Fallstudie: Scout Willis‘ Oben-Ohne-Gang…

…und was wir Weltenbastler von diesem aktuellen Fall lernen können – aber der Reihe nach.

Scout Willis ist die Tochter von Hollywood-Haudegen und Kult-Langsamsterber Bruce Willis, der ihr gewissermaßen seinen Promistatus vererbt hat. Dies dürfte wohl der Anlass für die Klatschpresse sein, das bereits drohende Sommerloch (bis zur WM sind es schließlich immer noch fünf endlose Tage) abzuwenden und sich auf sie zu stürzen. Denn Scout tat, was wunderschöne Promi-Töchter laut öffentlicher Meinung besser nicht tun: Sie ging barbusig, nur mit einem Blumentüchlein um die Hüften, durch New York und stellte die Fotos davon auch noch auf Twitter.

Hintergrund der Aktion

Ein paar Tage zuvor hatte das Fotoportal Instagram den Account von Scout gesperrt, weil sie ein freizügiges Bild postete, auf dem weibliche Brüste samt Nippel zu sehen waren. Solche Bilder sieht die Fotoplattform nicht gern, sondern bewertet sie als anstößig und geht daher gegen sie vor.

Man mag dazu stehen, wie man will, Scout ließ sich das nicht gefallen und protestierte dagegen, in dem sie barbusig durch New York lief, denn tatsächlich ist barbusiges Flanieren durch den Big Apple gesetzlich abgesichert und erlaubt. Instagram gehe also völlig unnötig gegen etwas vor, was in der „Welthauptstadt“ gar niemanden mehr jucke, so die Message dahinter (und auch Twitter relativ Wurst ist, denn schließlich veröffentlichte Scout Fotos von ihrer Aktion dort ohne irgendwelche Probleme).

Damit kam die Sache ins Rollen und nahm größere Ausmaße an, als man denken würde: Unter dem Motto „Free the Nipple“ gibt es aberdutzende Bilder von Nachahmern übers ganze World Wide Web verstreut, die Klatschpresse stürzt sich darauf, Bruce Willis is not amused und am Ende steht an Stelle von Instagram die gesamte konservative Gesellschaft in der Kritik. Und die Frage, um die sich alles dreht, ist: Was ist so schlimm an einer weiblichen Brust? Was ist schlimmer an ihr als an einer männlichen? Denn die Herren der Schöpfung können ungestört Oben-Ohne-Bildchen posten, während das bei den Damen stets für Furore sorgt …

Weltenbastlerische Relevanz

Wir wollen uns jetzt gar nicht sonderlich in diese Diskussion einmischen, denn das würde doch den Rahmen eines solchen Artikels sprengen.

Vielmehr wollen wir kurz aufzeigen, dass die Sache mit dem Oben-Ohne-Sein nicht ganz so einfach ist, wie sie scheint.

Ein jeder von uns kennt die Bilder von barbusigen Eingeborenenfrauen irgendwo in Afrika oder Südamerika, die des öfteren im Zentrum irgendwelcher Dokus auf ZDF-Nischenkanälen stehen. Die generelle Meinung dazu ist oft „Ach, die sind halt rückständig, wenn die Kultur erst mal bis dahin vordringt, dann hört sich das auch auf“.

[Public domain], via Wikimedia Commons

Venus von Milo – [Public domain], via Wikimedia Commons

Blickt man aber ein wenig in der Geschichte zurück, so sieht man etwa, dass bereits alte hochentwickelte Kulturen nicht unbedingt ein Problem mit Nacktheit hatten. Griechiche Statuendamen präsentieren sich in der Regel oben ohne, auch die Statuenherren haben selten etwas an.
Aber nicht nur Griechen und Römer, auch die Künstler der Renaissance (beeinflusst von eben jenen griechischen Statuen!) gingen wieder dazu über, Nackedeis zu malen.

