Fallstudie: Werwölfe I – Harry Potter

Wir haben ein halbes Dutzend Fallstudien über Vampire – doch noch keine einzige über Werwölfe! Eine große Ungerechtigkeit, die an dieser Stelle behoben werden soll.
Es gibt unzählige Sagen vom Menschen, der unter bestimmten Bedingungen zur Bestie wird. Zu den Beliebtesten gehört zweifelsohne die Sage vom Werwolf, schon Marie de France unterhielt ihre Leser mit der Geschichte vom „Bisclavret“. Joanne K. Rowling zeichnet in ihren Romanen das Bild vom Werwolf, der nicht nur Bestie ist, nicht immer nur gleich sein muss. Remus Lupin und Fenrir Greyback zeigen die gegensätzlichen Seiten ein- und derselben Medaille.
Doch wie sieht der Werwolf in der Welt von „Harry Potter“ aus?

Aussehen und Veränderungen

In der Regel kann man einem Menschen nicht ansehen, dass er ein Werwolf ist – erst an Vollmond verwandelt er sich und ist dann an geringfügigen Merkmalen von einem normalen Wolf zu unterscheiden.
So haben Werwölfe eine kürzere Schnauze und ihre Augen wirken menschlicher als die Augen normaler Wölfe. Außerdem haben sie einen puschligeren Schwanz und greifen in ihrer Wolfsform ausschließlich Menschen an, werden sich jedoch von Tieren fernhalten.
Wenn der Vollmond herannaht, werden an Lykanthropie leidende Menschen oftmals blass und fühlen sich elend.
Während sie verwandelt sind, haben Werwölfe in der Regel keine Möglichkeit, ihr Handeln zu kontrollieren – das menschliche Selbstbewusstsein ist ausgeschaltet und sie würden sogar ihren besten Freund töten. Das Schlimmste daran ist, dass sie sich nach der Verwandlung an alles erinnern – währenddessen jedoch nichts ausrichten können.
Dem kann allerdings entgegengewirkt werden.

Gesetzliche Regulierungen und Folgen

In der Welt von „Harry Potter“ bleibt nichts unreguliert. Werwölfe gelten als Tierwesen mit der höchsten Gefährlichkeitsstufe – und auch wenn sie die meiste Zeit des Jahres völlig harmlos sind, werden sie trotzdem diskriminiert und haben kaum eine Chance, öffentliche Schulen zu besuchen oder eine Anstellung zu finden.
Es gibt zwar eine Behörde, die sie unterstützen soll, diese kann jedoch im Alltag so gut wie nichts ausrichten.
Außerdem ist es nicht möglich, das eigene Werwolfsein geheimzuhalten – es gibt ministeriumsintern geführte Listen, auf denen jeder Werwolf eingetragen ist.
Unter Voldemorts Regime erscheint gar ein Gesetz, das es Werwölfen nahezu unmöglich macht, eine Stellung zu finden. Darüber hinaus besteht eine Behörde, um außer Kontrolle geratene Werwölfe einzufangen und unschädlich zu machen.

Verwandlung und Gegenmittel

Die Verwandlung erfolgt klassisch – wer von einem verwandelten Werwolf gebissen wird, verwandelt sich selbst in einen. Muggel erliegen allerdings in der Regel den Verletzungen und auch Zauberer verwandeln sich nur dann, wenn die Wunde mit einer Mischung aus Diptan und geriebenem Silber behandelt wird.
Von einem Werwolf beigebrachte Wunden bilden immer Narben.
Wer von einem nicht verwandelten Werwolf gebissen wird, wird zwar nicht selbst ein Werwolf, kann jedoch einige wolfsähnliche Vorlieben entwickeln, wie es im Buch bei Bill Weasley geschildert wird.
Es gibt keine belegte Möglichkeit, einen Werwolf dauerhaft zurückzuverwandeln – aber mit Hilfe des Wolfsbanntranks kann ein verwandelter Werwolf sein menschliches Bewusstsein behandeln und wird somit niemandem schaden. Der Trank muss rechtzeitig eingenommen werden und es ist verboten, ihn zu süßen.

