Warum fiktive Welten basteln?

Mittlerweile wird sich ernsthaft Gedanken über die Besetzung der neuen Star Wars Filme von Disney gemacht und Peter Jackson arbeitet am Feinschliff seines letzten Hobbit-Films, der im Dezember diesen Jahres ins Kino kommen wird.

Damit sorgen zwei der ältesten fiktiven Welten überhaupt erneut für sehr viel Wirbel – und wenn man die Diskussionen in den Medien, Blogs und Internetforen betrachtet, wirkt es, als wären sie nie weg gewesen: Die Fans sind immer noch da.
Dabei begann Tolkien mit den Arbeiten an Mittelerde bereits in den 1920er Jahren und bereitete damit den Boden für die moderne Fantasyliteratur. Ihm folgte George Lucas als „Fantasypionier“ im Filmbereich 1973 nach. Zum ersten Mal fesselte ein Film, beruhend auf einer völlig fiktiven Welt und einer völlig fiktiven Geschichte, die Massen.
Aber wieso fiktive Welten? Hätten diese Geschichten nicht auch mit bestehenden Mitteln erzählt werden können? Auch die oft zitierten Klassiker wie Goethe, Shakespeare oder Dante kochten nur mit Wasser und bedienten sich bei dem, was schon da war: Bei geschichtlichen oder mythologischen Stoffen. Völlig neu erfunden haben sie nichts.

Wieso aber Tolkien und Lucas? War es ihnen nicht möglich, ihre Geschichten mit etwas Kreativität an die Realität anzupassen?
Gerade wenn man sich Star Wars anschaut, fällt schnell auf: Die Geschichte spielt in einer hochtechnisierten Welt, durchmischt mit den Formen einer uralten Religion mit ihren Lehren und Prophezeiungen. Könnte so nicht auch unsere Zukunft aussehen? Schließlich ist der Fortschritt der Technik kaum aufzuhalten, und Religionen und Prophezeiungen sind ebenfalls nicht vom aussterben bedroht (Man schaue sich nur den gigantischen Absatz der Esoterik-Literatur an…).
Aber Lucas ging einen anderen Weg: Star Wars zeigt nicht unsere Zukunft, sondern eine andere Welt. „Es war einmal in einer weit, weit entfernten Galaxis…“ erinnert nicht zufällig an die Märchen der Gebrüder Grimm. Die Geschichte von Star Wars ist vorbei, sie liegt in der Vergangenheit und es ist Lucas, der sie uns nun erzählt, um uns zu unterhalten, uns moralische Probleme aufzuzeigen und uns zum Nachdenken zu bewegen. Ähnlich, wie in der Antike die Dichter mythologische Stoffe von Kriegen und Schlachten aufbereiteten oder wie die Weimarer Klassiker auf die Antike zurückgriffen.
Dadurch, dass er Star Wars bewusst fiktionalisiert und völlig neu erfindet, entzieht sich Lucas den Normen der Realität. Es tun sich ihm neue Möglichkeiten auf, was den technischen Stand betrifft, aber auch im Hinblick auf Handlungen. Er ist frei in der Entscheidung, welche Figur wie handelt und nicht durch das Korsett der Rezeption bereits existierender Stoffe eingeengt.
Damit sein Publikum ihm in seiner Erzählung trotzdem folgen kann, macht er in der Darstellung Anleihen an das Märchen – und ermöglicht es uns so, Star Wars als eine Art von Historie zu betrachten, aus der wir lernen, ohne den Maßstab der heute weit verbreiteten Logik darauf anwenden zu können. Würde ein König Artus mit einem Laserschwert schnell Falten auf unsere Stirne zeichnen, so erscheint uns ein Jedi mit Laserschwert durchaus plausibel, eben weil wir diese Distanz zur Logik der Welt, aber gleichzeitig diese Nähe zum Inhalt haben.

Ähnlich verhält es sich auch mit Tolkiens „Der Herr der Ringe“: Weil das Werk mit Elfen und Zauberern an Märchen anknüpft, die wir aus unserer Kindheit kennen, würden wir es schnell als lächerlichen Kinderkram abtun, denn es spottet einer jeden Logik. Aber Tolkien gestaltet sein Werk wie die Chronik eines Krieges, es gibt Anhänge, ein Vorwort und einen sehr detaillierten, oft sachlichen und dennoch sehr fesselnden Stil. All dies haucht dem Werk Plausibilität ein, und ermöglicht uns die Distanz, mit der wir geschichtsträchtige Stoffe auch sonst zu betrachten pflegen. Aus dem Kindermärchen wird ein Geschichtswerk, und aus der Geschichte lernt der Mensch (so glaubten es zumindest die römischen Historiker, wenn man sich die heutige Politik anschaut, möchte man zweifeln….).
Auch Tolkien schafft diesen Spagat zwischen Fiktionalität und Anlehnung an die Realität. Es ist ihm so möglich, mit völlig fiktiven Elementen ein Szenario zu zeigen, in welchem Werte wie Freundschaft, Treue, Hoffnung, Weisheit etc. eine Rolle spielen, wie sie auch in der heutigen Welt immer wieder zu finden sind.