Selbst die Adeligen nahmen sich daran ein Beispiel, und so manche wichtige Dame ließ sich schon damals nackig abbilden. So entstand etwa das barbusige Proträt von der schönsten Frau von Florenz, Simonetta Cattaneo Vespucci, um das Jahr 1480.

Portrait de femme dit de Simonetta Vespucci - Piero di Cosimo [Public domain], via Wikimedia Commons

Portrait de femme dit de Simonetta Vespucci – Piero di Cosimo [Public domain], via Wikimedia Commons

Ein ähnliches Bild gibt es beispielsweise auch von Agnès Sorel, der Mätresse von Karl VII. von Frankreich, von der auch berichtet wird, sie sei öfters am Hofe unterwegs gewesen und habe dabei eine oder gleich beide Brüste entblößt gehabt.
Es wird sogar von Queen Marry II. berichtet, sie habe bei einem Maskenball ein Kleid getragen, das ihre Brüste nicht bedeckte.

Erst später kam es dann auf, dass die weibliche Brust weggesperrt wurde – aber nicht für lange. Wikipedia etwa führt eine Quelle an, laut der in den 1920er Jahren gefordert wurde, dass Mädchen doch oben ohne den Turnunterricht absolvieren sollten (wie vertrauenswürdig die ist, darüber ließe sich jetzt streiten, eine flüchtige Google-Suche ergab keine weiteren Treffer).

Nach dem 2. Weltkrieg ging es mit der FKK-Bewegung dann in der Nackedei-Frage wieder rund, von den 68er-Jahren dann ganz zu schweigen.

Auch heutzutage ist es nicht immer so streng geregelt, wie man es gerne hätte. Je nach sozialem Kontext wird gerne ein Auge zugedrückt. So hat beispielsweise niemand ein Problem mit nackten Brüsten bei Festen wie dem Mardi Gras in New Orleans oder dem Karneval in Rio de Janeiro. Vielerorts gibt es speziell ausgewiesene FKK-Strände, oder eben ganze Bundesstaaten wie New York, die barbusiges Auftreten nicht mehr verbieten.

Der lange noch fortsetzbaren Rede kurzer Sinn: Dass die weibliche Brust bedeckt gehört, war und ist nicht in Stein gemeißelt.

Fazit

Wer also sich über die Moral, die Sitten und den Dresscode seiner fiktiven Welt Gedanken macht, sollte hier aufpassen, dass er nicht völlig stereotyp alles übernimmt und dass er einen guten Grund hat, wieso dieses oder jenes Körperteil bedeckt gehört (oder auch nicht). Was gilt als unanständig, was nicht?

Hier gibt es auch sehr großes Potential für innerweltliche Konflikte, das man bedenken sollte. So kann barbusiges Auftreten in konservativen Kulturen durchaus eine Form des Protests sein, weil man dadurch Anstoß bei der Obrigkeit erregt und die konservative Bevölkerung mit nackten Tatsachen geradezu „schockt“. Man denke hier etwa an den Ritt von Lady Godiva, die gegen zu hohe Steuern protestierte. Aktuellere Beispiele hingegen wären die Femen-Bewegung, die sich längst nicht mehr nur auf die Ukraine beschränkt, oder diverse Nackt-Radfahr-Events weltweit. Oder eben Scout Willis.

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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9 Antworten zu Fallstudie: Scout Willis‘ Oben-Ohne-Gang…

  1. Carmilla DeWinter schreibt:

    Im alten Ägypten war eine bedeckte Frauenbrust wohl auch keine Frage der Moral. (Habe keine Zitate, aber die Kunst spricht dafür.)
    Vielleicht hat das alles was damit zu tun, ob eine Brust vornehmlich als Babytankstelle oder als erotisches Objekt wahrgenommen wird?

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Stimmt, in Ägypten dürfte das auch kein Problem gewesen sein. Danke für die Anmerkung – mein geschichtlicher Abriss ist doch etwas knapp ausgefallen, merk ich grad *G*

      Bezüglich Brust Babytankstelle oder erotisches Objekt: Das ist ein interessanter Gedanke, den man wohl weiter verfolgen müsste.
      Wenn ich mir so die Venusstatue oben im Beitrag ansehe, glaube ich aber irgendwie nicht, dass irgendjemand die Brüste der Liebesgöttin als Babytankstelle gesehen hat – da ging es wohl eher um die Erotik?

