Weltenbauartikel: Warum ist ein Material eigentlich wertvoll?

Egal ob wir die tatsächliche Geschichte der Menschheit betrachten oder in Fantasywelten eintauchen – es gibt immer wieder Materialien, die als wertvoll eingestuft werden. Doch wieso ist es eigentlich (fast) immer Gold und was macht Diamanten abgesehen von ihrer Schönheit so wertvoll?
Ein kleiner Ausflug ins Wissenschaftliche, Chemische und Physikalische beim Weltenbau.

Wertvoll, weil selten

Der häufigste Grund, aus dem ein Material spontan als wertvoll und teuer eingestuft wird, ist seine Seltenheit. Es gibt nicht sehr viel davon und gemäß den Regeln von Angebot und Nachfrage steigt der Preis von seltenen Dingen fast von selbst.
Besonders zu Beginn der Menschheitsentwicklung konnten manche Materialien wie z.B. Gold nur in guter Qualität gewonnen werden, wenn man sie zufällig vom Boden aufsammeln oder im Tagebau abbauen konnte. Falls man in der Lage war, kompliziertere Techniken und Minenbau anzuwenden, verteuerte sich durch die Investition in Material, Bau und Arbeitskräfte das ohnehin knappe Material zusätzlich.
Dieses System wird in vielen Computerspielen genutzt – bei “Eve Online” ist das grüne Zydrine besonders wertvoll, weil es sehr selten ist und die Rote Materie in “Star Trek” wird aus dem sehr seltenen Mineral Dekalithium gewonnen – entsprechend teuer fällt alles aus, was damit zusammenhängt.
Aber auch auf der Erde gibt es sehr seltene Materialien – Rubine kommen in der Natur praktisch nicht mehr vor, Platin wird nur noch selten in seiner metallischen Form abgebaut und muss aus anderen Mineralien gewonnen werden. Berryllium ist so selten und so teuer, dafür aber so schwer zu nutzen, dass es kaum gewinnbringend genutzt werden kann. Darum findet es fast nur im wissenschaftlichen oder waffentechnischen Kontext Verwendung.
Auch Neon ist auf der Erde sehr selten und eine kommerzielle Ausbeutung teuer, da es schwer ist, es in nennenswerten Mengen zu gewinnen. Es wird überwiegend für Leuchtstoffröhren und Laser verwendet.
Selten zu sein reicht allerdings nicht aus – Obsidian, ein wichtiges Material während der Jungsteinzeit, verlor spätestens in der Bronzezeit an Bedeutung und wird heute nur noch als Schmuckstein und in der Schönheitschirurgie verwendet. Wirtschaftlich ist das Material inzwischen unbedeudent.
Selten kann auch bedeuten, dass es nicht oder kaum rein vorliegt und somit erst technisch gewonnen werden muss, um verwendet zu werden. Das gilt für das sehr nützliche und an sich relativ häufige, aber wegen der aufwendigen Gewinnung teure Titan. In einer Fantasywelt wird es daher vermutlich keine Rolle spielen – könnte aber in einer Science-Fiction-Welt durchaus das wertvollste Material darstellen.
Ähnlich gibt es sehr viele Elemente wie Gallium, Krypton, Yttrium etc., die aufgrund ihrer Seltenheit, schweren Ausbeutung und ihres entsprechend hohen Preises wirtschaftlich fast irrelevant sind. Sie werden meist nur in hochspezifischen Nischen verwendet, oftmals in der Wissenschaft, der Kern- oder der Waffentechnik.

Wertvoll, weil hübsch

Einige Dinge sind wertvoll, weil sie hübsch sind. Noch ehe bei vielen Völkern die Erkenntnis aufkam, dass Gold selten ist, stellten sie fest, dass Gold hübsch glänzt. Auch Edelsteine, Perlen und andere Materialien werden oft in erster Linie geschätzt und geliebt, weil man sie gut zu Schmuck verarbeiten kann – auch wenn sie abgesehen davon teilweise völlig nutzlos und nicht mal zwingend selten sind.
Nur etwas mehr als ein Zehntel des auf der Erde gewonnenen Goldes wird industriell oder als Geldanlage verwendet – der Rest als Schmuck, obwohl Gold sehr viele faszinierende chemische und physikalische Eigenschaften hat, die es zusätzlich nützlich machen würden. Der Hauptwert liegt jedoch darin, dass es hübsch ist und zudem leicht bearbeitet werden kann – reines Gold ist sehr weich.
Diamanten gelten erst seit dem sechzehnten Jahrhundert nach diesem Gesichtspunkt als wertvoll – nämlich seit sie geschliffen werden. Seitdem gelten besonders große und dabei schöne Diamanten als besonders wertvoll.

Wertvoll, weil nützlich

Platin ist weitaus wertvoller als Gold, dabei aber vergleichsweise häufig. Seinen hohen Wert erhält es unter anderem, weil es sehr vielfältig einsetzbar ist – sei es als Zahlungsmittel in Form von Platinmünzen und als Geldanlage oder Schmuck, bei der Herstellung von Glas oder in der Wissenschaft.
Gold selbst ist allerdings auch nicht ohne – es ist ein wertvoller Rohstoff in der Elektronikindustrie, was für Steampunkwelten mit beginnender Stromgewinnung reizvoll sein könnte.
Diamanten waren schon im alten Rom bekannt – und dienten überwiegend als Werkzeugsmaterial. Die Verwendung als Schmuck und somit die Zuordnung zur Kategorie “wertvoll, weil hübsch” kam erst in den letzten 200 Jahren auf. Da Diamanten inzwischen künstlich hergestellt werden können, fallen sie auf der Erde nicht mehr in die Kategorie “wertvoll, weil selten” rein – dies kann in einer selbsterfundenen Welt jedoch anders aussehen.

Und wenn all das zusammenspielt…

… dann steigen die Preise ins Astronomische. Gerade Gold ist dafür ein sehr gutes Beispiel – es sieht nicht nur hübsch aus und ist vergleichsweise selten, es hat auch noch viele nützliche und faszinierende Eigenschaften, die es zu einem faszinierenden und begehrten Metall machen. Sei es, dass man es mit Hilfe von Legierungen fast beliebig einfärben kann, sei es, dass man es unter Zugabe anderer Metalle zu einem Material mit den verschiedensten Eigenschaften machen kann – Gold ist ein Allround-Talent.
Ähnliches gilt für Platin, dessen Verwendungszwecke nahezu genauso vielfältig sind.

Was sagt uns das?

