Fallstudie Schurken I – Lord Voldemort

Sein Gesicht kann im wahrsten Sinne des Wortes Alpträume bereiten – schlangengleiche, platte Nüstern statt einer Nase, leichenblasse Haut und unnatürlich lange Finger. Doch es ist nicht nur das Äußere, welches Lord Voldemort zu einer der gruseligsten Figuren der Jugendliteraturgeschichte macht – sein Innenleben und seine menschenfeindliche Ideologie, seine Gefühlskälte und seine Methoden machen ihn zu einem unerbittlichen, schrecklichen Schurken.

Der Weg zum Bösen

Schon als Kind hatte Tom Riddle das Gefühl, anders zu sein. Er nutzte seine Macht über andere Kinder überwiegend, um sie einzuschüchtern. Schon als Kind klaute er anderen Kindern besonders schöne Spielsachen, auch um sich an den Triumph über diese Kinder zu erinnern. Als Dumbledore ihm persönlich mitteilte, dass er ein Zauberer sei, sah Tom Marvolo Riddle – in der deutschen Ausgabe Vorlost – sich in seinem Gefühl bestätigt, etwas Besonderes und somit Besseres zu sein.
In Hogwarts legte er sich bereits den Namen zu, den später viele Erwachsene nicht mehr wagen würden auszusprechen: Lord Voldemort. Dumbledore blieb der Einzige, der seinem Charme nicht erlag – denn vor ihm hatte der gutaussehende und begabte Schüler sein wahres Gesicht gezeigt. Darum blieb er misstrauisch – auch wenn sämtliche anderen Lehrer alle Augen zudrückten, sodass er vor ihren Augen die Dunklen Künste erlernen und die Kammer des Schreckens öffnen konnte.
Nach Myrthes Tod schuf er seinen ersten Horcrux – ein magisches Artefakt, das die Hälfte einer Menschenseele enthält und so den Erschaffer vor dem Tod bewahrt, allerdings nur nach einem Mord erschaffen werden kann. Es handelte sich um das Tagebuch seines 16-jährigen Ichs, das er später Lucius Malfoy zur Aufbewahrung übergab. Beobachtet von Dumbledore, konnte er seinen Weg des Bösen erst nach seiner Schulzeit oder in den Ferien fortsetzen: So tötete er Marvolo/Vorlost Gaunt und nahm dessen Ring an sich – später sein zweiter Horcrux.
Neben seinen erfolglosen Bewerbungen als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste fängt er bei Borgins & Burkes an – einem Geschäft für allerlei dunkle Artefakte. Er nutzt seine Position, seinen Charme und seine Begabung für Legilimentik, um seinen Verhandlungspartnern ihre Geheimnisse zu entlocken, sie zu töten und an begehrte Trophäen – besonders Gegenstände aus dem Besitz der Hogwartsgründer – zu gelangen. So erbeutete er von Hepzibah Smith Slytherins Medaillon – Erbstück seiner Familie – und Helga Hufflepuffs Becher.
Schließlich überzieht er mit seinen Anhängern das magische England mit Angst und Schrecken. Je mehr Macht er hat, desto paranoider wird er, sodass eine halb angehörte Prophezeiung Sybill Trelawneys ausreicht, um sich auf die Jagd nach der Familie der Potters zu machen.
Die Folgen sind den Lesern der Harry-Potter-Reihe bekannt: Nachdem sich Lily für ihren Sohn opfert, prallt der Fluch von Harry zurück und hinterlässt lediglich eine Narbe, während Voldemorts Körper zerstört wird.
Von nun an ein körperloses Wesen, startet er zehn Jahre später den ersten Versuch, wieder an die Macht zu gelangen, indem er Quirrel auf den Stein der Weisen ansetzt – doch der scheitert. Erst nach Wurmschwanz‘ Flucht 1993 und seiner Rückkehr zu ihm kann er sich einen provisorischen Körper erschaffen. Mit Hilfe von Harrys Blut, Wurmschwanz‘ Hand und den sterblichen Überresten von Voldemorts Vater wird seine Rückkehr möglich.
Der Rest ist bekannt: Ein steiler Anstieg des Schreckens, der erst durch Harry Potter beendet werden konnte.

