Weltenbauartikel: Vorsicht, Sprachfalle!

Es gibt mehrere grundlegende Methoden, eine Welt zu bauen – doch egal ob ein Projekt innerhalb der Welt zeitgleich oder nach der Welt selbst entsteht: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und das kann einen linguistisch gesehen in Teufelsküche bringen…

Die lieben Anglizismen

Die englische Sprache hat das Deutsche stark beeinflusst und viele Begriffe haben längst ihren festen Platz im Wortschatz des Menschen. Das gilt in der Regel allerdings nur für unsere Welt.
Wenn eine Welt nicht gerade mittels Portal oder auf sonstige Weise auf einer modernen englischsprachigen Leitkultur aufbaut – wie beispielsweise im Fall von Narnia – gibt es zahlreiche Wendungen und Begriffe, die zumindest in der wörtlichen Rede tabu sind:

„Hey, Mikànáêlys! Ist es okay für dich, wenn ich mal kurz dein Elfenmake-up borge?“

Diese zwei Sätze enthalten mehrere Stolperfallen – in einer nicht englisch beeinflussten Welt werden sich die Figuren nicht mit „Hey“ anrufen, weil sie dieses Wort einfach nicht kennen können. Woher auch, wenn in der Welt, in der die Figuren leben, niemals Englisch gesprochen wurde? Hier muss der Weltenbauer und Autor kreativ werden und andere Begrüßungsformen finden.
Das Selbe gilt für „Okay“ (dessen Herkunft nicht völlig erklärt ist…) oder Make-Up.
Ebenso wird Beispielelfe Mikànáêlys wohl kaum in die Hauptstadt trampen, um zu shoppen und anschließend mit ihren Freundinnen zu chillen – eher wird sie sich von jemandem in die Hauptstadt mitnehmen lassen, um dort ihre Vorräte aufzufüllen und sich anschließend mit anderen Elfen ruhig an einen Brunnen setzen, um zu ruhen. Beide Beschreibungen sagen das Gleiche aus, die Zweite transportiert ihren Inhalt jedoch ohne Anglizismen.
Linguistische Missgriffe können durchaus einen Leser, Zuschauer oder Spieler aus der Welt zurück in die Wirklichkeit katapultieren und die Atmosphäre einer ansonsten sehr gelungenen Geschichte zerstören.

Umgangssprache? Alda, ne!

Umgangssprache ist keine einheitliche Sprachvarietät- sie kann sich regional, aber auch innerhalb verschiedener Altersgruppen und Bevölkerungsgruppen stark unterscheiden und ist sogar innerhalb der Cliquen zum Beispiel in einer Schulklasse oftmals von sogenannten „Insidern“ durchsetzt, die historisch wachsen und auf künstliche Weise nur schwer nachzubilden sind.
Wer sich mit Anfang zwanzig in Sachsen kaputtlacht, wird sich zerruppen – ein Bayer lacht vermutlich höchstens über den unbekannten Ausdruck und Jüngere sagen nur noch *lol* oder xD. Aber auch das nicht überall…

Besonders beginnende Autoren neigen in Bezug auf Umgangssprache oft zu einem dieser zwei Dinge:

  • a) Sie sind selbst noch jung und versuchen, authentische Dialoge zu konstruieren, indem sie ihre mündliche Ausdrucksweise verschriftlichen.

Die so konstruierten Dialoge wirken oft gekünstelt oder wirken in eigenen Welten (aber auch schon in Fanfictions) oftmals deplatziert. Mikànáêlys würde es nicht mögen, wenn ein Fan ihr Worte à la „Oh, das is so endgaailst, wie Trômyôn vor dem Baum post!“ Schon im echten Leben wirken solche Ausrufe – und aus ihnen bestehende Gespräche – auf Außenstehende oft übergrell und gekünstelt. In einem Buch, einem Film oder einem Spiel ist dieser Effekt noch stärker.

  • b) Sie sind selbst nicht mehr jung, wollen aber Jugendliche als Zielgruppen gewinnen und versuchen, die Sprache der Protagonisten pseudojugendlich zu gestalten.

