Weltenbauartikel: Mittelalterliche Städte und Dörfer

Wo zwei oder drei beisammen sind, ist nicht nur Jesus unter ihnen, sondern es stehen auch die Chancen gut, dass es noch mehr werden – sofern das Land fruchtbar, strategisch günstig gelegen, reichhaltig an Bodenschätzen, recht anschaulich oder vom Klima her milde ist. Oder was auch immer es für Gründe gibt, irgendwo zu siedeln.
Lange Rede, kurzer Sinn: Die Menschheit tendiert dazu, sich in Städten und Dörfern zusammenzurotten und gute und schlechte Nachbarschaft zu pflegen.

Entstehung der Siedlungen

Im mittelalterlichen Europa herrschte auf den Landgütern ein geschlossenes und autarkes System vor, das eine größere Gemeinschaft als die des Dorfes unnötig machte – was einem fehlte, wurde selbst hergestellt und nur in höchster Not vom Nachbarn getauscht. Anders sah es jedoch aus, wenn ein Landgut nicht mehr alle ernähren konnte, die darauf lebten. Für den siebten Sohn eines hörigen Bauern fehlte es fast immer an Land – und so zogen mit der Zeit immer größere Banden herrenloser Bauernsöhne durch die Gegend: Räuber, Söldner, Abenteurer, vor allem aber Wanderhändler.
Sammelten Letztere ein ausreichend großes Kapital an, siedelten sie meist in der Nähe von Burgen und Festungen – wo sie vorwiegend damit beschäftigt waren, die Bedürfnisse der Adligen nach Luxusgütern zu wecken und zu decken.
Ursprünglich außerhalb der Stadtmauern, umwuchsen die Händlerviertel oftmals die kleinen mittelalterlichen Städte und ringelten sich um die teils noch aus römischer Zeit stammenden Mauern alter Munikipien, bis sie selbst mit einer Stadtmauer umgeben und in die Stadt integriert wurden – schließlich waren die reichen Händlerviertel eine fette Beute für ebenjene Banden herrenloser Bauernsöhne, mit denen ihre Entwicklung erst begonnen hatte.
Allgemein gesprochen enstehen Städte meist dort, wo schon mal eine Stadt gewesen ist, überwiegend auf den Trümmern antiker Hochkulturen. Außerdem sind gute Transportwege wie Straßen und Wasserwege, aber auch Landgüter in der Nähe, die die Stadt versorgen können, maßgeblich. Dörfer dagegen können überall dort aus dem Boden sprießen, wo die Voraussetzungen günstig sind.
Aber eine Stadt kann nicht nur aus Wohnhäusern und Händlern bestehen, nein, da braucht es mehr.

