Fallstudie: Vampire in verschiedenen Canons – Teil 8 – die „Wächter“-Romane

Wer denkt, dass es sich als Anderer freier lebt – egal ob man ein Magier, ein Tiermensch, ein Vampir oder sonst ein Wesen ist – der irrt sich. Denn in den „Wächter“-Romanen von Sergey Lukianenko sieht die Welt der Anderen kaum anders aus als unsere eigene: Überall gibt es gesetzliche Richtlinien, Vorschriften und eine allgegenwärtige Kontrollinstanz, die alles überwacht.
Denn das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit ist fragil und egal ob es die Hellen oder die Dunklen sind, die das Gleichgewicht gefährden – wird es zerstört, bricht ein blutiger Krieg aus.
Vor allem aber sollten die Menschen nicht zwingend merken, dass mitten unter ihnen allerlei Geschöpfe lauern – beispielsweise Vampire.

Fähigkeiten

Zu ihren Fähigkeiten gehört der „Ruf“ – mit Hilfe dieser Fähigkeit können Vampire ihre Opfer telepathisch zu sich heranlocken, ohne sich selbst in unmittelbare Nähe zu den Menschen begeben zu müssen. Dadurch können sie unauffälliger agieren, was nicht zuletzt der Geheimhaltung förderlich ist. Allerdings ist der Ruf nicht „abhörsicher“ – unter bestimmten Bedingungen können Andere den Ruf ebenfalls hören und ihm folgen, um das Opfer zu retten. Das geschieht insbesondere, wenn Jagd auf wildernde Vampire gemacht wird.
Wie alle Anderen können Vampire das Zwielicht betreten. In welche Schichten sie vordringen können, hängt von ihrer Macht ab.
Vampire können den Blick der Menschen ablenken, sind jedoch weiterhin im Spiegel sichtbar und können manchmal nur auf diese Weise entdeckt werden.
Um ihre Hierarchien untereinander auszukämpfen, können Vampire Willensduelle untereinander veranstalten. Der Gewinner erhält Macht über den Verlierer und kann ihn beispielsweise zur Selbstvernichtung zwingen.
Magisch besonders begabte Vampire können sich außerdem in Ratten, Wölfe, Fledermäuse und andere Tiere verwandeln.
Äußerlich unterscheiden sich die Vampire nicht von den Menschen – sie könnten höchstens ein bisschen blasser sein, weil sie ungern an die Sonne gehen. Die scharfen Zähne kommen dann hervor, wenn sie benötigt werden.

Verwandlung

Um einen Menschen in einen Vampir zu verwandeln, müssen beide Seiten einverstanden sein – sowohl der Mensch als auch der Vampir. Solche Verwandlungen sind in der Regel illegal und werden geahndet.
Ausnahmen bestehen beispielsweise, wenn eine solche Verwandlung die einzige Möglichkeit darstellt, ein Leben zu retten.

Vernichtung

Anton verwendet ein mächtiges geladenes Amulett, mit dem er einen der wildernden Vampire beschießt, um ihn zu vernichten. Außerdem kann man Vampire in diesem Canon mit einem Eimer Vodka übergießen, um sie zu vernichten.
Vampire vertragen keinen Alkohol, er kann sie schwer verletzen und im Zweifelsfall sogar vernichten.
Außerdem benötigen Vampire, je mächtiger sie werden, desto mehr Magie, die sich aus nichtmagischen Lebewesen gewinnen lässt. Wo es keine Lebewesen gibt, können sie auch nicht zaubern und können vernichtet werden.
Weder Knoblauch, noch Kreuze noch Silber können ihnen wirklich gefährlich werden – allerdings fügt eine Silberkugel dem Vampir sehr starke Schmerzen zu, ohne ihn zu töten.
Ansonsten sind Vampire – ebenso wie sämtliche initiierte Andere – unsterblich, können jedoch natürlich vernichtet werden.

Bedürfnisse

Auch diese Vampire müssen Blut trinken. In der Regel haben sie dabei mit Blutkonserven und Schweineblut auszukommen, gerade noch im Wachstum befindliche Vampire oder frisch Verwandelte benötigen jedoch auch zwingend Menschenblut. Hier wird es heikel – da laut dem Großen Vertrag der Anderen die Zahl der guten Taten immer mit der Zahl der bösen Taten identisch sein muss, können die Vampire nicht einfach dann morden, wenn ihnen danach ist. Sie müssen einen Antrag stellen und erhalten irgendwann die Lizenz, einen bestimmten per Losverfahren ausgewählten Menschen zu töten. Das Losverfahren umfasst alle Menschen – außer Kinder unter zwölf Jahren, Andere und deren Angehörige. Ein per Los zugewiesenes Opfer darf per Ruf zum Vampir gelockt zu werden und empfindet beim Biss selbst weder Schmerz noch Angst.
Einige Vampire verzichten freiwillig auf die Lizenzen zum Töten und erhalten dafür Zuwendungen.
Wird ein Vampir beim „Wildern“ erwischt, also dabei, ohne Lizenz Menschen anzufallen und zu töten, ist die Nachtwache verpflichtet, ihn zu verhaften oder zu vernichten.
Mächtigere Vampire – auf dem Niveau eines Nullmagiers und somit ohne eigene magische Energie – benötigen außerdem Lebewesen um sich herum, um durch das Zwielicht Magie zu sich heranziehen zu können. Das benötigen sie, um zu zaubern.
Sie mögen die Dunkelheit, denn helles Licht ist für sie zwar nicht schädlich, aber sehr unangenehm.