Es muss nicht immer Gold sein – je nach erfundener Welt und je nach Anzahl und Zusammensetzung der Metalle in dieser Welt kann durchaus auch ein anderes Material seinen Platz einnehmen. Man könnte sich durchaus eine Raumfahrernation vorstellen, deren Währungssystem auf Titan aufbaut – oder auf einem extrem seltenen selbsterfundenen Metall.
Was auch immer sich jedoch letztendlich als wertvoll durchsetzt, muss nicht nur selten, sondern vor allem nützlich sein. Und idealerweise auch noch hübsch aussehen.

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Die Weltenschmiede wird drei!

Dieses Mal haben wir unseren eigenen Bloggeburtstag nicht schon wieder verpasst – dass wir zwei geworden sind, ist mir letztes Jahr erst in den Kommentaren zum neuen Artikelverzeichnis bewusst geworden und ich bin mal wieder überrascht, wie alt wir schon sind und wie viele Artikel wir hier schon eingestellt haben.

Da es keinen Artikel zu Jahr zwei gibt, vergleiche ich jetzt einfach mit Jahr eins:

Inzwischen zählen wir 225 Artikel (im Vergleich zu 55), 10 Kategorien (statt 6) und 727 Schlagwörter (vs. 214). Besonders beliebt? Das Schlagwort “Antike” – hier findet ihr besonders häufig tolle Artikel von fruehstuecksflocke, der sich bestens mit der Materie auskennt. Erstaunlich ist auch, wie sich die Kommentarzahl innerhalb von zwei Jahren geändert hat – waren es vor zwei Jahren noch 95, so sind es mittlerweile großartige 966 Kommentare! Danke dafür :).

3.582 Spamkommentare im Vergleich zu 89 sind auch ein sehr netter Indikator – verirrten sich anfangs nur gelegentlich Schuh- und Handtaschenverkäufer auf diesen Blog, scheinen wir mittlerweile so bekannt und beliebt zu sein, dass sie in Scharen hier einfallen ;-).

Mit diesem Beitrag melde ich außerdem offiziell: Wir sind wieder da, die Sommerpause ist vorbei und wir starten mit frischem Artikelmaterial.

Demnächst: Weltengeflüster Juli/August 2014.

Und danach? Lasst euch überraschen und viel Spaß beim Lesen!

Vorfreudige Postinggrüße,
fruehstuecksflocke & Evanesca

 

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Sommerpause!

Ihr habt sicher schon bemerkt, dass es bei uns in letzter Zeit ein wenig still geworden ist – daran hat nicht nur die Sommerhitze und ihre Verlockungen schuld, auch die Universität hat noch mal alle Kräfte mobilisiert, uns zu binden.

Deshalb verkünden wir nun feierlich, dass die Weltenschmiede in die Sommerpause geht – und zwar bis zum 1. September.

In dieser Zeit wird es nur vereinzelt Artikel je nach Anlass von uns geben, wir werden aber die üblichen Veröffentlichungstermine am Sonntag und Mittwoch nicht einhalten.

Wir wünschen euch einen erholsamen Sommer und sehen uns dann in alter Frische im Herbst wieder. Genießt die Ruhe ;)

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Weltengeflüster Juni 2014

Diesen Monat war die Ausbeute vergleichsweise spartanisch – sei es, weil sich alle im Juni auf den Camp NaNoWriMo vorbereitet haben und nicht zum Bloggen kamen, sei es, weil das schöne Sommerwetter in den Garten und an den Pool lockt. Und wie wir alle wissen, verkraftet weder Schreibpapier noch ein Laptop Poolwasser außerordentlich gut…

Hoffentlich beschert der Juli uns eine etwas reichere Ernte.

Unser Kollege Sofian gibt allgemeine Einblicke, was genau letztendlich eine Währung ausmacht. Ergänzend zu seinem Artikel empfehle ich unseren Weltenbauartikel zum gleichen Thema. Beide Artikel behandeln jeweils unterschiedliche Aspekte des gleichen Themas.

Im Namen von Team Schreibnacht bloggt diesen Monat Anna Moffey darüber, wie man Fakten über die selbstgebaute Welt am Geschicktesten in eine Geschichte einfließen lässt – am Beispiel der klassischen Heldenreise.
Ein weiterer spannender Artikel stammt von Cleo Johnson - sie setzt die Serie rund um politische Systeme mit einem Blick auf ihre Auswirkungen fort.

Alex Dally Macfarlane bloggt für Tor.com darüber, wie sich unter anderem in der Science-Fiction-Literatur mehr als zwei Geschlechter mit Hilfe von Pronomen oder anderen Mitteln sprachlich darstellen lassen. Das im Artikel angesprochene Problem würde auch im Deutschen auftreten – wenn man irgendein selbsterfundenes Pronomen verwendet, wirkt das ungewohnt und kann den Lesefluss zerreißen. Wie also damit umgehen? Hat jemand von euch Beispiele aus dem Deutschen oder selbst damit gearbeitet?

Fantasy Faction bietet diesen Monat nicht zuletzt einen ganz praktischen Artikel für alle von uns, die eine Autorenvita schreiben müssen – wie gestaltet man sie so, dass sie weder langweilig noch völlig von der Rolle wirkt?
Ein anderer Beitrag befasst sich eher mit der Möglichkeit, Symbolgehalt in eine Fantasygeschichte zu bringen – beispielsweise durch den bewussten Einsatz von Bäumen.
Außerdem gibt der Blog Anregungen, wie man exotischere Namen ganz gewöhnlicher Heilpflanzen nutzen kann, um der Fantasywelt und den Kräuterkundlern dort einen schöneren Flair zu verleihen.
Wenn wir Welten bauen, werden wir zu Göttern - sollten aber nicht aus den Augen verlieren, wie sich Kult und Religion unterscheiden.
Bei der Biologie von selbsterfundenen Tieren ist mehr zu beachten, als man denkt – dabei sind Raubtiere ein Thema für sich.

Ein Phänomen in Thailand zeigt, dass auch fantastische Literatur durchaus Auswirkungen auf das Hier und Jetzt in der realen Welt hat. Wie unter anderem Wired berichtete, verwenden viele Thailänder den Gruß aus “Die Tribute von Panem” als Zeichen der Rebellion gegen das neue Militärregime.

Wie bereits auf unseren Social-Media-Kanälen erwähnt, habe ich im Juni außerdem zum ersten Mal fremdgebloggt – und zwar zum Thema, wie man einen Sachblog aufbaut. Da ich dabei unter anderem auf Weltenschmiede-Erfahrungen zurückgegriffen habe, will ich euch diesen Post nicht vorenthalten.

