Fallstudie: Ortsnamen in Pokémon – Rote und Blaue Edition

Viele tun die Pokémon-Spiele (von denen Nintendo seit den 90ern regelmäßig welche veröffentlicht) und die zugehörige Anime-Serie als Kinderkram ab. „Keine Action“, „viel zu einfach gemacht“, „Ich will was geistig anspruchsvolles!“, „Blut!“, das hört man sicher von so manchem „Hardcore-Gamer“. Dass die Welt rund um Pikachu und seine Freunde aber alles andere als einfach konzipiert ist, dürfte jedem, der sich mit Pokémon näher beschäftigt hat, wohl klar sein. Nicht umsonst ist dies hier auch nicht unser allererster Artikel zu Pokémon ;-)

Unser Fokus liegt heute auf der Benennung der Städte in der Welt Kanto, in der im Jahre 1996 mit der roten und blauen Edition alles begann. Denn die recht einfach klingenden Namen sind bei genauerer Betrachtung erstaunlich vielschichtig.

In Alabastia hat damals die Reise des wahren Meistertrainers begonnen. Der Name der Stadt erinnert dabei nicht zufällig an Alabaster – ein weißes, dem Gips nicht unähnliches Material. Weiß ist nicht nur die Farbe der Unschuld (und unschuldig und naiv ist der Held des Spiels zu Beginn noch), sondern steht in vielen Darstellungen auch für das „Nichts“ und genau das hat man zu Beginn des Spiels: Nichts. Weiters könnte die Farbe eine Referenz auf den weißen Strand Alabastias sein.

Vertania City ist die nächste Wegstation und auch hier hat der Name mehr als nur einen tollen Klang: Abgeleitet vom französischen „vert“, was grün bedeutet, ist Vertania ein Verweis auf die Lage der Stadt inmitten von Wäldern. Der besonders dichte und von vielen Käfer-Pokémon bewohnte Vertania Wald – also der grüne Wald – liegt im Norden. In der örtlichen Pokémon-Arena kommen zwar Boden-Pokémon zum Einsatz, aber der Erdorden hat die Form eines grünen Blattes.

Eindeutiger ist der Name von Marmoria City, stellt er doch auf den ersten Blick einen Hinweis auf die Pokémon-Arena der Stadt dar, in der sich einem Gesteins-Pokémon in den Weg stellen, der Felsorden gewonnen werden kann und selbst der Arenaleiter den sprechenden Namen Rocko trägt. Nicht zufällig ist das Stadtbild von Marmoria City dann von Felswänden geprägt und wer die Route in die nächste Stadt einschlägt, muss zunächst den Mondberg bezwingen.

Azuria City wiederum bezeichnet den Farbton „azurblau“ und ist damit ein Verweis auf das Kap von Azuria City, dessen romantische Sonnenuntergänge am Meer in den Pokémon-Spielen oft gelobt werden. Weiters wird die Pokémon-Arena von Wasser-Pokémon dominiert, ähnelt mehr einem Schwimmbad als einer Arena und der Preis für die Mühen ist der Quellorden, der einem blauen Wassertropfen gleicht.

Seinen Weg setzt der Spieler dann ganz in den Süden fort: Orania City, eine geschäftige kleine Hafenstadt ist der nächste Halt. Der Verweis auf Hafen und Meer ist im Namen deutlich: So gibt es in der Realität sowohl eine Palmengattung, als auch eine Familie von Seeschnecken, die auf den Namen Orania hören. Bemerkenswert ist auch die lautliche Nähe des Namens zur Farbe orange – und orange wiederum ist die Farbe der Elektro-Pokémon, die sich in der örtlichen Arena finden.

Lavandia stellt wohl den bedrückendsten Ort in Kanto dar, ist die Stadt doch Heimat eines riesigen, turmförmigen Friedhofs für Pokémon, der von Geistern heimgesucht wird. Der Name der Stadt stammt von der Pflanze Lavendel, deren Blüten violett gefärbt sind. Die Farbe violett steht für Einsamkeit und Empfindsamkeit und besonders in religiösen Belangen für Buße und Umkehr.

