Weltenbau-Artikel: Navigation auf See

Die Entwicklung der Seefahrt führte in der Realität zu einem bedeutenden Sprung in der Entwicklung: Neue Handelsrouten waren zugänglich, der Handel erlebte einen Aufschwung, neue Güter konnten preisgünstiger und schneller von A nach B verschifft werden, manch einer entdeckte gar unbekannte Inseln oder Kontinente und schließlich eröffneten sich auch Vater Krieg ganz neue Möglichkeiten, gab es doch neues Land zu unterjochen.

Auch für eine fiktive Welt bringt die Seefahrt alle diese neuen Entwicklungen mit sich. Weltenbastler sollten sich aber vielleicht auch kurz Gedanken über die Navigation machen. Oft liest man, man hätte sich an den Sternen orientiert, eh klar. Aber denkt auch jemand daran, dass der Himmel und damit die Sterne in Bewegung sind?

Grundlegendes

Bevor ich hier aber nun Unsinn verbreite: Nein, der Himmel bewegt sich nicht. Es ist die Erde, die sich dreht. Diese Drehung beschert uns Sonnenaufgang und -untergang. Wenn die Sonne untergeht, dann weil die Erde sich dreht und die Sonne sich dann einfach auf der anderen Seite der Erde befindet – die Erde steht uns dann sozusagen in der Sonne.
Selbiges mit dem Mond, selbiges mit den Sternen.

Die Erde dreht sich nach Osten – vom Polarstern betrachtet bedeutet das, sie dreht sich gegen den Uhrzeigersinn. Wie jedes Kind immer lernt, geht die Sonne im Osten auf, eben weil sich die Erde in diese Richtung dreht.

Ebenso ist es mit Mond und Sternen – sie gehen auf der einen Seite auf, auf der anderen Seite unter. Wer es nicht glaubt, der setze sich nachts mal hin und beobachte den Nachthimmel. Er wird feststellen, dass sich dort einiges tut, Sterne auf- und untergehen.
Aber nicht alle gehen unter und manche gehen gar nicht erst auf.

Zirkumpolarsterne

Eine sehr einfache Grafik zur Veranschaulichung:

Erdrotation und Sterne - Grafik von fruehstuecksflocke, CC-BY

Erdrotation und Sterne – Grafik von fruehstuecksflocke, CC-BY

Stellt euch vor, ihr seid das kleine, schlampig gezeichnete Strichmännchen/-weibchen auf der ebenfalls schlampig gezeichneten Nordhalbkugel. Und ihr dreht euch gegen den Uhrzeigersinn mit der Erde mit.

Die Sache von der anderen Seite .... Grafik von fruehstuecksflocke, CC-BY

Die Sache von der anderen Seite …. Grafik von fruehstuecksflocke, CC-BY

Ihr werdet den Stern Nr. 1 immer sehen können, da er sich aus eurer Perspektive über der Erde befindet, relativ direkt über dem Nordpol. Für euch geht dieser Stern nie unter. Einen solchen Stern nennt man Zirkumpolarstern – auch der Himmel hat einen Pol (dort, wo die gedachte Verlängerung der Erdachse in den Nachthimmel ragt), und um diesen Pol bewegen sich alle Sterne. Der Stern Nr. 1 bewegt sich nun um diesen Pol, bleibt dabei aber immer über der Erde und ist für euch von der Nordhalbkugel aus zu sehen.

Ebenfalls ein Zirkumpolarstern ist der Stern Nr. 3, allerdings bewegt sich dieser um den Himmelssüdpol – und für euch als Bewohner der Nordhalbkugel ist dieser Stern niemals zu sehen, da die Erde immer im Weg bleibt. Ein Bewohner der Südhalbkugel würde diesen Stern aber stets sehen können.

Der Stern Nr. 2 hingegen geht für euch auf und unter, ebenso wie es auch die Sonne tagsüber tut. Irgendwann habt ihr euch weitergedreht, die Erde ist im Weg und der Stern nicht mehr zu sehen.

Anders hingegen verhält sich die Lage am Äquator:

Vom Äquator aus gesehen... Grafik von fruehstuecksflocke, CC-BY

Vom Äquator aus gesehen… Grafik von fruehstuecksflocke, CC-BY

Ihr werdet alle Sterne sehen können und es werden alle Sterne für euch auf- und untergehen. Es gibt keine Fixsterne am Himmel, denn auch die Zirkumpolarsterne werden irgendwann auf der anderen Seite der Achse stehen und für euch außer Sicht sein.