Gerade Jugendliche finden das jedoch schnell eher lächerlich – weil alle verschieden sprechen, kann man unmöglich als Außenstehender eine auf alle Leser authentisch wirkende Umgangssprache konstruieren. Besonders in eigenen Welten kann es schnell ausarten, sodass die Sprache der erwachsenen und jugendlichen Protagonisten sich so plakativ und aufgesetzt unterscheidet, dass es unleserlich wird.

Idiome

Viele Autoren meinen es gut und übersetzen Wendungen der jugendlichen und weniger jugendlichen Figuren wortwörtlich.
„Ich glaube, mein Kolibri zwitschert“ als Mikànáêlys‘ Ersatz für „Mein Schwein pfeift“ klingt wunderlich bis lächerlich.
Auch sonst funktionieren Umwandlungen vorhandener Idiome selten bis nie – eine der wenigen Ausnahmen bieten die Abenteuer von Fred Feuerstein – weil in eigenen Welten das Umfeld dafür nicht vorhanden ist.
Besser ist es, für eigene Welten sinnvolle eigene Idiome zu finden. Welcher Ausdruck des empörten Erstaunens passt zu einer jungen Elfe? Was würde ein alter Raumschiffkapitän sagen? Wie würde sich eine vierarmige Krakenspinne aus der Tiefsee ausdrücken?

Natürlich muss man, um solche Idiome zu kreieren,
1) die eigene Welt, ihre Geschichte und ihre Hintergründe sehr gut kennen
2) die eigenen Figuren gut genug kennen, um ihren Sprachgebrauch einschätzen zu können

Es klingt nach harter Arbeit und das ist es in der Tat, doch wer sprachlichen Fallen ausweichen will, kommt um diese nicht herum.

Ausblick

Die sprachlichen Grenzen sind praktisch nicht vorhanden – doch nicht alles, was vorhanden ist, sollte auch ausgeschöpft werden.
Gerade die oben aufgezeigten Grenzen sollte sich jeder Weltenbauer selbst in einem sinnvollen Rahmen stecken, um der eigenen Geschichte die Flügel nicht zu brechen. Dann können die Tipps im Artikel nämlich die Kirsche auf dem sprachlichen Sahnehäubchen einer Welt bilden.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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15 Antworten zu Weltenbauartikel: Vorsicht, Sprachfalle!

  1. Pingback: Mini-Fallstudie: Accents und Fantasynamen | Weltenschmiede

  2. Tintenelfe schreibt:

    Ha, bevor ich Kommentar-Verbot wegen aufrührerischer Reden erhalte, muss ich jetzt hier auch noch meinen Senf dazu geben. Ich habe nämlich letztens beim Lesen an Euch gedacht – wegen dieses Artikels. Das war bei „Thrones of Glass“, in dem durchgehend gepluralmajestätischt wurde, dann aber von „zusammen sein“ und „Schluss machen“ die Rede war. Schon merkwürdig, reißt einen völlig raus und man fragt sich automatisch, wie alt die Autorin ist und ob man jetzt plötzlich in einem anderen Buch gelandet ist. Geht nicht, geht gar nicht. :-)

    LIebe Grüße und macht weiter so, ich lese das echt gern. ;-)
    Mona

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Genau sowas meinte ich! Wobei es eigentlich Lektoren/Betalesern auffallen müsste. Wenn ich so einen Schnitzer mache, fällt das in der Regel allen Betalesern auf u d ich muss mich der Rüge erwähren *g*.

      Und liebe Grüße zurück in den Tintenhain!

      • Tintenelfe schreibt:

        Ich finde auch, das hätte jemandem auffallen müssen – aber mich fragt ja keiner! Selber Schuld.
        In der Leserunde hat es aber auch keiner kritisiert. Ich finde trotzdem nicht, dass ich pingelig bin. :-)
        Okay, zumindest in diesem Fall.

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Wer wäre nicht gern ab und zu Lektor?
        Ich habe es schon erlebt, dass Leuten sowas egal ist, Hauptsache sie kriegen ihr Lieblingsgenre (ob Romantasy oder 0815-Tolkienabklatsch oder was anderes) serviert.
        Während es mich massiv stört, da es mich rausreißt beim Lesen.
        Wenn ich korrigiere, wird sowas immer rot, fett, vergrößert und blinkend formatiert *g*

      • Tintenelfe schreibt:

        Ja, das geht mir genauso. Mich stört es schon, wenn ein Wort vergessen wird. Von falscher Rechtschreibung und Satzzeichen mal abgesehen.
        Ich hatte letztens ein ebook, das mit jeder Seite schlimmer wurde und dabei war die Geschichte so schön. Aber irgendwann macht mich das aggressiv.