Erinnert ihr euch noch an den zweiteiligen Weltenbauartikel über die wissenschaftlichen Grenzen der Welt und was dort über Planetengrößen geschrieben wurde? Die Realität stellt alle wissenschaftlichen Berechnungen immer wieder vor erstaunliche Tatsachen – wie beispielsweise die, dass Gesteinsplaneten möglich sind, die 17 mal so groß sind wie die Erde. Praktische Konsequenzen für den Weltenbau? Unermesslich viele Möglichkeiten, riesige Planeten mit reichlich flachen Lebensformen zu bevölkern und viel mehr…

Kennt ihr “Säulen der Erde”? Ich hatte beim Lesen immer wieder das dumpfe Gefühl, die Geschichte von Aliena der post-aristokratischen Kauffrau wäre dann doch zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Ein Blogpost von Hiltibold legt allerdings nahe, dass die Geschichte so tatsächlich hätte ablaufen können.

Noch eine linguistische Geschichte – bestimmte Begriffe gelten als fast obligatorisch, wenn man Science Fiction schreibt und einige davon sind sogar in unseren alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen. Doch wann wurden sie zum ersten Mal verwendet und in welchem Zusammenhang?

Vampirfans aufgepasst – es gibt einen Grund, aus dem Vampirfledermäuse nur Blut trinken: Sie können nichts Anderes mehr schmecken. Zeit, um sich bei euren selbsterfundenen Vampiren zu fragen, ob auch bei ihnen der Geschmackssinn verloren gegangen ist oder ob es andere Gründe gibt, aus denen sie normales Essen nicht verdauen können (oder ob es im Gegenteil Gründe dafür gibt, dass sie sich abwechselnd von Blut und Pommes ernähren könnten).

Habt ihr einen Artikel gelesen oder gar selbst geschrieben, der im Weltengeflüster Juli verlinkt werden sollte? Dann schreibt es als Kommentar unter diesen Artikel oder über das Kontaktformular. Außerdem suchen wir weiterhin Gastartikel!

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Fallstudie: Meerwesen III – Sirenen bei Homer

Wir wären ja nicht wir, wenn wir eine eben begonnene Serie wie die über Brot und Spiele sofort fortsetzen würden. Deshalb schweifen wir lieber ab und widmen uns erneut unseren Meerwesen. Die Stars des heutigen Artikels: Die Sirenen.

Sie sind wohl zugleich die berühmtesten, als auch gefährlichsten Wesen der Meere, die uns heutzutage bekannt sind. Tausenfach kopiert, tausendfach in Film, Spiel und Buch verwurstet. So wird es Zeit, uns ihre Schilderung bei Homer genauer anzusehen.

Aussehen

Wenn wir an Sirenen denken, haben wir alle sofort das klassische Bild vor Augen: Schöne Frauen, die auf Felsen sitzen, auf Harfen oder anderen Saiteninstrumenten klimpern, den vorbeisegelnden Seefahrern schöne Augen machen und sie mit ihrem Gesang aus den Booten zu ihnen locken.

Leider nur beschreibt uns Homer in der Odyssee die Sirenen gar nicht – und dementsprechend unklar ist unser Bild von den Sirenen. Während Homer sie nämlich gar nicht beschreibt, sind die Griechen nach ihm erstaunlich erfindungsreich und das Sirenenbild erweist sich als sehr wandelbar.

“Sirena de Canosa” im National Archaeological Museum of Spain – Foto von Luis García [CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

In älteren Darstellungen erscheinen Sirenen als Vögel mit Menschenköpfen. Nicht immer handelt es sich bei ihnen um Frauen, teils auch um Männer mit Bärten. Eine gewisse Verwandschaft mit den Harpyien ist dabei nicht auszuschließen. Später vermenschlichten sich auch die Öberkörper der Sirenen – die nackte Brust kam auf, wie wir sie aus den Darstellungen heutzutage kennen und die uns an Meerjungfrauen erinnert. Die Sirenen blieben aber geflügelt, die Verbindung mit Fischen ist eine Erfindung des Mittelalters, die sich u.a. bei Boccaccio findet.

Wieso genau die werten Damen geflügelt sind, ist aber unklar – hier gibt es verschiedene Varianten. Erneut schweigt Homer sich darüber aus. Ovid berichtet, dass sie ursprünglich Gefährtinnen der Persephone waren. Als Hades diese entführte, ersuchten sie die Götter um Flügel, um Persephone überall suchen zu können.

Nach Hygin hingegen ließen die Sirenen zu, dass Persephone entführt wurden, und wurden dann zur Strafe von Demeter in geflügelte Wesen verwandelt.

Kräfte

Zumindest was die Sirenen können – außer fliegen – verrät uns Homer. Als Odysseus von Kirke aufbricht und seine Irrfahrt nach Hause fortsetzt, warnt sie ihn vor den Sirenen (hier in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß, 1781):

Erstlich erreichet dein Schiff die Sirenen; diese bezaubern
Alle sterblichen Menschen, wer ihre Wohnung berühret.
Welcher mit törichtem Herzen hinanfährt, und der Sirenen
Stimme lauscht, dem wird zu Hause nimmer die Gattin
Und unmündige Kinder mit freudigem Gruße begegnen;
Denn es bezaubert ihn der helle Gesang der Sirenen,
Die auf der Wiese sitzen, von aufgehäuftem Gebeine
Modernder Menschen umringt und ausgetrockneten Häuten.
Aber du steure vorbei, und verkleibe die Ohren der Freunde
Mit dem geschmolzenen Wachse der Honigscheiben, daß niemand
Von den andern sie höre. Doch willst du selber sie hören;
Siehe dann binde man dich an Händen und Füßen im Schiffe,
Aufrecht stehend am Maste, mit festumschlungenen Seilen:
Daß du den holden Gesang der zwo Sirenen vernehmest.
Flehst du die Freunde nun an, und befiehlst die Seile zu lösen;
Eilend feßle man dich mit mehreren Banden noch stärker!

Zwar stimmt unser heutiges Bild von der Gestalt nicht, doch wenigstens die Sache mit dem Gesang ist verbürgt. Nicht nur schön ist er, auch sein Inhalt ist verlockend – denn die allwissend Sirenen versprechen dem unschuldigen Seefahrer, ihn an ihrem Wissen teilhaben zu lassen:

Komm, besungner Odysseus, du großer Ruhm der Achaier!
Lenke dein Schiff ans Land, und horche unserer Stimme.
Denn hier steurte noch keiner im schwarzen Schiffe vorüber,
Eh’ er dem süßen Gesang aus unserem Munde gelauschet;
Und dann ging er von hinnen, vergnügt und weiser wie vormals.
Uns ist alles bekannt, was ihr Argeier und Troer
Durch der Götter Verhängnis in Trojas Fluren geduldet:
Alles, was irgend geschieht auf der lebenschenkenden Erde!