Ganz anders: Prismania City, zweitgrößte Stadt Kantos und schillernd wie ein Regenbogen. Ein Prisma dient der Aufspaltung von Licht in seine Spektralfarben und so ist es nur natürlich, dass hier der Farborden gewonnen werden kann. In der örtlichen Arena finden sich Pflanzen-Pokémon und wo ist eine bunte Vielfalt sicherer als im Reich der mannigfaltigen Vegetation? Weiters schillernd in Prismania City: Das Angebot des riesigen Einkaufscenters und die Welt des Glücksspiels im städtischen Casino.

Noch größer: Saffronia City, Hauptstadt Kantos und blühende Metropole. Die größte Firma der Pokémon-Welt, Silph Co., hat hier ihren Sitz. Der Name der Stadt ist Programm: Er leitet sich vom Gewürz Safran ab, einem der teuersten Gewürze, das hier im Kontext des Handels und des Geldes gesehen werden kann – übrigens hat Safran auch eine goldgelbe Farbe.

Ganz im Süden findet sich Fuchsania City. Der Name kann zum Einen die Pflanze Fuchsia bezeichnen, eine vor allem in Bergwäldern Südamerikas beheimatete Pflanze, die sich in Europa vor allem als Zierpflanze durchsetzen konnte. Wald und Zierde, beides Attribute der Safari Zone, einem großen „Park“. In diesem können Trainer ganz legal Pokemon mit Ködern und Bällen jagen. (In diesem Kontext würde auch eine Deutung des Namens als Anspielung auf die Fuchsjagd Sinn machen.) Zum Anderen kann der Name die Farbe Fuchsia bezeichnen. Es handelt sich hierbei um einen rosafarbenen Farbton, in dem auch der in der Stadt zu gewinnende Seelenorden gehalten ist.

Vorletzte Station der Reise: Die Zinnoberinsel, deren Name direkt auf zinnoberrot verweist und damit auf die Pokémon-Arena der Stadt: Feuer-Pokémon, der sprechende Name des Arenaleiters Pyro und der Vulkanorden finden sich dort. Übrigens steht die Siedlung der Zinnoberinsel auch auf einem aktiven Vulkan, der im späteren Verlauf der Pokémon-Spiele ausbricht und die Insel mit Magma überzieht…

Das Ziel der langen Trainerreise ist schließlich das Indigo Plateau, Sitz der Pokémon-Liga. Hier stellt sich der angehende Meister der Prüfung durch die Top Vier und den amtierenden Champ der Liga. Nur wer alle ohne Pause besiegen kann, darf sich neuer Champion nennen. Hinter der Bezeichnung Indigo versteckt sich ein tiefer Blauton. Blau ist eine kalte Farbe und damit vermittelt der Name Kälte, Abgeschiedenheit, Einsamkeit. Gefühle, die sich wohl in jedem angesichts der bevorstehenden Kämpfe regen. Blau ist aber auch der Himmel und das Meer – beides Symbole für Freiheit, Unendlichkeit und letztlich auch Fernweh und Sehnsucht. Die Sehnsucht nach dem Ende der Reise, nach dem Meistertitel ist es dann auch, die auf dem Indigo Plateau erfüllt wird.

Fazit

What’s in a name? Vieles, wenn nicht alles. Auf den ersten Blick albern, verbirgt sich hinter den Benennungen der Städte Kantos doch eine ganze Charakterisierung der jeweiligen Ortschaft. Träume, Gefühle, Bedeutung der Stadt, aber auch geografische Eigenheiten, bevorstehende Prüfungen der Arenaleiter, all das wird mit nur einem Wort unterschwellig kommuniziert.