Handwerker

Wo wären wir ohne das Handwerk? Bei unseren Füßen? Wie auch immer, Handwerker sind der Kern der Industrie einer Stadt, in den Schmieden hämmern die Hämmer, in den Schreinereien sägen die Sägen….
Schmiede – arbeiten mit allerlei Metall und stellen eiserne Werke her. In Dörfern und kleinen Städten sind Schmiede meist „Allrounder“, die vom Sargnagel bis zum Pflug alles fertigen, aber je nach Art der Stadt gibt es auch Spezialisten: Hufschmiede finden sich überall, wo es Pferde zu beschlagen gibt. Solche Orte sind neben dem landwirtschaftlichen Sektor vor allem oft passierte Handelsknoten (Furten, Pässe) und Poststationen. Waffenschmiede hingegen finden sich oft in Heeresdiensten, halten auf Festungen die Ausrüstungen in Schuss oder reparieren im Feldlager die in der Schlacht beschädigten Mordwerkzeuge. Goldschmiede und Juweliere fertigen Schmuck und finden sich überall dort, wo es Leute gibt, die ihn bezahlen können – in der Regel also in den wohlhabenderen Vierteln der großen Städte und in den Burgen der Adeligen.
Schreiner fertigen Möbel und für den Hausbau benötigte Bretter an. Ihre Arbeit beginnt dort, wo das handwerkliche Geschick des durchschnittlichen Anwohners endet – denn besonders in abgelegenen Siedlungen lernen die Dorfbewohner früher oder später, wie man einen Stuhl oder eine Eckbank zimmert. Sollen dagegen Holzhäuser geplant und gebaut werden oder steht der Bau einer Kirche an, wird eher nach dem Zimmermann gefragt.
Lein- und Tuchweber sorgen dafür, dass Kleider Leute machen – ob sie nun die Magd mit dem Stoff, aus dem die erdfarbenen Kittel sind, versorgen oder Purpurtuch für die feinen Ratsherren erzeugen. Je nach Anbindung und Umweltbedingungen sind an verschiedenen Standorten verschiedene Rohstoffe verfügbar – schließlich sind Purpurschnecken teuer, das regionale Flachs hingegen kann von besonderer Qualität sein. Die fertigen Tücher werden an die Färber weitergereicht, die diese in verschiedenen Farben leuchten lassen können. Schneider verarbeiten die Tücher jedoch erst zu Kleidern, Röcken und Untergewändern. Sie waren eher in Städten zu finden, während die mittelalterliche Bäuerin angehalten war, die einfache Kleidung für ihre Familie selbst zu weben und zu nähen. Die Klöpplerin sorgte dabei dafür, dass die Gewänder zu ihren Spitzenkragen kommen und Spitzengardinen vor den Fenstern hängen. Diese wurden in der Renaissance üblich, um Fremden den Blick durch die neuen Glasfenster zu verwehren. Schließlich kümmerte sich ein Schuster um das zur Garderobe passende Schuhwerk. Das Leder liefert ihm der Gerber – Gerberviertel befanden sich oft außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes oder bildeten ein eigenes Viertel, da die Ausdünstungen der Gärbereien selbst für mittelalterliche Verhältnisse abscheulich stanken und nicht die ganze Stadt verpesten sollten. Weitaus angenehmere Düfte stellten die Parfümeure in ihren nahezu magisch anmutenden Laboratorien her. Da sich viele Menschen nur unregelmäßig wuschen, war Parfum auch beim Adel hoch im Kurs, um unangenehme Gerüche zu überdecken. Außerdem stellten Parfümeure Kosmetik her.
Gemmenschleifer und Goldschmiede schließlich sorgten dafür, dass die reichen Bürger und adeligen Damen und Herren Schmuck anlegen konnten.
Damit Gebäude errichtet werden können, sodass die Stadt wächst und gedeiht, brauchte einen Stadt einen oder mehrere Baumeister. Diese arbeiten in der Regel eng mit Glasern und Steinmetzen zusammen – besonders wenn eine Kirche oder eine Burg gebaut werden sollte. Auch Seile werden auf der Baustelle benötigt, die vom Seiler hergestellt werden müssen. Beim teuren Transport des Baumaterials kommen oftmals Boote zum Einsatz – die widerum von Bootsbauern erst gebaut und eventuell vom Segelmacher mit einem Segel versehen werden müssen.
Ein Korbflechter sorgt mit seinen Erzeugnissen schließlich dafür, dass die Hausfrauen und Dienstmägde ihre Einkäufe vom Markt nach Hause tragen und zu Hause sicher aufbewahren können.
Braucht ihr Hilfe beim Konzipieren eures Handwerksbetriebs? Dann schaut euch diesen Steckbrief an!

