Weltenbauartikel: Was ist eigentlich böse?

Ihr habt einen wunderbaren Protagonisten geschaffen, mit kleinen Fehlern und liebenswerten Macken und ihn in eine Welt gesetzt, in der alles wunderbar funktioniert – Wahrsager bevölkern die Jahrmärkte, die Krieger schwingen zeitaltergerechte Waffen und auch das politische System ist genauestens auf die Welt abgestimmt.
Nur… Was soll der Protagonist in der perfekten Welt?
Irgendwas fehlt – vielleicht… Ein würdiger Gegner?

Wie erschaffe ich einen Super-Schurken für meine Welt?

Zuerst einmal muss man sich immerzu bewusst sein, wie viele Schurken, Gegner und Bösewichte Literatur und Popkultur in all den Jahrtausenden hervorgebracht haben. Wann immer also der geneigte Weltenbauer und Autor einen Gegner für seinen Protagonisten konzipiert, wird dieser Gegner unweigerlich auf die eine oder andere Weise in der literarischen Tradition von Jahrtausenden stehen.
Besonders in den letzten Jahren haben unter anderem Comics, aber auch darauf aufbauende oder persiflierende Zeichentrickserien ein regelrechtes Klischeebild dessen geschaffen, was ein Gegner zu sein hat oder nicht zu sein hat. Wir sind diesem Einfluss nahezu permanent ausgesetzt, sodass es zunehmend schwer wird, beim Konzipieren eines Gegners nicht in eines dieser Klischees zu verfallen.
Hier eine (nicht immer ganz ernst gemeinte) Liste, wie ihr mit Klischees umgehen sollt:

Die 23 Dinge, die ein Antagonist lieber lassen sollte, wobei die Numerierung nach Zeitpunkt des Einfalls erfolgt und keine Wertung darstellt:

  1. 1Keine langen Reden halten
  2. Keine sinnlos komplizierten und/oder langsamen Tötungsmaschinerien verwenden
  3. Keine Gefangenen!
  4. Keine Aufgaben an unfähige/illoyale Untergebene delegieren – selbst ist der Böse!
  5. Spiel befreundete Gegner nicht gegeneinander aus – die Freundschaft ist immer stärker!
  6. Nähere dich nie einem vermeintlich toten Feind – wozu gibt es Fernkampfwaffen?
  7. Steige nie der Freundin/dem Freund des Helden/der Heldin nach – er/sie verrät dich bei der erstbesten Gelegenheit.
  8. Verwende keine Körpertauschmaschinen oder Zaubersprüche – die stiften nur Verwirrung.
  9. Wenn du alte Männer gefangen nimmst – nimm ihnen die Krücken ab!
  10. Bestell keine Pizza o.ä. in dein Geheimversteck!
  11. Tarne deinen Überwachungswagen nicht als Blumenlieferant – das durchschaut jeder!
  12. Lass deinen Killer nicht schwarz tragen – das fällt auf!
  13. Vermeide es, fies zu deinen Untergebenen zu sein – dann verraten sie dich auch nicht!
  14. Geh keine emotionalen Bindungen ein.
  15. Bau keinen Selbstzerstörungsknopf ein.
  16. Unterschätze nie einen Feind aufgrund seines Alters.
  17. Versuche nicht, den Helden auf deine Seite zu ziehen.
  18. Geh keinen Pakt mit dem Teufel oder ähnlichen Mächten ein.
  19. Zerstöre nicht die Welt, auf der du selbst lebst.
  20. Die fiese Lache ist abgedroschen – außerdem verrätst du dich dadurch zu früh! Also spar sie dir!
  21. Gewähr Verurteilten keinen letzten Wunsch, das könnte üble Folgen für dich haben.
  22. Lege dir keinen markanten, englischen Spitznamen an, der mit deinem Aussehen zusammenhängt.
  23. Weiteres Klischeenamen-No-Go: Dr. plus irgendwas. Die gibt es so oft, dass das schon parodiert wird. Also besser die Finger davon lassen!

Über einen ausbalancierten, weitestgehend klischeebefreiten Antagonisten schrieb ich bereits hier , aber wenn nun sämtliche Buchbösewichte Voldemort gleichkommen würden, wäre erneut ein Klischee geschaffen worden – so kann der tatsächliche Antagonist nur als Inspiration dienen.
Neben Buchantagonisten gibt es auch – leider – zahlreiche reale Diktatoren und Verbrecher, die als Inspiration für Antagonisten dienen können. Um Viele von ihnen ranken sich Verschwörungstheorien – so heißt es immer wieder, Hitler hätte einem okkulten Zombiekult angehört oder Stalin hätte permanent Pfeife geraucht, um den Bösen Blick abzuwehren. Außerdem bilden reale Diktatoren, besonders gut erforschte aus der Neuzeit, Charakterschablonen, an denen man sich als Schreiber orientieren kann.

Wie erschaffe ich ein „böses Land“ für meine Welt?

