Fallstudie: Adelshochzeiten in Westeros

Es gibt eine Frage, die auch heute die Internetforen spaltet – soll ein Vater seine Tochter zum Altar führen oder gilt dies als der Überrest eines alten patriarchalischen Brauches, bei dem die Frau sozusagen als willenloses Wesen von der Obhut eines Mannes in die eines anderen übergeben wird?

Angesichts der Kontroversen, die heute noch in Bezug auf Hochzeitsbräuche auftreten, ist es überraschend, dass so wenige Weltenbauer Zeit und Energie darauf verwenden, Hochzeitsbräuche für ihre Welten zu entwerfen, die ähnlich kontrovers gesehen werden könnten.

Anders George R. R. Martin, der in seiner Monumentalreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ sogar mehrere Hochzeitsbräuche für die verschiedenen Völker seiner Welt einführt. Dieser Artikel widmet sich der Übersicht halber ausschließlich den Bräuchen auf Westeros, während die weniger homogene Tradition der Völker von Essos vorläufig ausgeklammert wird, da sie in ihrer drastischen Verschiedenheit eigene Artikel verdienen würden. Außerdem beschränkt er sich auf die Hochzeitsriten der Adligen, weil andere Hochzeiten in den bisher erschienenen Bänden nicht thematisiert wurden.

Der Grundablauf der Hochzeit selbst

Unabhängig vom Glauben, dem die Bewohner von Westeros anhängen, gibt es einige Gemeinsamkeiten bei allen Adelshäusern und Glaubensrichtungen.

Es gibt keine Möglichkeit einer rein sekulären Hochzeit – es handelt sich immer um eine religiöse Zeremonie, bei der ein Priester oder eine Priesterin durch die Hochzeitsschwüre führt.
Die Braut trägt dabei immer einen sogenannten „Maidencloak“ – einen prächtigen Umhang in den Farben und mit dem Symbol ihres Hauses. Im Laufe der Zeremonie nimmt der Bräutigam ihr diesen Umhang ab und kleidet sie in einen Umhang in den Farben und Symbolen seines eigenen Hauses. Dadurch wird symbolisiert, dass die Frau von nun an zum Haus ihres Mannes gehört und ihm Treue schuldet.
Dies spielt insbesondere auch bei Ansprüchen auf Titel und Erbschaften eine große Rolle – da in den meisten Teilen von Westeros Titel nur entlang der männlichen Linie vererbbar sind, erkennt Stannis beispielsweise Sansas Ansprüche auf Winterfell nach ihrer Heirat mit Tyrion nicht an und bezeichnet sie verächtlich als „Lady Lannister“.

Da der Glaube an die „Sieben“ die am Weitesten verbreitete Region insbesondere im Süden des Landes ist, werden insbesondere wichtige Staatshochzeiten oft in einer Septe durchgeführt, ein Septon fungiert dabei als Priester. Der „High Septon“ – analog zum Papst – kann königliche Hochzeiten leiten, wie beispielsweise die zwischen Joffrey und Margaery.
Hochzeiten, die im Namen von R’hllor geschlossen werden, beinhalten auch, dass das neu vermählte Paar nach einem Tausch der Hochzeitsschwüre über ein Feuer springt.
Hochzeiten nach dem Brauch der Alten Götter werden im Götterhain vor einem Hearttree beschworen.
Auf den Eiseninseln ist es auch durchaus üblich, eine Frau in Abwesenheit und ohne ihr Einverständnis zu verheiraten, im Rest von Westeros ist dies jedoch nicht gebräuchlich.

Auch in Westeros muss ein Vater die Braut zum Altar führen – ist der Vater tot, kann ein Bruder oder ein anderer Vertreter dieses Amt übernehmen. So wird Sansa bei ihrer Heirat mit Tyrion Lannister von Joffrey zum Altar geführt, der sich einen Spaß daraus macht, sie mit dieser Tatsache zu quälen.

Der offiziellen Hochzeitszeremonie folgt ein Fest, dessen Ausmaße vom vergleichsweise schlichten Fest bei der Hochzeit von Ramsay „Bolton“ und der falschen Arya Stark bis zu den völlig übertriebenen Festivitäten bei der Hochzeit von Joffrey und Margaery reichen können.
Dabei wird nicht nur gegessen, es ist auch üblich, dass Sänger und andere Künstler auftreten und die Gäste unterhalten.

Schließlich kommt es zum „Bedding“ – die männlichen Familienmitglieder schnappen sich die Braut, die weiblichen den Bräutigam. Unter Gelächter, Gesang und unanständigen Witzen entkleiden sie die Beiden und tragen sie zu ihrer Bettstatt.
Erst wenn das Paar nackt im Bett liegt, gehen die Hochzeitsgäste vor die Tür und rufen dem Paar unanständige Tipps zu oder feuern es an.
Bei manchen Hochzeiten im Laufe der Buchreihe wird von diesem Brauch Abstand genommen und das Paar darf sich friedlich zurückziehen.
Der Vollzug der Ehe ist von großer juristischer Wichtigkeit – eine nicht vollzogene Ehe kann von einem religiösen Konzil aufgelöst werden, dies ist nach Vollzug der Ehe jedoch nicht mehr möglich. Außerdem gelten Heiratsschwüre als ungültig, wenn sie mit Gewalt erzwungen wurden.

Ab wann darf man heiraten?

