Fallstudienserie Frauen Teil 1: Mylady

Den Meisten ist Mylady – deren echter Name „Anne de Breuil“ lautet – aus den Musketierromanen von Alexandre Dumas bekannt – oder zumindest aus den zahlreichen Verfilmungen, in denen sie immer wieder als dämonische und intrigierende Schöne in das Geschick von d’Artagnan und den anderen Musketieren eingreift.
Man muss in ihr allerdings mehr sehen als nur die Antagonistin – in erster Linie handelte es sich bei ihr um eine ungewöhnliche Frau.
Ein Grund mehr, sie als erste fiktive Dame im Reigen der Fallstudienserie über literarische Frauen zu begrüßen.

Einfluss auf die Geschichte

Mylady nimmt, anders als die Rolle der Frau zur damaligen Zeit ihr vorschreibt, eine aktive Rolle ein.
Als Agentin des Kardinals wird sie mit dem Diebsstahl der Diamantstifte beauftragt und ist sowohl in England als auch in Frankreich in seinem Auftrag unterwegs, um seine Intrigen durchzusetzen und politische Missionen zu erfüllen.
Gleichzeitig bleibt ihr neben den Aufträgen im Namen des Kardinals genug Zeit, um sich um ihre eigenen Pläne, Träume und Intrigen zu kümmern. So erschleicht sie sich vom Kardinal ein Papier, das sie zum Mord an d’Artagnan berechtigt – die Rache für zwei Liebesnächte, die er sich durch List von ihr erschlichen hat und die sie ihm als Frau mit Stolz nicht verzeiht.
Später erfährt man, dass Athos sie vor vielen Jahren geheiratet hatte, sie jedoch an einem Baum erhängte, nachdem er die Lilie auf ihrer Schulter gesehen hatte. Dadurch macht sie sich in gewissem Sinne von ihm erpressbar und lässt sich das oben genannte Dokument abnehmen, kommt jedoch bald wieder zu Kräften.
Letztendlich ermöglicht der gekonnte Einsatz ihrer weiblichen Reize gemeinsam mit ihrer Schauspielkunst ihre Flucht aus der Gefangenschaft in England und die Ermordung von Buckingham durch íhren eigenen Bewacher, wodurch sie das Machtgefüge im Roman nachhaltig beeinflusst.
Selbst nach ihrem Tod wirkt sie in ihrem Sohn nach, der im Folgeband eine wichtige Rolle spielt und den Musketieren so manchen Stein in den Weg legt.

Ihr Weg zur Macht

Wie genau der vonstatten ging, ist ungewiss. Fest steht nur, dass sie bereits als recht junge Frau vermutlich einen eher zwielichtigen Charakter mit äußerlicher Schönheit vereinte.
Als sechzehnjährige Nonne verführt sie den Priester dazu, heilige Gefäße zu stehlen und sich mit ihr ins Ausland abzusetzen. Doch die zwei werden erwischt, sie kann entkommen und der Priester wird als Dieb von seinem eigenen Bruder gebrandmarkt. Dieser rächt sich, indem er ihr die Lilie auf die Schulter brennt – das Zeichen der verurteilten Verbrecher.
Vor der Heirat mit Athos galt sie zwar als Mädchen aus gutem Hause, stand jedoch standesrechtlich noch unter ihm, sodass er sich gegen den Willen seiner Familie und unter großen Risiken für sich selbst mit ihr vermählte. Nach der Entdeckung ihres Geheimnisses und nachdem Athos sie scheinbar tot zurücklässt, taucht sie viele Jahre später unter dem Namen Mylady de Winter in Meung auf und steht zu diesem Zeitpunkt bereits in den Diensten des Kardinals.
Da allerdings immer wieder ihre zahlreichen Liebhaber, darunter Graf de Wardes, erwähnt werden, kann man nicht ausschließen, dass sie sich hochgeschlafen hat.
Ausdrücklich wird es in den Büchern nicht erwähnt.

Ihre Leistungen

Das Wort „Leistungen“ wäre in diesem Falle negativ zu sehen, da sie größtenteils Verbrechen begeht – so raubt sie Buckingham, wie bereits erwähnt, die Juwelen der Königin um diese vor dem König und dem ganzen Land als Ehebrecherin zu diskreditieren. Dies ist nicht ohne Ironie, da sie selbst einen recht promiskuitiven Lebensstil pflegt.
Auch den Auftrag, Buckingham zu töten, führt sie auf eine so geschickte Weise aus, dass sie nahezu trockenen Fußes aus der Sache hervorgeht.
Kurz vor ihrem eigenen Tode ermordet sie schließlich Constance als letzte Rache an d’Artagnan.
Ihre „Karriere“ als Mörderin beginnt allerdings nicht erst, als die Handlung des Romans einsetzt. Schon vorher wird angedeutet, dass ihr englischer Ehemann kurz nach der Hochzeit unter merkwürdigen Umständen ums Leben kam.
Allerdings gelingt ihr bei weitem nicht alles – so scheitern mehrere ihrer Mordversuche an d’Artagnan vor La Rochelle, darunter auch ein Anschlag mit vergiftetem Wein.