Natürlich ist der Begriff „böses Land“ im Grunde genommen nicht ernstzunehmen – das müsste ja im Grunde genommen bedeuten, dass dessen Einwohner zu 100% der welteigenen Definition von „böse“ entsprechen – und das ist im Allgemeinen recht schwierig. Außerdem gehen die Schwierigkeiten spätestens dann los, wenn nicht alle mit der Kategorie „Böses Land“ einverstanden sind: Im Kalten Krieg war es beispielsweise so, dass die Welt regelrecht in zwei Blöcke geteilt war – für den sogenannten „Ostblock“ (der nicht nur die Sowjetunion, sozialistische Staaten in Osteuropa oder die DDR umfasste, sondern dem auch Kuba, Teile Vietnams, die Mongolische Volksrepublik und Teile Afrikas angehörten) waren die „Kapitalisten“, allen voran die USA, der Quell allen Bösen. Für die USA und andere NATO-Staaten sah die Realität jedoch genau umgekehrt aus.
Man muss auch sehr vorsichtig damit sein, ein unter der Diktatur stehendes Land oder dessen Einwohner pauschal als „böse“ abzustempeln – es gibt immer Regimegegner und couragierte Menschen, die sich auflehnen.
Anders sieht es teilweise in der Literatur aus – in der Pentalogie „Die Chroniken von Prydain“ des walisischen Autors Lloyd Alexander ist beispielsweise Annuvin, die Heimat des dunklen Herrschers Arawn, ein durch und durch dunkler Ort. Dies spiegelt sich nicht zuletzt darin wider, dass die untoten Krieger von Arawn stärker werden, wenn sie in der Nähe von Annuvin sind – aber zunehmend schwächer werden, wenn sie sich davon entfernen.
Allgemein betrachtet, hängt es von zahlreichen Faktoren ab, ob ein Land als „böse“ einzustufen ist. Außerhalb von Beispielen wie in den „Chroniken von Prydain“ ist dies oft abhängig von der Meinung der jeweiligen Politiker.

Die philosophische Dimension der Debatte

Die Schwierigkeiten fangen bereits damit an, gut und böse einwandfrei zu definieren. Was in unserer Zeit und unserer Kultur als böse gilt, galt früher als völlig normal:

  • Die Römer empfanden es nicht als böse und verachtenswert, Verurteilte oder verfolgte Kleingruppen in Tierhetzen unter den Augen von Tausenden brutal ermorden zu lassen
  • Die Azteken haben ihre Taten nicht als böse empfunden, als sie Menschen opferten und sie dann die Pyramiden runterwarfen
  • Im alten Ägypten empfand es anfangs niemand als falsch, einen toten Herrscher mit seiner lebenden Frau und lebenden Dienern einzumauern – erst später wurden Menschenopfer durch Tonfiguren ersetzt
  • Die Menschen, die wehrlose Frauen als „Hexen“ verbrennen ließen, waren sich sicher, das moralisch Richtige zu tun

Und seit es Menschen gibt, wurde immer wieder versucht, eine Definition des Guten zu finden. Aristoteles meinte, dass alle Taten der Menschen letztendlich als allererste Ursache das Gute hatten und die Utilitaristen prägten den Spruch „Gut ist, was nützt“. Genau dazwischen lagen die alten Römer mit dem Spruch „Prodesse et delectare“ – etwas solle immer sowohl nützen als auch erfreuen. Trotz jahrtausendelanger Bemühungen hat die Philosophie noch keine Antwort gefunden.

Doch auch in der heutigen Zeit gibt es Wertesysteme, die sich teilweise von der europäischen oder westlichen Auffassung von gut und böse gravierend unterscheiden und darum befremdlich auf uns wirken – oder auch feindselig, denn die Menschen haben Angst vor dem, was sie nicht verstehen und versuchen oftmals automatisch, es zu bekämpfen.

Ein Weltenbastler, der mit dem Konzept von gut und böse agiert, ist somit zugleich auch ein Philosoph und Psychologe, der vorsichtig abwägen muss. Was ist in der von ihm geschaffenen Kultur böse? Was gut? Was kann ein Antagonist sich erlauben, ehe er zum Gejagten wird und wie weit kann der Rahmen des moralisch Vertretbaren in der eigenen Welt gedehnt werden?
Das alles sind Fragen, die einer Welt zusätzliche Tiefe verleihen, wenn sie gründlich beantwortet werden.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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5 Antworten zu Weltenbauartikel: Was ist eigentlich böse?

  1. Pingback: Weltenbauartikel: Die Motivation des Bösen | Weltenschmiede

  2. gillatra schreibt:

    Ich würde für Superschurken einfach nicht in Kategorien, wie gut und böse denken. Es reicht, wenn man sie als sehr furchteinflößend und mächtig identifizieren kann.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Hm, wenn man sie denn als Superschurken im Sinne von „Antagonist vom Superheld“ definiert, dann vielleicht :).
      Wenn man aber einen Antagonisten als auf den ersten Blick sympathischen Politiker, eine Organisation (also gar keine Einzelperson) oder einfach als den Mobber aus der Parallelklasse aufbauen will, muss der Antagonist nicht mal zwingend mächtig sein.
      Furchteinflößend wird er aber auf jeden Fall immer sein, denke ich.

  3. Evy schreibt:

    Die Klischees der Superschurken – herrlich!

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