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Das verstehe ich so gut!

  3. Pingback: Weltengeflüster Oktober 2013 | Weltenschmiede

  4. theben1986 schreibt:

    Ich finde ein großes Problem ist es immer, wenn man Protagonisten verschiedener Länder, Kulturen und/oder Rassen hat. Wenn die miteinander Interagieren, dann sollen sie ja auch miteinander Sprechen. Wie erkläre ich jetzt dem Leser plausibel, warum die miteinander reden können obwohl die vollkommen Unterschiedlich sind? Da gibt es die von dir ja schon angesprochene „Portallösung“, wenn man durchgeht, versteht und spricht man alles. Egal was. An anderer Stelle (meist Sci-Fi) sind es Würmer, Parasiten oder Chips die einem ins Gehirn gesetzt werden und als Universalübersetzer fungieren. Gelesen habe ich auch schon Zaubersprüche, Inselbegabungen, Sprachgenies, eine Gemeinsprache die alle beherrschen … alles das hat mich beim Lesen irgendwie IMMER aufgeregt, weil es so erzwungen erschien nach dem Motto „Da MUSS eine Erklärung hin“. Gerade diese Erklärungsversuche haben mich aus der Story gerissen und mir vor Augen gehalten das es ein Konstrukt ist.

    Am elegantesten fand ich es bisher, wenn die Autoren das schlicht und ergreifend ignoriert haben. Ihre Figuren konnten miteinander Kommunizieren. Punkt. Warum? Interessiert doch keinen… oder? Jeder Leser sieht ein, das die miteinander quasseln müssen und Hand-aufs-Herz, eigentlich denkt keiner darüber nach, wenn er nicht irgendwie darauf aufmerksam gemacht wird. Wem das nicht reicht, der kann immer noch seiner Phantasie freien Lauf lassen.

    Andere Sache:
    Besonders schwer finde ich, wenn man sich einer Sprache einer anderen Epoche bedienen muss. Da muss man schon mal recherchieren, wie die denn vor 200 Jahren miteinander gesprochen haben. Besonders Anreden und Personen sind schwer zu definieren, zu malen die sich ja von Region zu Region und zwischen den „Bürgerklassen“ (Arbeiter vs Adel) auch nochmal erheblich unterscheiden können. Und sich dann noch oft innerhalb weniger Jahrzehnte verändern.

    Eieiei… lang geworden. Hätte ich das mal als Artikel geschrieben :D Vielleicht mache ich das nochmal…

    Gute Nacht :)

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Bei mir ist es genau umgekehrt – mich stört es immer, wenn jeder mit jedem kommunizieren kann „wegen Gründen“ und „weil das nice für die Story ist, wenn alle das können“. Dabei ist es gerade eine schöne Herausforderung, wenn die Protagonisten einander eben NICHT auf Anhieb verstehen, die Sprachen langsam lernen, sich erstmal total verplant zurechtinden müssen etc.

      Aber du hast Recht, auch Epochensprache ist schwer – vor allem sollte man nicht so übertreiben, dass es bescheuert klingt…

      Wenn du einen Artikel darüber schreibst, kommentiere ich den – Sprachdiskussionen liebe ich!

      • theben1986 schreibt:

        Ja, über Sprache kann man sich glaube ich tot diskutieren :D Wenn ich einen Artikel schreibe, verweise ich mal besser wieder hier her *lach*

        Ich habe schon wieder so einen langen Text geschrieben …. aber wieder gelöscht :D Das spare ich mir für den Artikel dann auf.

      • theben1986 schreibt:

        Ich habe es getan :D Kommst über den Backling drauf, müsste bald ankommen ^^

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Jep, gesehen!

  5. Pingback: Die Sache mit dem Sprachsalat | ben schreibt

  6. Pingback: Andrea Tillmanns – Julia Jäger und die Macht der Magie (Julia Jäger #1) | FeuerFlocke

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