Fallstudie: Meerwesen I – Meerjungfrauen aus „Fluch der Karibik“

Es ist Sonntag und Zeit für einen neuen Artikel auf der Weltenschmiede. „Meerwesen I“ – ihr wisst, was das bedeutet. Wir starten eine neue Fallstudien-Serie, in der sich diesmal alles um Wasserratten dreht. Mit der genauen Klassifikation nehmen wir es hier aber nicht so genau: Ob Meerjungfrau, Klabautermann oder fliegender Holländer, wenn es sich großteils in oder auf dem Meer befindet, wird es hier einsortiert ;)

Den Auftakt machen heute die Meerjungfrauen aus dem 4. Teil von „Fluch der Karibik: Fremde Gezeiten“ (engl. Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides). Weil für das Ritual der ewigen Jugend am Jungbrunnen auch die Träne einer Meerjungfrau benötigt wird, machen sich die Piraten rund um „Captain“ Jack Sparrow auf nach White Cap Bay, um sich ein Nixchen zu fangen.

Aussehen

Die Meerjungfrauen aus „Fluch der Karibik“ haben das klassische Äußere, das wir schon aus alten Bilderbüchern und Disney-Filmen kennen: Ein Mädchen mit langen Haaren und wenig Kleidung bis zur Hüfte, ab dort eine riesige geschuppte Schwanzflosse. Dabei nicht irgendein Mädchen, sondern natürlich ein wunderschönes Mädchen, von dem jeder Seemann gerne mal geküsst würde.

Die Optik trüben dabei nur die Zähnchen: Die Meerjungfrauen haben das klassische Vampirgebiss mit spitzen, langen Eckzähnen. Passenderweise fauchen sie auch so, wie wir es aus tausend und einem Vampirfilm bereits kennen, wenn sie in Bedrängnis sind.

Eigenheiten und Fähigkeiten

Im Film munkeln die Piraten, dass Meerjungfrauen Licht mögen und wie Motten zur nächsten Lichtquelle sausen. Grund genug für die Piraten, den Leuchtturm von White Cap Bay zu entzünden und seinen Lichtkegel auf das Meer zu lenken, wo sich mehrere Männer in Ruderbooten befinden. Da Meerjungfrauen laut Gemunkel auch Gesang mögen, singen die Männer ein Lied nach dem anderen.

Mit Speck fängt man Mäuse, mit Licht, Gesang und Männern Meerjungfrauen.

Allerdings können die Meerjungfrauen dann auch sprechen, als sie erscheinen, und mehr noch: Sie singen sogar sehr verführerisch ihrerseits den Männern ein Liedchen vor, um sie zu einem Kuss zu verleiten. Wenn ihnen das gelingt, packen sie ihren neuen Liebsten und ziehen ihn bis zum Meeresgrund hinab, wo sie ihre Beute genüsslich verspeisen. Auch das wird aber nur gemunkelt, denn gezeigt wird es im Film nicht. Nebenbei gibt es auch das Gerücht, der Kuss einer Meerjungfrau könne einen Mann vor dem Ertrinken bewahren.

Da die Piraten sich nicht einfach so fressen lassen wollen, kommt es zum Kampf, in dem die Meerjungfrauen eindeutig die Hosen anhaben. Sie können aus ihren Handgelenken eine Art Netz schießen, mit dem sie sich Piraten, Waffen und was ihnen sonst noch so passt, krallen. Etwa so, wie es auch Spiderman macht.

Die große Schwäche der Nixen ist das Feuer – sie werden zwar von Licht angelockt, mögen Feuer aber überhaupt nicht. Als ein Ölfilm auf dem Wasser in Brand gerät, suchen sie schnell das Weite (oder die Tiefe).

Eine Meerjungfrau bleibt zurück und die Piraten nehmen sie gefangen. Sie transportieren sie in einem Glasbehälter voll Wasser, in dem sie aber bald zu ersticken droht. Die Meerjungfrauen brauchen also Luft zum Atmen, Wasser reicht nicht (woraus man folgern könnte, dass Meerjungfrauen doch „Säugetiere“ sind, so wie z.B. Wale).

