Fallstudie: Vampire in verschiedenen Canons – Teil 6 – Die Wilden Kerle 5

Vampire sind eigentlich nichts für Kinder – sieht doch schon das Originalkonzept der Vampire bei Stoker sexualisierte, wolllüstige Wesen mit abnormen Gelüsten vor, die ihre ahunungslosen Opfer einlullen, kontrollieren und dann aussaugen.
Doch wenn es eine Kuschelversion für Teenager gibt – wieso soll es dann nicht auch eine Vampirausgabe für Kinder geben?
In diese Kerbe schlagen die Geschöpfe aus dem Kinderfilm „Die Wilden Kerle 5 – Hinter dem Horizont“ – sie bieten Vampirromantik für Kinder zwischen 10 und 14 in stimmungsvoller Optik.

Optik

Sie sind dem Klischee entsprechend vergleichsweise bleich und haben sehr helle grüne, gelbe oder blaue Augen – eine Ausnahme bildet Darkside, der dunkelhäutige Vampiranführer.
Außerdem tragen sie aufwendige Frisuren und sind auffällig geschminkt. Dabei erinnert der Kleidungs- und Schminkstil an diverse Ausrichtungen der Gothic-Subkultur – Jeckyl und Hyde erinnern an Cybergoths, Düsentrieb hat was von einer japanischen Gothic-Lolita und Blossom könnte der Teilszene der Dunklen Romantik angehören.
Außerdem haben sie die klassischen Fangzähne und schlafen teilweise in Särgen – das oftmals mit offenen Augen.

Fähigkeiten:

Sie sind in der Lage, im Dunkeln zu sehen – wo die Wilden Kerle fast nichts mehr erkennen können, bewegen sie sich spielend im Raum, egal wie düster er zu sein scheint.
Außerdem können sie sehr manipulativ sein und ihre Opfer regelrecht zum Tod verführen – was allerdings für ihr eigenes Überleben dringend notwendig ist.
Ihre ungeheure Schnelligkeit und die Fähigkeit, sich zu teleportieren, bezeichnen sie als „Flitzen“. Teilweise können sie auf diese Weise sogar fliegen.
Gegen Kreuze, Weihwasser und Knoblauch sind sie völlig immun – und zeigen dies in der Szene, in der sie die Wilden Kerle gefangen nehmen: Einer der Jungvampire beißt demonstrativ in eine riesige Knoblauchknolle.
Auf eine gewisse Art und Weise sind sie unsterblich – brauchen jedoch alle hundert Jahre ein neues Opfer, um ihre ewige Jugend zu erhalten.

Verwandlung:

Diese erfolgt durch einen Biss – aber nur, wenn das Opfer einverstanden ist und sich in den beißenden Vampir verliebt.
Die Verwandlung eines Menschen in einen Vampir sichert dem Verwandler hundert weitere Jahre Jugend. Daraus folgt, dass jeder Vampir im Prinzip alle hundert Jahre einen neuen Vampir erschaffen muss.

Vernichtung:

In der Sonne oder durch die Sonnenplasmakanone – eine Waffe des Kapuzenjungen – versteinern sie und können nur durch den Kuss eines Geliebten bei Sonnenaufgang gerettet werden.
Wenn ihre Steinfiguren zerbrochen werden, sterben sie jedoch entgültig. Darkside ist im Film allerdings nicht in der Lage, Leons Steinfigur zu vernichten.

Schwachstellen:

Sie können nur nachts unterwegs sein, da die Sonne sie versteinert.
Außerdem können sie nichts mehr schmecken und ihre Sehnsucht nach der Sonne und einem normalen Leben wirkt deprimierend.

Bedürfnisse:

Alle hundert Jahre benötigen sie Blut, das ihnen von jemandem, der sie liebt, willentlich gegeben werden muss – dann jedoch reicht ein einziger Tropfen.
Ohne Liebe müssen sie sterben, müssen jedoch andererseits alle hundert Jahre eine neue Beziehung eingehen. So kann sich nichts über diesen Zeitraum Hinausgehendes entwickeln.

Herkunft:

Vermutlich ist Darkside der älteste Vampir der Gruppe.
Im Film selbst wird nicht erklärt, wo die Vampire herkommen, leider gibt es auch keine einschlägige Erklärung in den leider recht unvollständigen Wikis zu den Filmen.

Sonstiges:

Rabans magische Gürltelschnalle leuchtet rot auf, wenn Vampire in der Nähe sind – daher versuchen die Wilden Kerle, sich vorzubereiten. Allerdings nützen ihnen ihre Fallen und „Waffen“ nichts.
Die Vampire leben an einem Ort „hinter dem Horizont“, zu dem die Wilden Kerle 10 Monate unterwegs sind. Ihr Lebensraum sieht wie eine umgebaute, stillgelegte Fabrik aus – so kann eine recht stimmungsvolle Mischung aus Endzeit- und Cyberpunk-Atmosphäre erzielt werden.
Die Vampirkinder spielen gerne 3D-Straßenfußball, haben englische, vermutlich selbstgewählte und entsprechend teilweise klischeehaft wirkende Spitznamen, nennen sich „Schattensucher“ und verhalten sich für einen FSK-6-Film recht unmoralisch: Besonders die Szenen zwischen Darkside und Vanessa wirken auf gewisse Weise erotisch geladen.

Weltenbauerisches Fazit:

Es ist nicht leicht, Wesen mit den Eigenschaften eines Vampirs und eine Geschichte für Kinder unter einen Hut zu bekommen – es gibt allerdings durchaus Autoren, denen es gelingt.
In diesem Film schweben die Vampire auf einem sehr schmalen Grad zwischen „gerade noch für Kinder geeignet“ und „bereits zu sexualisiert, um Kindern gezeigt zu werden“.
Vergleichsweise typisch für ein Kindermedium ist es dagegen, dass die Vampire stark handlungsorientiert kreiert wurden – sie können im Rahmen des Filmcanons rund um die Wilden Kerle zwar existieren, nicht jedoch darüber hinaus. Da es nicht direkt für die Handlung benötigt wird, bleiben viele Fragen ungeklärt: Wie kommt es, dass es so vergleichsweise wenige Vampire gibt, wo doch jeder einzelne Vampir theoretisch mindestens alle hundert Jahre einen neuen erschaffen muss? Wenn jeder einzelne Vampir jemanden von den Wilden Kerlen verführen muss, um nicht zu altern – wer hat dann vor zehn Monaten Leon verführt? Wieso ist Darkside der Anführer? Ist er der Älteste?
Da ist viel Potential verschenkt – denn im Grunde genommen ist der Ansatz „Nur Liebe gibt ewiges Leben“ sehr reizvoll und könnte emotional noch stärker aufgeladen werden, als es im Film der Fall war. Nur wäre dann der Rahmen eines Filmes für die eher jüngeren Zuschauer deutlich gesprengt, sofern kommerzieller Erfolg angestrebt wird. Denn leider scheint die Filmindustrie der letzten Jahre junge Zuschauer stark zu unterfordern und ihnen über das Oberflächliche hinausgehende emotionale Konflikte kaum zuzumuten.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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2 Antworten zu Fallstudie: Vampire in verschiedenen Canons – Teil 6 – Die Wilden Kerle 5

  1. fruehstuecksflocke schreibt:

    Man sollte nebenbei erwähnen, dass der Film selbst auch nicht schlecht ist :)

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Naja, Geschmackssache. Ich fühlte mich gut unterhalten, wenn ich nicht gerade Notizen gemacht habe – aber es war für mich kein Meisterwerk.

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