Seine Ziele und Absichten

Oberflächlich betrachtet ist es sein oberstes Ziel, den Tod zu besiegen und Unsterblichkeit zu erlangen. Nicht zuletzt zu diesem Zweck erschafft er die sieben Horcruxe und verliert darüber nahezu alles Menschliche in ihm. Sein Hauptziel war es jedoch, eine Herrschaft der Reinblüter über Großbritannien aufzubauen. Ob er auch eine Weltherrschaft anstrebte, ist unklar – wäre aber plausibel.
Dieser Wunsch kommt nicht von ungefähr – Voldemort hasst den Muggelanteil seiner Herkunft, da sein Muggelvater dessen Mutter verließ, noch ehe er geboren war. Es verletzte ihn zutiefst, dass seine zaubernde Mutter ihrerseits nicht in der Lage war, sich selbst vor dem Tod zu bewahren. Denn Sterblichkeit sieht er als größte und beschämendste menschliche Schwäche, die es zu überwinden gilt.
Daraus entsprang sein glühender Hass für alles Nichtmagische, das er zu unterwerfen und zu vernichten trachtete. Dies drückt sich nicht zuletzt in Parolen wie „Magic Is Might“ aus, die andeuten sollen, dass Magielose in Voldemorts Welt nichts zu sagen haben sollen und er Magier für die bessere „Rasse“ hält.
Seine radikale Einstellung entsprang nicht zuletzt aus seinem Gefühl der eigenen Unvollkommenheit – da er seine nichtmagische Hälfte nicht vernichten kann, verleugnet er sie und richtet sein Augenmerk zugleich auf die Zerstörung des Nichtmagischen in der Welt.

Kräfte

Zu seinen angeborenenKräften gehört, dass er ein Parselmund ist – also in der Lage, mit Schlangen zu sprechen. Diese seltene Fähigkeit besitzen bis auf Harry Potter nur Abkömmlinge Salazar Slytherins. Voldemort kann sie auch einsetzen, um mit Schlangen zu kommunizieren, während er körperlos in Albanien umherirrt und auf eine Gelegenheit zur Rückkehr wartet. Diese Kraft ist es, die es ihm letztendlich ermöglicht hat, die Kammer des Schreckens zu finden, zu öffnen und den Basilisken zu kontrollieren.
Außerdem scheint er eine natürliche Begabung für Okklumentik und Legilimentik zu haben – schon als Kind setzt er sie gezielt ein, um Tiere und Menschen zu beeinflussen. Später kann er damit die Erinnerungen seiner Opfer so manipulieren, dass er nie als Drahtzieher hinter bestimmten Morden entlarvt wird: so ist Hokey der aufrichtigen Meinung, Hepzibah Smith vergiftet zu haben. Im fünften Band versucht er, Harry zu beeinflussen, indem er ihm immer wieder die Tür zur Halle der Prophezeiung zeigt und ihn anschließend mit der Vision des gefolterten Sirius dort hinlockt.
Angeblich ist er neben Dumbledore der einzige Zauberer, der lautlos apparieren kann.
Dazu fliegt er im siebten Band völlig ohne magische Hilfsmittel, was als unmöglich gilt.
Er gilt als einer der brilliantesten Schüler, den Hogwarts je hatte und sein magisches Wissen scheint nur mit dem Dumbledores konkurrieren zu können.