Die Analyse der Namen zeigt vor allem eines: Die Benennung von Ortsnamen kann banal sein, entpuppt sich aber auf den zweiten Blick manchmal als erstaunlich vielschichtig.

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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13 Antworten zu Fallstudie: Ortsnamen in Pokémon – Rote und Blaue Edition

  1. Julia schreibt:

    Spannend, Pokémon kannte ich bisher nur als Lieblingsspiel meiner jüngeren Cousins. Allerdings finde ich viele dieser Namen rein sprachlich gesehen doch eher plump. Ob das nun kindgerecht oder einfallslos ist, sei dahingestellt…

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Gerade angesichts der teils doch recht stimmigen Farbsymbolik wäre ich mit „einfallslos“ eher vorsichtig.
      Was aber bei Pokémon mir ins Auge sticht, ist die Stimmigkeit der Ortsnamen untereinander und ihr Bezug zu Landschaft und Begebenheiten in der Stadt. Ob eine Anlehnung der Namen an vorhandene Begebenheiten nun plump ist, darüber könnte man sicher streiten. Die Namen realer Orte sind aber oft auch nicht gerade sehr einfallsreich. Das heutige Mainz hat seinen Namen etwa von den Römern erhalten, die es Mogontiacum nannten und das bedeutet nix anderes als „Land des Mogon“. Mogon war ein keltischer Gott – und deshalb nannten die Römer das Land halt nach dem Gott der Einheimischen.
      Bei Helgoland wiederum hat es der ortsansäßige Gott gar nicht erst in den Namen geschafft – die Insel war einfach mal ein heiliges Land, nicht mehr, nicht weniger.
      Die Normandie wiederum heißt so, weil die Normannen da einfielen (und die wiederum sind einfach Typen aus dem Norden).
      Noch plumper: Das österreichische Bundesland Vorarlberg heißt so, weil es vom Rest Österreichs aus gesehen vor dem Arlberg liegt.

      Nur ein paar Beispiele, um zu zeigen, dass die Benennung von Orten in der Realität auch nicht sonderlich anders abläuft – man schaut sich die Begebenheiten an und benennt die neue Siedlung halt danach. Weniger kindgerecht in Pokémon, als vielmehr realistisch ;)

      • Julia schreibt:

        Ich finde eben gerade die durchgängige Farbsymbolik eher banal. Klar sind reale Namen auch nicht wahnsinnig einfallsreich, aber da gibt es immer unterschiedliche Namensschemata nebeneinander, die i.d.R. auch das Alter der jeweiligen Siedlung wiederspiegeln. Städte da nach einem durchgängigen Muster zu benennen wirkt für mich geschichts- und damit gesichtslos, künstlich eben, eine frisch gebastelte Retortenwelt. Aber das ist wohl eine Charakterfrage, schließlich habe ich nicht umsonst Geschichte und Archäologie studiert ;)

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Ich bin halt u.a. auch Literaturwissenschaftler und bedeutungsvolle Namen reizen mich halt durchaus zur Analyse und dann auch zum Lob des Erfindergeistes ;). Eine fiktive Welt ist ja immer auch irgendwo ein literarisches Konstrukt, in dem durchaus Platz für metaphorische Benennungen sein kann.

        Natürlich hast du in der Realität verschiedene Namensschemata nebeneinander, aber wenn man sich Kanto anschaut, ist die Welt doch sehr kompakt und klein. Siedlungen wie Alabastia bestehen z.B. nur aus 3 Häusern, das große Saffronia City knackt vielleicht die 50er Marke bei den Gebäuden, wenn überhaupt. Das ist mit realen Städten kaum vergleichbar. Kanto ist klein und bei weitem nicht das, was wir uns unter einem Land vorstellen – vielleicht vergleichbar mit einer größeren Talschaft? Jedenfalls durchaus vorstellbar, dass Kanto von nur einer einheitlichen Ethnie bevölkert wurde – und dann macht eine ähnliche Benennung der Städte/Siedlungen ja wieder Sinn.
        Die Nachbarregion Jotho orientiert sich in der Städtebenennung durchgängig an der Vegetation, anstatt an Farbsymbolik, was ebenfalls passen würde, da Jotho durch schwer überwindliche natürliche Hindernisse von Kanto getrennt ist (wie es in Hoenn oder Shino ist, weiß ich nicht, die Spiele habe ich nicht mehr gespielt)