Als der Glasbehälter später zerbricht, ist aber noch nicht alles verloren: Die Schwanzflosse verwandelt sich in zwei Beine und die Meerjungfrau sieht aus wie jede andere Frau auch. Praktischerweise verwandeln sich die Beine auch wieder zurück in die Schwanzflosse, wenn die Nixe sich wieder ins Wasser begibt.

Fazit

Das Konzept der Meerjungfrauen aus Fluch der Karibik ist ein wahres Sammelsurium. Während die Optik aus der alten Märchentradition hervorgeht, finden sich gerade beim Anlocken von Seemännern mit Gesang und dem Fressen selbiger Anklänge an die Sirenen der Antike, wie wir sie etwa bei Homer oder Vergil finden (dazu kommen wir in einem anderen Artikel ;) ). Passend dazu erhält die gefangene Meerjungfrau vom schiffseigenen Pfarrer auch noch den Namen Syrena – Sirene.

Diesem Menschenfresser-Wesen ist dann wohl auch der Anklang an die alten Filmvampire mit den Zähnen und dem charakteristischen Fauchen geschuldet – was ausgerechnet zwei spitze Eckzähne und ein ansonsten normales Gebiss für das Menschenfressen auszeichnet, wissen wohl nur die Filmemacher selbst. Auch die Furcht vor Feuer würde hierzu passen.

Wieso dann aber die Fähigkeit, aus den Handgelenken Netze zu schießen, von Spiderman abgekupfert wurde, erschließt sich auch nach langem Nachdenken nicht. Der beste Grund dürfte wohl sein: Weil es doch irgendwie verdammt cool aussieht.

Aber der Film zeigt sehr gut: Man nehme sich etwas hiervon und etwas davon und schon geht die Post in jeglicher Hinsicht ab, auch wenn es dann mit der Nachvollziehbarkeit hapert. Aber was Nachvollziehbarkeit angeht, ist Fluch der Karibik sowieso außen vor…

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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9 Antworten zu Fallstudie: Meerwesen I – Meerjungfrauen aus „Fluch der Karibik“

  1. Moira schreibt:

    :P

  2. Ist zwar schon eine ganze Weile her, dass ich den Film im Kino gesehen habe, aber die Meerjungfrauen fand ich schon ziemlich – um es durch die Blume zu sagen – schlecht. So viel blieb hängen bei dem Film. Nicht schlecht, wie der große Übeltäter, sondern einfach nicht durchdacht, plump und hinterließen einen bitteren Nebengeschmack im Mund. Da blieb mir nichts andere übrig als ausgiebig mit den Augen zu rollen.
    Im Großen und Ganzen war Teil IV ohnehin nicht ganz so meins, aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.

    LG,
    VTT

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Ich hatte bisher immer den Eindruck, dass es mit Fluch der Karibik beständig bergab geht – während ich Teil 1 noch echt toll fand, war ich von Teil 2 dann nicht mehr wirklich begeistert. Dass es je einen Teil 3 gab, vergesse ich lieber gleich wieder…. verglichen mit Teil 3 fand ich Teil 4 aber recht gut. Er hatte Klamauk, er hatte eine – verglichen mit dem vorigen Teil – originelle und zumindest teilweise gut durchdachte Handlung und er hatte auch das Jack-Sparrow-Flair im richtigen Maß (bei Teil 2 und 3 war mir das doch etwas zu sehr übertrieben gewesen…).
      Was die Meerjungfrauen angeht: Sie sind zweifellos die krudeste Konzeptmischung, die mir in den über 100 Artikeln, die ich für diesen Blog geschrieben habe, je untergekommen ist. Macht sie das schlecht? Schwer zu sagen…. ich bin ein großer Trash-Fan, insofern nicht das Maß aller Dinge.
      Durchdacht sind die Meerjungfrauen sicher – nur nicht bis ans Ende. Die Anleihen am alten Sirenenkonzept hätten durchaus interessant sein können, wenn man die Vampiroptik und die Spidermannetze weggelassen hätte. Aber dann hätte ich andererseits bei der Kampfszene in White Cap Bay nicht mehr so viel lachen können ;)