Was genau aber machen die Sirenen mit den Männern, die zu ihnen kommen? Als Kirke Odysseus warnt, erzählt sie von aufgehäuften Gebeinen rund um die holden Damen und ausgetrockneten Häuten. Werden die Männer von den Sirenen ausgesaugt? Gefressen? Oder spielen sie mit ihnen und erzählen ihnen so viele Neuigkeiten, dass sie sich selbst, die Zeit, das Essen und Trinken vergessen und elend zugrunde gehen? Auch hierzu sagt uns Homer leider nichts – und auch spätere Autoren schweigen darüber.

Schwachstellen

Die offensichtlichste aller Schwachstellen: Man stopfe sich Wachs (oder Petersilie?) in die Ohren und schon bleibt man vom Gesang verschont. Allzu neugierige Personen mögen sich auch einfach festbinden, um nicht in Versuchung zu geraten, hinüberzuschwimmen.

Laut Hygin sollen die Sirenen sogar nur so lange leben können, wie es ihnen gelingt, jeden vorbeifahrenden Seemann zu verführen. Als Odysseus ihnen entgeht, stürzen sich die Sirenen ins Meer und sterben. Nach anderen Quellen sind aber die schon früher vorbeifahrenden Argonauten schuld, dass die Sirenen sterben – was die Frage aufwirft, ob sie erst noch warteten, bis Jahre später Odysseus auch vorbeikommt, oder ob das wiederum neue Sirenen sind, die Odysseus verlocken…. ganz zu schweigen davon, dass später der ebenfalls sich auf einer Irrfahrt befindende Aeneas auch noch vorbeikommt … ich denke, man merkt daran bereits, wie kompliziert sich Mythenüberlieferungen gestalten können und wollen das an dieser Stelle nicht mehr weiter vertiefen.

Fazit

Homers Sirenen sind die klassischen Vorgänger der Meerjungfrauen – aber wer hätte gedacht, dass aus „Halb Mensch, halb“ Vogel eines Tages in der Populärkultur „Halb Mensch, halb Fisch“ werden könnte? (man denke etwa an die Pseydo-Meerjungfrauen/-Sirenen aus Fluch der Karibik…)

Es möge uns dies ein mahnendes Beispiel für den alles verändernden Zahn der Zeit sein und dafür, wie bereits vor über 2000 Jahren Autoren sich nicht an eine einzige Version hielten, sondern munter vor sich hin dichteten, hier ein Konzept aufgreifend, hier ein Konzept ändernd, hier ein Konzept erfindend….

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Camp NaNoWriMo Juli 2014 – wer ist dabei?

Damit niemand alleine schreiben muss. Bildquelle: http://campnanowrimo.org/badges

Damit niemand alleine schreiben muss.

Manche brauchen einen Extra-Anstupser, um zu schreiben. Und Vielen kommt der NaNoWriMo im November mit dem festgelegten Wordcount gerade Recht, um schon lange vor sich hergeschobene Romanprojekte endlich anzufangen und ihre Träume zu realisieren.

Doch Hand aufs Herz – wer schreibt nach dem nervenaufreibenden NaNoWriMo erstmal einen ganzen Monat so gut wie gar nichts und kommt danach erst langsam wieder in Schwung? Sodass erneut ganz viel bis zum nächsten NaNo liegen bleibt?

Hier bietet sich beispielsweise das “Camp NaNoWriMo” an, das demnächst im Juli starten wird. Angesichts des schönen Sommerwetters, der Ferienzeit und anderer Faktoren ist es nicht ganz so streng wie der NaNo im November: Der Teilnehmer kann sich selbst ein Wortziel setzen, das realistisch scheint. Dadurch wird das virtuelle Schreibcamp auch für Jugendliche attraktiv – oder für Autoren von Novellen und Kleinprojekten, die für die Realisierung ihrer Idee schlicht keine 50.000 Wörter benötigen werden.

Ich werde im Juli vermutlich nicht am Start sein (es sei denn, ich lasse mich noch spontan dazu hinreißen, wider besseres Wissen und trotz akutem Zeitmangel teilzunehmen) – aber wer von euch mitmacht, sollte sich auf jeden Fall mit dem Weltenschmiede-Gründer fruehstuecksflocke kurzschließen.

Seid ihr dabei? Oder habt ihr im April beim Camp mitgemacht? Oder habt ihr vielleicht ganz andere Schreibmonate und Schreibmotivationen? Schreibt uns!

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Fallstudie: Brot und Spiele I – Quidditch

Die ganze Welt ist mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien beschäftigt und niemand kümmert sich mehr um Fantasywelten. Niemand? Doch, zwei unbeugsame Weltenanalytiker kämpfen noch auf dem Gefilde der fiktiven Welten und lassen sich nicht unterkriegen.
Ironischerweise um weltenbaubegeisterte Leser mit einer Serie rund um historische und fiktive Sportarten und Wettbewerbe zu informieren und zu unterhalten.

Fangen wir mit Quidditch an – es trifft sich, dass auf Pottermore im Moment die Quidditch-Weltmeisterschaft 2014 in der patagonischen Wüste (Argentinien/Chile) abläuft, mit spannenden Spielreportagen aus der Feder von Ginny Potter.

Geschichte

Seit 1473 wird alle vier Jahre die Quidditch-Weltmeisterschaft veranstaltet, wobei sich das Spiel anfangs nur in Europa ausbreitet – erst im siebzehnten Jahrhundert nehmen auch Mannschaften aus anderen Kontinenten an der Weltmeisterschaft teil.
Das Spiel selbst ist wesentlich älter: Puddlemere United – auf Deutsch: “Eintracht Pfützensee” – ist die älteste belegte Quidditch-Mannschaft und wurde bereits 1163 gegründet. Archaische auf Besen basierende Spiele können bis ins frühe Mittelalter nachgewiesen werden. Quidditch selbst basiert auf einem Spiel, das 1050 beobachtet wurde und bei dem ein Ball über ein Moor hinweg durch die Äste bestimmter Bäume geworfen werden sollte, um Punkte zu erzielen. Später wurden Steine verzaubert, um die Spieler zu attackieren.
Der Schnatz kam erst 1269 dazu – als ein Spielebesucher einen kleinen Vogel, den Schnatzer, zum Spiel mitbrachte und 150 Galleonen dem Spieler versprach, der ihn fangen würde. Daraus entwickelte sich die Tradition, einen solchen Vogel bei jedem Spiel freizulassen und von einem Spieler fangen zu lassen. Im vierzehnten Jahrhundert war der Vogel nahezu ausgestorben und wurde unter Naturschutz gestellt, in der Folge wurde ein Ersatz aus Metall verwendet.
Erst 1883 lagen die Quidditch-Regeln jedoch in der gegenwärtigen Form vor.

