Mini-Fallstudie: Accents und Fantasynamen

Besonders im Bereich Fantasy sind exotische, selbsterfundene Namen allgegenwärtig. Und was macht einen Namen exotischer, als irgendwelche in der Ausgangssprache nicht vorkommenden, merkwürdigen Zeichen in den Wörtern. Die reichen von aus anderen Sprachen entführten Accents bis hin zu Bindestrichen und Apostrophen – doch was im Schriftbild gut aussieht, muss noch lange nicht gut aussprechbar sein. Lesen ist aber eine Stimme im Kopf und so mancher Leser fragt sich, wie zur Hölle man einen mit `, ´ und ^ überfrachteten Namen im Kopf abspulen soll.

Accent aigu – é, á, ú, ó

Im Französischen steht das Zeichen ausschließlich über dem „e“ – vereinfacht gesprochen, drückt es aus, dass das „e“ wirklich als solches gesprochen wird, statt zu einem ganz kurzen Schwa-Laut weggekürzt zu werden.
Im Polnischen steht er über dem „o“ – welches dann als kurzes „u“ gesprochen wird. Steht es über Konsonanten, werden diese anders ausgesprochen.
Im Tschechischen verlängert das Zeichen die Vokale, über denen es steht – das Selbe gilt interessanterweise auch für dieses Zeichen im Irischen.
Völlig verwirrend wird es aber erst in Schwedisch, Holländisch und Co. – dort dienen sie nämlich in der Regel dazu, das Wort im Satz besonders hervorzuheben und können somit bedeutungsunterscheidend sein.

Findet man diese Zeichen also in einem Fantasy-Namen, gibt es fast unendlich viele Varianten, wie man den zugehörigen Laut bilden soll und das kann schon mal verwirren.

Accent grave – und nun noch mal das Gleiche in umgekehrter Richtung

Steht er im Französischen über einem a oder einem u, hat das keine lautlichen Auswirkungen – da dient das Zeichen eher dazu, verschiedene Bedeutungen auseinanderzuhalten – ein „a“ ist eine Verbform, ein „à“ dagegen eine Präposition im Französischen. Ebenso gibt es natürlich einen empfindlichen Unterschied zwischen „ou“ und „où“ – ob man nämlich „wo“ oder „oder“ gemeint hat, kann unter Umständen einen riesigen Unterschied zwischen zwei Deutungen machen.
Relevant ist es beim „è“ – da drückt es einen Laut aus, der am Ehesten dem deutschen „ä“ entspricht.
In den meisten anderen romanischen Sprachen dient er unter anderem dazu, die Betonung einer Silbe auszudrücken.
Im Walisischen drückt er aus, dass der Vokal kurz gesprochen werden muss.

Accent circonflexe – alles unter einem Dach

Last but not least gibt es auch â, ê, î, ô und û – von denen sich einige sogar beim Altmeister Tolkien in Verwendung finden lassen.
Im Französischen hat das Zeichen in 90% der Fälle keine Wirkung auf die Aussprache eines Wortes – es zeigt eher eine sprachgeschichtliche Tatsache an: Dort, wo es steht, folgte vor Jahrhunderten ein „s“ auf den Vokal. Besonders gut lässt sich das an Worten verdeutlichen, bei denen das „s“ in anderen Sprachen erhalten geblieben ist, so beispielsweise im Kontrast zwischen „hôpital“ und dem englischen „hospital“ oder „forêt“ im Gegensatz zu „forest“ oder dem deutschen „Forst“. Ähnlich wie der Accent grave, wird er außerdem gelegentlich verwendet, um zwei Wortbedeutungen eines sonst gleich geschriebenen Wortes auch orthografisch zu trennen.
Das Zeichen kommt in anderen modernen Sprachen so gut wie gar nicht mehr vor.

Mikànáêlys

In einem unserer eigenen Artikel haben wir als Beispiel ganz bewusst einer jungen Elfe einen solchen Namen gegeben – da dieser vermutlich als „typischer Klischeename für eine Elfe“ gelten könnte. Außerdem war zum Zeitpunkt dieser Artikel hier geistig bereits in Planung und es stellt sich natürlich die Frage:
Wie spricht die Elfe Mikànáêlys sich selbst aus?
Die Varianten reichen dabei von Mi-ka(kurz)-nah-elis bis hin zu einer Variante, bei der die ganzen Gestrichel völlig ignoriert werden. Wenn der Autor aber kein Vorwort voranstellt, in dem kurz erklärt wird, wie die einzelnen Zeichen zu lesen sind, kann nicht selbstständig nur aus den Zeichen erschlossen werden, wie der Name gelesen werden soll. Das führt oftmals zu Frust.

