Fallstudie: Zeitreisen V – Hermine und der Zeitumkehrer

Im fünften Teil unserer Zeitreisen-Serie wenden wir uns einer der berühmtesten Zeitreisen der jüngeren Fantasy-Geschichte zu: Der Zeitreise von Hermine und Harry in Rowlings Meisterwerk „Der Gefangene von Askaban“.

Im Gegensatz zu anderen Szenarien – man denke etwa an Marty und Docs Probleme mit den Auswirkungen der Zeitreisen – ist man sich in der Welt von Harry Potter der Gefahren sehr wohl bewusst.

Daher sind Zeitumkehrer sehr selten und nur mit einer Sondergenehmigung vom Zaubereiministerium zu erhalten. Eine solche Sondergenehmigung hat Hermine Granger erhalten, weil sie sich – als Streberin, die sie ist – mit ihrem Stundenplan übernommen hat. Mehrere Kurse überschneiden sich und Hermine hat keine Chance, bei allen zu erscheinen.

Als Lösung wird ihr ein Zeitumkehrer anvertraut: Hermine kann so jederzeit die Zeit zurückdrehen und jeden Kurs besuchen.

Der Zeitumkehrer und seine Funktionsweise

Der Zeitumkehrer ist klein und handlich: Es handelt sich um ein kleines silbernes Stundenglas, das an einer Kette getragen wird. Jede Umdrehung des Stundenglases dreht die Zeit für den Träger der Kette um eine Stunde zurück. So erlebt der Zeitreisende jede Stunde ein zweites Mal und kann so zur gleichen Zeit an einem anderen Ort verweilen oder die Zeit nutzen (um z.B. in einer Stunde die Hausaufgaben von zwei Stunden abzuarbeiten).

Energie verbraucht der Zeitumkehrer keine. Wie auch sonst alles in der Welt von Harry Potter funktioniert er mit Magie und der sind praktisch keine Grenzen gesetzt.

Zurückspulen kann man aber nur die Zeit – ein Ortswechsel ist nicht möglich. Das hat zur Folge, dass der Zeitreisende für viele Außenstehende einfach unvermittelt auftaucht, obwohl zuvor noch keine Spur von ihm war. Auf diesen Umstand wird auch im Buch oft verwiesen, denn Harry fragt sich öfters, woher Hermine denn plötzlich kommt und es wird angemerkt, dass er nicht wahrnahm, wie sie plötzlich herkam….

Beim Zeitumkehrer handelt es sich also um eine äußerst mächtige kleine Erfindung.

Auswirkungen der Zeitreise

Die Harry-Potter-Welt geht ganz klar von einem deterministischen Universum aus. Denn die Handlung des Buches ergibt sich daraus, dass die Zeitreise (die erst im späteren Verlauf stattfindet) bereits mit eingeplant ist.

So weiht Hermine Harry am Ende des Schuljahres in das Geheimnis des Zeitumkehrers ein und gemeinsam reisen sie drei Stunden zurück und befreien den Hippogreif Seidenschnabel und den zu Unrecht verurteilten Magier Sirius Black. Bei dieser Zeitreise erklären sich manche Geschehnisse, die zuvor im Buch zwar auftauchten, aber ziemlich rätselhaft blieben.

So wurden Harry, Hermine und Sirius Black vor dessen Festnahme von Dementoren angegriffen. Harry versuchte noch, diese mit einem Patronus-Zauber abzuwehren, scheiterte aber. Als es hart auf hart kam und alle Hoffnung auf Rettung verloren war, glaubte Harry seinen Vater zu sehen, der die Dementoren mit einem Patronus vertreibt.

Als Harry in der Zeit zurückreist, will er seinem Vater begegnen und hält sich in der Nähe der Büsche auf, bei denen sein Vater auftaucht – aber sein Vater erscheint nicht. Stattdessen muss Harry zusehen, wie sein anderes Ich von den Dementoren beinahe getötet wird. Schließlich gesteht Harry sich ein, dass er nicht seinen Vater sah, sondern sich selbst – und er rettet sein früheres Ich mit einem Patronus-Zauber.