Hinter der Weltmeisterschaft stecken umfassende logistische Vorbereitungen – das ausrichtende Zaubereiministerium muss die An- und Anreise sämtlicher Magier garantieren, das ganze Gelände mit Muggelabwehrzaubern belegen und natürlich muss auch ein hohes Stadion so angelegt werden, dass kein Muggel etwas mitbekommt.
Während der ersten Quidditch-Weltmeisterschaft kamen sämtliche Foularten vor – dabei gibt es mehr als 700 davon!
In Großbritannien gibt es nur eine einzige Quidditch-Liga mit dreizehn Mannschaften, da mehr Mannschaften nicht ohne zu großen Aufwand vor den Muggeln versteckt werden könnten. Während der Weltmeisterschaft treten Schottland, Wales, Irland und England aber jeweils als separate Nationen auf.

Regeln

In den Romanen werden die Regeln mehrfach erklärt (einmal sehr ausführlich im ersten Band, im zweiten Band werden sie noch einmal wiederholt und in späteren Bänden zumindest ansatzweise dem Leser immer wieder in Erinnerung gebracht), in den Filmen zumindest in der Verfilmung von „Der Stein der Weisen“.
Jede Mannschaft besteht aus sieben Spielern – drei Jägern, einem Hüter, zwei Treibern und einem Sucher. Gespielt wird mit vier Bällen – dem Quaffel, zwei Klatschern und dem goldenen Schnatz. Dabei können alle Bälle außer dem Quaffel selbst fliegen – die Klatscher versuchen dabei, die Spieler von den Besen zu werfen und der Schnatz flitzt wie ein Vögelchen über das ganze Spielfeld.
Die Jäger werfen sich den Quaffel zu und versuchen, ihn durch einen der drei Torringe des Gegners zu werfen. Ein Tor zählt zehn Punkte. Der gegnerische Hüter versucht, den Quaffel abzufangen. Treiber kümmern sich um die von selbst fliegenden Klatscher und schlagen sie mit ihren Schlägern in Richtung der gegnerischen Spieler, um sie von den Besen zu werfen oder vom Toreschießen abzuhalten. Der Sucher hält sich raus – und sucht nach dem goldenen Schnatz.
Sobald der gefangen ist, ist das Spiel beendet und die Mannschaft, die ihn gefangen hat, erhält 150 Punkte. Es gewinnt jedoch am Ende die Mannschaft mit den meisten Punkten – und das muss nicht zwingend die sein, die den Schnatz gefangen hat.
Ein Quidditch-Spiel hat entsprechend auch keine festgelegte Länge – der Rekord für das kürzeste Spiel liegt bei dreieinhalb Sekunden, das längste Spiel dauerte drei Monate.
Gespielt wird auf Rennbesen.
Das Spielfeld ist ovalförmig und sehr groß, um auch schnelle Flugmanöver zu ermöglichen. An den zwei Enden stehen etwa fünfzig Meter hohe Torringe. Es ist von erhöhten Tribünen für die Zuschauer umgeben.
Ein Schiedsrichter – bei größeren Spielen unterstützt von zwei Hilfsrichtern – muss sämtliche Spieler im Blick haben, um bei Verstößen einschreiten zu können. Es ist seine Aufgabe, Freiwürfe anzuordnen und zu überwachen. Der Mannschaftskapitän kann beim Schiedsrichter per Handzeichen um eine Spielpause bitten.
Einige Einzelregeln werden im Film anders dargestellt als in den Büchern – so gilt es beispielsweise als Regelverstoß, über die Spielfeldbegrenzung hinwegzufliegen. In der Verfilmung von „Die Kammer des Schreckens“ fliegen Harry und Draco jedoch wiederholt bei den Tribünen herum und verursachen dort einigen Sachschaden…

Auswirkungen auf die Zauberwelt

Genauso wie im Kleinen die Hausmeisterschaften ein Großereignis für eine Mehrheit der Hogwartsschüler darstellen, ist die Quidditch-Weltmeisterschaft in ihrer Bedeutung für die Zaubereiwelt mit der realen Fußball-WM durchaus vergleichbar.
Die Händler nutzen das WM-Fieber gnadenlos aus, sodass neben allerlei nützlichen Dingen wie beispielsweise Omnigläsern – man kann Manöver wiederholen, auf Zeitlupe umschalten, Kommentare einblenden… – auch eine Menge Merchandising ohne wirklichen Zweck verkauft wird.
Dazu gehören unter anderem im Vorfeld des Spiels Irland-Bulgarien bei der Weltmeisterschaft 1994 Hüte mit tanzenden Kleeblättern, Fahnen die beim Schwenken die Namen der entsprechenden Nationalspieler ausrufen und Actionfiguren berühmter Quidditch-Spieler.
Die anwesenden Zauberer kommen nicht umhin, ihre Zelte zu schmücken, beispielsweise mit Postern ihres Starspielers, mit Erkern, Vorgärten, Vogelbädern… und die Iren ließen 1994 ihre Zelte mit Efeu zuwachsen.
Allerdings kann die Weltmeisterschaft nicht seitens des Zaubereiministeriums ausgenützt werden, um unbemerkt allerlei unbequeme Gesetze zu verabschieden – dazu sind die Ministeriumsarbeiter selbst viel zu sehr damit beschäftigt, für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen.
Und wie wir das von der Zaubereiwelt kennen, kommt es dabei oft zu bizarren Situationen und Dinge laufen aus dem Ruder.
Allerdings kann im Umkehrschluss die Weltmeisterschaft seitens radikaler Gruppen missbraucht werden, um auf sich aufmerksam zu machen. So geschehen bei der Weltmeisterschaft 1994, als ehemalige Todesser es ausnützten, dass einer der Ihren das Dunkle Mal an den Himmel gezaubert hat, um Unheil zu stiften.

Fazit

Quidditch ist toll. Ja, es hat seine Schattenseiten – Hermine hat nicht Unrecht mit ihrer Bemerkung, es würde den Zwist zwischen den Häusern zusätzlich anstacheln und oft werden Spieler dabei verletzt. Aber es ist noch niemand gestorben und wenn schon eine einfache Schulkrankenschwester auch gebrochene Schädel und verschwundene Knochen nachwachsen lassen kann – was können dann erst die Heilerteams in Sankt Mungo? Keine Sportverletzung, die nicht zum Verschwinden gebracht werden kann.
Aber immerhin wird es nicht genutzt, um die Bevölkerung über dubiose Gesetzesentwürfe hinwegzutäuschen, da die Gesetzgeber selbst mehr als ausgelastet sind.

