Fallstudie: Creepy Pastas – das Motiv „vergessenes Spielzeug rächt sich brutal am Besitzer“

Im Internet trifft man früher oder später alles Mögliche an – da ich seit ungefähr zehn Jahren im Web unterwegs bin, kam ich mittlerweile auch in den Genuss von „Creepypasta“. Dabei handelt es sich um eine gruselige Unterart der Urban Legends, um es sehr kurz zu fassen.
Nun gibt es 50.000 Unterarten davon – vergessene und verlorene Folgen, Horrorszenarien jeglicher Couleur, „Selbstmorde“ bestimmter Trickfilmfiguren…
Aber mein liebstes Subgenre taufe ich „die Rache des vergessenen Spielzeugs“.

Ein beliebtes Motiv

Nicht nur in der Creepy-Pasta-Szene ist das Motiv recht beliebt, es kommt auch im Fernsehen in der einen oder anderen Form sehr oft vor.
So gibt es mehrere Folgen „Cosmo und Wanda“, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen: Einmal wünscht sich Timmy, dass sein vor Jahren vernachlässigter, toter Hamster wiedererweckt wird – der daraufhin als wütende Bestie Jagd auf ihn macht. Ein anderes Mal wünscht erst sich, dass sein Fantasiefreund real wird.
Nicht nur bei“ Cosmo und Wanda“ pflegen die Episoden damit zu enden, dass der Protagonist begreift, gewissen Dingen entwachsen zu sein und mehr Verantwortung übernehmen zu können.

Die Sehnsucht nach der Kindheit

Die Rache des vergessenen Spielzeugs – oder Spiels – kann aber auch das gegenteilige Motiv haben. Dies wird z.B. an der Geschichte „Pokemon Dead Channel“ deutlich. Dort hat der Protagonist aufgehört, „Pokemon Channel“ zu spielen, weil er dem Spiel entwachsen ist und im eigenen Umfeld genug Freunde gefunden hat. Das Spiel als Krücke, um wenigstens ein virtuelles Pikachu zum Freund zu haben, wurde schlicht unnötig und das simple Gameplay zu kindlich.
Erst als der Protagonist in die alten Muster der Einsamkeit zurückfällt, fühlt er das Bedürfnis nach dem alten Spielstand. Und das jahrelang ignorierte Pikachu rächt sich auf grauenvolle Weise.
Was will uns diese Geschichte sagen?
Hinter der scheinbar recht simplen virtuellen Splatterstory stehen gleich mehrere Messages. So neigen besonders kleine Kinder dazu, Videospielfiguren oder Spielzeug zu behandeln, als wäre es lebendig. Sie kleben dem Teddybären Pflaster auf die geplatzte Stelle, statt das Spielzeug zuzunähen oder schienen den Arm der Lieblingsbarbie, nachdem sie überfahren wurde. In der kindlichen Fantasie werden die Spielsachen lebendig und zu einem langfristigen virtuellen Begleiter baut man mitunter auch in erwachseneren Jahren so viel Sympathie auf, als wäre der Begleiter lebendig.
Doch irgendwann wird man erwachsen (wobei Ausnahmen die Regel bestätigen, ein Japaner heiratete vor einigen Jahren eine Figur aus einem NintendoDS-Spiel) und pfeffert das Spielzeug oder das Spiel in die Ecke.
Nun gab es eine Zeit, in der man dachte, dass Spielsachen und Spiele auch Gefühle hatten. Und manchmal erfüllt einen Menschen die Sehnsucht nach der scheinbar unschuldigeren Zeit, in der man als Gefährten den Teddy – oder eben das Pikachu – hatte und diesen Gefährten wie ein Lebewesen behandelt hat. Das einzige Lebewesen, das einen niemals verraten konnte, da es nur in der eigenen Fantasie lebendig wurde. Und somit – das Horrorbild schlechthin – das „Lebewesen“, das jeder Mensch irgendwann im Laufe der Entwicklung verrät.

Die Folgen des Verrats…

… können blutig oder tödlich sein. Bestenfalls sind sie für den „Verräter“ gruselig. Creepy-Pasta nach diesem Muster dreht sich vor allem um eine Frage: Hat der Besitzer des Spielzeugs sein Spielzeug je wirklich geliebt? Kann der Besitzer überhaupt Liebe empfinden, wenn er etwas verraten konnte, das immer treu an seiner Seite war?
Es ist eine Frage, die die jugendlichen Protagonisten von Creepy-Pasta-Geschichten beantworten müssen, um dem Tod zu entrinnen. Interpretationspsychologisch gesehen also, um endgültig erwachsen zu werden und sich auch von den düsteren Seiten der Kindheit zu lösen.