Herkunft

Woher genau die Vampire kommen, wird in den Büchern nicht geklärt.
Man weiß nur, dass sowohl Dracula als auch Nosferatu sehr alte Kreaturen sind – jedoch weder die ältesten noch die mächtigsten Vampire darstellen.

Sonstiges

Im Canon der Wächter-Romane gehören Vampire automatisch immer zu den Dunklen – sie sind also nicht in der Lage, ihre Seite frei zu wählen. Dabei kann man durchaus Vampire beobachten, deren Ziele nicht auf ihren eigenen Vorteil, sondern auf den der Menschheit ausgerichtet sind. So versucht Konstantin im X Band, mit Hilfe eines uralten Zauberbuchs sämtliche Menschen in Andere zu verwandeln, um die Welt gerechter zu machen. Zuvor sucht er nach Mitteln, um Vampirismus zu „heilen“ – er vermutet, dass auch er ein normaler Mensch sein könnte, wenn durch die Verwandlung sämtlicher Menschen in Andere es keine Magie mehr gäbe.
Vampire gelten als „nierede Dunkle“, außer sie sind auf einer so hohen Stufe, dass sie den Zauberern als ebenbürtig angesehen werden müssen. Es ist nicht leicht, ein höherer Vampir zu werden, Konstantin schafft es nicht zuletzt, weil er im Besitz des Fuaran ist. Normalerweise müsste man um auf eine so hohe Magiestufe heraufgehoben zu werden, zahlreiche Menschen töten – was aufgrund der bürokratische Hürden nicht auf legalem Wege zu schaffen wäre und somit normalerweise alten Vampiren vorbehalten bleibt. Außerdem wächst die Macht des Vampirs schneller, wenn es sich bei den Getöteten um Kinder und Jungfrauen handelt – Kinder sind jedoch, wie bereits erwähnt, bis zu einem gewissen Alter von der Lotterie ausgenommen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, Spenderblut von zwölf verschiedenen Menschen zu vermischen und zu konzentrieren, ein Rezept, das im Buch als „Sauschkin-Cocktail“ bekannt ist, da Konstantin Sauschkin es erfunden hat. So konnte er zu einem ranghohen Vampir aufsteigen, ohne auch nur einen Menschen töten zu müssen.
In der Regel jedoch werden sie gemieden und nur Wenige lassen sich dazu herab, mit ihnen befreundet zu sein. Andererseits werden Hohe Vampire aufgrund ihrer Macht durchaus respektiert und können sogar Inquisitoren werden – Teile einer Instanz, die Tag- und Nachtwache überwacht.
Auch bei Lukianenko können Vampire kein Haus ohne ausdrückliche Einladung betreten. Erhalten sie eine solche, bildet sich ein im Zwielicht sichtbarer „Vampirpfad“.
Als niedere Dunkle sind Vampire verpflichtet, sich bei der zuständigen Nachtwache zu registrieren – dabei erhalten sie einen Stempel auf der Brust. Wird dieser Stempel aktiviert, stirbt der Vampir augenblicklich.

Weltenbauerisches Fazit

Lukianenko hat mit seinem Wächter-Universum eine Welt geschaffen, die aus zahlreichen fantastischen Geschöpfen und neuen Möglichkeiten besteht. Es sit sehr erfrischend, die russische Fantasyausprägung zu lesen, die sich in vielerlei Hinsicht von dem unterscheidet, was man auf dem deutschen oder amerikanischen Markt gewohnt ist.
Was derzeit noch fehlt, sind die Hintergründe über die Entstehung der Vampire, aber auch anderer Zwielichtwesen – Gestaltenwandler, Tiermenschen, Hexen, Magier… Woher stammen die Ersten von ihnen? Wie fing alles an? Viele Fragen bleiben noch offen.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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2 Antworten zu Fallstudie: Vampire in verschiedenen Canons – Teil 8 – die „Wächter“-Romane

  1. Carmilla DeWinter schreibt:

    Hm. Ich bin fünf Bände weit gekommen, ohne auf einen Ursprungsmythos für Lukianenkos Vampire zu hoffen. Ich habe den Eindruck, Lukianenko weiß, was los ist. Das reicht mir. Die volle Backstory muss ich nicht haben, um die Geschichten gern zu lesen, aber aus weltenbauerischer Sicht wäre es, zugegeben, sehr praktisch.
    Genial finde ich, dass er die Sache mit dem Spiegelbild umdreht, was tatsächlich logischer ist als „hat kein Spiegelbild“.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Stimmt, das Gefühl habe ich bei mir auch – er weiß bescheid.
      Die weltenbauerische Sicht interessiert mich ja für diesen Blog eigentlich besonders, da man daraus tolle Lehren für eigene Weltenbauprojekte ziehen kann. Aber wo es nicht möglich ist, muss man damit leben.
      Ich finde es auch logischer :). Eines der wenigen Dinge, die im (ansonsten m.M.n. fürchterlichen) Film gut in Szene gesetzt wurde.

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