Weltenbau-Artikel: Beinamen

Es war einmal ein Troll,
der fand sich super toll.
Bloß war sein Name Tim,
das fand er furchtbar schlimm.

Und warum fand er es schlimm? Weil richtige Helden oft elendig lange, komplizierte Namen haben, die sich selbstverständlich aus möglichst charakteristischen, furchteinflößenden und glorreichen Beinamen zusammensetzen.
Weltenbastler und Romanautoren kennen dieses Problem: In der klassischen Heldenreise schickt man einen Niemand auf eine Quest, der dann mehrere Abenteuer erlebt, sich hervortut und eines Tages die „höhere Weihe“ des Beinamens empfangen sollte. Aber wonach soll man den wackeren Recken bloß benennen?

Herkunft

Die wohl banalste Möglichkeit ist es, seinen Helden nach seiner Herkunft zu benennen – was durchaus Sinn macht, verschlägt es einen Helden doch während seiner Questen doch oft in ferne Länder, wo niemand den Ort kennt, aus dem er stammt.
Gerade in Gesellschaften, in denen es noch keine Nachnamen gibt und es schon mal vorkommt, dass sich ein Vorname unter den berühmten Persönlichkeiten doppelt, ist dies auch eine bequeme Variante, Persönlichkeiten voneinander zu unterscheiden. So kennen wir etwa viele alte Griechen aus der Antike nur dadurch auseinander – etwa Aristarchos von Samos, Aristarchos von Samothrake, Aristarchos von Tegea oder Aristarchos von Thessalonice (was, bei längerer Aufzählung, auch schon die große Schwäche des Systems zeigt: Sich zu merken, wer wo von wo stammt, ist umständlich und unpraktisch, besonders für Laien und Leser).

Nur geringfügig besser ist dabei die Benennung nach den Eltern – wer kennt nicht Gimli Glóins Sohn, den wackeren Zwerg aus Mittelerde? Um ihn von etwaigen anderen Gimlis zu unterscheiden, nennt er seinen Vater als Referenz.

Etwas blumiger wäre der Beiname von Aphrodite: Die Schaumgeborene, denn die wunderschöne Göttin der Liebe entstieg dem Meerschaum.

Aber seien wir ehrlich: Ein richtiger Held braucht einen griffigeren Namen

Eigenschaften des Helden

Was bietet sich eher an, als eine Eigenschaft, die sofort ins Auge fällt? Das macht das Namensfinden einfacher und beugt Verwechslungen vor. Gandalf der Graue trägt grau, Saruman der Weiße weiß.
Vom römischen Meisterredner Marcus Tullius Cicero wird berichtet, er habe an seiner Nase eine erbsenförmige Einkerbung gehabt, die ihm eben jenen Beinamen „Cicero“ (lat. cicer = Kichererbse) einbrachte.
Tungdil Goldhand aus der Fantasy-Reihe „Die Zwerge“ verschüttete bei einer Prüfung flüssiges Gold über seine Hand, welches ihm seinen Beinamen einbrachte. Und der Ritter Sigmund Silberzahn Floretto aus dem Buch „Drachen haben nichts zu lachen“ hat statt Goldzähnen silberne Zahnprothesen.
Auch bei Frauen bietet es sich an – so nannte man etwa die griechische Göttin Hera „kuhäugig“, da sie so schöne Augen hatte.

Aber auch charakterliche Eigenschaften können sich auf den Namen einer Person niederschlagen. So trägt Grima Schlangenzunge aus Tolkiens Mittelerde seinen Beinamen, weil er, wie die Indianer sagen würden, „mit gespaltener Zunge spricht“ und ein Meister darin ist, das eine zu sagen, das andere zu meinen und jeden zu beeinflussen, der ihm nur ein Ohr leiht.
Der bereits erwähnte Tungdil Goldhand fing sich ob seines gebildeten und gesitteten (und damit für einen Zwergen unüblichen) Benehmens den Beinamen „Gelehrter“ ein.
Odysseus nannten sie den Listenreichen, da er sich lieber seines Verstandes als seiner Muskeln bediente.

