Fallstudie: Werwölfe II – Werwölfe bei Anne Rice

Nachdem Anne Rice mit ihren Vampirchroniken Weltruhm erlangt hat, erschien 2012 mit „The Wolf Gift“ (deutsch: „Das Geschenk der Wölfe“) der Reihenauftakt zu den „The Wolf Gift Chronicles“, dessen zweiter Band „The Wolfs of Midwinter“ noch nicht auf deutsch erschienen ist. Wie schon bei ihren Vampirromanen, nahm Anne Rice sich hierbei nur die Klischees und althergebrachten Werwolfmythen, die sie gebrauchen konnte – und ließ die anderen unauffällig verschwinden.
Doch was macht ihre Werwölfe so besonders?

Aussehen und Veränderungen

Normalerweise sind die Werwölfe auf den ersten Blick nicht von Menschen zu unterscheiden – oft strahlen sie eine gewisse Aura der Selbstsicherheit und Zufriedenheit aus, aber nicht jeder selbstzufrieden dreinschauende Mensch ist ein Werwolf.
Allerdings erlangt ein Werwolf nicht nur eine zusätzliche Gestalt – auch der Mensch an sich verändert sich im Äußeren. Selbst bei erwachsenen Menschen werden Wachstumshormone ausgeschüttet, sodass Hände und Füße wachsen, der Mensch an sich größer und kräftiger wird. Auch die Haare sprießen fortan wesentlich stärker als vorher.
Die Wolfsgestalt erinnert nur sehr bedingt an einen Wolf – der Werwolf kann sowohl aufrecht als auch auf allen vieren rennen und sich sehr flink in Bäumen fortbewegen. Sein ganzer Körper ist von einem dichten Fell bedeckt, wobei empfindlichere Stellen wie Hände, Füße und Genitalien nur von einer Art weichem Flaum umhüllt sind. Die Finger verschmelzen zu einer großen klauenartigen Fläche und Krallen wachsen, aber es bleibt ein Daumen erhalten. Auch die Füße verändern sich entsprechend. Dem Werwolf wächst aber beispielsweise kein Tierschwanz und die schwarze, ledrige Nase erinnert nicht an die eines Hundes. Von den Menschen, die ihn sehen, wird er eher mit Bigfoot verglichen als mit einem Wolf.
Die wichtigste Veränderung betrifft jedoch weniger das Äußere als die Sinne des Werwolfs: Nicht nur haben Werwölfe stark verstärkte Sinne und eine bessere Wahrnehmung mit allen Sinnesorganen, sie können die Stimmen und Gedanken der Menschen auch in weiter Entfernung hören und gute Menschen anhand ihres Geruchs von bösen Menschen unterscheiden.
Werwölfe an sich sind jedoch geruchlos und können auch andere Werwölfe nicht mit dem Geruchssinn wahrnehmen.

Ungeschriebene Gesetze?

Junge und unerfahrene Werwölfe sollten idealerweise keine anderen Werwölfe erschaffen – es ist besser, wenn diese Aufgabe von erfahrenen und alten Werwölfen übernommen wird.
Außerdem geben sie sich die Namen von Werwölfen aus der Literatur, um sich untereinander zu erkennen.
Andere Sachen sind nicht geregelt – einige Werwölfe wollen anonym bleiben, öffentliches Heldentum wie das, was Reuben ausübt, gefällt ihnen nicht. Andere finden das jedoch gut. Sie nennen sich selbst Morphenkinder – auch in der englischen Originalausgabe – und die Werwolfsgabe bezeichnen sie als Chrisam. Morrok deutet an, dass Werwölfe sich bewusst ihre Nachfolger auswählen und es vermeiden, zufällige Menschen zu beißen.