Die Todesser

Schon zu Schulzeiten nannten sich Voldemorts Anhänger „Todesser“ – auch wenn sie erst viel später zu der gefährlichen Terrorgruppe werden, als die sie die Zauberergemeinschaft in Angst und Schrecken versetzen.
In den Büchern treten sie in schwarzen Kapuzenumhängen und maskiert auf. Außerdem wurde ihnen das Dunkle Mal auf den linken Unterarm gebrannt – ein Totenschädel, aus dessen Mund eine Schlange quilt. Mit dem Zaubersproch „morsmordre“ brennen sie es in den Himmel, um den Ort ihrer Morde zu markieren. Außerdem dient es dazu, von Voldemort gerufen zu werden: Berührt er das Dunkle Mal eines Todessers, apparieren sie sofort an seine Seite.
Wie viele von ihnen es wirklich gibt und wer dazugehört, ist sehr schwer zu ermitteln, da nur der innere Kreis tättowiert ist und es zahlreiche Kolloborateure gibt. Diese reden sich bei den Prozessen in den 80er Jahren oftmals damit heraus, unter dem Imperiusfluch gestanden zu haben. Aber selbst Mitglieder des inneren Kreises bleiben bisweilen unentdeckt oder kaufen sich auf diverse Weisen frei.
Einige wenige treten offen auf, darunter Bellatrix Lestrange, die meisten dagegen verleugnen ihre Todesserschaft.
Zum ersten Mal treten sie wieder im Vorfeld der Quidditsch-Weltmeisterschaft auf, wo sie eigenmächtig zusammenkommen und eine Muggelfamilie quälen. Ihr erstes von Voldemort geleitetes Zusammentreffen nach seinem Sturz erfolgt wenig später bei seiner Wiederkehr auf dem Friedhof von Little Hangleton. Seitdem rekrutieren sie erneut Zauberer und terrorisieren alle, die nicht in ihre Reihen eintreten wollen. Slughorn beispielsweise flüchtet vor ihnen und versteckt sich in den Häusern verschiedener Muggel. Im sechsten Band attackieren sie erstmalig Hogwarts.
Obwohl in den Augen der Todesser alle Wesen, die keine reinblütigen Zauberer sind, als minderwertig gelten, scheuen sie sich nicht, Werwölfe, Riesen und andere Wesen für ihre Sache zu rekrutieren.

Weltenbauerisches Fazit

Auch wenn Voldemort und seine Todesser auf den ersten Blick wie die stereotypen, rein bösen Charaktere wirken, reicht ein genauerer Blick hinter seine Fassade und die seiner Anhänger: Sie alle haben eine vielschichtige Geschichte, die uns lehrt, dass auch Weltenbauer und Romanautoren ihre Antagonisten nicht einfach nur mit einem bösen Charakter und einem gemeingefährlichen Ziel ausstatten dürfen.
Harry Potter begann als Kinderbuch und so ist Voldemort in den ersten Bänden charakterlich stereotyper böse als später in den Bänden sechs und sieben, wo sich seine Lebensgeschichte vor dem Leser entfaltet und zeigt, dass nicht einmal er von Geburt an böse war.
Wer also ein Buch schreiben will, das den Leser über Jahre begleiten will, muss nicht nur seinen Protagonisten, sondern auch den Antagonisten kontinuierlich weiterentwickeln und mit mehr Graustufen ausstatten.
Dies ist J.K. Rowling in diesem Fall gelungen.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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13 Antworten zu Fallstudie Schurken I – Lord Voldemort

  1. locke schreibt:

    Wow, besonders der letzte Teil ist wirklich Augenöffnend!
    Tolles Beispiel!

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Danke schön :). Ich hoffe, dass auch die folgenden Artikel aus dieser Serie erhellend sein werden.

  2. Julias Buchblog schreibt:

    Erschreckend, wie viele Details ich bereits vergessen habe, dabei mochte ich Voldemort als Bösewicht ganz gerne. Offenbar muss ich die Reihe nochmals lesen…
    Ich bin jedenfalls auf die weiteren Bösewichte gespannt.

    LG, Julia

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Ich glaube, wenn man sich aktiv mit einem Thema auseinandersetzt, fällt einem viel mehr ein, als man vom reinen Lesen behalten kann :). Das ist die Natur der Dinge :).
      Die Serie bleibt hoffentlich spannend!