Wer als Held also ein besonderes Äußeres hat oder ein unübersehbares Benehmen an den Tag legt, muss sich um seinen Beinamen keine Sorgen machen – höchstens darum, ob dieser wirklich heldenhaft klingt…

Taten

Die Königsdisziplin für die Namenskür, wobei hier vor allem gute Taten wünschenswert wären. Gandalf der Graue freute sich wohl weniger, von Theoden den Beinamen „Sturmkrähe“ verpasst zu bekommen, weil er immer nur in düsteren Zeiten aufkreuzte.
Ob Ottokar von Zip aus „Drachen haben nichts zu lachen“ Heiterkeit verspürte, als man ihn ob seiner zerbeulten und altertümlichen Rüstung „Kübelhelm“ nannte?
Karl Mays Old Shatterhand hingegen dürfte auf seine Leistung, mit seiner Schmetterhand selbst die stärksten Gegner zu Boden zu schlagen, recht stolz gewesen sein – ebenso wie Old Surehand, der mit seiner sicheren Hand kein Ziel verfehlte.

Abschließendes

Nicht immer muss jedoch die Verleihung des Beinamens am Ende der Reise stehen – so Harry Potter galt schon von Kindesbeinen an als der Junge, der überlebte, und Bilbo Beutlin wurde von Gandalf so über den Klee gelobt, dass die Zwerge ihn nur noch als den Meisterdieb bezeichneten.
Nicht immer ist jedoch ein Beiname das non plus ultra; man denke etwa an Lord Voldemort, der so viel Schrecken verbreitete, dass die Menschen allein seinen Namen schon fürchteten – und er die paradoxen Bezeichnungen „Er, dessen Name nicht genannt werden darf“ und „Du weißt schon wer“ mit seiner Person verband.

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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2 Antworten zu Weltenbau-Artikel: Beinamen

  1. Florian Born schreibt:

    Als weiteres Beispiel könnte man noch Eragon Schattentöter und Arya Schattentöter nennen oder die Wilden Herzen aus Die Chroniken von Siala, bei denen viele einen Beinamen bekommen haben (zB. Kater). Als erstes wäre mir aber auch Tungdil Goldhand eingefallen, vor allem da die Geschichte, wie er zu seinem Namen gekommen ist, ziemlich interessant gemacht ist. Den Namen bekam er aber nur, weil den Zwergen sein ursprünglicher Nachname nicht gefallen hat. Eragon wird gegen Ende der Reihe hin und wieder auch Brohms Sohn genannt, wenn ich mich recht entsinne. -> also schon wieder die Sache mit dem Vater.

    Ich persönlich verwende am liebsten Familiennamen oder einen Nennung durch Ränge und Herkunft (zB. Maestra Neomilia von Siphrion oder Clanoberer Faran von Foxa). Das ist zwar ein wenig umständlicher, aber man zumindest einen klare Einteilung.Familiennamen sind da schon wieder ein wenig einfacher, aber da sollte man sich die Arbeit machen, zu erklären, woher diese stammen und wie sie entstanden sind (wenn auch nur in einem kleinen Abschnitt).

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Stimmt, Eragon wäre noch ein Beispiel gewesen…. aber auch z.B. Aragorn aus HdR, den sie „Streicher“ und „Dunedain“ nennen. Es gibt der Beispiele einfach zu viele ^^

      Was Rangbezeichnungen angeht, würde ich diese von Beinamen unterscheiden – schließlich hat man die Rangbezeichnung theoretisch nur solange, wie man den jeweiligen Rang inne hat, ein Beiname ist aber meist langlebiger. (es sei denn, die Rangbezeichnung wird so stark mit der Person in Verbindung gebracht, dass auch nach Verlust des Ranges der Rang selbst als Beiname erhalten bleibt. Hat man ja z.B. bei Cato dem Zensor so)

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