Speiß und Trank

Natürlich wollten die Menschen im Mittelalter auch etwas zu essen haben. Wer es sich leisten konnte, aß nicht zu Hause, sondern nahm seine Mahlzeiten im Wirtshaus zu sich. Das allerdings hatte einige Zulieferer: Der Braumeister brachte das Bier, das damals auch von den Kindern zu nahezu jeder Mahlzeit und als Durstlöscher getrunken wurde. Das lag daran, dass Bier in der Regel sauberer und keimfreier war, als Wasser – denn der Gärungsprozess sorgte dafür, dass keine Keime und Bakterien mehr im Getränk herumschwammen. Wasser aus dem Stadtbrunnen zu trinken hatte dagegen eher unangenehme Folgen.
Damit der Bäcker Brot, Brötchen und in reicheren Städten auch Gebäck ans Wirtshaus ausliefern oder verkaufen konnte, muss der Müller erst Mehl aus dem ihm gebrachten Getreide herstellen. Während es noch durchaus erlaubt war, Brot zu Hause selbst zu backen, wenn die Siedlung keinen eigenen Bäcker hatte, waren die Mühlen meist streng reglementiert. In der Regel gehörten sie einem Lehnsherren oder der Stadt und die Bauern mussten ihr Korn dorthin bringen. Wer selber mahlte, beging eine Straftat.
Nicht zuletzt wollten die Menschen schon damals im Wirtshaus auch einen Braten auf den Tisch – eine kostspielige Sache, denn beileibe nicht jeder konnte es sich leisten, Fleisch zu kaufen. Hier diente der Metzger als Zulieferer des Wirtshauses.
Nicht zuletzt benötigte jedes Wirtshaus einen Wirt, der sich um alles kümmerte und oftmals auch Zimmer vermietete.

Im Namen der Religion

Zu einer wirklichen mittelalterlichen Siedlung gehörte auf jeden Fall immer eine Kirche oder Kapelle. In dieser arbeitete in jedem Fall ein Priester oder Pfarrer, je nach Konfession. Dem Priester war oftmals eine Haushälterin zur Seite gestellt, der Pfarrer hatte eine Familie, die unter Umständen beim Gottesdienst oder der Seelsorge assistieren konnte.
Ein gutgeführtes Kloster in der Nähe oder innerhalb einer Siedlung war in der Regel eine Stadt innerhalb der Stadt – denn dort mussten die Mönche neben vielfältigen spirituellen Aufgaben auch selbst sämtliche Handwerkskünste beherrschen und sich weitestgehend selbst mit Nahrung versorgen.

Gesundheit

Entgegen der weitverbreiten Annahme, es hätte im Mittelalter kein oder kein nennenswertes Gesundheitswesen gegeben, gab es durchaus Heilkundige in einer Siedlung.
Jede größere Stadt beherbergte eine Apotheke samt Apotheker, der in der Regel auch als Arzt und Diagnostiker fungierte und nicht nur dafür zuständig war, Pillen und Pülverchen zu verkaufen. Er stellte die Arzneien in der Regel selbst her und konnte bei vielen Krankheiten mit Rat zur Seite stehen.
Aber auch Bader und Barbiere hatten oftmals die Funktion, die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten. Beide waren überwiegend in Badehäusern tätig – wo die Bevölkerung sich nicht nur wusch, sondern wo die Männer sich auch rasieren ließen. Und wo zahlreiche Schwitzkuren und andere Behandlungen zu Gesundheit und Wohlbefinden beitragen sollten.
Frauen durften sich aus sittlichen Gründen oftmals nur heilkundigen Frauen anvertrauen – in der Regel handelte es sich dabei um Hebammen. Diese begleiteten nicht nur die Schwangeren und halfen ihnen dabei, Kinder zu gebären – sie waren auch für alle anderen Fragen der Frauengesundheit zuständig.
Doktoren in unserem heutigen Sinn kamen dagegen erst viel später auf.

„Idrija“, von Franz Kurz zum Thurn und Goldenstein, um 1850 Quelle: Wikimedia.org Lizenz: Public Domain

Andere Berufe

Besonders die Klasse der Zöllner war vor allem in großen Städten vertreten – im Mittelalter wurde oftmals an jeder Brücke, die man überquerte, Brückenzoll fällig. Entsprechend hatten die Zöllner besonders an Markttagen oder hohen kirchlichen Festen hohe Einnahmen.
Da den Christen verboten war, Geld für Zinsen zu nehmen, waren die meisten im Finanzwesen tätigen Bewohner mittelalterlicher Städte Juden. Diese fungierten nicht nur als Bankiers, deren Dienste sogar der König in Anspruch nehmen konnte, sondern auch als Geldwechsler und Fernkaufleute.
Vereinzelt gab es schon im Frühmittelalter ein Schulwesen. Während anfangs die Kinder von Geistlichen unterrichtet wurden, erfolgte mit dem Aufschwung der Städte eine zunehmende Säkularisierung der Bildung – und demzufolge kamen auch „zivile“ Lehrer auf. Gab es in der Stadt darüber hinaus eine Universität, beherbergte sie auch die Professoren.

