„Vom Dunklen Garten Gottes“ – E-Mailbeitrag von William zur Blogparade

Per Facebook erreichte mich die Frage, ob man auch an der Blogparade teilnehmen dürfe, wenn man keinen eigenen Blog hat. Nach kurzer Absprache konnte ich hier eine Zusage machen und erhielt per Mail folgenden wunderbaren Beitrag von William:

Vom Dunklen Garten Gottes

Ich weiß noch, wie es früher war. Ich wurde jahrelang zu Hause unterrichtet und meine Eltern gaben regelrecht peinlich darauf Acht, dass ich auf keinen Fall ein belletristisches Buch in die Hand bekomme, egal was für eins es auch sein mag.
„Wir haben dich nicht aufgezogen, damit aus dir ein nutzloser Träumer wird.“ Diesen Spruch bekam ich zu hören, wann immer sie mich mit einem geborgten Buch irgendwo auf dem Campingplatz erwischten.
Irgendwann war es das höchste Zeichen für Rebellion für mich, mir einen Fahrschein zu kaufen und in die Innenstadt zu fahren. Dort suchte ich irgendeinen großen Buchladen und lief durch die Reihen. Die meisten Buchläden hatten eine Lesecouch und ich genoss es, außer Reichweite meiner Eltern dort zu sitzen und zu lesen.

Einmal schlenderte ich in den Buchladen und hörte Getuschel. Junge Leute zeigten hinter verhaltener Hand mit dem Finger auf mich und zischelten einander irgendwas zu. Schließlich schubste einer den anderen etwas in meine Richtung.
Ich war mehr als verwirrt, als ein Gleichaltriger auf mich zustolperte und fragte, ob ich das auf dem Buchcover bin und ob ich sie jetzt alle in Vampire verwandeln würde.
Vermutlich habe ich das gemacht, was Evanesca so treffend als „WTH-Gesicht“ bezeichnet hat. Buchcover? Vampire? Moment – jemand schreibt ein Buch, über mich, wo ich ein Vampir bin?
Natürlich musste ich mir das näher ansehen.
Irritierenderweise grinste mich mein etwas älteres Ebenbild von einer Ausgabe von Anne Rice‘ „Armand der Vampir“ entgegen, sodass ich natürlich annahm, Armand wäre der Blondling. Nachdem ich jedoch ein wenig im Buch geblättert habe, fiel mir auf, dass das gar nicht der erste Band sein musste, denn überall war irgendeine merkwürdige Vorgeschichte angedeutet.
Ich war gepackt und fragte den erstbesten Buchhändler, wo ich mit dem Lesen anfangen sollte. Wenige Minuten später stand ich mit meinem ersten selbstgekauften Buch („Gespräch mit dem Vampir“) auf dem Gehsteig von Bochum und wusste nicht, wohin mit mir.
Ich setzte mich in der erstbesten Grünanlage nieder und fing an zu lesen.

Rein räumlich war ich immer noch in unserer Welt. Aber geistig war ich im Dunklen Garten Eden, den Lestat immer wieder heraufbeschwor. Immer wieder wollte ich Louis schlagen, weil er das Ausmaß des Geschenks an ihn nicht begreifen konnte – aus einer Welt voller Regeln und Zwänge hatte seine Verwandlung ihn in eine Welt geführt, in der nur eine Regel galt: Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden.
Ich war wie verzaubert – aus meiner eigenen Welt, die fast nur aus Lehrstoff und Campingwagen bestand, war ich in eine Traumlandschaft versetzt worden, in der meine Schritte zu leichtfüßig sein würden um auch nur einen Grashalm zu krümmen. In denen nachts die Katzen nicht grau waren, sondern selbst in der tiefsten Finsternis ihre Farben bewahrten.
Dass Lestat genauso aussah, wie ich, machte es mir noch leichter, mich mit ihm zu identifizieren. Sein beißender Humor gemischt mit seinem Hang zur Romantik – das war ich, bevor ich meine Jugendliebe kennenlernen durfte. Seine Melancholie nach der Begegnung mit Gott und dem Teufel – das war ich, nachdem ich diese Liebe verloren hatte.
Ich erwischte mich bei stundenlangen gedanklichen Spaziergängen im „Dunklen Garten Gottes“, der geheimnisvollen Parallelgesellschaft der Vampire, für die nicht einmal die Gesetze der Physik mehr zu gelten schienen. Mit Armand sammelte ich Muscheln am Strand von Night Island und ich stand hinter Lestat und sah ihm beim Tippen zu, wenn er seine Biografie in den Computer hämmerte.

Kurz und gut, ich hatte mich aus meiner eigenen Welt vollkommen geflüchtet und war jahrelang in der Welt der Vampire ein unsichtbarer, aber hoffentlich willkommener Gast.
Die Bücher halfen mir, nach einer sehr traurigen Zeit wieder zu mir selbst zu finden und zur Ruhe zu kommen.

Noch heute unterschreibe ich im Internet oft nicht mit meinem Namen – sondern mit „Amicalement, Lestat“.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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