Fallstudie: Westliche Kultur und Mythologie im Manga „Sailor Moon“

Die meisten in Europa lebenden Menschen sind fasziniert von der exotischen Kultur in Asien – sie kaufen Buddhastatuen, zünden Räucherstäbchen an und lesen Bücher über die weise Philosophie des Ostens.
Doch womit umgeben sich die Menschen in Asien? Denn was für uns exotisch ist, ist für sie gängiger Alltag – oder gar Touristenkitsch.
So ist es im Prinzip nur logisch, dass es für japanische Mangaka wenige Dinge gibt, die exotischer sind, als die Europäer, ihre Religion, Geschichte und ihre Traditionen.
Auch in der Anime-Version von „Sailor Moon“ merkt man immer wieder diverse kulturelle Einflüsse – christliche Sagen treffen auf griechisch-römische Mythologie.
Dieser Artikel bezieht sich nur auf den Manga – abweichende und widersprüchliche Fakten aus Anime, Realserie oder Musical werden nicht berücksichtigt.

Sailormoon und die Mythologie der Griechen und Römer

Der Name von Artemis, der Katze von Sailor Venus/Minako, stammt aus der griechischen Mythologie. Die Göttin Artemis ist die jungfräuliche Göttin der Jagd. Entsprechend interessant ist die Tatsache, dass Artemis als männlicher Begleiter der Sailor Venus auftritt und in Notsituationen die Gestalt eines Mannes annehmen kann.
Während es in einigen Versionen des griechischen Schöpfungsmythos das Chaos war, aus dem alles geboren wurde, ist im Manga das Chaos eine diffuse Entität, die die Bösewichte des Sailor-Moon-Universums hervorbringt und letztendlich auch Sailor Galaxia korrumpiert. Ähnlich wie das mythologische Vorbild, ist Chaos gestaltlos, ist jedoch im Gegensatz zu diesem nicht neutral, sondern eindeutig böse. Die Hauptgegnerin des Chaos ist Sailor Cosmos, nicht zuletzt weil Cosmos in der griechischen Mythologie Ordnung repräsentierte – also das Gegenteil von Chaos. Im Manga bleibt unklar, ob es sich bei Sailor Cosmos um eine spätere Form von Sailor Moon handelt.
Galaxias Schergen Sailor Chi und Sailor Phi sind einfach nach griechischen Buchstaben benannt – jeweils der 22ste und 21ste Buchstabe im Alphabet, wieso gerade Diese, konnte bei der Recherche nicht ermittelt werden.
Die Namen der (fiktiven) Planeten und entsprechend der Kriegerinnen Sailor Lethe und Sailor Mnemosyne wurden von Flüssen im Hades abgeleitet – während Lethe Vergessen bringt, kann Mnemosyne die Erinnerung wiederherstellen. Im Manga fungieren die Kriegerinnen als Wächterinnen der zwei Wüstenflüsse Oblivion und Memory. Sie kämpfen zusammen unter Sailor Galaxia, haben sich jedoch in der Vergangenheit bekriegt – was Sinn ergibt, da Vergessen und Erinnerung gegensätzliche Aspekte darstellen.
Die Raben, welche Sailor Mars manchmal begleiten, heißen Deimos und Phobos, wie die Monde des Mars und die gleichnamigen griechischen Sagengestalten. Sie können eine menschliche Form annehmen und für sie kämpfen.
Das goldene Königreich in der Erde heißt im Manga Elysion – ähnlich wie der Ort in der griechischen Unterwelt, an dem die heroischen und ehrenwerten Helden sich nach dem Tode aufhalten. Die Priesterinnen im Sonnenschrein von Elysion heißen zwar Mänaden, haben aber mit den mythologischen Wesen gleichen namens nichts zu tun. Zwischen Helios, dem Hüter von Elysion und Mamoru dem Erdprinzen scheint es einen diffusen Zusammenhang zu geben. Sein Name entspricht dem griechischen Namen des Sonnengottes, ein solcher Zusammenhang wird aber nicht im Manga erwähnt. Auf der Erde nimmt Helios die Form eines geflügelten Einhorns mit einem goldenen Horn an und nennt sich Pegasus – was wenig mit dem mythologischen Pegasus gemeinsam hat.
Der Name des Planeten „Nemesis“ stammt von der gleichnamigen Göttin der Rache – lange Zeit wurde außerdem ein zehnter Planet mit diesem Namen angenommen, dessen Einfluss man das Massenartensterben auf der Erde zugeschrieben hat. Analog dazu ermorden die Aliens vom Planeten Nemesis die meisten Menschen in Crystal Tokyo im Manga.