      • Carmilla DeWinter schreibt:

        Ganz ehrlich, ein bisschen fragst du hier die Falsche ;)
        Aber wahrscheinlich hast du schon recht, was Venus angeht.

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Ich wollte nur nicht gefahrlaufen, am Ende etwas falsches zu behaupten, also habe ich vorsichtshalber ein Fragezeichen gesetzt ;)

      • Carmilla DeWinter schreibt:

        Es ist Kunst, oder? Ich erinnere mich mit Schaudern an die Bildbesprechungen in der Schule. Jedenfalls, solange du deine Meinung begründen kannst, ist sie richtig ;)

      • fruehstuecksflocke schreibt:

        Dann stelle man sich in Zukunft einfach einen . statt einem ? in obigem Kommentar vor ;)

  2. Tintenelfe schreibt:

    Ein schön geschriebener Artikel, nur fällt es mir schwer, dazu Stellung zu beziehen. Ich denke, für mich gibt es da schon einen Unterschied zwischen nackten Brüsten in der Kunst oder im Alltag. Man will ja auch nicht alles sehen. :-)
    Es gibt auch genug Leute, die eine „Babytankstelle“ nicht sehen wollen, wobei ich das wiederum völlig natürlich und in der Regel auch notwendig finde.

    Lieben Gruß!

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Was mich verwundert hat, als ich die Sache recherchiert habe, waren die Zensurmaßnahmen von Online-Portalen – das Bild von Scout Willis oben ohne war überall zu finden. Manchmal war es mit einem riesigen schwarzen Balken im Brustbereich zensiert, manchmal gar nicht – und manchmal hat man sich die Mühe gemacht, kleine pinke Sternchen auf ihre Nippel zu malen und die so zu zensieren. Wo ich mich dann ernsthaft fragte, was das sollte – man darf die Brüste beglubschen, aber die Nippel sind böööööööse und könnten die Jugend verderben?
      Und wenn man sich ansieht, was auf Instagram so alles gepostet wird, ist es auch irgendwie schräg, dass grad wenn ein Nippel auf dem Bild ist, der Account gesperrt wird, während alles andere kein Problem darzustellen scheint, egal wie freizügig es ist… dass das irgendwann für Aufregung sorgt, war wohl abzusehen….

  3. Chronojin schreibt:

    Na also wenn das nicht mein Thema ist, dann weiß ich auch nicht. Immerhin wurde ich lange Zeit von jemanden immer wieder darauf hingewiesen, bei jeglicher Gelegenheit, dass dieses Thema, wie viele andere auch auf Religion zurückzuführen ist.
    Europa war in diesem Thema praktisch bis zum Einzug des Christentums absolut liberal, da die Kirche aber dazu tendiert hat alles rund um Sex zu tabuisieren hat sich ein vollkommen unnatürliches Schamgefühl entwickelt, dass sich bis heute in unserer Kultur hält. Die Faustregel ist hier: Je religiöser, desto mehr – wie die Amerikaner zeigen.
    Daraus lässt sich für eigene Welt wiederum ableiten, dass der Nackheitsgrad mit der Kontrolle durch eine höhere Instanz immer weiter sinkt. Weder Gott noch Staatführer wollen, dass wir im Alltag unseren Fokus von der Arbeit auf andere Dinge verlagern – wir werden gewissermaßen als Werkzeug genutzt. Ist der Mensch jedoch vollkommen sich selbst überlassen, so ist er im Grunde doch nur ein haarloser Affe und Affen sind gemeinhin nackt. Menschen, die auch heute noch problemlos oben ohne leben sind also nicht zwangsweise unzivilisiert, sondern einfach nur frei von omnipotenten Göttern, großorganisierten Staaten oder anderen Instanzen.

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