Weltenbauerischer Ausblick

Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass Mylady in gewissem Sinne trotz ihrer negativen Rolle zu den wenigen selbstbestimmenden Frauen der damaligen Literaturszene zählte. Im Grunde genommen nahm sie sich das heraus, was sich in der damaligen Gesellschaft nur Männer trauten: So wählte sie sich ihre Geliebten immer selbst und ließ es sich nicht nehmen, diese auch zu wechseln. Im Laufe ihres kurzen Lebens war sie schließlich mindestens zweimal verheiratet – einmal mit Athos, einmal mit Lord de Winters Bruder, mit dem sie einen Sohn hat.
Außerdem verfügte sie über eine tückische List und Schläue, die im damaligen Frauenbild Frauen in der Regel abgesprochen wurden. Da sie ihre Kindheit und Jugend in einem Kloster verbrachte, ist außerdem anzunehmen, dass sie für damalige Verhältnisse gebildet sein musste. Entsprechend ist sie als starker Kontrast zu Constance zu sehen – die zwar im Dienste der Königin handelte, dabei jedoch vergleichsweise naiv blieb und sich letztendlich von der klügeren Mylady reinlegen ließ.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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8 Antworten zu Fallstudienserie Frauen Teil 1: Mylady

  1. Julia schreibt:

    Oh ja, Mylady ist eine tolle Figur! Ich fand sie schon als Teenager super, da sie für ein draufgängerisches Mädchen mehr Identifikationspotenzial bietet als d’Artagnan mit seinen amourösen Eskapaden.

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      d’Artagnan hielt ich, als ich als Teenie das Buch das erste Mal las, sowieso für eine Art Witznummer….ich mein, er will Musketier werden und dann fällt ihm nichts besseres ein, als sich mit allem zu duellieren, was ihm über den Weg läuft? Oo

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Wobei man bei d’Artagnan beachten sollte, dass es sich laut Buch um einen dreizehn- oder vierzehnjährigen Knirps handelt. Das geht nur irgendwie beim Lesen und später auch bei den Filmadaptionen verloren. Insofern fand ich d’Artagnan in der 3D-Version noch am Besten umgesetzt, weil er da wirklich ein halbes Kind ist *G*.
      Aber ja, Mylady ist cool… und eigentlich die schlaueste Figur in der ganzen Reihe.

      • Julia schreibt:

        Ich glaube, da verwechselst du etwas. Das Pferd ist in der ersten Szene 13-jährig, er selbst wird als junger, etwa 18 Jahre alter Don Quichotte beschrieben, der eben trotz seiner guten Reitkünste keine tolle Figur auf dem alten struppigen Klepper abgibt…

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Ich hab ihn als jünger als 18 in Erinnerung, habe aber leider keine französische Ausgabe in der Nähe, um nachzuschauen :(.
        Die deutschen Ausgaben sind da teilweise sehr ungenau, stark gekürzt oder falsch übersetzt. Habe keine einzige gefunden, in der nicht mehrere Szenen fehlen würden.

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Hab btw. dank fruestuecksflocke mal nachgeschaut – du hast Recht:
        „Un jeune homme… – traçons son portrait d’un seul trait de plume : — figurez-vous don Quichotte à dix-huit ans, don Quichotte décorcelé, sans haubert et sans cuissard, don Quichotte revêtu d’un pourpoint de laine dont la couleur bleue s’était transformée en une nuance insaisissable de lie-de-vin et d’azur céleste.“
        Frag mich nicht, warum ich ihn so jung in Erinnerung hatte, könnte echt das Pferd sein…
        Sorry!

      • Julia schreibt:

        Ja, es ist das Pferd: „Car notre jeune homme avait une monture, et cette monture était même si remarquable, qu’elle fut remarquée : c’était un bidet du Béarn, âgé de douze ou quatorze ans, jaune de robe, sans crins à la queue, mais non pas sans javarts aux jambes, et qui, tout en marchant la tête plus bas que les genoux, ce qui rendait inutile l’application de la martingale, faisait encore également ses huit lieues par jour.“

        Dass es von Dumas kaum vernünftige deutsche Ausgaben gibt, weiss ich, seit ich mich mit 15 ins Original des Grafen von Monte Christo verbissen habe, weil ich das Buch derart geliebt habe, dass ich keinen einzigen Satz verpassen wollte. Ich hatte mit meinem Schulfranzösisch und einem Wörterbuch Wochen, bis ich da durch war…

  2. Pingback: Echte und falsche Namen | Carmilla DeWinter

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