Gerade durch die fiktive Welt erhalten beide, Lucas und Tolkien, völlige Freiheit in der Gestaltung des Inhalts und gleichzeitig die Möglichkeit, dem Leser viel näher zu sein, als es jeder Rückgriff auf einen antiken historischen Stoff je könnte: Denn die fiktive Welt bleibt zeitlos, eben dadurch dass sie fiktiv und nicht datiert ist. Mittelerde hat kein Ablaufdatum, und Star Wars wird wohl nie von der Realität eingeholt werden. Die Welten bleiben uns fern, und gerade das macht sie uns so nah.

Wozu also fiktive Welten erfinden? Um den Leser zu erreichen, frei von den Zwängen der Realität und der literarischen Tradition.

Und die Frage an euch: Wozu bastelt ihr Welten? Was hält euch davon ab, die bestehende Realität für eure Geschichten zu verwenden?

(Hinweis: Eine ältere Version dieses Artikels ist bereits auf dem Blog „Carlins Secrets“ erschienen – da dieser aber inzwischen nicht mehr betrieben wird, haben wir uns entschlossen, ihn im Rahmen der Weltenschmiede neu zu veröffentlichen)

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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11 Antworten zu Warum fiktive Welten basteln?

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Auf die Frage habe ich schon lange gewartet und sie in Gedanken schon oft beantwortet:
    Im Verlaufe meiner Geschichte kommt eine junge Diktatorin an die Macht. Eine solche Geschichte kann, solange man nicht das „Alternative Erdgeschichte“-Fass aufmachen will, nur in der Zukunft spielen.
    Ich schreibe aber bereits eine Geschichte über Diktaturen in der Zukunft. Und obwohl die Geschichten nicht unterschiedlicher sein könnten, würden sie unweigerlich wirken, als hätte ich sie von mir selbst abgeschrieben, wenn sie beide in unserer Realität spielen würden.
    Aber das ist nicht das Einzige – eine eigene Welt bietet mir sehr viele Freiheiten in Hinblick auf Figurenkonstellationen und Politik.
    In einer Fantasywelt gelten nicht zwingend „irdische“ Regeln dessen, was sich gehört und was nicht. Ich bin quasi freier von den moralischen Konventionen der Realität, die manche Geschichten völlig unmöglich oder moralisch umstritten machen würden.
    Das Selbe gilt auch für politische Sachen. Unterstelle ich dem falschen Land zur falschen Zeit, Diktatoren hervorzubringen, ist das auch nicht die beste Werbestrategie und ich müsste sehr mühevoll und langweilig in der Geschichte erklären, wieso genau die und nicht die anderen und überhaupt und sowieso und wie ich nur so viele Vorurteile gegenüber X haben kann…
    Es gibt so viele Möglichkeiten und so viele Freiheiten in der Narration, die man in realen Geschichten entweder gar nicht hat oder die man erst umständlich in die Geschichte einbauen müsste…
    (Das sind nicht die einzigen Gründe – aber manchmal ist es tatsächlich einfacher, eine Welt zu bauen, als etwas mit unserer anzustellen *G*)

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Was die Diktatoren aus falschen Ländern angeht und den ganzen Politikkrams: Sehr viele Werke bedienen sich fiktiver Länder, um dem aus dem Weg zu gehen. „Plötzlich Prinzessin“ etwa. Oder Harry Potter – gut, da baut Rowling wiederum ein Land im Land, aber es ist doch unabhängig und verfremdet.

      Pullman wiederum arbeitet einfach mit dem Oxford einer alternativen Dimension und krempelt die ganze Geschichte und die Moral um. Man muss nicht alles verfremden, um genügend Verfremdung für eine tolle Geschichte und deren Abkopplung von der Realität zu erreichen.
      (Kruder Satz – ich hoffe, du verstehst, was ich meine)

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Klar verstehe ich, was du meinst. Und natürlich kann man auch mit fiktiven Ländern innerhalb der realen Welt arbeiten, wir hatten ja neulich erst einen Artikel dazu. Aber es kann natürlich auch ein Grund sein, gleich eine ganze Welt aus dem Boden zu stampfen… :)

  2. Die Frage ist wohl eher, warum nicht? Ich finde es furchtbar aufregend, eine eigene Welt zu kreieren, ihre Vergangenheit zu bestimmen und auch ihre Bewohner zu definieren, warum sie so sind, wie sie sind. Wie oft sieht man in der realen Welt fliegende Inseln? Na ja, kaum. Aber wie cool wäre es, wenn es so etwas wirklich gäbe? Das ist jetzt natürlich nur ein plumpes Beispiel, aber im Prinzip genau das, was mir daran so gefällt, denn in Fantasywelten ist genau das möglich, was der realen verwehrt bleibt. Man ist der Herr seines eigenen Reichs und bestimmt selbst, wie es dieser Welt ergehen soll. Ist doch ein ungemein tolles Gefühl :)

    LG,
    VTT

  3. Carmilla DeWinter schreibt:

    Also, zum einen macht mir Weltenbasteln einen saumäßigen Spaß. Was wäre, wenn … Heißt nicht umsonst spekulative Fiktion.
    Zum anderen habe ich ähnliche Gründe wie Evanesca. Wenn ich statt der Welt, in der ich aktuell schreibe, als Setting das mittelalterliche Marokko gewählt hätte, wäre ich erstens an die historischen Ereignisse gebunden, und zweitens würde es sich wie ein Kommentar zum Islam lesen, was es nicht ist.