Fenrir Greyback und Remus Lupin

Die zwei Werwölfe, die in den Harry-Potter-Romanen besonders exemplarisch gezeigt werden, zeigen im Prinzip zwei Seiten der Medaille „Werwolf“.
Remus Lupin wurde von seinen Freunden aufgefangen und hatte bis auf einige Einschränkungen eine weitestgehend normale Jugend, konnte Hogwarts besuchen, hatte einen Freundeskreis, der ihn unterstützt und als Werwolf in ihrer Mitte akzeptiert hat. Er konnte seine Möglichkeiten ausleben und wurde sogar Vertrauensschüler in Gryffindor und später Lehrer in Hogwarts. Ihm war es letztendlich möglich, eine Familie zu gründen und ein Kind zu bekommen. Er ist das perfekte Beispiel für die Bestie wider Willen, die trotz allem ein Mensch ist und als solche akzeptiert wird.
Fenrir Greyback dagegen wurde ebenfalls als Kind gebissen – es ist ungeklärt, was genau danach mit ihm passiert ist, doch anders als Remus Lupin hat er seine Werwolfform als seine wahre Form gesehen, biss bevorzugt Kinder und versuchte, genug Werwölfe um sich zu scharen, um die Herrschaft über die magische Welt zu erringen. Es ist offensichtlich, dass er in seinem Hass auf die magische Gesellschaft vor nichts zurückschrecken würde.
Beide Werwölfe stellen ein Extrem dar – vermutlich bewegen sich die Werwölfe in der magischen Welt in der Regel irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.

Weltenbauerisches Fazit

Rowling hat das Rad nicht in Bezug auf den Werwolf selbst erfunden – die Eigenschaften der Wölfe übernahm sie weitestgehend aus den bekannten Sagen – innovativ war dagegen ihre Herangehensweise an die Materie. Sie gibt Werwölfen wie Remus Lupin eine sehr menschliche Seite, die wie so viele Stellen in den Büchern, daran erinnert, dass man niemanden für das ausgrenzen soll, was er ist – denn es zählt, was man daraus macht.
Ein Werwolf muss nicht automatisch ein schlechter Mensch sein und es ist an jedem Gebissenen selbst, zu entscheiden, ob aus ihm ein Remus Lupin oder ein Fenrir Greyback wird.
Die Werwölfe haben also in den Harry-Potter-Romanen nicht zuletzt die moralische Aufgabe, anhand eines weiteren Beispiels zur Toleranz aufzurufen.
Neu war auch die Idee, Werwölfe unter die Aufsicht einer Behörde zu stellen und somit als Teil der magischen Gesellschaft einzugliedern, statt sie als Monster von „draußen“ zu dämonisieren.
Es muss also nicht unbedingt ein neues Wesen oder ein neues Konzept sein. Es zählt, was der jeweilige Autor daraus macht!

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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13 Antworten zu Fallstudie: Werwölfe I – Harry Potter

  1. cazze schreibt:

    Schöner Artikel. Remus Lupin ist mein Lieblingscharakter in den Harry Potter Büchern.

  2. Tintenelfe schreibt:

    Ah, die Werwölfe. Viel besser als Vampire! :-)
    Mich freut auch, dass da eine „I“ steht, das heißt es gibt demnächst noch mehr zum Thema?!
    Lupin ist auch eine meiner Lieblingsfiguren bei Harry Potter, zumindest bis er damit anfängt, sich für nicht gut genug für eine Beziehung zu halten. Allerdings wäre mir bei dem Thema nicht zuerst die „Harry Potter“-Welt eingefallen. Ich überlege die ganze Zeit, wo mir zum ersten Mal Werwölfe begegnet sind. Stephen King vielleicht?
    Mein Lieblingswerwolf ist übrigens eine Frau: Elena Michaels, die einzige Werwölfin der Welt. Naja, bis andere Autoren auch darauf kamen, Jetzt ist sie nicht mehr die EInzige, sondern eine der vielen Einzigen.

    Ich bin gespannt auf mehr!
    Liebe Grüße,
    die Tintenelfe

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Also ich mag Vampire… schreibe ich doch selbst über welche.

