Autorenportrait: William McGonnagal

William Topaz McGonnagal – in englischsprachigen Kreisen berühmt-berüchtigt, auch heute noch gern zitiert und von einer großen Web-Fangemeinde umgeben. Wofür dieser Mann noch heute gefeiert wird? Keinesfalls für eine große Entdeckung in der Wissenschaft oder für eine ungewöhnliche Begabung in der Kunst. Weder märchenhafter Reichtum noch außergewöhnlicher Witz führten zu seinem Nachruhm, im Gegenteil. Dieser Mann ist weltberühmt dafür, der schlechteste britische Dichter aller Zeiten zu sein. Warum also erinnern wir uns an William McGonnagal, obwohl wir seine erfolgreichen, talentierten Zeitgenossen verstauben lassen? Und was können wir aus seinem Beispiel über unsere Welten lernen?

Leben und Werk

Er wurde im März 1825 als Kind irischer Eltern in Edingburgh geborten – während in Irland eine große Hungersnot herrschte, zog seine Familie an den einzigen Ort, an dem es noch weniger zu essen gab: Nach Schottland.
Anfangs arbeitete er als recht kunstfertiger Weber, um seine Frau und seine sieben Kinder zu versorgen. Er war auch ein begeisterter Laienschauspieler – einer Anekdote zufolge zahlte er für das Privileg, auf der Bühne den MacBeth geben zu dürfen, weigerte sich jedoch, auf der Bühne zu sterben.
1877 schließlich erfuhr er laut eigenen Angaben eine Offenbarung – von nun an solle er Dichter sein. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 52 Jahre alt und war nicht mehr in der Lage, seine Familie als Weber zu ernähren. Er versuchte, sich unter die Fittiche von Königin Victoria zu begeben, scheiterte jedoch kläglich.
Zeit seines Lebens kämpfte er gegen den Alkoholismus – indem er in Pubs Gedichte wider das Trinken zum Besten gab. Diese wurden jedoch bestenfalls als Satiren angenommen.
Seinen Lebensunterhalt verdiente er seit 1877, indem er seine Gedichte auf der Straße verkaufte und für ein Trinkgeld laut verlas. Später arbeitete er in einem Zirkus – für fünfzehn Schilling pro Vorstellung ließ er sich mit faulen Eiern und Gemüse bewerfen, solange er dabei seine Gedichte vorlesen durfte. Und er war „not amused“, als man ihn zu seiner eigenen Sicherheit aus dem Job werfen wollte, da die Veranstaltung mit der Zeit zu brutal wurde und er ernsthaft verletzt werden könnte.
In der Zeit nach seinem Rauswurf lebte er von dem Geld, das ihm der Verkauf seines Sammelbands „Poetic Gems“ einbrachte – allerdings nicht viel, weshalb er zahllose weitere Gedichtbände herausbrachte. Zudem schrieb er viele autobiographische Werke.
Seinen Zweitnamen „Topaz“ nahm er an, nachdem Freunde ihm scherzeshalber einen Brief des „Königs von Birma“ zukommen ließen, in welchem er angeblich zum „Sir Topaz, Ritter des Weißen Elefanten von Birma“ geadelt wurde. Bis an sein Lebensende sollte McGonnagal mit diesem Titel unterschreiben.

Bis zu seinem Tod am 29. September 1902 in Edingburgh schrieb er über 200 Gedichte. Allerdings blieb er außerstande, Metaphern richtig einzusetzen oder auch nur dem simeplsten Metrum zu folgen. Oft reimte er, was nur der oberflächlichsten Betrachtung nach zu reimen wäre, verkrüppelte die Betonungen durch unterschiedliche Verslängen oder verdrehte Worte um des Reimes willen. Obwohl er in seinen Gedichten meist ernste oder gar tragische Themen behandelte, wirkten sie durch den Mangel an Kunstfertigkeit oft unfreiwillig komisch.
Bis heute gilt der mittellos gestorbene Mann als schlechtester Dichter, der je auf britischem Boden publiziert hat.

Zeitgenossen war es unmöglich festzustellen, ob der Mann von seinem Mangel an Kunstfertigkeit wusste oder nicht – nach außen hin zeigte McGonnagal sich immer als ein von sich selbst völlig überzeugter Dichter, dessen Talent aus Neid nicht genügend gewürdigt wurde.
Noch heute hat der ungewöhnliche Schreiberling seine Fans auf der ganzen Welt, die ihn auf einer eigenen Webseite würdigen und Gedichte nach seinem Vorbild verfassen: http://www.mcgonagall-online.org.uk/

Weltenbauerische Bilanz

Die Realität hat mit William McGonnagal einen ungewöhnlichen, skurril wirkenden Menschen geschaffen. Es ist schwer, sich einen so ungewöhnlichen Charakter auszudenken, ohne als Autor und Weltenbauer dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, einen viel zu schrägen Menschen in seine Geschichte eingebaut zu haben.
Doch es gab und gibt sie: Persönlichkeiten, die so ungewöhnlich sind, dass sie farbiger wirken als so manche Romanfiguren.
Das soll allen den Mut geben, schräge Barden wie McGonnagal in ihre Welten einzubauen – denn keine Angst, es gibt sie wirklich, die echten Originale.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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