Weltenbauartikel: Bevölkerungsentwicklung

Schaut man sich die gängigen Fantasy- und Sci-Fi-Bücher an, so fällt einem oftmals eins ins Auge: In der Regel sind die zugehörigen Welten entweder unendlich dicht oder stellenweise fast gar nicht bevölkert. Leider handelt es sich dabei in der Regel um völlig generische Siedlungen, die an die „Städte“ in den älteren Pokémonspielen erinnern.
Es gibt eine Handvoll Häuser und etwas mehr als zehn Menschen und die alle erfüllen ihren Zweck. Es gibt keine einzige überflüssige Person.

Warum geht das beim Weltenbau nicht?

Der Weltenbauer folgt einem anderen Ansatz – wer eine ganze Welt erschaffen will, denkt in der Regel über den aktuellen Roman hinaus. Im Prinzip soll etwas geschaffen werden, das sehr an die Realität erinnert: Auch wenn der Protagonist das Dorf oder die Stadt verlässt, geht das Leben ohne ihn weiter, Menschen werden geboren, sterben, leben.
Das bedeutet, dass die Ortschaften zumindest minimale Bevölkerungszahlen haben müssen – und nicht nur die Wesen beherbergen, denen die Protagonisten begegnen.

Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung verläuft in der Regel nicht linear, sondern exponentiell – das heißt, dass sie immer mehr zunimmt, sobald sie einen gewissen Grad erreicht hat.
Im Grunde genommen gibt es zwei Zahlen, die eine Rolle spielen: Zum einen, wie sich die Geburten- zur Sterberate verhält (also wie viele Menschen mehr oder weniger geboren werden, als sterben) und wie sich die Zahl der Einwanderer zur Zahl der Auswanderer verhält (auch hier wieder in beide Richtungen).
Somit kann eine Bevölkerung sowohl zu- als auch abnehmen und im Prinzip müsste man für jede Ortschaft und bei größeren Ortschaften z.B. für jedes Stadtteil festlegen, wie die Bevölkerungsentwicklung verläuft.
Mal angenommen, wir hätten ein sehr kleines Dorf, wo die Menschen sehr lange leben und mehr als hundert Jahre alt werden, wo jede Frau im Schnitt fünf Kinder zur Welt bringt, in das aber niemand einwandert, während jährlich drei Leute sterben und sechs Leute auswandern. Die Bevölkerungsentwicklung dieser Ortschaft wäre negativ.

Um diese Angelegenheit in Zahlen zu fassen, gibt es zwei Werte, nämlich Verdopplungszeitraum und Wachstumsrate. Die Wachstumsrate gibt in Prozent an, um wie viel die Bevölkerung zu- oder abnimmt: Wenn ein Dorf 100 Einwohner hat und jedes Jahr nach Abzug von Tod und Auswanderung einen Einwohner hinzugewinnt, liegt die Wachstumsrate bei einem Prozent.
Der Verdopplungszeitraum beschreibt, wie lange es dauert, bis (sofern die Wachstumsrate bleibt, wie sie ist) die Bevölkerung dieses Dorfes sich verdoppelt hat.

Wenn man weiß, wie man mit diesen Zahlen rechnet, kann man beim Weltenbau recht realistisch abbilden, wie sich eine durchschnittliche Stadt irgendwo in der selbstgebauten Welt bevölkerungstechnisch verhalten wird.
Allerdings kommt das an seine Grenzen, denn es gibt zahlreiche zusätzliche…

… Faktoren

So helfen zwar die Zahlen oben, die Bevölkerung für eine Stadt oder ein Land zu berechnen, in dem nichts Beesonderes passiert, aber es gibt immer wieder Einschnitte, die sogar die schönsten Berechnungen völlig durcheinanderbringen.

Ein anschauliches Beispiel liefert die deutsche Geschichte. So wurde die (männliche) Bevölkerung durch den ersten Weltkrieg stark dezimiert – die Sterblichkeit war signifikant höher, der Bevölkerungszuwachs brach ein und wurde rückläufig.
Ohne dass es dafür eine wissenschaftliche Erklärung gab, werden nach Kriegszeiten jedoch mehr Jungen geboren, als statistisch üblich. Der Bevölkerungswachstum pendelte sich wieder ein.
Das Selbe geschah nach dem zweiten Weltkrieg – bis zum Bevölkerungsknick, als die Anti-Baby-Pille in Deutschland erstmalig für weite Teile der Bevölkerung zugänglich wurde und dadurch viele Frauen nie geboren wurden.

Als Bevölkerungsknick oder einschneidende Ereignisse sind somit viele Ereignisse denkbar – Hungersnöte, Kriege, aber auch besonders glückliche Ernten oder die Einführung eines neuen Verhütungsmittels.

