Weltenbauartikel: Währung

Niemand lebt gern von der Hand in den Mund und sobald es irgendwo einen Schuster oder Schmied gibt, stellt sich die Frage, was dieser für seine Dienste verlangt. An dieser Stelle kommt das Geld ins Spiel – oder nicht?

Die Art der Währung

Es gibt im Großen und Ganzen zwei Möglichkeiten:

  • Tauschhandel
  • Geld

Allerdings ist Tauschhandel nicht gleich Tauschhandel: So wird der Schmied dem Schuster für ein paar neue Schuhe vielleicht ein paar neue Türscharniere schmieden. Beide bezahlen die Arbeit des anderen mit Arbeit. Die Idee dahinter ist nicht schlecht, hat aber ein Problem: Wenn der Schuster ein Schwert will, der Schmied aber schon einen ganzen Schrank voller Schuhe hat, wieso sollte er dann noch ein Schwert schmieden? Auch wird ein mittelalterlicher Lehnsherr wohl kaum zehn Paar Stiefel und drei Schwerter an Abgaben verlangen, wenn er bereits ausreichend mit diesen Gütern versorgt ist. Die meisten wirtschaftlichen Systeme des Mittelalters waren geschlossen und unabhängig, es wurde exakt so viel produziert, wie für den Eigengebrauch benötigt wurde: das heutige Überschussdenken ist in einer auf Tauschhandel basierten Wirtschaft nicht übertragbar.
Allgemein wird die Zeit vor der Erfindung des Geldes als die Zeit der Naturalwirtschaft bezeichnet. Oft wird angenommen, dass genau diese in dem so häufig von Fantasyautoren zitierten Mittelalter vorgeherrscht haben muss. Dies ist jedoch – wenn überhaupt – nur für die Zeit vor dem Hochmittelalter der Fall. Außerdem war das Geld seit seiner Erfindung niemals mehr völlig außer Gebrauch in Europa: Wenn ein Lehnsherr sich nicht von der Weizenernte ernähren konnte, so tauschte er keinesfalls Gänse gegen Getreide, sondern musste die harte Bargeldreserve hervorholen und das Gold sprechen lassen. Auf den meisten noch so kleinen mittelalterlichen Märkten war das Zahlen mit harter Münze sogar Pflicht!
Somit ist reiner Tauschhandel nur in den seltensten Fällen vorhanden.

Geld hat die (un-)angenehme Eigenschaft, eine Zweiklassengesellschaft zu schaffen: Arm und Reich. Dass die Armen die Reichen nicht mögen und sie um ihr Geld beneiden, ist wohl klar. All die unzähligen Geschichten vom Bettlerjungen und dem Prinzen, die beide gleich aussehen, nutzen die Zweiklassengesellschaft mit all ihren Vor- und Nachteilen übrigens als Haupthandlungselement.

Beschaffenheit

Münzen können aus den verschiedensten Materialien sein und diese Liste erhebt keinesfalls den Anspruch, vollständig zu sein:

  • wertvolle Muscheln
  • wertvolle Metalle/Metalllegierungen
  • Obsidian
  • sonstiges wertvolles/rares Material

Papiergeld wie wir es heute kennen, konnte Marco Polo bereits in China bestaunen – auch das ist somit in einer selbst erstellten Welt durchaus denkbar!
Ebenso kann eine Währung rein fiktiv sein und allein der Umrechnung dienen, wie der ECU in der Zeit vor dem Euro – sowas nennt sich „Korbwährung“.

Auch, dass eine Münze immer rund und ein Geldschein immer viereckig sein muss, ist ein auf Europa und die Moderne beschränktes Klischee:

  • die ersten chinesischen Münzen waren messer- und spatenförmig, später kamen runde Münzen mit einem Loch in der Mitte auf
  • die Römer zahlten teilweise mit Barrenstücken, die rund ein halbes Kilo wiegen konnten
  • im Mittelalter wurden teilweise quadratische Münzen geprägt

Bei dem Entwurf einer Münze für ein fiktives Land muss außerdem Folgendes beachtet werden: Wenn der Wert der Münze dem Wert des Materials entspricht, ist eine höherwertige Münze größer als eine, die weniger wert ist. Bei nicht materialgebundenen Währungen muss das nicht unbedingt der Fall sein.

Geldscheine werden nicht nur auf mehr oder weniger feines Papier, sondern auch auf Leder, Kunststoff oder Seide gedruckt. Auch hier gibt es für den Weltenbauer praktisch keine Grenzen.

Aber bitte mit System!

