Fallstudie: Warum zaubert Harry Potter eigentlich auf Latein?

Wir erzählen sicher keinem unserer Leser etwas neues, wenn wir erwähnen, dass die Zaubersprüche von Harry Potter allesamt Latein sind. Vielleicht würden wir ja manch einem was Neues erzählen, wenn wir erwähnten, dass der erste Band von Harry Potter in seiner Ganzheit auf Latein übersetzt worden ist. Aber wir würden doch auch gerne etwas erzählen, das nicht nur fruehstuecksflocke, sondern auch die werte Leserschaft interessiert.

Also würden wir den Konjunktiv jetzt auch aussetzen und uns anschauen, wieso es denn genau Latein sein musste. Würden wir? Tun wir.

Warum Latein?

Was Kritiker der lateinischen Sprache im Allgemeinen und Kritiker des Lateinunterrichts im heutigen Schulsystem im Besonderen immer wieder übersehen (um nicht zu sagen: geflissentlich ignorieren), ist, dass die Wurzeln der Kultur von ganz Europa (mit Ausnahme eines kleinen Dorfes in der heutigen Bretagne) sich auf die Antike rückverfolgen lassen. Bedeutende Philosophenschulen, bedeutende Entdeckungen, bedeutende Staatsmänner, bedeutende Literaten, all diese gab es in der Antike, auf all diesen haben wir „modernen“ Europäer aufgebaut, all diese haben wir manchmal plagiiert, manchmal auf sie verwiesen und ganz oft auch versucht, sie nachzumachen oder sie weiterzuentwickeln.

Man mag jetzt einwenden, dass viele dieser ach so wichtigen Entdeckungen aber gar nicht römischen Ursprungs sind und eigentlich aus der griechischen Welt stammen, also bereits die Römer schamlos abgekupfert haben und dass es daher erst recht nicht wichtig ist, Latein zu lernen, weil es ja eh „nur“ die Sprache einer großen Plagiiererei sei. Richtig?

Nein.

Tatsächlich haben die Römer vieles von den Griechen übernommen, wie auch die Griechen vieles von anderen Völkern übernommen haben. Das ist der Lauf der Dinge – der eine erfindet, der andere klaut und macht damit weiter. So funktioniert Wissenschaft noch heute (nur, dass es nun eben guter Ton ist, dazu zu schreiben, von wem man es hat, falls man später mal Politiker werden will).

Aber wir wüssten heute nicht, wer von wem was abgekupfert hat, wenn das römische Reich nicht den Großteil Europas umfasst hätte und damit die lateinische Sprache so verbreitet hätte. Denn Latein war damals Weltsprache und später, als das römische Reich den Bach runterging, immerhin noch die „Fremdenverkehrssprache“ Nr. 1. Wer in England etwa eine wichtige Entdeckung machte, hielt sie auf Latein fest, damit auch ein Deutscher, Italiener oder Franzose nachlesen konnte, was denn da so wichtiges entdeckt wurde. Latein war das Englisch der damaligen Zeit, das jeder Gelehrte konnte. Gelehrte wie Paracelsus, Cornelius Agrippa oder Nicolas Flamel zum Beispiel.

Wieso ist das wichtig für Harry Potter?

In Rowlings Welt ist Magie institutionalisiert und gehört zum Alltag. Es gibt gleich mehrere Wissenschaften, die sich mit der Magie und ihrem Wesen beschäftigen (die sich wiederum auch in den Unterrichtsfächern von Hogwarts niederschlagen) und diese Wissenschaften sind ziemlich alt und – Surprise! – gehen auf die Antike zurück. So gibt es etwa eine Schokofroschkarte von einer griechischen Hexe namens Circe.

Und auch unsere drei obigen Beispiele – Paracelsus, Cornelius Agrippa und Nicolas Flamel – finden sich in der Schokofroschkartensammlung berühmter und wichtiger Hexen und Zauberer wieder. Das ist kein Zufall. Rowling integriert geschickt reale historische Persönlichkeiten in ihre alternative Realität, um diese für den Leser greifbarer zu machen. Der Leser stößt hier auf ihm bekannte Personen, auf reale Begebenheiten und deren Umdeutung auf die Geschichte der magischen Welt. Es benötigt weniger Aufwand, den Leser in die Welt einzuführen, da ihm vieles bereits sehr bekannt vorkommt.

