder intelligente Spezies, deren Chromosomensätze denen von Pflanzen ähneln. (Hier fällt mir nur eine englischsprachige Fanfiction für spezielle Geschmäcker aus dem Transformers-Universum ein.)

… Kulturen, die nicht darauf angewiesen sind, dass ihre Frauen möglichst viele Kinder bekommen, und von deren Männer nicht erwartet wird, das Vaterland zu verteidigen – die es sich also leisten könnten, ein Kind mit einem neutralen Pronomen zu bezeichnen, bis das Kind sich ein Gender aussucht.

… Oder eine Kultur, die aufgrund ihrer Umweltbedingungen eine bestimmte Form von Kleidung trägt, die keine Rückschlüsse auf das Geschlecht zulässt, und die daher von Menschen, deren Geschlecht unklar ist, in einem dritten, neutralen Pronomen spricht.

… Oder, wie ich es in meinem aktuellen Romanprojekt habe, eine matriarchale Kultur, die ihren Männern mehr Intelligenz und Freiräume zugesteht als den Frauen im mittelalterlichen Europa, und die daher, wenn über mehrere Personen verschiedenen Genders gesprochen wird, einen genderneutralen Plural verwendet.

Und welche neutralen Pronomen gibt es nun auf Deutsch?

Grundsätzlich ist es Fiktion, und demnach gäbe es freie Auswahl, sofern eine*r kreativ sein will. Andererseits haben sich klügere Menschen als ich sich schon Gedanken gemacht, und zwar zu Zeitpunkten, als ich mich mit dem ganzen Kram, den ich oben ausgeführt habe, noch nicht beschäftigt hatte. Die Ergebnisse werde ich kurz vorstellen.

Anna Heger hat seit 2009 diverse Vorschläge gesammelt:

Erste Version: Personalpronomen sif (sis/sim/sin), Possessiv sir, sires etc., Artikel/Relativpronomen dif (dis/dim/din)

Zweite Version: Eine Zusammenziehung von „sie“ und „er“: sier (sies/siem/sien), Possessivpronomen sieni(r/s), und Artikel/Relativpronomen dier (dies/diem/dien)

Dies ist die Version, die ich gegenwärtig für meine Jinn und die kurz angerissene Kultur verwende, weil sie sich am leichtesten erschließt. Eine Ableitung davon, die Variante mit Stern (si*er) ist bei mir im Blog zu finden, andere haben sie ohne Stern. Jede*r wie si*er mag …

Dritte Version: Xier! Als Personalpronomen wären das dann: xier (xies, xiem, xien), Possessivpronomen „xiese_“, als Relativpronomen bleibt „dier“ bestehen.

Die Sylvain-Konvention, ausgehend von einer Experimentierwerkstatt kam 2008 auf „nin“.

Personal wären das dann nin (nims_, nim, nin). Bonus bei der Sylvain-Konvention: Das „neutrale“ Gender bekommt als Bezeichnung „liminal“, um es vom Neutrum abzugrenzen, und es gibt eine neue liminale Wortendung für bestehende Worte. „Din Zauberir nahm nimsen Buch.“

Für einen spekulativen Text hat Christian Pfleger am Ende dieses Artikels eine Tabelle eines geschlechtsneutralen Sprachentwurfs gemacht. Prornomen sind hier sei (seis/seim/sei). Aufgrund des Verwechslungspotentials nicht so ideal, meiner Ansicht nach.

Die Auswahl ist also da, jetzt braucht es nur noch Texte dazu …

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