Fallstudie: Übernatürliche Erscheinungen bei Plinius

Was wäre eine Welt ohne unheimliche Spukgestalten, die die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen und sogar die mutigsten Helden des Landes zum Zittern bringen? Womit sollen sich wackere Waldläufer nachts am Lagerfeuer die Zeit vertreiben, wenn nicht mit dem Erzählen von alten Legenden und Gruselgeschichten?

Damit solche übernatürlichen Erscheinungen in der eigenen Welt nicht zu kurz kommen, wollen wir mal einen Blick auf den berühmten „Geisterbrief“ von Plinius dem Jüngeren werfen, in dem der berühmte römische Redner und Schriftsteller von drei übernatürlichen Erscheinungen berichtet.

1. Curtius Rufus und die schöne Frau

Als der römische Politiker Curtius Rufus noch unbedeutend und unvermögend war, schloss er sich dem Statthalter von Africa als Begleiter an. Eines Nachts trat ihm in einer Säulenhalle eine Frau von übernatürlicher Schönheit entgegen, die sich selbst als „Africa“ bezeichnete und ihm die Zukunft verkünden werde. So werde Rufus nach Rom gehen, Ämter bekleiden und dann als Statthalter in die Provinz Africa zurückkehren und dann dort sterben.

All dies geschah auch so – und als Rufus nach Africa zurückkehrte, erschien ihm diese Frau am Ufer von Karthago erneut. Daraufhin befiel Rufus eine Krankheit, an deren Folgen er bald starb.

Plinius erzählt uns hier die Geschichte einer weissagenden, unheimlichen Erscheinung, wie wir sie auch in vielen anderen Bereichen finden können. Moses wurde von einem brennenden Busch sein Schicksal berichtet, Harry Potter wurde im 7. Teil von Rowlings Serie von einer silbernen Hirschkuh geführt und Odysseus hatte während seiner Irrfahrt oft die Ehre, von Hermes persönlich Tipps für seine Abenteuer zu erhalten.

Auch Cundrie aus der Parzival-Sage oder der geheimnisvolle Schimmelreiter aus Theodor Storms gleichnamiger Novelle fallen in diese Sparte von „zukunftvorhersagender, unheimlicher Erscheinung.“

2. Das Geisterhaus in Athen

In einem großen Haus in Athen ertönte Nachts das Geräusch von Eisen und das Klirren von Ketten, auch erschien ein Gespenst: Ein alter Mann, abgemagert und dreckig, mit langem Bart und struppigem Haar, der an Beinen und Händen Ketten trug und sie schüttelte. Dieses Gespenst trieb die Bewohner in Angst, Schlaflosigkeit und am Ende sogar zum Tod aus Furcht. Bald stand das Haus zum Verkauf, da niemand mehr darin wohnen wollte.

Der Philosoph Athenodorus kam nach Athen, las die Anzeige und erkundigte sich. Daraufhin mietete er sich in das Haus ein, richtete sich ein Lager ein und und schrieb mit Griffel und Tafel. Als das Gespenst kam und raschelte, ließ er sich nicht beirren, sondern schrieb weiter und wies das Gespenst an, zu warten, bis er fertig sei. Das Gespenst bedeutete ihm, zu folgen, und der Philosoph folgte. Er wurde in den Hof geführt, an eine ganz bestimmte Stelle, dann verschwand das Gespenst. Der Philosoph markierte diese Stelle und ließ am nächsten Morgen dort graben – und gefunden wurden in Ketten gebundene Gebeine. Nachdem diese ordnungsgemäß bestattet wurden, hörte auch der Spuk auf.

Plinius präsentiert hier den Klassiker einer jeden modernen Gespenstergeschichte. Etwas ähnliches hat wohl jeder, der schon mal nachts am Lagerfeuer saß, gehört. Auch in Film und Literatur findet man solche Geschichten von unsachgemäß Bestatteten, die daraufhin gezwungen sind, bis zur Erlösung zu spuken, zuhauf. Man denke nur an den berühmten „Canterville Ghost“, der lebendig eingemauert wurde.

3. Die nächtliche Sklavenrasur

Ein Freigelassener von Plinius selbst schlief mit seinem jüngeren Bruder in demselben Bett. Er glaubte zu sehen, dass sich jemand auf sein Bett setzte, eine Schere an seinen Kopf hielt und ihm die Haare schnitt. Als es Tag wurde, war er wirklich geschoren.

Kurze Zeit später geschah dies erneut – ein Sklave schlief gemeinsam mit anderen im Sklavenzimmer. Da kamen durch das Fenster zwei Gestalten in weißen Gewändern und schoren ihn im Bett. Auch ihn fand man am nächsten Morgen geschoren und seine Haare lagen im Bett verstreut.

Diese Geistergeschichte präsentiert uns Plinius aus seinem eigenen Leben, da es seine eigenen Sklaven sind, denen dies widerfuhr. Hier hat Plinius auch prompt eine Deutung parat: Es war kurz nach dem Tode des Domitian eine Anklageschrift gegen Plinius aufgetaucht. Da der Kaiser aber tot war, wurde diese nicht mehr verfolgt. Im alten Rom war es Brauch, dass Angeklagte sich die Haare wachsen ließen – so war also die nächtliche Sklavenrasur ein Vorbote dessen, dass Plinius nicht angeklagt wird.

Für uns in heutiger Zeit wirkt diese Geistergeschichte von den nächtlichen Rasierern eher wie ein schlechter Streich – zur Zeit von Plinius war das anders. Wundersame Ereignisse in Traum und Schlaf waren quasi an der Tagesordnung. So gab es z.B. auch Heiltempel, in denen man übernachtete und träumte, dass der Heilgott komme und die Verletzungen heile. Am nächsten Morgen waren diese Verletzungen dann tatsächlich weg.

Ähnlich ist es auch bei Plinius Geschichte: Die Sklaven träumen von der Rasur und werden dadurch wirklich rasiert.

Aufgrund der anderen Auffassung solcher Ereignisse findet sich kaum ein Beispiel für diese Geschichte in der modernen Literatur – was aber nicht heißt, dass ein geneigter Weltenbauer nicht so eine einbauen könnte ;-)

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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