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Fallstudie: Meerwesen II – die Meermenschen in “Clyátomon”

Wird man gebeten, Fantasyvölker aufzuzählen, fallen den Meisten spontan die klassischen tolkiesken Rassen ein – Fans von Urban Fantasy erwähnen vielleicht noch Vampire und Werwölfe, allenfalls Dämonen. Leider gibt es jedoch nur wenige bekannte Fantasybücher, in denen die Meerwesen an erster Stelle stehen. Anders in Andrea Bannerts Roman “Clyátomon – Die Schlacht um die versunkenen Reiche”, wo sich die Protagonisten weitestgehend unter Wasser bewegen.
Marc, Andreas und Manuela wachen eines Nachts auf und stellen fest, dass sie sich in solche Meermenschen zu verwandeln beginnen…
Doch was hat es mit ihren Meermenschen – die sich selbst abgrenzend zu den “Landmenschen” übrigens einfach als Menschen bezeichnen – auf sich?

Aussehen

Auf den ersten Blick sehen die Meermenschen aus, wie Elfen – sie haben spitze Ohren und meist lange und wehende Haare auch bei Männern.
Es gibt jedoch einige Merkmale, die sie deutlich von Elfen nur unterwasser unterscheiden. So haben sie zwischen Fingern und Zehen Schwimmhäute, um im Wasser schneller vorwärtszukommen. An Land sind diese Schwimmhäute allerdings ein starkes Handycap – nicht nur, weil sie auffallen und somit eventuell einen verrückten Wissenschaftler auf den Plan rufen würden. Es ist nicht besonders bequem, mit schwimmhautbewehrten Füßen an Land zu laufen und die gängigen Schuhe sind zu klein.
Hinter den Ohren haben Meermenschen Kiemen, die ihnen das problemlose Atmen unter Wasser ermöglichen. Außerdem müssen sie nicht trinken, da sie beim Atmen durch ihre Kiemen Wasser aufnehmen.

Kräfte

Alle Meermenschen können schnell und ausdauernd schwimmen.
Einige haben zusätzlich magische Kräfte, da sie selbst oder ihre Vorfahren mit dem Clyátomon – einem magischen Stein göttlicher Herkunft – in Berührung gekommen sind und die Kräfte dabei auf sie abgefärbt haben. So kann Manuela in begrenztem Maße hellsehen, Lanthan kann seine Gedanken auf eine Art Projektionsfläche mitten im Wasser übertragen und sie so anderen zeigen. Andreas ist in der Lage, sich telepathisch mit Meeresdrachen zu unterhalten.
Bringt man Meermenschen als Babys an Land, werden sie zu Landmenschen und verwandeln sich erst später in Meermenschen. Diese Verwandlung ist allerdings irreversibel.

Schwachstellen

Meermenschen können normalerweise nicht länger als zwei Stunden an Land verbringen, ehe sie sterben. Selbst wenn sie vor Ablauf dieser Zeit ins Meer zurückkehren, können sie so geschwächt sein, dass sie den Strapazen erliegen. Ihre Haut ist weitaus dünner als die der Landmenschen, sodass sie an Land vertrocknen und schlussendlich qualvoll ersticken.
Manuel, Marc und Manuela sind nur in der Lage, an Land zu gehen und dort länger als zwei Stunden zu bleiben, weil ihre Verwandlung in Meermenschen im Roman noch nicht abgeschlossen ist.
In der Regel sind Meermenschen kaum oder gar nicht in der Lage, an Land normal zu gehen. Nicht nur wegen den Schwimmhäuten zwischen den Zehen – sondern auch, weil sie die Schwerkraft und das Fehlen des Wasserdrucks nicht (mehr) gewohnt sind und sich die Bewegungsabläufe beim Schwimmen von dem beim Laufen stark unterscheiden.

Wo leben sie?

Die Meermenschen im Roman sind Bewohner eines der drei Unterwasserreiche Delryen, Dorkas und Freywana. Diese Staaten liegen recht nah beieinander, zur Grenze gehört unter anderem ein sehr tiefer Graben und der gefährliche, nahezu unpassierbare Janinenstrudel.
Freywana ist von Pflanzen überwuchert, die eine Art Dschungel bilden. Es ist sehr schwer, in diesem Land im Dunkeln die Orientierung nicht zu verlieren oder sich in den Pflanzen zu verfangen.
Ob Meermenschen auch außerhalb dieser drei Staaten leben (können) ist unbekannt – wäre jedoch vermutlich grundsätzlich möglich, schließlich lebt der weise Lanthan auch in den Bergen etwas außerhalb. Allerdings haben die Bewohner der drei Reiche noch nie jemanden getroffen, der aus einem anderen Wasserreich stammt. Was nicht bedeutet, dass es keine gibt!
Nachdem Custror in Erfahrung gebracht hat, dass unter den Landmenschen Mythen von Atlantis kursieren und von diesen erzählt hat, bezeichnen die Meermenschen selbst die drei Meeresländer als “versunkene Reiche”.

Ihre Gesellschaft

Bei allen drei Staaten handelt es sich um eine Erbmonarchie – auf die Demokratie angesprochen, reagieren die Meermenschen eher skeptisch.
Jeder Meeresstaat wird von der Hauptstadt aus von einem König oder einer Königin und dessen Beratern regiert. Dabei residieren die Könige mit ihrem Hofstaat in einem Pallast.

Religion

Die Meermenschen glauben daran, dass die Vier Weisen die Welt, das Meer und alle Lebewesen darin erschaffen haben. Bei den vier Weisen handelt es sich um den Unterwasserlöwen Cornus, Linatha der Unterwasserstute, Saristratos den Unterwasserhirsch und Jurmbar den Unterwasserdrachen. Äußerlich erinnern sie an die entsprechenden Landtiere, der Schwanz des Löwen ist jedoch beispielsweise eine Flosse.
Allerdings tauchen die Vier Weisen tatsächlich in der Geschichte auf, sind also nicht nur bloße Mythen. Sie sind nicht allwissend und verfügen jeweils über bestimmte Kräfte, sind jedoch nicht allmächtig.