Weitere Details

Wer will, kann auch weitere Details der Bevölkerungsstruktur und ihrer Veränderung für seine selbsterdachten Länder und Städte austüfteln.
Mögliche relevante Details wären beispielsweise:
– Gibt es mehr Männer als Frauen oder umgekehrt? Wenn ja: Warum?
– Werden die Einwohner überragend alt oder sterben sie im Gegenteil unnatürlich früh? Gibt es einen Grund dafür?
– Gibt es irgendwelche anderen Besonderheiten in der Bevölkerungsstruktur?

Wie genau strukturiert ihr die Bevölkeruntgszahlen eurer fiktiven Staaten und Städte? Habt ihr schon mal Bevölkerungskoeffizienten ausgerechnet?

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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6 Antworten zu Weltenbauartikel: Bevölkerungsentwicklung

  1. fruehstuecksflocke schreibt:

    Die erste „Stadt“, die ich je genauer ausgearbeitet habe, war eine Kolonie in unwirtlicher Gegend. Viele Kolonisten starben an Ort und Stelle durch widrige äußere Umstände (wilde Tiere, Klima, andere Kolonisten, die ihren Bauplatz wollten, … ), die Bevölkerungsentwicklung blieb aber positiv, da die frischgegründete Kolonie einen wahren Einwanderungsboom hatte. Kurz gesagt: Es kamen mehr neue Leute nach, als vor Ort sofort zu sterben im Stande waren.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Das klingt nach einer schwach positiven Bevölkerungsentwicklung so im einprozentigen Bereich, was ja nicht schlecht ist :).

      Ich habe ja teilweise riesige Megastädte in meinen Geschichten, die in eigenen Welten spielen – wo ich dann auch gerne die Bevölkerung pro Stadtteil dazuschreibe, welche Stadtteile reine Schlafstadteile sind, wo die Kriminalität und die Geburtenrate am Höchsten ist etc.

  2. Chronojin schreibt:

    Das ist einer dieser Artikel. (stellt euch das ‚dieser‘ kursiv vor)
    Ich habe in meinen Leben bereits über so viele unnötige Details nachgedacht und nun sitze ich hier und bemerke, dass ich einen großen Teil nie beachtet habe.
    Genrell fiel mir auf, dass die meisten meiner Grundideen ziemlich destruktiv wirken müssen, denn kaum ein wesentlicher Ort den ich mir je erdacht habe wurde nicht vom Angesicht dieser Welt radiert. Oftmals liegt ein Ort bereits im Sterben oder hatte ein blühendes Wachstum, dass ihn bis hin zu Dekadenz und der Selbstzerstörung trieb – meine Städte sich also ziemlich stereotypisch aufgebaut.
    Ich werde diesen Artikel nun als Anreiz nehmen mich auch diesem Detail näher zu widmen und meine literarische Zerstörungswut wohl etwas zurückschrauben. Diese Entwicklung kam ohnehin nur zustande, weil ich keine längeren Dinge zuende bringen kann.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Es gibt keine unnötigen Details, es gibt nur Romane, bei denen diese Details _noch_ nicht wichtig waren ;-).
      Naja, aber ganz ehrlich? Warum nicht? Ich musste ja spontan an den Beginn von „Narnia“ denken, als Polly und Diggory in diese Welt gelangen, in der es nur noch eine dekadente Königin und eine sterbende, rote Sonne gibt.
      Und auch das alte Rom war gegen Ende ein sehr dekadenter Ort…
      Viel Erfolg beim Zurückschrauben der Zerstörungswut – und beim Erschaffen längerer Werke :).

  3. Samira-Jessica schreibt:

    Abgesehen davon, dass ich mir die Berechnung dessen ziemlich kompliziert, zu kompliziert vorstelle, frage ich mich auch gerade ehrlich:

    Ist das, sowie die Überlegung, in welcher Zeit meine Geschichte spielen soll, wirklich so sehr von Bedeutung?
    Ich hab noch keinen Fantasyroman , oder nur Einzelne gelesen, in denen das erwähnt wurde… und die waren trotzdem sehr gut.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Sehe ich um ehrlich zu sein anders. Im Buch selbst muss es nicht erwähnt werden, aber ich als Geschichtsnerd bemerke immer wieder, wie in Fantasyromanen dahingehend die lustigsten Böcke geschossen werden und malerische Siedlungen hingeschrieben werden, die in der Realität absolut untragbar wären. Für mich macht das ein Buch kaputt, wenn ich an dieser Stelle Schlamperei bemerke.

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