Damit, dass Rowling Magie aber zur Wissenschaft erhebt und Leute wie Paracelsus zu ihren großen Entdeckern macht, kann sie nicht umhin, sich auch die lateinische Sprache zu nutze zu machen. Wenn Paracelsus einen neuen Zauberspruch entdeckt hat, dann hat er ihn nicht nur auf Latein beschrieben, sondern auch lateinisch benannt, denn das war die damalige Wissenschaftssprache. Und diese Benennungen haben sich natürlich gehalten – wer käme auf die Idee, einen Zauber, der seit hunderten von Jahren praktiziert wird, plötzlich abzuändern und ihn auf Englisch (oder Deutsch, Französisch etc.) auszuführen?

Ginge das überhaupt? Zaubern auf Französisch?

Angesichts dessen, dass es sich bei Latein nur um eine Sprache handelt, kann wohl davon ausgegangen werden. Ein Zauber besteht (lose) aus zwei Komponenten: Dem, was man sagt, und dem, was man tut. (Wutschen und Wedeln, täte Flitwick sagen). In welcher Sprache man das, was man sagt, sagt, dürfte aber wohl egal sein. Durch die lange Wissenschaftstradition auf Latein in unserer Welt (und damit auch in der Welt von Harry Potter) dürfte es sich als Konvention eingebürgert haben, auf Latein zu zaubern. Als Severus Snape seinen Zauberspruch „Sectumsempra“ erfindet, benennt er ihn ebenfalls lateinisch, obwohl Kollegen wie Paracelsus längst über den Jordan gegangen sind und Latein als Wissenschaftssprache ausgedient hat. Man kann also durchaus von einer Konvention sprechen.

Wieso ist das wichtig für Weltenbastler?

Es zeigt uns, dass auch Kleinigkeiten wie die Sprache der Magie durchaus triftige Gründe haben können. Wer seine Zaubersprüche auf Latein schreibt, sollte sich überlegen, welche Gründe das haben könnte – und wer die ganze abendländische Kultur in seine Welt integriert, sollte sich überlegen, welche Auswirkungen das auf die Kleinigkeiten wie Zaubersprüche haben könnte. Es ist, wie so oft, alles ein großes Ganzes: Wer die Sache nicht zu Ende denkt, der kann sie bereits im Anfangsstadium verpatzen.

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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14 Antworten zu Fallstudie: Warum zaubert Harry Potter eigentlich auf Latein?

  1. Na da schau her! Erst vor kurzem habe ich mich genau DAS gefragt. In einer lustigen Runde brachte ich das dann zur Sprache und keiner wäre nur im entferntesten auf diese, eigentlich logische, Erklärung gekommen. (Ob es nun an den Getränken liegt, mag dahingestellt sein.)
    Jedenfalls sehr einleuchtend erklärt ;)
    LG

  2. Jabnaki schreibt:

    Ich hatte mir das auch schon überlegt. Ich bin froh, daß man auch in anderen Sprachen zaubern könnte, obwohl ich Latein mag und lateinische Zaubersprüche schick finde. Übrigens, hallo, da oben. Ich bin überrascht dich auf einer Seite zu sehen, die ich gerade zufällig entdeckt habe.

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Latein hat natürlich auch den Vorteil, dass es mit dem Endungssystem bei den Wörtern sehr fremd und teilweise sehr analytisch klingt für heutige Ohren. Das macht es für Zaubersprüche auch wiederum sehr ideal.

  3. Jabnaki schreibt:

    Latein ist auch sonst eine beliebte Sprache für Zaubersprüche. Lateinische Terminologien, wie in der Biologie sind auch fast wie Zaubersprüche.

  4. Jabnaki schreibt:

    Kannst du Latein sprechen?

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Sprechen nicht, nein. In gewissen eingeschränkten Maßen schreiben und Lesen. Aber Sprechen hab ich nie gelernt, bin es nicht gewohnt und daher auch nicht fix genug, um mich wirklich zu unterhalten.

  5. Jabnaki schreibt:

    Ich glaube, daß bei mir das Sprechen halbwegs ginge, aber ich habe kaum Gelegenheit dazu. Ich muß aber schon viel überlegen. Beim Schreiben geht es recht gut. Wahrscheinlich würde sich Cicero im Grab umdrehen, wenn er mitläse, aber zur Kommunikation reicht es aus.

  6. Pingback: Weltengeflüster Januar 2015 | Weltenschmiede

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