Unreine Berufe

Last but not least gab es in jeder Stadt als „unrein“ geltende Berufsgruppen – sie waren zwar für das Leben der Stadt oftmals notwendig, doch niemand wollte mit ihnen mehr zu tun haben als unbedingt nötig.
Dazu gehörte beispielsweise der Henker – er war nicht nur dafür zuständig, die Todesurteile zu vollstrecken, sondern war in kleineren Städten oftmals zusätzlich der Folterknecht. Obwohl Teil der städtischen Justiz, galt sein Beruf als unrein.
Auch der Totengräber war zwar ein notwendiger, aber nicht geachteter und eher gemiedener Beruf. Das lag daran, dass Totengräber als unrein galten – schließlich hatten sie in ihrem Beruf tagein-tagaus mit Toten zu tun.
Wenig geachtet waren auch Berufe, die mit Vergnügen in Zusammenhang gebracht wurden. So waren wandernde Gaukler und Schausteller oftmals nur auf Durchreise in den Städten, da sie nicht bleiben durften. Sie galten aufgrund ihrer unsteten Lebensweise als moralisch zersetzend und wurden oftmals beschuldigt, mit dem Teufel im Bund zu stehen. Obwohl sie den Stadtbewohnern viel Freude brachten, wurden sie von ihnen gemieden wie die Pest.
Ähnlich sah es mit Prostituierten aus. Ein mit fester Hand geführtes Bordell konnte großen Gewinn abwerfen und wurde vor allem von Adeligen oder reichen und unverheirateten Bürgern aufgesucht. Die Frauen hatten nur wenige Rechte und mussten oftmals die erste Zeit nur gegen magere Kost und Logis ihre Gewänder abarbeiten, ehe sie mit ihrem Gewerbe Geld verdienen konnten. Die Straßenprostitution war im Mittelalter kaum bekannt – denn das würde bedeuten, dass die Prostituierten selbstständig arbeiteten und keinem Bordell angehörten.

Ein Wort zum Schluss

Dieser Artikel gibt eine grobe Übersicht über die wichtigsten Berufe der mittelalterlichen Stadt und klärt darüber auf, wie im europäischen Mittelalter Siedlungen zustande kamen und wuchsen. Er beschreibt in Kurzform, wie es tatsächlich gewesen ist, abweichend von den oftmals romantisierten Darstellungen vieler Romane.
Wenn ihr an einer Fantasy-Welt mit Mittelaltersetting arbeitet, müsst ihr euch natürlich nicht sklavisch an den Artikel halten – er hilft jedoch, viele Fallstricke zu umgehen, die eure Welt nur zu schnell in eine von sehr vielen 0815­Mittelalterfantasywelten verwandeln könnte.

Advertisements

Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
Dieser Beitrag wurde unter Weltenbau-Artikel abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Weltenbauartikel: Mittelalterliche Städte und Dörfer

  1. Julia schreibt:

    Eine sehr praktische Übersicht. Allerdings fehlen mir noch zwei wichtige Handwerksberufe: der Töpfer und der Küfer! Ohne die hätte jede Hausfrau ziemliche Probleme in Küche und Vorratskammer gehabt…

    LG, Julia

  2. Pingback: Weltengeflüster Mai | Weltenschmiede

  3. Pingback: Weltengeflüster Oktober 2014 | Weltenschmiede

Hat dieser Artikel dir geholfen? Hast du eine Anregung oder eine weiterführende Frage?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s