Warum das ein Problem sein kann

Prinzipiell spricht nichts gegen die Verwendung von Sonderzeichen (egal ob diesen oder den Myriaden anderer Zeichen, für die `,´ und ^ exemplarisch stehen) – allerdings setzt eine solche bewusste Verwendung voraus, dass der Autor weiß, was die Zeichen für den Leser bedeuten und wie sie gelesen werden können. Dann wird der Autor sie bewusst einsetzen, um einen bestimmten Effekt zu erzielen.
Die Erfahrung zeigt allerdings, dass einige Schreiber – und dazu zählte auch die Autorin dieses Blogposts, als sie jünger war – dazu neigen, diese Zeichen in jeden Namen und jede Ortsbezeichnung zu schmuggeln, die bei drei nicht auf dem Baum sind. Begründung? „Dadurch sieht es irgendwie fremd und exotisch aus“ – das jedoch kann man auch auf anderen Wegen erreichen.

Und warum es nicht immer ein Problem ist

Soll genau diese Tendenz der Fantasyliteratur – die merkwürdigen, sonderzeichenschwangeren Namen gewisser High-Fantasy-Autoren – auf die Schippe genommen werden, dann ist es sogar das oberste Gebot, mit diesen Zeichen um sich zu werfen.
Das beste Beispiel dafür ist „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Auch wenn die Geschichte selbst durchaus ernst genommen werden will, kann und wird, ist die Namensgebung augenzwinkernd mit Accents überladen. Atréju, Phantàsien, der Löwe Graógramán, das Schwert Sikánda, das Orakel Uyulála sind nur die wichtigsten Beispiele.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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12 Antworten zu Mini-Fallstudie: Accents und Fantasynamen

  1. honehe schreibt:

    Ich finde Accents schon sehr wichtig, gerade bei Fantasynamen. Beispiel: Raelis oder Raélis. Bei Ersterem könnte man es als Rälis aussprechen. Ich finde das Zweite ist da eindeutiger.

    Sagt jemand der André heißt und der zu 80% der Fälle falsch geschrieben wird…

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Für sowas gibt es den Trennungsumlaut. Den kann ich leider nicht auf dem Handy darstellen, aber es ist sowas wie „Aleuten“. Raelis hätte ich als jemand mit klassischen Lateinkenntnissen „Raylis“ gelesen. Mit Akzent als Raeeelis, weil für mich ein Accent über dem E bedeutet, dass es gedehnt wird. Ein Waliser verstünde es genau umgekehrt *g*. Darum sag ich immer, dass man stark aufpassen sollte damit.

  2. Julia schreibt:

    Problematisch werden solche Spielereien auch, wenn man seinen Roman irgendwann als E-Book rausbringen will. Klar kann man mit den richtigen Einstellungen im Moment sicherstellen, dass alles auch korrekt angezeigt wird, aber es bedeutet zusätzliche Arbeit. Ich habe schon französiche Textschnipsel gesehen, die völlig unleserlich waren, weil dem Bearbeiter im (deutschsprachigen) Verlag schlicht entging, dass in der Mitte des Romans fremdsprachige Gedichte auftauchen, und er deshalb diesen Sonderzeichen nicht die nötige Beachtung schenkte. Und was damit geschieht, wenn sich die Reader oder sich das Format weiterentwickeln, ist auch alles andere als klar…

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Stimmt, dann hat man oftmals Zeichensalat, statt französischer, griechischer oder skandinavischer Buchstaben. Das Problem kenne ich gut. Besonders kostenlose E-Books mit Klassikern sind betroffen.