Die Faszination

Wieso ziehen solche Gruselgeschichten manche Menschen magisch an? Wieso gibt es so eine große Szene, die solche Geschichten liest und auch teilweise selber schreibt?
Schon immer mochten Menschen Geschichten, bei denen ihnen ein wohliger Schauer über den Rücken rieselte – so richtig erschrecken wollen sich bei Gruselgeschichten eigentlich die Wenigsten. In unserer meist geruhsamen Lebenswelt aber sehnen sich manche nach einer wohldosierten Menge Adrenalin in einer ungefährlichen, zu 100% kontrollierbaren Umgebung.
Erwachsen werden und sich von liebgewonnenem Spielzeug trennen ist ebenfalls eine Erfahrung, die die meisten Menschen miteinander teilen.
Wieso also sollte man diese Faktoren nicht verschmelzen und ein (Unter-)Genre schaffen, bei dem sowohl der Bedarf nach Grusel als auch die Erinnerung an das eigene Erwachsenenwerden verwoben werden?

Lest ihr gerne Creepy-Pastas? Mögt ihr auch Geschichten über sich rächendes Spielzeug oder sind euch – falls ihr es lest – andere Geschichten lieber? Welche bekannten Creepy-Pastas kennt ihr?

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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4 Antworten zu Fallstudie: Creepy Pastas – das Motiv „vergessenes Spielzeug rächt sich brutal am Besitzer“

  1. Sehr interessantes Thema! Das erinnert mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit: Ich kann mich noch so gut daran erinnern … Als ich ein Kind war, hatte ich einen Schrank voller Plüschtiere. Jeden Tag machte ich ihn auf und spielte mit einigen von ihnen und plötzlich waren zwei neue Teddys drinnen. Ein ziemlich groß geratener, der sehr lieb aussah, und einer, der schneeweiß war, etwa einen halben Meter groß und eine eingefallene Nase hatte. Gerade dieser machte mir Angst. Wieso? Na ja, er war erstens neu und ich wusste nicht, woher er kam und zweitens, weil er immer brummte, wenn man ihn hochhob oder irgendwie berührte. Da dies die Zeit war, in der ich so absonderliche Angst vor Gremlins hatte (als Kind habe ich versehentlich die Filme gesehen, bzw. hat sie mir mein Bruder zugemutet ;), befürchtete ich, dass sich darin einer befand. Also prügelte ich aus Furcht auf den Bären ein, der immer weiter brummte und brummte und als ich fertig war, glaubte ich, dass er sich in der Nacht rächen würde. Immerhin war sein Brummen nicht verstummt, also war er noch am Leben! Leider hatte ich keinen Schlüssel für den Kasten und jedes Mal, wenn es im Raum knackte, befürchtete ich, dass der Gremlin im Bär kommt und ich müsse sterben … Dies ging einige Jahre so weiter, bis ich keine Angst mehr hatte. Die Rache lässt zwar bis heute auf sich warten, aber herausgestellt hat sich, dass die Bären meiner um sechzehn Jahre älteren Schwester gehörten, die zu dieser Zeit ausgezogen war und die beiden deshalb ihren Platz in meinem Schrank fanden :P
    Aber wenn ich mir den weißen Bären heute so ansehe, überfällt mich nach wie vor ein eiskalter Schauer. Er sieht auch verdammt gruselig aus … Als Kind bezeichnete ich es immer als ein Gefühl, wie wenn einem tausend Weberknechte über den Rücken laufen.

    LG,
    VTT

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Ich hatte als Kind selbst so einen Bären, allerdings in Dunkelbraun. Den habe ich geliebt, er hat es aber beim Auswandern nicht mit nach Deutschland geschafft, leider. Dabei haben wir eine ganze Tasche nur mit Spielzeug mitgenommen damals.
      Ich kann mir aber vorstellen, dass es für dich als Kind gruselig gewesen sein muss, wenn scheinbar aus dem Nichts zwei Bären in deinem Schrank auftauchen und einer davon auch noch komisch aussieht und seltsame Geräusche macht. Das kann ich gut nachvollziehen.
      Gremlin-Filme habe ich übrigens bis heute nicht gesehen, wie gruselig sie sind, kann ich darum nicht beurteilen.

      • Nach dem heutigen Standard sind die Gremlin-Filme vielleicht nicht wirklich der „Burner“, aber ich liebe sie, seit ich meine Angst überwunden habe. Extrem gruselig sind sie nicht; typische Horror-Komödie eben. Ungefähr so gruselig wie Ghostbusters ;)

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Dann weiß ich ja, was ich mit fruehstuecksflocke mal anschauen soll, danke für den Tipp!

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