      • Persönlich finde ich es ja immer interessant, wenn man alte Fabelwesen o.Ä. neu aufrollt und ihnen neue Aspekte verleiht, aber bei Teil IV fand ich es irgendwie unstimmig. Ich müsste ihn mir erneut ansehen, um es besser erklären zu können, aber vielleicht war es auch einfach das vorherrschende Bild einer Meerjungfrau, das ich zuvor im Kopf hatte (nette, fesche Mädels à la Ariel), das so gar nicht mit der Fluch der Karibik Variante zusammenpasste. Wahrscheinlich war es mir ein zu exotischer Mix verschiedenster Elemente – wie du so schön formuliert hast: Spidermannetze und Fangzähne. Trifft halt nicht jedermanns Geschmack ;)

  3. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Also ich mochte die Fangzähne sehr gern. Meerjungfrauen sind ja eigentlich erst seit Disney liebe, gute und hübsche Mädels, bei Anderson waren es noch seelenlose Geschöpfe (die namenlose kleine Meerjungfrau war da eine Ausnahme), die durchaus die Menschen mordeten, statt sich in sie zu verlieben.
    Und ein normales Menschengebiss ist zum Zerfleischen einfach nicht geeignet. Ein Vampirgebiss zumindest in der Hinsicht ein wenig eher, dass man damit das Opfer besser packen kann. Wenn die Mädels dann auch noch einen ausreichend kräftigen Kiefer haben, können sie die Schlagadern der Opfer durchbeißen – dann zappeln die nicht so arg, während man sie frisst. Sofern die Seeleute nicht vorher schon ertrunken sind. Schade, dass es keine Nahaufnahmen des Gebisses gab, ich analysiere sowas in Filmen eigentlich recht gern.
    Was ich mich außerdem frage: Haben die Tränen einer Meerjungfrau nur für dieses Ritual irgendwelche magischen Kräfte oder kann man damit auch sonst noch etwas anfangen? Das ging ja aus dem Film nicht hervor.

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Trotzdem sieht das gezeigte Vampirgebiss etwas arg klischeehaft nach „Ich saug dich aus, bei Mondenschein, nachdem ich als Fledermaus zu dir geflogen kam“ aus.

      Was die magischen Kräfte der Träne angeht: Ich glaube, da müssten sicher noch welche drinstecken. Die Meerjungfrauen wirkten ja sehr magisch eigentlich. Träne für das Ritual, dann können sie ihre Flosse in Beine verwandeln und wieder zurück – das ist mit normaler Physik nicht mehr erklärbar.
      Also müsste man sie auch für etwas anderes verwenden können, die Tränen.

      Vielleicht sollten wir mal eine Serie über magische Zutaten machen? ;)

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Wie gesagt, als Expertin sage ich: Mir war es nicht deutlich genug zu sehen. Waren nur die Eckzähne selbst lang und spitz oder bildete sich da ein ganzes Raubtiergebiss aus, bei dem auch z.B. der Zahn direkt hinter dem Eckzahn noch spitz ist? (Kann man z.B. bei der „Interview with the Vampire“-Verfilmung sehr gut sehen) Man beachte auch das, was wir über den schnellsten Jäger im Tierreich wissen: Sein Gebiss ist nicht stark genug, um den Opfern das Genick zu brechen. Wie sieht es in der Hinsicht mit Mehrjungfrauen aus? Zu deren Jagdstrategie gehört ja, dass sie lieblich aussehen, ergo keinen Riesenkiefer haben.
        (Und ja, ich unterhalte mich gern über Eckzähne…)

        Magische Zutaten wären eine sehr gute Idee…

  4. Pingback: Fallstudie: Meerwesen III – Sirenen bei Homer | Weltenschmiede

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