Fallstudie: Geister in Jonathan Strouds „Lockwood & Co. – Die seufzende Wendeltreppe“

Es ist soweit, der 31.10. ist da und somit auch Halloween. Damit endet unsere Blogtour zum Thema Geister und Gespenster, wir hoffen, es hatten alle so viel Spaß wie wir – und wir möchten auch all unseren Teilnehmern für ihre glorreichen Beiträge danken! Applaus bitte! (Und wer es verpasst hat, in unserem Start-Post zur Blogtour sind inzwischen alle Beiträge zum Nachlesen verlinkt)

Während wir auf unserer Tour waren, fielen leider zwei „Surprise“-Beiträge widrigen äußeren Umständen zum Opfer – da es sich bei beiden um Last-Minute-Beiträge hier auf der Weltenschmiede handelte, nehmen wir uns die Freiheit, sie nachträglich noch hier bei uns zu publizieren.

Aber nun zum Abschluss unserer Blogtour, der gewissermaßen auch unser Anfang war, da fruehstuecksflocke erst so auf die Idee kam: Jonathan Strouds „Lockwood & Co. – Die seufzende Wendeltreppe“ – oder im Original „Lockwood & Co. – The Screaming Staircase“, was, und hier sei dem sonst um Objektivität bemühten Autoren (der das Buch sowieso nur auf Englisch gelesen hat) eine Wertung erlaubt, ein viel treffenderer Titel ist. Denn während man bei einer von einem Geist heimgesuchten und bespukten Wendeltreppe vielleicht nur den Kopf schüttelt, wenn sie vor sich hinseufzt, so ist ein wahrer Schrei doch schon ein ganz anderes Kaliber von Schrecken!

Und Schrecken verbreiten sie, die Geister, mit denen Lockwood & Co. sich herumschlagen…

Woher die Geister kommen

Woher die Geister stammen, ist schwer zu sagen. Jonathan Stroud geht in seinen Ausführungen zurück zum römischen Schriftsteller Plinius, der in einem seiner Briefe von einem Gespenst in einem Haus in Athen erzählt. Dies legt den Verdacht nahe, dass es Geister schon immer gab, sie aber zumindest in der Vergangenheit kein großes Problem darstellten.

Erst jüngst, so die Realität in Strouds Buch, wurden Geister wirklich zu einem Problem. Das fiktive Großbritannien von Lockwood & Co. wird quasi von Geistern überrannt, und niemand weiß wieso gerade jetzt.

Man weiß, dass ein Toter dann als Geist zurückkehrt, wenn er in seinem Leben etwas erlebt hat, mit dem er noch nicht abgeschlossen hat – also z.B. nie dazu kam, den Dachboden aufzuräumen oder kurz bevor man seiner Angebeteten seine Liebe gestehen wollte, von einem Bus überfahren wurde – oder wenn man blöderweise von einem Rivalen um die Ecke gebracht wird und auf Rache sinnt. Gründe gibt es viele – insofern mag man sich fragen, was mit der Moral und den guten Sitten passiert ist, dass es in Strouds Großbritannien plötzlich so viele Geister gibt…

Geister selbst hinterlassen an dem Ort, an dem sie gestorben sind, sowas wie eine Art „Todesfleck“ – dieser kann nur von Geisterjägern mit der Gabe des Sehens wahrgenommen werden, die ihn dann als Quelle eines mehr oder weniger hellen Lichtes wahrnehmen. Die Intensität dieses Lichts kann dabei so weit gehen, dass ein Geisterjäger schon mal mitten in einem dunklen Haus zur Sonnenbrille greifen muss.

Der Geist selbst ist an seine Quelle gebunden – hierbei handelt es sich um irgendetwas aus seinem früheren Leben, das für ihn persönlich große Bedeutung hatte. Dabei kann es sich um seinen Leichnam, ein Amulett, ein Foto eines geliebten Menschen oder die schönste Kugel aus der persönlichen Schneekugelsammlung handeln. Egal was, Hauptsache, es war wichtig. Da der Geist, wie schon erwähnt, an die Quelle gebunden ist, kann er nicht eigenmächtig den Ort verlassen, an dem sie ist. Wohl aber kann er den Ort wechseln, wenn etwa jemand unwissentlich die Quelle verschleppt.

Die Geister und ihre Kräfte

Will man über die Geister aus Strouds Buch schreiben, so stellt dies ein gar nicht so einfaches Unterfangen dar. Tatsächlich haben Geister die unterschiedlichsten Fähigkeiten, kein Geist gleicht dem anderen (wie es etwa bei Eiern sonst der Fall sein soll), alle sind sie einzigartig.