Für die Navigation auf See ist dieses Wissen darum sehr wichtig, denn sich an einem Stern zu orientieren, der mal hier, mal dort und manchmal gar nicht vorhanden ist, ist nicht so einfach. Ein Zirkumpolarstern ermöglicht so die Navigation. Je näher der Stern sich dabei an der Achse befindet, desto geringer seine Bewegung. Anhand der eigenen Position im Verhältnis zum Stern kann man sich dann seine Route berechnen.

Wer sich aber den Nachthimmel schon einmal angesehen hat, weiß, dass es am Himmel sehr viele Sterne gibt. Ein Stern, der zur Navigation taugt, muss also zusätzlich auch sehr hell sein, damit man ihn gut finden kann.

Auf der Nordhalbkugel wurde daher jahrhundertelang der Polarstern zur Navigation verwendet. So verläuft Kolumbus‘ erste Fahrt nach Indien (will sagen: Amerika) in völlig gerader Linie direkt über den Atlantik. Kolumbus wusste ja nicht, wo genau er hinfährt und hat sich darum einfach so gehalten, dass der Polarstern stets zu seiner Rechten lag.

Wenn man keinen hellen Zirkumpolarstern hat…

… dann wird die Sache zugegeben schwierig. Eine solche Situation haben wir auf der Südhalbkugel, dort ist an der Stelle des Polarsterns gähnende Leere.

Aber auch das macht die Navigation nicht unmöglich. Nur sehr, sehr aufwändig.

Die Polynesier hatten dieses Problem, erstreckt sich ihre Gegend doch über unzählige verstreute Pazifikinseln:

By Kahuroa (talk · contribs), translated by NordNordWest [Public domain], via Wikimedia Commons

Aber: Auch dieses Problem lässt sich lösen. Ein Navigator bei den Polynesiern orientiert sich ebenfalls an den Sternen.

Er kennt für jede Insel, zu der er will, einen Stern, der direkt über dieser Insel aufgeht, wenn er aus der Richtung seiner Startinsel dorthin blickt. Und um seine Startinsel nicht aus dem Blick zu verlieren, kennt er auch den Stern, der direkt über dieser Insel aufgeht, wenn er von der Zielinsel aus dorthin blickt.

Navigation in Polynesien - Grafik von fruehstuecksflocke, CC-BY

Navigation in Polynesien – Grafik von fruehstuecksflocke, CC-BY

Er muss sich also nur darum kümmern, dass der Bug seines Schiffes immer zum Stern der Zielinsel zeigt und das Heck immer zum Stern der Startinsel. So kommt er von A nach B.

Nun ist es aber so, dass die Sterne auf- und untergehen. Der Navigator kann sich also nicht darauf verlassen, dass er so zum Ziel kommt. Stern 1 wird bald nicht mehr direkt über Insel A schweben, und auch Stern 2 wird nicht ewig über Insel B bleiben.

Deshalb muss der Navigator für jede Uhrzeit und für jede Insel immer einen Stern kennen, der genau über der Insel steht.

Woraus natürlich folgt, dass nur die klügsten Köpfe mit dem besten Gedächtnis hier den Beruf des Navigators ergreifen können und dass die Ausbildung schon im Kindesalter beginnt – denn bis ein Navigator zu jeder Insel für jede Uhrzeit einen Stern kennt, können schon ein paar Jahre ins Land ziehen.

Denn die Polynesier wussten alle diese Dinge, aber sie haben sie nicht aufgeschrieben, sondern nur mündlich überliefert. Erstaunlich, nicht?

Fazit

Muss man all das wissen? Nein, muss man nicht – aber es ist dennoch schön, es zu wissen. Vielleicht nimmt ja der eine oder andere Weltenbauer diese Fakten in seine Überlegungen auf? Eine Fantasy-Geschichte mit einer Entdeckungsfahrt wäre wirklich mal was Neues, das ich gerne lesen würde ;)

 

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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5 Antworten zu Weltenbau-Artikel: Navigation auf See

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Worauf man alles achten muss, ist immer faszinierend – Seefahrt, Flugverkehr, Navigation… wo es noch keine moderne Technik gibt, spielen Sterne eine riesige Rolle.
    Zugegeben, nicht mal ich habe mir die Mühe gemacht, eine Sternenkarte für meine eigene Welt zu basteln. Dank deines Artikels weiß ich, dass das ein Fehler ist…
    Nur: Wo kriege ich eine Sternkarte zum Selbstausfüllen her? ^^

  2. Columbus schreibt:

    Genau darauf kommt es an: »Muss man all das wissen? Nein, muss man nicht – aber es ist dennoch schön, es zu wissen.«

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