  3. Tintenelfe schreibt:

    Beim Schreiben von Rezensionen sitze ich manchmal da und denke „Wie hieß der Typ doch gleich?“ und dieses „Dingsda-Land, bei dem ich immer an Eritrea denken musste“. Manche Fantasy-Autoren übertreiben mit der Einzigartigkeit ihrer Namen derart, dass ich es irgendwann beim Lesen aufgebe, darüber nachzudenken, wie man das jetzt aussprechen soll (mal abgesehen davon, dass ich selten in die Verlegenheit komme, es aussprechen zu müssen). Accents, welche auch immer, halte ich in der Regel für schmückendes Beiwerk, ungefähr wie bei Mötley Crüe, Mötorhead oder den Bronte-Schwestern. (Mist, wie kriege ich denn ein e-Umlaut hin?) – Ich weiß, das waren jetzt gar keine Accents, aber Ihr versteht schon, was ich sagen will, oder?
    Sehr schön sind auch immer Apostrophe mitten im Namen, ich nehme das dann zum Anlass, dem Helden einen Knacklaut zu verpassen, ohne zu wissen, ob der Autor sich das auch so gedacht hat.
    Ganz besonders verwirrend sind Fantasynamen, bei denen es sich um Anagramme handelt – beabsichtigt oder vesehentlich? – ich lese dann immer automatisch das, was ich schon kenne. Zuletzt bei „Elfenmagie“ von Sabrina Qunaj, wo ich bei Glendorfil grundsätzlich nicht anders konnte als Glorfindel zu lesen. (Ich weiß, da war jetzt schon wieder kein Accent dabei, aber ich wollte das jetzt mal erwähnen, wenn ich schon mal Gelegenheit bekomme.)

    Naja, was ich eigentlich sagen wollte, ich bin (wie bestimmt viele andere auch) eine völlig ingnorante Leserin, die es nicht zu schätzen weiß, wieviel Mühe sich ein Autor bei der Erfindung von Namen mit exotischem Aussehen und zungenverknotenden Sprechweisen gibt. Notfalls entwickeln die Namen der Personen ein Eigenleben, wie man in Leserunden immer wieder feststellen kann. Dann wird aus Celaena auch mal Caleana oder Celeana oder Calaena und am Ende muss man nachgucken, wie sie denn jetzt verdammt noch mal hieß. Aber egal wie, sieht immer richtig und toll aus. ;-)

    Ganz liebe Grüße von einer, die sich in letzter Zeit über merkwürdige Namen ärgert. (Schade, dass ich „Feuer der Götter“ schon verschickt habe, da stehen auch tolle Namen drin. Ich weiß keinen einzigen mehr. *seufz*)

    Die Tintenelfe, der Ihr demnächst gern den Mund verbieten dürft. ;-)

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Auf die Idee, dir den Mund zu verbieten, käme ich nie :P

      Einer der Gründe für diesen Artikel war, dass ich selbst immer wieder über furchtbare Namen stolperte – und ich pflege oft mit Freunden über das zu reden, was ich lese. Und dann kommt erstmal ein „Hm… wie spricht sich das jetzt…“

      Das mit den Buchstabendrehern kenne ich auch gut :).

      Geschrieben von einer, die ihre Schreibversuche mit 11 mit Namen wie Kat-hyė-ri-nà und ähnlichen Monströsitäten garnierte…

      • Tintenelfe schreibt:

        Ach komm, mit 11 würde ich sogar Herzchen durchgehen lassen. :-)
        Nur mit dem Hyé wäre ich vorsichtig.

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Das sollte irgendwie einen chj-Laut darstellen. Am Ende hatte ich einen Haufen Charas mit bedeutungsschwangeren Namen, die außer mir niemand korrekt oder gar zügig aussprechen konnte. Mit 13 flogen die Akzente und mit 16 absolut strange, willkürlich kuriose Fantasynamen.
        Und jetzt setze ich Sonderzeichen selten, aber sehr bewusst ein.

      • Tintenelfe schreibt:

        Jetzt war ich gerade völlig verwirrt: „einen Haufen Charas“ – Charra aus dem Arabischen übersetzt bedeutet Sch***e :-)

        Namen in Fantasywelten müssen natürlich schon anders sein. Helden wie Peter, Paul und Susanne, die auf Drachen reiten und die Keule gegen Orks schwingen, wären ja auch lächerlich. Es sei denn, es ist ein Kinderbuch, in dem Kinder aus unserer Welt in ein magisches Reich gelangen. Dann passt es wieder.

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Charaktere *g* im Schreibforenslang :).

        Klar müssen Namen anders sein – sind meine Fantasynamen von heute ja auch – aber dennoch aussprechbar und gut lesbar :).
        Und bis auf Paul kamen die von Dur genannten Namen in den Narnia-Büchern vor. Absicht?

      • Tintenelfe schreibt:

        Ups, nein. Zufall. :-)

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