Mini-Fallstudie: Wenn in griechischen Tragödien jemand stirbt…

….dann geschieht das nie auf der Bühne. Stattdessen kommt ein Bote oder Augenzeuge in der nächsten Szene ganz aufgeregt zu den Angehörigen gelaufen und berichtet vom Tod des unglücklichen Verstorbenen. So zu beobachten z.B. in der Tragödie „Antigone“ von Sophokles. Am Ende des Stückes begeht Haimon Selbstmord, und überbracht wird die Nachricht an den König Kreon von einem Diener.

Aber wieso keinen Tod auf der Bühne? Hatten die Griechen nicht die technischen Mittel, um so etwas zu realisieren? Fehlte es am „Filmblut“? Wohl kaum, schließlich hatte auch Shakespeare noch nicht die Special-Effects der heutigen Zeit und brachte Scharen von Leuten in seinen Stücken um.
Der Grund für diese Botentode bei den alten Tragikern ist ein anderer: Die Stücke wurden bei Festen zu Ehren des Gottes Dionysos, den sogenannten Dionysien, aufgeführt und als Aufführungsort diente oft der Tempel. Im Angesicht des Gottes einen Tod darzustellen, war für die Griechen undenkbar. Man hätte den Gott damit beleidigen und so Unheil über die ganze Polis bringen können. Deshalb entschied man sich dazu, die Figuren abseits der Bühne umzubringen und einen Boten den Unglücksfall verkünden zu lassen.

Gibt es auch in euren Welten Besonderheiten oder strikte No-Gos bei Theateraufführungen?

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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9 Antworten zu Mini-Fallstudie: Wenn in griechischen Tragödien jemand stirbt…

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Gute Frage… In Atlantis habe ich noch keine Theater – alles was da aufgeführt wird, hat einen religiösen Hintergrund.
    Und in Hewa habe ich noch nicht darüber nachgedacht. Die sind ja recht modern und so sind Tabus in dem Zeitalter, in dem ich schreibe, eher unwahrscheinlich.
    Aber vielleicht wäre das was für die kulturelle Geschichtsschreibung? Wer weiß…

  2. alice4siblings schreibt:

    Wow, das ist interessant. Wusste ich noch gar nicht. Wieder was gelernt. *g*

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Wenn ich so darüber nachdenke, dann war das nicht nur bei den alten Griechen so. Auch bei Racine (der allerdings eine griechische Tragödie nachgedichtet hat), darf Phaedra nicht auf der Bühne sterben.
      Wie mein Dozent es so schön sagt:

      Sie rennt über die Bühne, ganz dramatisch sich an den Hals greifend. „Ich habe Giiiift genommen!“ Und verzieht sich dann hinter die Bühne um zu sterben. Dann kommt ein Bote: „Sie hat Giiiift genommen!“

      Der coolste Professor für französische Literaturgeschcihte, den es gibt :).
      Wenn ich so darüber nachdenke, muss Goethe mit seinem „Faust“ ein totales Tabu gebrochen haben, weil Vallentin auf der Bühne von Faust/Mephisto erstochen wird und die Sterbeszene direkt auf der Bühne abläuft!
      Nochmals danke für die kleine Fallstudie. Die lässt mich so Manches in einem anderen Licht sehen.

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Naja, der gute Shakespeare hat schon um 1600 Leute auf der Bühne sterben (und auch morden) lassen. Ab Lessing war die deutsche Literatur ja doch recht stark von fremdsprachlichen Vorbildern, vor allem auch Shakespeare, beeinflusst. Ich denke, der Tabubruch, den Goethe begangen hat, war knappe 2000 Jahre nach den alten Griechen nicht mehr soooo groß ;-)

        Aber bitte, es freut mich, wenn die Fallstudie gefällt und weiterhilft :-)

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Naja, Racine wirkte auch ca. im 18. Jahrhundert und zu seiner Zeit galt es zumindest in Frankreich als anstößig, auf der Bühne zu sterben.
        Du hast Recht, bei Shakespeare ist das indee danders.

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Tja … drei Jahre später fällt mir auf, dass es eigentlich logisch ist, dass Racine niemanden auf der Bühne sterben lässt, Shakespeare aber schon.
        Das französische Drama im 18. Jahrhundert ist ja sehr stark vom klassischen Drama der Antike geprägt, klammert sich ja fast sklavisch an dessen Vorgaben.
        Shakespeare hingegen nicht. In der deutschen Literatur gibt es zu dieser Zeit ja den großen Streit zwischen Gottsched (Verfechter des klassischen Dramas nach antikem und französischem Vorbild) und Lessing (Verfechter der shakespeare’schen Dramenform), die schlussendlich dann im Sturm und Drang gipfelt und das klassische Drama vorläufig verschwinden lässt (ehe es über die Weimarer Klassik wieder ins Spiel kommt).
        Racine folgt also auch dem griechischen Vorbild nach, wenn er niemanden auf der Bühne sterben lässt. Shakespeare steht ja gar nicht in der Tradition, ist also gar nicht vergleichbar – und damit auch kein Tabubruch.
        Goethe ist mit Faust, der erst zur Klassik-Zeit erscheint, auch kein Tabubruch mehr.
        Wohl aber Lessing 30 Jahre (?) vorher, als er Emilia Galotti auf der Bühne das zeitliche segnen lässt ^^

        (Aber lassen wir das – gibt hier ja mehr Info in den Kommentaren als im Artikel selbst :P )

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Stimmt, man müsste all diese Informationen fast schon in den Artikel einbauen, weil die Kommentare hier tatsächlich mehr Infos enthalten, als der Artikel.

        Danke auf jeden Fall für die tolle Erklärung für die Frage, wieso bei Racine niemand auf der Bühne stirbt – bei Shakespeare schon.

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Vielleicht schreibe ich irgendwann einen neuen Artikel ;)
        Bis es soweit ist, kann man ja hier die Kommentare nachlesen, wenn man genaueres wissen will ^^

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