Fallstudie: Im Rausch der Sinne – Odysseus bei den Lotophagen

Odysseus, der Held von Homers legendärem Epos „Die Odyssee“ muss viele Abenteuer bestehen. Zehn Jahre irrt er nach dem Ende des trojanischen Krieges über das Meer, weit weg von seiner geliebten Frau und seiner Heimat. Odysseus überlistet den Zyklopen Polyphem, befreit die äolischen Winde, entrinnt bei Skylla und Charybdis nur knapp dem Tode… so die bekanntesten Geschichten seines Abenteuers.

Doch kaum einer weiß, dass es in der Odyssee auch den Prototyp des klassichen Drogenproblems gibt.

Die Geschichte

Nach einem heftigen Sturm landet das Schiff des Odysseus an einer ihm unbekannten Insel. Durch seine vielen Abenteuer inzwischen misstrauisch geworden, schickt Odysseus Kundschafter aus, um die Insel erkunden zu lassen – nocheinmal würde er einem Menschenfresser nicht in die Falle gehen.

Doch seine Kundschafter kehren nicht mehr zurück und schließlich muss Odysseus selbst einschreiten und seine Mannen suchen.

Er findet sie bei den Lotophagen, „die blühende Speise genießen“, wie es im Text heißt. Die Lotophagen waren den Gefährten des Odysseus nicht feindlich gesinnt, im Gegenteil:

„ …. Sie gaben den Fremdlingen Lotos zu kosten.
Wer nun die Honigsüße der Lotosfrüchte gekostet,
Dieser dachte nicht mehr an Kundschaft oder an Heimkehr:
Sondern sie wollten stets in der Lotophagen Gesellschaft
Bleiben, und Lotos pflücken, und ihrer Heimat entsagen.“

Odysseus bleibt nur eine Option: Der knallharte Entzug. Er packt seine Männer, schleift die Weinenden aufs Schiff und setzt sofort Segel, ehe seine ganze Mannschaft den süßen Freuden der Lotosfrucht verfällt.

Lotos – Was ist das?

Was genau der Lotos ist, den die Lotophagen essen, wird in der Odyssee nicht gesagt. Doch scheint er wahrhaftig glücklich zu machen und die Sinne zu berauschen.

Dem Lotos zu entsagen, ist schwer: Die Männer des Odysseus weinen, als er ihnen die Frucht wegnimmt.

Fazit

Die Geschichte mit dem Lotos ist typisch für so manche Stelle in modernen Abenteuerromanen, wenn bei einem Gelage der Alkohol in Strömen fließt und das ganze Heer damit außer Gefecht gesetzt wird.

Andererseits lässt sie sich auch als die erste Rauschmittelgeschichte überhaupt lesen. Die Helden haben noch viel vor, doch, wie es in der Bibel so schön heißt: Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Der Substanzmissbrauch durchkreuzt alles, und es gibt keine Heldentaten mehr, wenn es nicht zuerst zu einem Entzug kommt.

Wie seht ihr das? Gibt es auch in euren Welten Probleme mit Rauschmitteln? Wenn ja, mit welchen? Und ist es die reiche Oberschicht, die sich berauscht, oder sind die Rauschmittel die einzige Möglichkeit für die Armen, ihr Schicksal zu vergessen?

(Die zitierten Verse folgen der Übersetzung von Johann Heinrich Voß)

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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12 Antworten zu Fallstudie: Im Rausch der Sinne – Odysseus bei den Lotophagen

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    In meiner Magierwelt gibt es zwar Alkohol, aber ich habe noch nicht über Rauschgift nachgedacht… Müsste ich mal durchdenken.

  2. Pingback: Fallstudie: Dem Odysseus seine Beziehungskisten | Weltenschmiede

  3. PoiSonPaiNter schreibt:

    Sind das die Gleichen, die in Percy Jackson – Diebe im Olymp die Kinder in Las Vegas im Kasino festgehalten haben? Ich kenne zwar nur den Film, aber da haben sie Lotusblüten zum Knabbern verteilt und die wollten dann nicht mehr weiter gehen, bis Percy den Bann durchbrochen hatte…

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Ich habe Percy Jackson noch nicht gesehen (obwohl die DVD hier irgendwo rumliegt …), aber deiner Beschreibung nach klingt das sehr nach den Lotophagen!