(Der Film zum Buch geht sogar noch weiter und baut mehrere andere solcher Geschehnisse ein, die das Antreten der Zeitreise voraussetzen.)

Gerade Harry-Potter-Fans stellen sich nun oft die Frage, ob mit Hilfe eines Zeitumkehrers nicht Voldemorts Rückkehr oder gar seine Ausbildung zum Magier hätte verhindert werden können, wenn sich denn jemand opfern und die 50 Jahre in der Zeit zurückreisen würde, um sie dann versteckt und ungesehen erneut zu verleben (und innerhalb dieser Zeitspanne dann wohl auch einsam zu sterben).

Da aber das Universum von Harry Potter deterministisch ist und daher eine jede Handlung vorherbestimmt ist (und somit auch die Zeitreise), ist es nicht möglich, dass Voldemort irgendwie anders aufgehalten wird als durch Harry Potter selbst.

Dass nur Harry es kann, zeigt schließlich auch die Prophezeiung von Sybill Trelawney, von der in späteren Bänden der Serie noch die Rede ist.

Ganz abgesehen davon wäre es moralisch wohl sehr fragwürdig, wenn sich die Guten auf eine Stufe mit den Bösen stellen und Voldemort einfach umbringen würden, während es sich bei ihm noch um ein unschuldiges Kind handelt…

Fazit

Ein Zeitumkehrer um jeden Kurs besuchen zu können und für jedes Lernen und jede Hausaufgabe genug Zeit zu haben … welcher Student würde sich so etwas nicht wünschen? Vielleicht doch noch mal die Post von früher durchgehen? Vielleicht wurde der Brief von Hogwarts ja bloß übersehen?

Spannend ist Rowlings deterministische Zeitreisengeschichte aber alle Mal und gerade durch das erneute Aufrollen der Geschehnisse von hinten ergibt sich ein Puzzle-Teil nach dem anderen, schöner und spannender als in jedem Krimi.

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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12 Antworten zu Fallstudie: Zeitreisen V – Hermine und der Zeitumkehrer

  1. Tintenelfe schreibt:

    „Der Gefangene von Askaban“ ist mein liebster Teil der Harry-Potter-Reihe und Sirius Black war mein Held. (Allerdings fand ich ihn später nur noch nervig.) Das Zeitreisen bei Harry Potter fand ich ganz geschickt gelöst und ich habe mich auch nicht an Logikproblemen gestört. Bei Zeitreisebüchern finde ich normalerweise immer etwas, was mich stört und mir unlogisch und nicht zu Ende gedacht vorkommt. Deshalb nehme ich inzwischen auch weitestgehend Abstand davon, so faszinierend das Thema auch ist.

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Lustig – der dritte band war auch mein liebster Teil der HP-Reihe :)

      Ich fand vor allem die Darbietungsform bei Rowling große Klasse – durch die Zeitreise am Ende des Buches erklären sich viele Rätsel und kleine Unstimmigkeiten, die einem zuvor beim Lesen auffallen.

      Außerdem war es toll, mal über eine Zeitreise zu schreiben, die keine großartigen Auswirkungen auf Vergangenheit oder Zukunft hat – ich hab da ja bei Zurück in die Zukunft oder Deja-Vu bereits die größten Verwirrungen entwirren dürfen.

      Aber es stimmt, wenn man sich zu sehr mit Zeitreisen beschäftigt und das Thema zu sehr zerpflückt, macht man sich auch den Spaß daran zunichte. Evanesca ist wohl jetzt noch sauer, weil ich ihr den tollen Deja-Vu-Film zerredet habe *G*

  2. Mark Grabner schreibt:

    Wie hat es Hermione eigentlich geschafft, komplett ungesehen ihre Vorlesungen (und die Prüfungen dazu) zu absolvieren?