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      „Was wäre wenn…“ – ich war einmal auf einem Vortrag über Science-Fiction und dort wurde als eine der grundlegenden Funktionen von Science-Fiction geäußert, dass es innerhalb ihrer fiktiven Textrealität erst möglich wird, unbequeme Gedanken anzustoßen, die die Menschheit vielleicht bald beschäftigen könnten.
      Spekulation ist eigentlich sehr spannend.

      • Carmilla DeWinter schreibt:

        Ob es nun Drachen sind oder Raumschiffe … wobei ich im Zweifelsfall Drachen nehmen würde, außer, es geht um bereits existierende Raumschiffe bei StarWars.
        Spekulation ist es meines Erachtens alles, und auf beiden Schienen, die ich als nicht soo unterschiedlich sehen würde, wie sie immer tun, lässt sich gezielt über Dinge nachdenken, über die sich im echten Leben keiner Gedanken macht oder Gedanken machen will.

  4. Chronojin schreibt:

    Im Grunde sehe ich zwei wichtige Faktoren, die die Realität für mich als Setting unattraktiv machen.
    Der Erste ist wahrscheinlich meine eigene Unfähigkeit, kombiniert mit einem unfassbaren Perfektionismus. Ich müsste erst fünf Sachsbücher über weltgeschichtliche Ereignisse der angestrebten Zeit selbst verfassen können um auch nur ansatzweise daran zu denken, dass ich diesen Hintergrund glaubwürdig vermitteln könnte. Andere Menschen haben dies getan und dabei großartige Filme und Bücher kreiert, aber ich würde wohl nie zu einem Ergebnis kommen. Mit dem Aufwand, mit dem ich eine ganze fiktionale Welt aufbauen könnte, hätte ich vermutlich ersteinmal einen groben Überblick und würde noch darüber sinnieren ob die gewählten Namen mit dem Ort und der Zeit übereinstimmen. Nicht wäre schrecklicher als ein Nachname der in Spanien entstand und von einem Italiener getragen wird – vollkommen ohne Zusammenhang im Stammbaum. Details machen das Ganze immerhin erst rund.
    Mit anderen Worten, in meinen Augen lohnt es sich nicht für mich.
    Der zweite Grund ist simpler: Wenn ich einen großen Hang zur Realität hätte, dann würde ich mir jetzt darüber gar keine Gedanken machen können. Die „Flucht“ aus dem Alltag ist eines der Hauptmotive für Menschen ein gesteigertes Interesse an Büchern und Filmen zu entwickeln, zumindest nach meinen Erfahrungen.

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Perfektionismus kann aber auch bei fiktiven Welten ein großer Stolperstein sein – am Ende verzettelt man sich und ist nie fertig, weil man das letzte kleine Detail auch noch braucht, um alles in sich stimmig zu finden. Geht zumindest mir oft so.

      Was die Flucht aus dem Alltag angeht: Kann man nicht mit jeder gut erzählten Geschichte flüchten? Groschenromane haben ja nicht zufällig einen riesigen Absatz, weil sie schnell eine triviale Geschichte zur Flucht aus der Realität bieten – und dabei macht sich kaum einer die Mühe, eine neue Welt zu bieten. Allenfalls geht man ein wenig in die Vergangenheit – die Geschichte unserer heutigen Welt bietet auch viele Möglichkeiten, um sich vor dem Alltag zu verstecken und ein Abenteuer zu erleben.

      • Chronojin schreibt:

        Bei fiktiven Welten kann man dieses Problem auch haben, aber zumindest ich hatte es nie. Meist trage ich eine Idee so lang mit mir herum, dass sie zum Zeitpunkt des Aufschreibens mehr Details hat als ich je nutzen könnten. Da die meisten Leute aber nicht jahrelang mit verschiedenen Ideen herumlaufen, und diese immer weiter ausbauen wenn Leerlauf herscht, ist es für sie wohl kein großer Unterschied. Ich hingegen habe damit das absolute K.O.-Argument für die Realität.

        Auch bei der Fluchtfrage hast du prinzipiell Recht und wieder ist es „Tick“ von mir. Je ferner eine Geschichte von der Realität ist desto höher ist in der Regel die Immersion für mich. Ich beschäftige mich einfach bevorzugt mit Dingen, die nicht mit Dingen des realen Lebens zusammenhängen. Natürlich geht es meist um Menschen mit menschlichen Problemen, aber dann brauche ich zumindest eine losgelöste fiktive Welt.

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