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Nicht ganz einen Monat später habe ich den Film inzwischen gesehen – beachtlich, was die für einen Antike-Mischmasch fabriziert haben :O

      Die Leute im Casino bei Percy Jackson sollen eindeutig die Lotophagen darstellen – wobei aber ein wichtiger Unterschied die Darstellung der selbigen ist. Im Film sind es ausnahmslos hübsche, junge Mädchen, die Tablette mit Lotusblüten herumtragen. In der Odyssee hingegen sind die Lotophagen aber ein ganzes Volk – da gibt es Frauen und Männer, Kinder etc. Also weit mehr als leichtbekleidetes Casino-Personal.
      Außerdem wollen die Lotophagen in der Odyssee den Männern des Odysseus nichts Böses. Die Lotophagen sind selbst von ihrer Droge abhängig, sie tun nichts anderes, als sie zu konsumieren. Wenn nun Fremde bzw. Gäste zu ihnen kommen, ist es der einzig logische Schritt, sie an dieser „Freude“ teilhaben zu lassen.
      Die Lotophagen im Film hingegen sind Schurken: Sie fangen absichtlich Menschen ein und halten sie mit ihrer Droge fest, während sie selbst nicht von der Droge abhängig sind, sondern einen klaren Kopf bewahren – so fällt es auch schnell auf, dass Percy von den Lotusblüten loskommt. In der Folge wird er dann gezielt damit bedient und am Verlassen des Casinos gehindert.
      Wobei mir im Film aber das Motiv der Lotophagen fehlte: Sie halten die Gäste in ihrem Casino, aber wozu? An einer Stelle wird ein Mann gezeigt, der behauptet, er sei seit den 80ern (?) im Casino. Der spielt immer noch Flipper, dürfte aber eigentlich längst kein Geld mehr haben. Reines Ködern und Behalten von zahlender Kundschaft dürfte also nicht das Motiv sein. Was aber dann? Sind sie einfach böse? Wenn ja, sind sie damit meilenweit von den ursprünglichen Lotophagen entfernt.

      Vielleicht ist das Buch da genauer und hat wirklich eine plausible Erklärung parat? Ich müsste es mal lesen und werde es auf meine Liste setzen. Wäre auch mal eine Fallstudie wert …

      • PoiSonPaiNter schreibt:

        Danke für die ausführliche Antwort.
        Ich glaube ich habe das generelle Festhalten iwie so verstanden, dass ihen irgendwann die Perle anvertraut wurden und sie einfach jeden der kam dabehalten sollten, damit niemand die Perle sieht und damit abhaut…oder iwie so hab ich das noch im Kopf…
        Vllt. leben die Percy-Lotophagen aber auch von der Lebensenergie ihrer Gefangenen oder so…wer weiß…vllt. hat das Buch da wirklich noch mehr zu zu sagen, soll soweit ich weiß nochmal ganz anders sein als der Film (wieder mal viel Abwandlung…).

        Auf die Fallstudie bin ich gespannt ;)

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Bitte!
        Logischer wäre dann aber, die Perle irgendwo zu verstecken, anstatt ein schillerndes Casino aufzumachen, wo tausend potentielle Diebe ein und ausgehen … Wobei, was spreche ich über Logik, zumindest der Film ist da sowieso nicht sehr ausgereift. Fängt ja schon damit an, dass der Olymp auf dem Empire State Building ist ^^
        Die Idee mit der Lebensenergie der Gefangenen wäre noch plausibel, aber die ist auch wieder weit weg von der Antikerezeption.

        Laut Wikipedia hat der Film jedenfalls ziemlich viele Unterschiede zum Buch – so gibt es scheinbar die Szene mit der Hydra in Nashville im Buch nicht. Ich denke, ich gebe dem Buch demnächst wirklich einmal eine Chance.

        Danke für den Hinweis auf die Rezeption bei PJ btw!

      • PoiSonPaiNter schreibt:

        Naja, in einem Kasino erwartest du ja Dekorationen, da fällt ne kleine Perle schon nicht auf. ;)

        Wobei der Hades unterm Hollywood-Schriftzug schon iwie was lustiges hat…auch wenn Hades selbst iwie ein abgehalfteter möchtegern Rockstar ist, aber trotzdem iwie lustig. :D
        Gern geschehen. :)

  4. Pingback: Doppelter Liebster-Award? Doppelte Antworten! | Weltenschmiede

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