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        In Sinnoh wird nach dem Prinzip „Was findet man dort, was ist die Grundthematik des Ortes benannt“: http://pokewiki.de/Kategorie:St%C3%A4dte_in_Sinnoh
        Hoenn spiele ich gerade, da geht es auch nicht mehr bloß nach Farbe, eher nach Landschaftstyp :).

        Ab Black/White müsste ich nachschauen, da wüsste ich es auch nicht.

      • Julia schreibt:

        Ach so, das erklärt manches. In einem kleineren Landschaftsraum macht sowas durchaus Sinn, aber da du von Städten und Metropolen geschrieben hast, habe ich mir da schon ein größeres Gebilde vorgestellt. Wie gesagt, Pokémon ist eine völlig fremde Welt für mich…

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Ich hätte es vielleicht im Artikel wirklich erwähnen sollen, in welcher Größenordnung wir uns da bewegen. Ist mal wieder ein typischer Fall von „Wenn man die Materie kennt, wird man schnell betriebsblind“…

        Das Problem ist, dass innerhalb des Spiels – das eben andere Größenordnungen kennt als die Realität – durchaus eine Teilung in Siedlungen, Städte und Metropolen Sinn macht, weil es wirklich gravierende Größenunterschiede sind (ein ähnliches Problem habe ich auch, wenn ich über die Welt von The Elder Scrolls schreiben will…nur am Rande bemerkt)

        Insofern: Mea culpa!

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Das Problem ist, dass wir hier nur mit den deutschen Übersetzungen (im Falle von Kanto) aus den 90ern arbeiten können – oder bestenfalls mit den englischen Namen der Ortschaften bei Pokémon. Außerdem würde ich bei Kanto davon ausgehen, dass die primäre Zielgruppe damals noch wesentlich jünger war als heute und die Spiele vergleichsweise simpel vom Gameplay her (ich habe blau und gelb zu Hause). Daher waren auch die Benennungen der Ortsnamen noch recht eindeutig und kindgerecht.
      In späteren Editionen hat sich das teilweise geändert, nicht zuletzt weil das Gameplay selbst immer komplexer wurde.

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Die Farbsymbolik mag natürlich in Japan, das durchaus auch einen anderen kulturellen Horizont hat als wir hier in Europa, auch nochmal anders liegen. Ich bin des Japanischen leider nicht mächtig, um es zu beurteilen, könnte es mir aber gut vorstellen, dass dem so wäre.
        Insofern wäre es dann eigentlich eine tolle Leistung von den Übersetzern, dass die Symbolik auch in der englischen und deutschen Version noch so gut funktioniert.

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Ich bin es leider auch nicht, aber ich kann auch meine Schwester fragen. DIe kennt sich bei Pokemon, den japanischen Begriffen etc. tiefgehender aus als ich. Ich bin nur informierte und aufmerksame Spielerin der Games :)

  2. Pingback: Weltengeflüster Juni 2013 | Weltenschmiede

  3. Tony schreibt:

    Wow, tolle Arbeit! Habe mir ehrlich gesagt nie Gedanken um die Städenamen in Pokemon gemacht. Die Verbindung zu den Charakteristiken der Ortschaften passt wirklich toll, auch wenn ich mich an vieles nur noch so halb erinnern kann.

    Meine letzte Partie ist allerdings auch schon ewig her. 15 Jahre? oO Auf jeden Fall war ich 11-12 Jahre, als alle das bei uns gespielt haben :D Danke für das bisschen Nostalgie und die interessanten Infos :)

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