Verwandlung und Kräfte

Die Verwandlung erfolgt nach einem Biss durch einen Werwolf. Dabei wird „Chrisam“ weitergegeben, eine Substanz, die dafür sorgt, dass der Mensch zum Werwolf wird. Nicht alle Menschen vertragen eine Übertragung von Chrisam – Viele sind nicht robust genug, werden krank und sterben. Nur Wenige sind so robust dass sie die Verwandlung gut überstehen und anschließend selbst zu Werwölfen werden. Der Prozess an sich ist schleichend – Wachstumshormone werden ausgeschüttet, im Blut befindet sich mehr Kalzium, Haare und Nägel wachsen allmählich schneller und der Gebissene bekommt einen Wachstumsschub. In dieser Zeit ist das Gewebe ein Zwischending aus menschlichem und Werwolfsgewebe – später nimmt das Werwolfsgewebe überhand.
Der Prozess, bei dem der Mensch sich in die Werwolfsgestalt verwandelt, wird vom Menschen selbst als erregend und geradezu orgiastisch beschrieben. Muskeln wachsen, Sinne erweitern sich stufenweise, Haare sprießen und bedecken die Haut vollständig, Hände wandeln sich in Pfoten um. Zusammen mit den körperlichen Veränderungen tritt auch eine Verschiebung der Moral auf – der Werwolf ist nicht in der Lage, Mitleid im menschlichen Sinne zu empfinden. Stattdessen wird das Fressen von getöteten Tieren als sehr befriedigend empfunden.
Interessant ist hier auch die Rückverwandlung. Diese kündigt sich mit Muskelkrämpfen an und dabei bilden sich die wölfischen Aspekte zurück und die Haare fallen aus. Kurz nachdem sie ausgefallen sind, zerfallen sie zu Staub und von ihnen bleibt keine Spur zurück. Das Gleiche passiert übrigens mit jeder Art von Gewebe, selbst wenn es der menschlichen Gestalt abgenommen wird. Auf diese Weise hinterlässt ein Werwolf keine Spuren.
Im Laufe der Zeit lernt ein Werwolf, die Verwandlung willentlich herbeizuführen und sich auch aus eigenem Antrieb wieder zurückzuverwandeln.
Zusätzlich zu einer höheren Körperkraft und besseren Sinnen, auf die der Werwolf teilweise auch in menschlicher Gestalt Zugriff hat, kann der Werwolf in seiner wölfischen Gestalt die Stimmen von Hilflosen und deren Bedrängern hören und ihnen bis zum Tatort folgen. Das funktioniert selbst über weite Entfernungen, für die auch der schnelle Werwolf mehrere Stunden benötigt.

Vernichtung

Ein Werwolf verfügt über hohe regenerative Kräfte und kann nur getötet werden, indem man ihn enthauptet oder das Gehirn zerstört. Nach dem Tod lösen sich alle Bestandteile des Wolfes allmählich in seine Bestandteile auf.
Ansonsten altern Werwölfe jedoch nach ihrer Verwandlung nicht mehr, sie können keines natürlichen Todes sterben.

Weltenbauerisches Fazit

Anne Rice schafft es auch hier, eine alte Sagengestalt auf eine neue und unkonventionelle Weise umzusetzen. Das Konzept des Werwolfs, der nachts durch die Städte streift, Unschuldige rettet und Bösewichte tötet, erinnert in gewisser Weise an die Marvel-Superheldencomis, nur radikaler. Denn hier werden nicht nur Superschurken und Weltherrschaftsansichreiser besiegt und im Notfall getötet, sondern auch der Kleinkriminelle von Nebenan. Auch den meisten Werwölfen ist bewusst, dass mit ihrer Macht eine Menge Verantwortung einhergeht und die Diskrepanz zwischen „Mord ist etwas Böses“ und „Diese Menschen sind schlecht, sie müssen sterben“ wird im Roman immer wieder thematisiert.
Dabei wird der Werwolf keineswegs verniedlicht – er behält seine Wildheit und eine gewisse Tierhaftigkeit, was einen neuen Blick auf aktuelle moralische Fragen wirft.
Erneut ein meisterliches Beispiel für das Umwandeln alter Sagen in aktuelle Stoffe, ohne in die Niedlichkeitsecke abzuschweifen, die sich vor allem bei Jugendfantasy als Gefahrenzone erweisen kann.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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7 Antworten zu Fallstudie: Werwölfe II – Werwölfe bei Anne Rice

  1. Carmilla DeWinter schreibt:

    … Erinnert mich daran, dass ich in der ersten Bis(s)-Verfilmung saß, ohne zu ahnen, was mich erwartet, und dann Glitzervampir. Musste sehr an mich halten, die umsitzenden Mädels – im Schnitt zehn Jahre jünger als ich – nicht mit meinem Lachen von der Anbetung abzuhalten.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Würde ich jetzt nicht so sagen – ich denke nicht, dass in „Twilight“ der Sinn des Lebens diskutiert wird oder ob es überhaupt richtig ist, Menschen zu retten wenn dabei andere Menschen getötet werden, ob Selbstjustiz richtig oder falsch ist, Theodizee angesichts der Grausamkeit in der Welt und der Existenz von Wesen wie Werwölfen…
      Reuben fand ich jetzt auch nicht zum Anbeten/Anhimmeln, gerade wenn sehr plastisch geschildert wurde, wie er einen Verbrecher auseinandernimmt und dann dessen Eingeweide schlürft ^^

      • Carmilla DeWinter schreibt:

        *lecker* Mein Kommentar bezog sich auf den letzten Absatz mit der Verniedlichung. Anne Rice würde ich nun in keinem Fall Niedlichkeit vorwerfen, auch wenn ich die Werwölfe noch nicht kenne.

  2. fruehstuecksflocke schreibt:

    Ein verniedlichter Werwolf wär doch mal was – so als Schoßhündchen des Bösewichts von Morgen …

  3. Pingback: Anne Rice – Das Geschenk der Wölfe (Wolf Gift Chronicles #1) | FeuerFlocke

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