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Im Buch wird ja oft aus Harrys Perspektive berichtet, dass Hermine sich im Kurs zu Wort meldet, ohne dass er bemerkt hat, wann sie gekommen ist. Ich vermute, Hermine hat sich einfach in das leere Klassenzimmer ein paar Stunden später gestellt und die Zeit zurückgedreht, sodass sie dann einfach in der Klasse aufgetaucht ist – das ist wohl im Trubel dessen, dass die Stunde eh grad begann und alles drunter und drüber ging, niemandem aufgefallen.
      Es geht ja weniger darum, von niemandem gesehen zu werden, als vielmehr von Leuten gesehen zu werden, die es sehr komisch fänden, dich anzutreffen (wie etwa dein Ich der Vergangenheit in Begleitung von Freunden). Bei den Prüfungen vom Prof. und von Mitschülern gesehen zu werden, ist völlig in Ordnung, solange sie dich nicht zweimal gleichzeitig sehen.

  3. Pingback: Fallstudien: Zeitreise – auf “Weltenschmiede” | Treffpunkt Phantastik

  4. Meckermaus schreibt:

    Was ich persönlich unlogisch finde: Wenn der Zeitumkehrer dermaßen gefährlich und selten ist, warum bekommt Hermine dann eine Sondergenehmigung zu so einem popeligen Zweck wie einen vollgerümpelten Stundenplan zu bewältigen (wo man schlicht auch ein paar Fächer abwählen könnte?) Das spricht dafür, dass man dieses Mittel für alles und jedes einsetzen könnte, was aber wiederum den Plot kaputt machen würde, und scheint mir daher nicht gut durchdacht.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Einerseits: Die Harry-Potter-Serie ist für Jugendliche und ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich weder beim ersten Lesen von Band 3 im Alter von 11 Jahren noch jemals später auf diese Frage gekommen bin (es ist allerdings schon . Einfach weil mir die magische Welt so widersprüchlich, gefährlich und gleichzeitig in Bezug auf Sicherheit herrlich lax erschienen ist, dass mir gar nicht in den Sinn kam, die Zeitumkehrergeschichte zu hinterfragen. Dazu passt dieser herrliche Artikel auf Tor.com (bin mir nicht sicher, ob wir den nicht mal im Weltengeflüster hatten im Mai, ich fand den schon damals klasse), für Zauberer ist es auch kein Problem, 11-Jährige in den Verbotenen Wald zu schicken (als Strafarbeit) um mal schnell den Einhornkiller zu suchen ^^. Ironischerweise ist der Zeitumkehrer in Emily Asher-Perrins Artikel gar nicht erwähnt, dabei hätte Hermine damit natürlich selbstredend sonstwas anstellen können bis hin zum völligen Crash des Raum-Zeit-Kontinuums.
      Wie gesagt, es ist ein Jugendbuch und daher habe ich an dieser Stelle (während ich es bei Büchern für andere Altersgruppen sehr, sehr übelnehmen würde) kein Problem damit, dass der Zeitumkehrer genau dann, wenn er gebraucht wird, rein zufällig unter dem Vorwand zur Stelle ist, dass Hermine einen braucht für ihren Stundenplan.
      (Wobei ich nicht sagen würde, dass sie ihn damit bewältigt – eher bekommt sie die Chance, den Mist mit ihren drölfzig Fächern wirklich durchzuziehen bis hin zum Burnout, obwohl McGonnagal/Dumbledore durchaus die Macht hätten, ihr das Abwählen einiger Fächer aufzuzwingen. Aber in Hogwarts soll jeder und jede die Chance bekommen, den Fehler selbst zu machen, was nicht unpädagogisch ist, nur halt… aus heutiger Sicht recht gewagt, wenn man unsere Zuckerwattegesellschaft in Bezug auf Kinder bedenkt. Erst als Hermine kurz vor dem Zusammenbruch steht und dann erst Wahrsagen, später noch ein Fach abgibt, weiß sie: Auch sie hat ihre Grenzen und kann nicht alles machen lernbelastungstechnisch. Aber immerhin hatte sie die Chance, den Quatsch zu probieren und noch nebenbei die Verantwortung für ein hochgefährliches magisches Gerät…).