Nie ist eine Währung nur von einer Sorte Geld abhängig – in der Regel gibt es ein System aus mindestens zwei Währungen, die man in einander umrechnen kann:

  • Exakt 100 Pfennig ergeben eine Mark, ebenso ergeben 100 Cent einen Euro
  • die Helden in „Harry Potter“ müssen gleich drei Unterwährungen hantieren: die kleinste Einheit ist der Knut, 29 Knut ergeben eine Sickel – 493 Knut eine Galleone, da 17 Sickel eine Galleone ergeben – es muss also nicht so glatt zugehen, wie beim Euro

Währungssystem

Es heißt zwar „Never change a runnig system“ – aber was, wenn das System seinen Zweck nicht mehr erfüllt? Dann muss reformiert werden:
Währungsreformen können verschiedensten Zwecken dienen: So wurden Münzen immer wieder gestreckt, um Material zu sparen. Wurde das normalerweise benutzte Metall rar, so schmolz man auch mal weniger edles Material in die Münze. Allerdings sank dadurch auch der Wert der jeweiligen Münzen oftmals sehr stark.
Wenn eine Währungsunion mit anderen Staaten eingegangen wird, so müssen natürlich sämtliche Preise aus der alten Währung der einzelnen Staaten in die gemeinsame Währung umgerechnet werden – Viele haben das 2000 mit der Einführung des Euros selbst erlebt.
Außerdem bietet eine Währungsreform die Möglichkeit, den Staatshaushalt durch die Entwertung der Schulden zu sanieren – das tat Stresemann mit der Einführung der Rentenmark 1923 und rettete so Deutschland aus der Inflation.

Natürlich kann nicht einfach Hinz und Kunz mal schnell eine Währungsreform durchführen. Solche Beschlüsse werden in der Regel durch Staatsoberhäupter oder politische Kommissionen durchgeführt.

Insgesamt…

… gibt es unzählige Wege, eine Währung in eine eigene Welt hineinzuschreiben und die Welt somit mit etwas mehr Leben und Authenzität zu füllen. Und vielleicht geben Themen wie Währungsreform einen Eintrag für die Geschichtsschreibung oder die Geschichte einer bestimmten Münze etwas Interessantes für die Mythologie her, wer weiß!

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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4 Antworten zu Weltenbauartikel: Währung

  1. Hakuna Matata schreibt:

    Schöne Zusammenfassung über das Erfinden von Währungen. Das geht jetzt etwas vom Thema weg, wollte trotzdem einen Kommentar hinterlassen, da die Wirtschaftsform ist sehr eng verflochten mit der gesellschaftlichen Struktur ist.

    Man könnte noch erwähnen, dass es gesellschaftliches Zusammenleben auch völlig ohne Geld und Tauschhandel möglich ist. In Utopien taucht oftmals kein Handel mehr auf. Waren und Dienstleistungen können frei zur Verfügung gestellt werden. Jeder nimmt genau so viel wie er braucht und tritt kürzer, wenn alle kürzertreten müssen. Oder eine totalitäre Administration sorgt für die Verteilung/Versorgung. Die klassische Geschichte der edlen Motive des Gesamten, der verqueren Moralvorstellungen und korrupten Funktionäre. Das Zusammenleben ist völlig global organisiert, vielleicht sogar maschinengelenkt: Algorithmen übernehmen, wofür Menschen nicht in der Lage sind. Für den einen eine Utopie und für den andern eine Dystopie, bietet die Welt genug Konfliktpotenzial.

    Denkbar ist auch, dass ein mittelalterlicher Fürst seinen Leuten aufzwingt für einander zu sorgen oder die Verteilung selbst lenkt. Er speist die Armen und lebt trotzdem im Reichtum. Unter ihm könnte eine sehr ambivalente Gesellschaft brodeln.

    Es geht um Verteilung von Werten. Genauso spannend ist, ob eine autarke Gesellschaft mit der Entwicklung des Auslandes Schritt halten kann oder deshalb erblüht und seinen Reichtum an Bodenschätzen, Farmland, Wasser nicht teilen möchte.

    Man könnte noch hinzufügen, dass in frühen Zeiten auch das Gewicht eine entscheidene Rolle spielte. Man hat das Geld gewogen und in Zusammenhang mit dem Material einen Wert festgestellt.
    Das erlaubt auch eine Vermischung von verschiedenen Währungen und kann Auskunft über die Herkunft einer Person geben.

    Denkbar ist auch eine Mischform: Zum Beispiel bezahlt der Handelsreisende nicht nur mit Münzen, sondern auch mit seltenen Gewürzen, die er von fernen Ländern mitgebracht hat.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Ich bin sprachlos – ein wirklich genialer und spannender Kommentar, der zu denken gibt.
      Beim Verfassen haben wir uns bei diesem Artikel mehr auf Welten mit Geldhandel konzentriert und ich versuchte, möglichst viele Aspekte anzusprechen, um dem geneigten Weltenbauer viele Ideen zu liefern :).
      Aber deine Ideen, die von einer alternativen Wirtschaftsordnung sprechen, finde ich spannend. Schreibe ja selbst an einer Anti-Utopie, in der es allerdings durchaus noch normalen Handel gibt.
      Aber natürlich gibt es immer mehrere Möglichkeiten, den Handel zu gestalten :D .

      Danke für den Kommentar!

  2. Pingback: Weltenbauartikel: Mittelalterliche Städte und Dörfer | Weltenschmiede

  3. Pingback: Weltengeflüster Juni 2014 | Weltenschmiede

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