Weltenbau-Artikel: Sprachliche Sahnehäubchen

„Dem mutigen Helden verschlägt es die Sprache – was ist geschehen? Sprechen alle um ihn her auf einmal in fremden Zungen? Und ist er des Lesens nicht mehr mächtig, oder warum steht im Liebesbrief der holden Prinzessin nur Lirumlarumlöffelstiel?
Ganz klar – hier waren Geheimsprachler am Werk.“

Alte Sprachen

Sprachen wandeln sich mit den Völkern – sie verändern Grammatik und Vokabular bis ins Unkenntliche oder sterben ganz aus und werden von anderen Sprachen ersetzt.
Wie sind diese Sprachen dennoch auf uns gekommen?
Unter anderem haben wir das den Religionen zu verdanken – in der katholischen Kirche ist ein Teil des Gottesdienstes nach wie vor in lateinischer Sprache. Im Judentum und im Islam gilt nur das unveränderte Wort Gottes als heilig – somit sind Übersetzungen der heiligen Schriften dieser Religionen nicht für den Gottesdienst geeignet. Auf diese Weise hat sich mittelalterliches Arabisch und Althebräisch bis in unsere Tage hinübergerettet.
Eine gut ausgebaute eigene Welt hat Beides – sowohl Religionen als auch eine lange und reich gegliederte Geschichte. Mit Sicherheit gab es folglich auch im Laufe der Geschichtsschreibung einen nicht unwesentlichen Sprachwandel.
Alte Sprachen also, die nur noch die Priester und Gelehrten verstehen, machen eine Welt weitaus authentischer. Hier eine alte Wandinschrift, dort ein altsprachlicher Sinnesspruch aus dem Mund eines Weisen oder eine Lithurgie in archaischem Wortlaut – und auch uralte Prophezeiungen kommen so weitaus besser zur Geltung.

Geheimsprachen

Nicht immer ist das Unverständnis jedoch eine Folge geschichtlicher Verwicklungen. Manches Mal ist es durchaus beabsichtigt, dass nur ein paar Eingeweihte wissen, wovon die Rede ist.
So besaßen und besitzen Kriminelle eine eigene Sprache – das Argot als Sprache der französischen Diebe und Bettler hat durch den Roman „Les Miserables“ Berühmtheit erlangt. Die Analogie aus dem deutschsprachigen Raum wäre „Rotwelsch“ – fremde, unverständliche Sprache.
Wissenschaftlich gesprochen handelt es sich dabei um einen Soziolekt – die abgewandelte Sprachform einer bestimmten sozialen Gruppe die dazu dient, sich vom Rest der Gesellschaft auch sprachlich abzusondern und für Außenstehende unverständlich zu werden.
Neben Gaunern sprechen oftmals auch Jugendliche eine andere Sprache als ihre Eltern, um sich bewusst von der vorigen Generation abzugrenzen und sich selbst als Gruppe zu definieren.
Schon die Spielsprachen der Kinder gehen in diese Richtung, die beispielsweise vorsehen, dass nach einem bestimmten Laut einer oder mehrere andere Laute eingeschoben werden. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Löffelsprache, bei der aus einem einfachen „e“ ein „elewe“ wird, sodass sich selbst einfachste Aussagen bis ins Unkenntliche verzerren.
Wer aufmerksam auf die Sprechweise in seiner Welt achtet, wird nicht vergessen, dass ein Dieb anders spricht als ein König und ein Kind anders als ein alter Mann.

Eine völlig andere Richtung schlagen Fachsprachen ein – denn diese dienen nicht der Abgrenzung nach Außen hin sondern im Gegenteil dem besseren und einfacheren Austausch innerhalb einer bereits gegebenen Gruppierung. „Der Vorgang, bei dem die Pflanze mit Hilfe grüner Körperchen in ihren Zellen Zucker gewinnt“ klingt doch nicht annähernd so griffig wie „Photosynthese“ – nicht wahr?
Dennoch könenn Fachsprachen für Außenstehende wie Geheimsprachen wirken – besonders wenn sich Fachleute eines bestimmten Gebietes über ebenjenes Gebiet unterhalten, wird ihr Gespräch sehr bald völlig unverständlich. Nicht umsonst gibt es in der deutschen Sprache das schöne Wort „Fachchinesisch“.

Geheimschriften

Doch nicht nur im Mündlichen ist manchmal Verschlüsseln angesagt – was, wenn jemand die brisanten Geheimbotschaften unterwegs klaut und liest, sodass alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann?
Die konventionellsten und beliebtesten Geheimschriften stammen teilweise noch aus der Antike. So nutzte schon Caesar die später nach ihm benannte „Caesarverschiebung“, bei dem jeder Buchstabe des Alphabets jeweils durch den Buchstaben drei Stellen weiter ersetzt wurde. Im Mittelalter wurden sogar Chiffrierscheiben erfunden, mit denen diese Verschiebung einfacher durchgeführt werden konnte. Auch das Umkehren des Alphabets – A entspricht Z und umgekehrt – ist eine beliebte und vergleichsweise einfache, aber auch unsichere Lösung.
Im Mittelalter kamen nicht-lateinische Alphabete wie das Alphabetum Kaldeorum auf – dabei wurden die lateinischen Schriftzeichen einfach durch einen Satz erfundener Zeichen ersetzt, wobei besonders häufige Buchstaben mehrere Entsprechungen hatten und bedeutungslose Zeichen in den Text eingefügt wurden, um Unbefugten das Entschlüsseln zu erschweren.
Später entstanden auf Schreibmaschinen basierende Verschlüsslungsgeräte, mit denen erstmalig jeder einzelne Buchstabe mit einem anderen Verschlüsselungsschlüssel kodiert werden konnte, was über komplizierte Stromkreise und Walzengebilde beispielsweise in der berühmt-berüchtigten Chifriermachine ENIGMA zum Einsatz kam. Mechanische Verschlüsselungen können in der Regel manuell nur unter einem riesigen Mehraufwand entschlüsselt werden – sie benötigen, dass auch der Kommunikationspartner eine ähnliche Maschine besitzt.
Besitzt die Welt gar dem Internet oder auch nur Computern vergleichbare Geräte, so öffnen sich unzählige Möglichkeiten, Geheimschriften einzubauen: Von auskommentierten Codeschnippseln, die zusammengesetzt eine verschlüsselte Botschaft ermitteln bis hin zu Hidden Content auf tragbaren Datenträgern wird dann alles möglich.

Fazit

Geheimschriften und -Sprachen sind genauso variabel wie ihre Einsatzmöglichkeiten und können somit jede eigene Welt um zahlreiche Facetten bereichern. Ob der Weltenbauer von heute also seine Priester in alten Zungen predigen lässt oder seine Codeknacker ausschickt, um die scheinbar unentschlüsselbaren Codes des feindlichen Diktators zu brechen – eine Welt ohne Geheimsprachen ist wie ein Rosinenbrötchen ohne Rosinen!

Und ihr?

Sprechen eure Magier Fachchinesisch oder schicken sich eure Elfen verschlüsselte Botschaften? Wie setzt ihr die unendlichen Möglichkeiten der Sprache in euren Geschichten um?

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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Eine Antwort zu Weltenbau-Artikel: Sprachliche Sahnehäubchen

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