      Wobei ich nicht glaube, dass es so leicht ist an einen Zeitumkehrer zu kommen und ihn für alles Mögliche zu verwenden. Ich meine, wieso gibt es in der magischen Welt ganze Brigaden, die nur damit beschäftigt sind, magische Unfälle zu vertuschen, statt sie einfach mit Hilfe von Zeitumkehrern wieder rückgängig zu machen? :)

      (Jetzt ist diese Antwort viel länger ausgefallen, als beabsichtigt – danke für den Kommentar und die Diskussionsmöglichkeit, genau für solche Kommentare machen wir das hier!)

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        „Ich meine, wieso gibt es in der magischen Welt ganze Brigaden, die nur damit beschäftigt sind, magische Unfälle zu vertuschen, statt sie einfach mit Hilfe von Zeitumkehrern wieder rückgängig zu machen? :)“

        Weil man Unfälle durch Zeitumkehrer nicht rückgängig machen kann – meine Fallstudie nicht gelesen? Das Zeitreise-Konzept von Harry Potter ist deterministisch, der Einsatz des Zeitumkehrers setzt sich selbst voraus. Insofern ist es von Dumbledore auch nicht sorglos, Hermine einen Zeitumkehrer zu geben – sie kann damit nichts anderes anstellen, als sie damit eh anstellen würde, da ihre Handlungen vorausbestimmt sind. Es gibt keine Abweichung davon.

        Die interessantere Frage wäre, ob und wie Dumbledore eigentlich Einblick in diesen Determinismus hat – denn es gibt so viele Stellen in den Büchern, wo er die Ereignisse richtig vorhersagt.
        Hier spielt uns die Logik dann aber wieder einen Streich, weil wenn alles, was Hermine tut, vorherbestimmt ist, ist auch alles, was Dumbledore tut, vorherbestimmt und es hat dann keiner in der Wet von Harry Potter einen freien Willen, keine Figur könnte sich anders entscheiden, als sie es tut. Auch Dumbledore nicht.

        Die einzige Möglichkeit, den logischen Knoten zu lösen, wäre anzunehmen, dass die Zeitreise einen zusätzlichen alternativen Zeitstrahl schafft (so wie bei Zurück in die Zukunft) und es damit einen Zeitstrahl gibt, auf dem Sirius vom Dementor geküsst wird, einen auf dem Hermine Mist baut und das Raum-Zeit-Kontinuum in den Sand setzt, einen wo Hermine und Harry ein Paar sind, einen wo Harry von Voldemort umgebracht wird, etc.
        Nur dann wäre man weg vom Determinismus… und dann könnte man sich die Frage stellen, ob es von Dumbledore fahrlässig ist, Hermine einen Zeitumkehrer zu geben. Und die kurze Antwort: Ja, das ist es. Aber wohl nur für unsere Verhältnisse, nicht für die von Zauberern. Wie du ja eh schon so schön ausgeführt hast.

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        „Weil man Unfälle durch Zeitumkehrer nicht rückgängig machen kann – meine Fallstudie nicht gelesen? “

        Das war ja auch eine rhetorische Frage, Herr Kollege!

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Dann nichts für ungut, Frau Kollegin!

  5. Tony schreibt:

    Ich habe mir auch schon öfter die Frage gestellt, warum niemand den Zeitumkehrer benutzt hat, um Voldemort aufzuhalten. Klar, die moralischen Aspekte sollten auch beachtet werden, allerdings wurde ja noch nicht mal darüber gesprochen, dass dies in Erwägung gezogen wurde. Die Erklärung über die deterministische Welt ist sehr interessant und mir vollkommen neu. Danke für die Aufklärung :)

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Gerade da die Deterministik der Welt diesen Einsatz ausschließt, muss es wohl gar nicht thematisiert werden, dass der Zeitumkehrer gegen Voldemort eingesetzt wird.
      Aber zumindest gegenüber den unwissenden Schülern, die Harry & Co. nun einmal sind, hätte man es mal erwähnen können, da stimme ich dir zu.

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