Fazit

Andrea Bannert hat eine sehr stimmige und spannende Unterwasserwelt gezeichnet, die griechische Mythologie mit fundiertem Wissen über das Überleben unter Wasser und die Anatomie von Meereswesen vereint. Ihre Meerwesen sind in sich stimmig und man merkt das sorgfältige Nachdenken der Autorin auch anderen Details der Welt an.
Nicht nur ein Lesevergnügen für die Artikelschreiberin, sondern auch ein gutes Vorbild für alle, die selbst Meermenschen erfinden wollen.

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Weltenbau-Artikel: Beinamen

Es war einmal ein Troll,
der fand sich super toll.
Bloß war sein Name Tim,
das fand er furchtbar schlimm.

Und warum fand er es schlimm? Weil richtige Helden oft elendig lange, komplizierte Namen haben, die sich selbstverständlich aus möglichst charakteristischen, furchteinflößenden und glorreichen Beinamen zusammensetzen.
Weltenbastler und Romanautoren kennen dieses Problem: In der klassischen Heldenreise schickt man einen Niemand auf eine Quest, der dann mehrere Abenteuer erlebt, sich hervortut und eines Tages die „höhere Weihe“ des Beinamens empfangen sollte. Aber wonach soll man den wackeren Recken bloß benennen?

Herkunft

Die wohl banalste Möglichkeit ist es, seinen Helden nach seiner Herkunft zu benennen – was durchaus Sinn macht, verschlägt es einen Helden doch während seiner Questen doch oft in ferne Länder, wo niemand den Ort kennt, aus dem er stammt.
Gerade in Gesellschaften, in denen es noch keine Nachnamen gibt und es schon mal vorkommt, dass sich ein Vorname unter den berühmten Persönlichkeiten doppelt, ist dies auch eine bequeme Variante, Persönlichkeiten voneinander zu unterscheiden. So kennen wir etwa viele alte Griechen aus der Antike nur dadurch auseinander – etwa Aristarchos von Samos, Aristarchos von Samothrake, Aristarchos von Tegea oder Aristarchos von Thessalonice (was, bei längerer Aufzählung, auch schon die große Schwäche des Systems zeigt: Sich zu merken, wer wo von wo stammt, ist umständlich und unpraktisch, besonders für Laien und Leser).

Nur geringfügig besser ist dabei die Benennung nach den Eltern – wer kennt nicht Gimli Glóins Sohn, den wackeren Zwerg aus Mittelerde? Um ihn von etwaigen anderen Gimlis zu unterscheiden, nennt er seinen Vater als Referenz.

Etwas blumiger wäre der Beiname von Aphrodite: Die Schaumgeborene, denn die wunderschöne Göttin der Liebe entstieg dem Meerschaum.

Aber seien wir ehrlich: Ein richtiger Held braucht einen griffigeren Namen

Eigenschaften des Helden

Was bietet sich eher an, als eine Eigenschaft, die sofort ins Auge fällt? Das macht das Namensfinden einfacher und beugt Verwechslungen vor. Gandalf der Graue trägt grau, Saruman der Weiße weiß.
Vom römischen Meisterredner Marcus Tullius Cicero wird berichtet, er habe an seiner Nase eine erbsenförmige Einkerbung gehabt, die ihm eben jenen Beinamen „Cicero“ (lat. cicer = Kichererbse) einbrachte.
Tungdil Goldhand aus der Fantasy-Reihe „Die Zwerge“ verschüttete bei einer Prüfung flüssiges Gold über seine Hand, welches ihm seinen Beinamen einbrachte. Und der Ritter Sigmund Silberzahn Floretto aus dem Buch „Drachen haben nichts zu lachen“ hat statt Goldzähnen silberne Zahnprothesen.
Auch bei Frauen bietet es sich an – so nannte man etwa die griechische Göttin Hera „kuhäugig“, da sie so schöne Augen hatte.

Aber auch charakterliche Eigenschaften können sich auf den Namen einer Person niederschlagen. So trägt Grima Schlangenzunge aus Tolkiens Mittelerde seinen Beinamen, weil er, wie die Indianer sagen würden, „mit gespaltener Zunge spricht“ und ein Meister darin ist, das eine zu sagen, das andere zu meinen und jeden zu beeinflussen, der ihm nur ein Ohr leiht.
Der bereits erwähnte Tungdil Goldhand fing sich ob seines gebildeten und gesitteten (und damit für einen Zwergen unüblichen) Benehmens den Beinamen „Gelehrter“ ein.
Odysseus nannten sie den Listenreichen, da er sich lieber seines Verstandes als seiner Muskeln bediente.

Wer als Held also ein besonderes Äußeres hat oder ein unübersehbares Benehmen an den Tag legt, muss sich um seinen Beinamen keine Sorgen machen – höchstens darum, ob dieser wirklich heldenhaft klingt…

Taten

Die Königsdisziplin für die Namenskür, wobei hier vor allem gute Taten wünschenswert wären. Gandalf der Graue freute sich wohl weniger, von Theoden den Beinamen „Sturmkrähe“ verpasst zu bekommen, weil er immer nur in düsteren Zeiten aufkreuzte.
Ob Ottokar von Zip aus „Drachen haben nichts zu lachen“ Heiterkeit verspürte, als man ihn ob seiner zerbeulten und altertümlichen Rüstung „Kübelhelm“ nannte?
Karl Mays Old Shatterhand hingegen dürfte auf seine Leistung, mit seiner Schmetterhand selbst die stärksten Gegner zu Boden zu schlagen, recht stolz gewesen sein – ebenso wie Old Surehand, der mit seiner sicheren Hand kein Ziel verfehlte.

Abschließendes

Nicht immer muss jedoch die Verleihung des Beinamens am Ende der Reise stehen – so Harry Potter galt schon von Kindesbeinen an als der Junge, der überlebte, und Bilbo Beutlin wurde von Gandalf so über den Klee gelobt, dass die Zwerge ihn nur noch als den Meisterdieb bezeichneten.
Nicht immer ist jedoch ein Beiname das non plus ultra; man denke etwa an Lord Voldemort, der so viel Schrecken verbreitete, dass die Menschen allein seinen Namen schon fürchteten – und er die paradoxen Bezeichnungen „Er, dessen Name nicht genannt werden darf“ und „Du weißt schon wer“ mit seiner Person verband.

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Fallstudie: Scout Willis’ Oben-Ohne-Gang…

…und was wir Weltenbastler von diesem aktuellen Fall lernen können – aber der Reihe nach.