Das liegt wohl auch daran, dass sie in ihrem Leben einst Menschen waren und daher – wir kennen das von uns selbst – durchaus individuelle Schicksale erlitten haben, was sich auch aufs Geisterdasein auswirkt.

Klassifizieren lassen sich die Geister aber nach ihrer Stärke: Schwache Geister wie Schatten, Stalker, graue Nebel und Lurker (von engl. „to lurk“, lauern oder herumlungern) gelten als „Type One“-Geister, sind kein großes Problem für Geisterjäger und lassen sich relativ einfach aus dem Verkehr ziehen – übrigens stellen sie auch die am häufigsten auftretende Geisterart dar.

Stärkere Geister wie Poltergeister, Verwandler, Trugbilder und Gespenster haben es als „Type Two“-Geister schon eher in sich und können auch geübten Geisterjägern zum Problem werden.

Die Krönung von alledem sind die Geister vom „Type Three“, wobei schon zu Beginn des Buches klargestellt wird, dass man einem solchen so gut wie nie begegnet…

Was können nun diese Geister? Dies lässt sich schwer beantworten – manche Geister können nur schaurig in der Gegend rumlungern, ohne etwas zu tun, andere wiederum haben die Fähigkeit, Gegenstände anzugreifen und sogar zu bewegen (wie man es vom klassichen Poltergeist kennt). Es gibt auch Geister, die ihre Gestalt ändern können und so zum Beispiel als riesige Blutlachen das ganze Zimmer okkupieren, während andere Geister nur als silberner Schemen durch die Gegend schweben …. der Fantasie sind eigentlich keine Grenzen gesetzt, wenn es um die Kräfte von Strouds Geistern geht.

Was sie allerdings alle nicht wirklich können: In sinnvollen, zusammenhängenden Sätzen sprechen. Im Laufe des Buches geben Geister immer wieder irgendwelche Sätze von sich, z.B. „Mir ist kalt“ und wenden sich dabei direkt an den Geisterjäger, mit dem sie es gerade zu tun haben – nie ergibt aber eine solche Aussage auch wirklich Sinn, es sind immer nur Brocken, nie eine ganze Geschichte.

(Wenngleich im Buch angedeutet wird, dass es „Type Three“-Geister gibt, die sehr wohl sprechen können und mit ihren Jägern ganze kleine Teepartykonversationen abhalten, ehe es zur Sache kommt)

Was gegen die Geister hilft

Im Grunde helfen nur zwei Dinge gegen Geister: Eisen und Silber, zwei Metalle, die schon seit alter Zeit mit allerlei gespenstischem verbunden sind. Auf beides reagieren Geister sozusagen allergisch, die Präsenz des Metalls bindet ihre Kräfte und macht es ihnen unmöglich, sich als Geist auszuleben.

Deshalb tragen die Geisterjäger von Lockwood & Co etwa Rapiere für den Nahkampf Mann gegen Geist oder haben Eisenspäne bei sich, um notfalls einen Schutzkreis ziehen zu können. Gegen stärkere Geister kommt, dem gleichen Gedanken folgend, ein Schutzkreis aus einer massiven Eisenkette zum Einsatz.

Will man einen Geist überwältigen, so muss man seine Quelle finden und diese mit Eisen und/oder Silber umschließen, sodass der Geist gebannt ist.

Fazit

Es ist ein sehr spannendes, sehr ausgefeiltes Geisterkonzept, das Jonathan Stroud in seinem neuesten Werk vorlegt – und gleichzeitig kein kompliziertes, im Gegenteil: Das Konzept ist schnell erklärt, ideal für eine Gruselgeschichte, die sich selbst als „Young Adult Novel“ sieht. Es spricht nichts dagegen, sich als Erwachsener beim Lesen zu gruseln und gleichzeitig die Geschichte an Halloween auch seinen Kindern vorzulesen.

Wer einen Einblick in die Welt von Lockwood & Co. erhalten will, braucht das Buch auch nicht einmal zwingend zu kaufen – auf der Website des Guardian arbeitet Stroud aktuell an einer Fortsetzungsgeschichte mit den Charakteren aus dem Buch. Die ideale Leseprobe für alle Interessierten.

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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6 Antworten zu Fallstudie: Geister in Jonathan Strouds „Lockwood & Co. – Die seufzende Wendeltreppe“

  1. Pingback: [Ankündigung] Blogtour: Geister | Weltenschmiede

  2. Das AundO schreibt:

    Hui, gebüührender Abschluss eurer Geister-Tour, die im Abschlussbeitrag die Weltenschmiede zur Geisterschmiede macht! Vielen Dank!

    Buchstabenbunte Grüße
    das A&O

  3. Na ja, zum Vorlesen ist das Buch vielleicht ein wenig zu umfangreich….

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