Die Namen der magischen Katzen Luna und Diana stammen aus der römischen Mythologie. Luna ist die Göttin des Mondes, Diana ist das römische Äquivalent zu Artemis. Das Kätzchen Diana ist die Tochter von Luna und Artemis.
Auch die Planetennamen, nach denen die Sailorkriegerinnen des Erdplanetensystems benannt werden, basieren auf den europäischen Namen für diese Planeten – diese widerum wurden von den römischen Gottheiten abgeleitet, ebenso wie die astrologischen Symbole von diesen abgeleitet werden, die die Sailorkriegerinnen bei der Verwandlung auf ihrer Stirn haben.
Sailor Venus trägt im Manga eine Art goldenen Gürtel um die Taille – dieses Detail ist der Tatsache nachempfunden, dass Venus in der römischen Mythologie einen Gürtel besitzt, der ihr besondere Attraktivität verleiht.
Außerdem entsprechen die besonderen Eigenschaften und Funktionen der Sailorkriegerinnen teilweise den Zuständigkeitsbereichen der römischen Gottheiten – bis auf wenige Ausnahmen. So ist Sailor Pluto nicht für den Tod zuständig, sondern beschützt das Raum-Zeit-Tor, während Sailor Saturn für den Tod zuständig ist. Außerdem ist die Rolle der Sailorkriegerin, die in irgendeiner Weise mit Wasser zu tun hat, überbesetzt – Sailor Merkurs Element ist Wasser, aber Sailor Neptun ist für die Ozeane zuständig und ist nach dem römischen Gott der Ozeane benannt.
Sailor Mars ist dem Feuer zugeordnet und die Kriegerischste der Kriegerinnen, entsprechend dem römischen Gott Mars.
Sailor Jupiter kann zwar, entsprechend dem Gott in der römischen Mythologie, Blitze schleudern, zu ihren Kräften gehört aber auch das Kontrollieren von Pflanzen, da in der japanischen Astrologie Jupiter dem Holz zugeordnet wird.
Mamoru oder Tuxedo Mask war in seinem früheren Leben Prinz Endymion, der in der griechischen Mythologie ein Geliebter der Mondgöttin Selene war.
Mitunter werden griechische und römische Mythologie bunt gemischt – so sind die Leibwächterinnen der Zukunfts-Serenity und von Chibiusa Sailor Vesta (römisch), Sailor Juno (römisch), Sailor Pallas (griechisch) und Sailor Ceres (römisch) und als Sailorkriegerinnen für die entsprechendenden Asteroiden eingesetzt.
Die Paläste der Sailorkriegerinnen während des Silver Milleniums wurden – sofern vorhanden – nach Monden benannt (Deimos-Phobos-Pallast für Sailor Mars, Io-Pallast für Sailor Jupiter) oder nach dem Element, so Sailor Merkurs „Mariner Pallast“.
Sowohl das Amazonastrio als auch das Amazonasquartett verfügen im Manga über Lemuren – dunkle, formlose Kreaturen, ähnlich den Lemuren in der römischen Mythologie.
Nehelenias Name wurde vermutlich vom Namen der römisch-germanischen Göttin Nehalennia, die allerdings sehr unklar belegt ist. Man kann sie sowohl als Göttin der Seefahrt als auch als Göttin von Fruchtbarkeit und Unterwelt ansehen.

Sailormoon und das Christentum

Die Mangaka legt die Begriffe „Heiliger Gral“ und „Messias“ etwas anders aus, als es im Christentum oderder europäischen Artussage der Fall ist – es handelt sich nicht um den Kelch vom letzten Abendmal, sondern um ein mächtiges magisches Objekt. Es entsteht im Manga durch die Vereingigung der Kräfte aller Sailorkriegerinnen. Durch seine Macht kann Sailor Moon sich in die stärkere Form „Super Sailor Moon“ verwandeln und Mistress 9 besiegen.
Äußerlich erinnert er an einen weiß-goldenen Pokal mit weißen Flügelchen, zumindest im Manga.
Mistress 9 oder „der Messias der Stille“ ist hierbei keine positive Erlöserfigur, sondern ein bösartiger Aliendämon, der sich mit Einverständnis ihres Vaters in Hotaru einnistet und im Laufe der Zeit immer größere Macht über das Mädchen gewinnt, bis schließlich die Anwesenheit von Chibiusas Silberkristall den Dämon aktiviert.
Man könnte eventuell aber auch Sailor Moons Opferbereitschaft und die wiederholten Auferstehungen der Figuren mit den reinsten Herzen als christliches Element interpretieren. Besonders im Kampf gegen Galaxia, als Sailor Moon ihr unbewaffnet entgegentritt und nur mit der Kraft ihrer Liebe, ihrer Reinheit und ihrer Opferbereitschaft das Böse besiegt, erinnert an christliche Tugenden. Außerdem hat Sailor Moon in ihrer stärksten Form Engelsflügel auf dem Rücken.