Scout Willis ist die Tochter von Hollywood-Haudegen und Kult-Langsamsterber Bruce Willis, der ihr gewissermaßen seinen Promistatus vererbt hat. Dies dürfte wohl der Anlass für die Klatschpresse sein, das bereits drohende Sommerloch (bis zur WM sind es schließlich immer noch fünf endlose Tage) abzuwenden und sich auf sie zu stürzen. Denn Scout tat, was wunderschöne Promi-Töchter laut öffentlicher Meinung besser nicht tun: Sie ging barbusig, nur mit einem Blumentüchlein um die Hüften, durch New York und stellte die Fotos davon auch noch auf Twitter.

Hintergrund der Aktion

Ein paar Tage zuvor hatte das Fotoportal Instagram den Account von Scout gesperrt, weil sie ein freizügiges Bild postete, auf dem weibliche Brüste samt Nippel zu sehen waren. Solche Bilder sieht die Fotoplattform nicht gern, sondern bewertet sie als anstößig und geht daher gegen sie vor.

Man mag dazu stehen, wie man will, Scout ließ sich das nicht gefallen und protestierte dagegen, in dem sie barbusig durch New York lief, denn tatsächlich ist barbusiges Flanieren durch den Big Apple gesetzlich abgesichert und erlaubt. Instagram gehe also völlig unnötig gegen etwas vor, was in der „Welthauptstadt“ gar niemanden mehr jucke, so die Message dahinter (und auch Twitter relativ Wurst ist, denn schließlich veröffentlichte Scout Fotos von ihrer Aktion dort ohne irgendwelche Probleme).

Damit kam die Sache ins Rollen und nahm größere Ausmaße an, als man denken würde: Unter dem Motto „Free the Nipple“ gibt es aberdutzende Bilder von Nachahmern übers ganze World Wide Web verstreut, die Klatschpresse stürzt sich darauf, Bruce Willis is not amused und am Ende steht an Stelle von Instagram die gesamte konservative Gesellschaft in der Kritik. Und die Frage, um die sich alles dreht, ist: Was ist so schlimm an einer weiblichen Brust? Was ist schlimmer an ihr als an einer männlichen? Denn die Herren der Schöpfung können ungestört Oben-Ohne-Bildchen posten, während das bei den Damen stets für Furore sorgt …

Weltenbastlerische Relevanz

Wir wollen uns jetzt gar nicht sonderlich in diese Diskussion einmischen, denn das würde doch den Rahmen eines solchen Artikels sprengen.

Vielmehr wollen wir kurz aufzeigen, dass die Sache mit dem Oben-Ohne-Sein nicht ganz so einfach ist, wie sie scheint.

Ein jeder von uns kennt die Bilder von barbusigen Eingeborenenfrauen irgendwo in Afrika oder Südamerika, die des öfteren im Zentrum irgendwelcher Dokus auf ZDF-Nischenkanälen stehen. Die generelle Meinung dazu ist oft „Ach, die sind halt rückständig, wenn die Kultur erst mal bis dahin vordringt, dann hört sich das auch auf“.

[Public domain], via Wikimedia Commons

Venus von Milo – [Public domain], via Wikimedia Commons

Blickt man aber ein wenig in der Geschichte zurück, so sieht man etwa, dass bereits alte hochentwickelte Kulturen nicht unbedingt ein Problem mit Nacktheit hatten. Griechiche Statuendamen präsentieren sich in der Regel oben ohne, auch die Statuenherren haben selten etwas an.
Aber nicht nur Griechen und Römer, auch die Künstler der Renaissance (beeinflusst von eben jenen griechischen Statuen!) gingen wieder dazu über, Nackedeis zu malen.

Selbst die Adeligen nahmen sich daran ein Beispiel, und so manche wichtige Dame ließ sich schon damals nackig abbilden. So entstand etwa das barbusige Proträt von der schönsten Frau von Florenz, Simonetta Cattaneo Vespucci, um das Jahr 1480.

Portrait de femme dit de Simonetta Vespucci - Piero di Cosimo [Public domain], via Wikimedia Commons

Portrait de femme dit de Simonetta Vespucci – Piero di Cosimo [Public domain], via Wikimedia Commons

Ein ähnliches Bild gibt es beispielsweise auch von Agnès Sorel, der Mätresse von Karl VII. von Frankreich, von der auch berichtet wird, sie sei öfters am Hofe unterwegs gewesen und habe dabei eine oder gleich beide Brüste entblößt gehabt.
Es wird sogar von Queen Marry II. berichtet, sie habe bei einem Maskenball ein Kleid getragen, das ihre Brüste nicht bedeckte.

Erst später kam es dann auf, dass die weibliche Brust weggesperrt wurde – aber nicht für lange. Wikipedia etwa führt eine Quelle an, laut der in den 1920er Jahren gefordert wurde, dass Mädchen doch oben ohne den Turnunterricht absolvieren sollten (wie vertrauenswürdig die ist, darüber ließe sich jetzt streiten, eine flüchtige Google-Suche ergab keine weiteren Treffer).

Nach dem 2. Weltkrieg ging es mit der FKK-Bewegung dann in der Nackedei-Frage wieder rund, von den 68er-Jahren dann ganz zu schweigen.

Auch heutzutage ist es nicht immer so streng geregelt, wie man es gerne hätte. Je nach sozialem Kontext wird gerne ein Auge zugedrückt. So hat beispielsweise niemand ein Problem mit nackten Brüsten bei Festen wie dem Mardi Gras in New Orleans oder dem Karneval in Rio de Janeiro. Vielerorts gibt es speziell ausgewiesene FKK-Strände, oder eben ganze Bundesstaaten wie New York, die barbusiges Auftreten nicht mehr verbieten.

Der lange noch fortsetzbaren Rede kurzer Sinn: Dass die weibliche Brust bedeckt gehört, war und ist nicht in Stein gemeißelt.

Fazit

Wer also sich über die Moral, die Sitten und den Dresscode seiner fiktiven Welt Gedanken macht, sollte hier aufpassen, dass er nicht völlig stereotyp alles übernimmt und dass er einen guten Grund hat, wieso dieses oder jenes Körperteil bedeckt gehört (oder auch nicht). Was gilt als unanständig, was nicht?

Hier gibt es auch sehr großes Potential für innerweltliche Konflikte, das man bedenken sollte. So kann barbusiges Auftreten in konservativen Kulturen durchaus eine Form des Protests sein, weil man dadurch Anstoß bei der Obrigkeit erregt und die konservative Bevölkerung mit nackten Tatsachen geradezu „schockt“. Man denke hier etwa an den Ritt von Lady Godiva, die gegen zu hohe Steuern protestierte. Aktuellere Beispiele hingegen wären die Femen-Bewegung, die sich längst nicht mehr nur auf die Ukraine beschränkt, oder diverse Nackt-Radfahr-Events weltweit. Oder eben Scout Willis.

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