      LG,
      Evanesca

  3. Alice Högner schreibt:

    Hallo,

    ich habe dich für den Best Blog Award nominiert. :)
    Zum mitmachen lies bitte meinen Artikel und beantworte die gestellten Fragen.

    http://mealiceblog.wordpress.com/2013/04/01/best-blog-award/

    Liebe Grüße,

    Me, Alice

  4. Pingback: Fallstudie: Schurken II – “Wir wollen über die Erde regieren… | Weltenschmiede

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  6. Kathi Haderer schreibt:

    Ich denke, dass Rowling ihren Bösewicht sehr geschickt aufbaut. Er ist ein Mythos, den jeder kennt, bis auf Harry. Stückchenweise werden ihm Brocken über diese Figur zugespielt, die so absolut böse ist, die so viel mit ihm verbindet, ohne dass er es weiß. Harry lernt das absolute Böse, das Voldemort verkörpert, zeitgleich mit dem Leser kennen. Allein, dass niemand seinen Namen aussprechen will, macht ihm schon zu einer erhobenen Gestalt.
    Man trifft Voldemort wiederholt in den Romanen, aber jedes Mal in einer anderen Gestalt, in einer anderen Form. Er ist vielgesichtig, auf seine Art und Weise (gerade in Band 2, wo seine Backstory erzählt wird) vielschichtig. Tragisch auf jeden Fall.
    Ich glaube es ist sehr schwer einen Bösewicht wie Voldemort darzustellen, ohne ihn platt wirken zu lassen. Dieses „absolute Böse“, das er darstellt, kann sehr schnell flach und platt wirken. Da muss man Rowling wirklich Respekt zollen, denn wenn ich mich an meine Jugend und vor allem an die ersten Bände erinnere, überkommt mich noch immer dieses Gefühl von leichtem Grusel.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Das ist einfach nur ein richtig, richtig toller Kommentar! (Das musste vorneweg gesagt werden, ehe ich zum Rest komme *g*)

      Stimmt, du hast Recht. Dadurch, dass der Leser zusammen mit dem Prota die vielen Schichten von Voldemort entdecken muss, wird er vieeeel interessanter, als wenn man alles von vornherein wusste. Das ist eine sehr interessante Herangehensweise.
      Schwer ist es wirklich und ich glaube, dass er in den ersten Bänden noch etwas platter ist als in den späteren – was aber vermutlich daran liegt, dass ich Band eins durchaus auch einem Sechsjährigen zu lesen geben würde. Band 5 aber beispielsweise schon nicht mehr und Band 7 schon gar nicht. Dadurch, dass man quasi einen Zielgruppenshift innerhalb der Reihe hat, hat man auch einen immer komplexeren Antagonisten…

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  9. Tony schreibt:

    Erschreckend wie viel ich doch wieder vergessen habe. Beispielsweise wusste ich gar nicht mehr, dass Voldemort sich mal als Lehrer für Hogwarts beworben hatte und wie es danach weiterging.

    Es kommen ja immer wieder Gerüchte zu neuen Harry Potter Büchern auf. Ich würde mich wirklich wünschen, dass es mitunter mal ein Buch über die Geschichte von Voldemort gibt. JK hat einfach eine interessante Persönlichkeit geschaffen, die wie du schon toll herausgearbeitet hast, alles andere als der Stereotyp des Bösen ist.

    Beste Grüße
    Tony

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Früher habe ich, um nichts zu vergessen, die Bücher mindestens einmal jährlich noch mal alle gelesen. Mein letzter Reread ist aber schon etwas her…
      Ich glaube, über Harry Potter schreiben wir hier auch in zehn Jahren noch Artikel, weil die Reihe so vielfältig ist.
      Persönlich träume ich ja von einem Prequel – also von der Geschichte aus der Zeit der Herumtreiber, im ersten Krieg gegen Voldemort.
      Voldemort selbst ist aber auch eine vielfältige Persönlichkeit.

      LG,
      Evanesca

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