      Aber ja, es gibt mehr. Bei uns sind Fallstudien ja immer open end und es gibt so viele Teile, wie wir Forschungsobjekte finden :).

      Wobei ich seeeeehr wenige Werwölfe kenne, das gebe ich ehrlich zu. Wollte aber über Lupin schreiben, weil mir das mit der Moral aufgefallen ist.

      Elene Michaels kenne ich zum Beispiel leider nicht.

      • Tintenelfe schreibt:

        Oh, ich mag Vampire auch. Allerdings wurden mir es irgendwann zu viele. Vor allem wurden sie auch immer abstruser. Da gibt es die, die von Außerirdischen abstammen oder die Vegetarier, die in der Sonne funkeln.
        Interessant fand ich „Vampire! Vampire!“ von Markus Heitz, in dem er seine Recherchen beschreibt bzw. die Ergebnisse präsentiert. Ich habe es da wohl lieber „klassisch“:

        Elena Michaels stammt aus der Reihe „Women of the Otherworld“ von Kelley Armstrong. Die ersten beiden Bände handeln vorrangig von Elena und dem Wolfsrudel, in den weiteren spielen auch Vampire, Hexen, Nekromanten usw. verstärkt eine Rolle.

  3. PoiSonPaiNter schreibt:

    „So haben Werwölfe eine kürzere Schnauze und ihre Augen wirken menschlicher als die Augen normaler Wölfe. Außerdem haben sie einen puschligeren Schwanz“
    Immer wenn ich sowas lese muss ich an diesen grässlichen Film-Werwolf denken…
    Buch 3 ist mein Lieblingsband, vor allem wegen Lupin und seiner unglaublich liebenswerten Art und ich finde er ist ein Paradebeispiel für einen „guten“ Werwolf. :)

    Es gibt nicht viele andere Reihen oder Romane in denen mir positiv-sympathische Werwölfe über den Weg gelaufen sind, es sind leider meist doch eher die blutrünstigen Greybacks, die von Autoren bevorzugt werden…

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Stimmt, der Filmwerwolf sah… gewöhnungsbedürftig aus, sagen wir es mal so. Da fand ich den beim Lego-Harry-Potter-Spiel irgendwie… knuffiger ^^.

      Ich glaube, Lupin als Kontrast und guter Werwolf ist von Rowling mit Bedacht erschaffen worden. Wenn man bedenkt, dass die ganze Buchreihe als eine Grundbotschaft hat, dass niemand vorverurteilt werden soll – egal welches Geschlecht, welche Herkunft, Rasse etc. jemand hat – passt es sehr gut, hier auch den guten Werwolf zu verwenden.
      Denn Lupin ist ein Paradebeispiel dafür, dass ein Werwolf nicht automatisch böse zu sein hat.

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Die Werwölfe aus den Schattenjäger-Romanen von Cassandra Clare sind auch sehr „zahm“ – klar, sie töten, morden, jagen und so, aber sie sind doch eher Lupin-like und weniger greybackmäßig.

      • PoiSonPaiNter schreibt:

        Hmm..ich hatte glaube irgendein Buch der Reihe (oder der Vorgängerreihe) schon mal in der Hand, hab da aber nciht rausgelesen, dass es da auch um Werwölfe geht…vllt. schau ich mir das mal etwas genauer an…

        Ich bin übrigens dafür, dass „Lupin-like“ und „greybackmäßig“ in den Sprachgebrauch der Werwolfsvergleiche aufgenommen wird, das klingt beides irgendwie passend…man müsste es nur genau definieren und vllt. noch ein paar andere Beschreibungs-Kandidaten finden…

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Meines Wissens tauchen Werwölfe erst im 2. Band (City of Ashes) auf – bin auch nie weiter als bis zu diesem Band gekommen…. müsste die ersten 2 Bände nochmal lesen und mir dann den Rest der Serie geben… hach, wenn man doch nur mehr Zeit hätte *seufz*

      • PoiSonPaiNter schreibt:

        Ja, die Zeit ist immer so fies gegen einen…
        Danke für den Tipp/Hinweis.

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