Fazit

Auch wenn „Sailor Moon“ in den 90ern zu einem der (auch im Westen) erfolgreichsten Mangaserien wurde und die Animeserie Fans auf der ganzen Welt hat, ist es nicht empfehlenswert, teilweise scheinbar völlig willkürlich Elemente aus verschiedenen Kulturen mit der eigenen zu vermischen und daraus einen Canon zusammenschmelzen zu wollen. Spätestens wenn man sich näher mit der Materie befasst, fallen die vielen Unstimmigkeiten und Inkompatibilitäten der einzelnen Elemente bald auf und wirken auf Leser, die sich mit der jeweiligen Mythologie gut auskennen, bestenfalls befremdlich.
Sailor Moon ist eine wilde Mischung aus griechisch-römischen Elementen, die teilweise nur dem Namen nach übernommen wurden, (teilweise schein-)christlichen Elementen und japanischer Folklore. Diese Mischung funktioniert bei japanischen Lesern ebenso wie bei recht jungen europäischen Lesern, die die mythologischen Vorbilder nicht kennen.
Bei älteren oder in der Materie bewanderteren Lesern dagegen kann der wilde Mix Irritationen auslösen oder das Lesevergnügen stark einschränken.
Ob man also beim Bau der eigenen Welt und beim Konzipieren eigener Superhelden einen ähnlichen Weg beschreiten sollte? Tendentiell nicht – es spricht nichts dagegen, exotischere und/oder unbekanntere Mythologien als Grundlage heranzuziehen. Man sollte sich dann aber nicht auf die bloße Übernahme von Namen beschränken, sondern versuchen, mit dem vorhandenen Material zu arbeiten und die Inhalte sinnvoll aufeinander abzustimmen.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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11 Antworten zu Fallstudie: Westliche Kultur und Mythologie im Manga „Sailor Moon“

  1. t.sebesta schreibt:

    Hat dies auf Treffpunkt Phantastik rebloggt und kommentierte:
    Ein interessanter Blog-Beitrag zum Thema Manga und westliche Kultur.
    >Ob man also beim Bau der eigenen Welt und beim Konzipieren eigener Superhelden einen ähnlichen Weg beschreiten sollte? Tendentiell nicht – es spricht nichts dagegen, exotischere und/oder unbekanntere Mythologien als Grundlage heranzuziehen. Man sollte sich dann aber nicht auf die bloße Übernahme von Namen beschränken, sondern versuchen, mit dem vorhandenen Material zu arbeiten und die Inhalte sinnvoll aufeinander abzustimmen.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Ich muss ehrlich zugeben, dass erst durch die Wiederholung der Animeserie mir wieder so viele Dinge aufgefallen sind.
      Schließlich habe ich die Animeserie im Alter von 6-9 geschaut und hatte damals eher wenig Ahnung von der antiken Mythologie. Jetzt fallen mir im Anime und im Manga ganz andere Dinge auf, als früher.

  2. Pingback: Fallstudie: Westliche Kultur und Mythologie im Manga “Sailor Moon” | Treffpunkt Phantastik

  3. Pingback: Doppelter Liebster-Award? Doppelte Antworten! | Weltenschmiede

  4. PoiSonPaiNter schreibt:

    Wusstet ihr eigentlich, dass euer Artikel zur Zeit Stück für Stück auf einer Sailor Moon Fan-Seite zitiert wird?
    Ihr werdet als Quelle genannt, aber nur das es von der Weltenschmiede stammt nicht der Artikel an sich.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Huch, nein. Danke für die Meldung. Schaue ich mir gleich an!

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Ich habe mir die Seite angeschaut. Ich nehme an, es handelt sich um sehr junge Menschen, die fest überzeugt sind, dass es reicht, die URL als Quelle zu nennen. Ich habe darum auch einen ganz lieben Kommentar geschrieben und darum gebeten, in Zukunft die ganze URL zu nennen.
      Nochmals danke für die Meldung, ich hätte das sonst wohl NIE gemerkt, da die Klicks ja dann über „Facebook“ eintrudeln und ich auf WordPress keine Ausklamüserung kriege, von welcher FB-Seite genau.

      • PoiSonPaiNter schreibt:

        Kein Problem. Eine Freundin hatte mir davon erzählt und ich hatte dann den Link gesehen und mir gedacht: Moment, das kennst du!
        Hatte überlegt, denen den Link selbst auch nochmal zu schicken, aber das wollte ich dann doch lieber euch überlassen.
        Und ja die Ausklamüserung fehlt definitiv…

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Die Admine hat total nett reagiert und die Quellen ergänzt :). Alles in Ordnung.
        Aber danke für die Meldung, ich hätte es sonst wirklich nie im Leben gesehen!

  5. Mareike schreibt:

    Hallo, darf ich Fragen ob man sich als Christ von solchen Serien bzw. generell Anime fernhalten sollte? Ich bin selber damit aufgewachsen und ein Fan. Ich denke man kann vernünftig damit umgehen. Ich bin ja keine 12 Jahre und weiß das dass alles Unreal ist aber es gibt Menschen die davon abraten. Sehr interessant übrigens der Artikel
    LG Mareike und danke

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Hallo Mareike,
      Ich selbst bin keine Christin – aber unabhängig vom Glauben kann es nie schaden, sich mit Literatur und Filmen anderer Kulturen zu beschäftigen.
      Und der Blick auf die „westliche“ Kultur aus der Sicht einer anderen – japanischen – Kultur ist etwas Wundervolles. Daraus kann man viel lernen und auch mal Sachen kritisch hinterfragen.
      Danke für deinen Kommentar!
      LG,
      Evanesca

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