Es gilt als pervers, eine Frau zu verheiraten und diese Ehe auch zu vollziehen, solange die Frau ihre erste Regelblutung noch nicht hatte. Ab diesem Alter gilt eine Frau als erwachsen, da sie in der Lage ist, Kinder zu gebären
Ein Mann gilt mit sechzehn als volljährig, also erwachsen, kann jedoch auch früher heiraten.
In Ausnahmefällen ist es möglich, auch Kleinkinder zu verheiraten – so wird das Baby Ermesande Hayford noch als Säugling mit Tyrek Lannister verheitatet, damit die Krone ihre Ländereien für sich beanspruchen kann. Allerdings verschwindet Tyrek und gilt bald als tot.
Es ist allerdings möglich, Kinder beliebigen Alters einander zu versprechen beziehungsweise zu verloben, um damit die Beziehungen zwischen bestimmten Häusern zu stärken. Verlobungen können allerdings auch aufgelöst werden, wie im Falle von Joffrey und Sansa.

Was bedeutet eine solche Hochzeit?

Man sieht den Hochzeiten in Westeros an, dass dort eine überwiegend patriarchale Kultur gelebt wird – von dem Haus ihrer Eltern wird sie dem Haus ihres Gemahls übergeben und ist von nun an „unter dem Mantel“ des anderen Hauses.

Zusätzlich stellt eine solche Hochzeit die Frau als schwach und beschützenswert dar – sie muss von einem Mann beschützt und mit seinem Mantel beschirmt werden, da sie nicht für sich selbst einstehen kann.

Damit untermauert die in den Adelshäusern übliche Hochzeitszeremonie zusätzlich die in Westeros geltenden Geschlechterrollen und zeigt eine Gesellschaft, in der Kriegerinnen wie Brienne von Tarth, Arya Stark und im weitesten Sinne auch Daenerys Targaryen als „gegen die Natur“ gelten.
Zusätzlich ist auch interessant zu beobachten, dass die Hochzeitsumhänge bei späteren Hochzeiten wiederverwendet werden können – so möchte Cersei, dass Tommen Margaery bei deren Hochzeit den Umhang umlegt, der schon bei der Hochzeit von Tywin Lannister und Cerseis Mutter Joanna verwendet wurde. Das bedeutet implizit, dass der Umhang aufbewahrt und in Ehren gehalten wurde.
Olenna Tyrell sagt aber deutlich aus, dass bei einer Hochzeit ein Umhang in den Farben des Hauses verwendet werden muss, der die Farben des Hauses des Ehemanns zeigt, „nicht seiner Großmutter“. Mit anderen Worten: Die Verwendung eines Lannisterumhangs würde hier die von Stannis gestreuten Gerüchte bestätigen, dass Tommen in Wahrheit Jaimes Sohn ist. Cersei hätte mit einer solchen Aktion also eingestanden, dass diese Gerüchte wahr sind.

Sobald eine Hochzeit vollzogen ist, können außerdem Verlobungen oder bereits geschlossene Verträge mit anderen Partnern nicht mehr wahrgenommen werden. So ist die einzige Möglichkeit für Jon Snow, seine Cousine Alys vor der Zwangsheit mit Cregan Karstark zu bewahren, sie anderweitig heiraten zu lassen. Mit Hilfe von Melisandre kann Jon Alys statt dessen mit Sigorn, dem Magnar von Thenn – eine Art Wildlingsfürst – verheiraten. Auf diese Weise schafft er nicht nur das neue Fürstenhaus Thenn, sondern kann auch einen Teil der Wildlinge an Westeros binden, denn Alys ist auch weiterhin die Erbin von Karhold.

Fazit

Die Hochzeitsriten bilden im Falle von Westeros in starkem Maße die Gesellschaft ab – nicht nur zeigen sie noch einmal die Rolle auf, die sie jeweils adeligen Männern und Frauen innerhalb der Gesellschaft zuweisen.
Die Bedding-Rituale zeigen außerdem deutlich das juristische Gewicht eines Vollzugs der Ehe und sind ein Relikt aus der Zeit, in der auch der Vollzug selbst noch vor Zeugen geschah.

So hat George R. R. Martin im Prinzip Hochzeitsbräuche geschaffen, die sowohl den Status Quo in Westeros während der Handlung in seiner Buchreihe präsentieren als auch auf fiktive historische Bräuche hinweist, die so nicht mehr ausgeübt werden.

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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11 Antworten zu Fallstudie: Adelshochzeiten in Westeros

  1. Sandra schreibt:

    Wow, was für ein cooler Artikel! So sehr spoilert es gar nicht ;)
    Das ist wirklich gut recherchiert und interessant zu lesen.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Danke :D.
      Naja, ich warne lieber einmal zu viel als zu wenig. So Viele in meiner Umgebung haben die Serie angefangen zu lesen, lesen aber langsamer als ich, auf Deutsch etc.
      Da will man nicht den Spaß verderben, auch was die Pairings angeht.
      Fast alles aus dem Gedächtnis, für ein paar Details musste ich noch mal in die Bücher spicken und mir überlegen, wie das auf Deutsch heißen könnte… :)

      • Carmilla DeWinter schreibt:

        Ich hätte im Nachhinein auch auf Englisch anfangen sollen. Nach dem deutschen Band 7 habe ich vor 2 Jahren oder so aufgehört, und mir dann geschworen, zu warten, bis die Serie endlich fertig ist, bevor ich weiterlese. Dank der Übersetzungsumstellung werde ich wohl den Band 8/Buch 4 noch auf Deutsch noch fertiglesen, und dann gleich aufs Englische umsteigen …

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Bei mir war es reiner Zufall, dass mir auf einem BuWi-Flohmarkt Band 1 der Reihe auf Englisch für 50 Cent herumlag…
        Ich wollte eigentlich auch ursprünglich erst anfangen, wenn es fertig ist. Um dann festzustellen, dass ich nicht so viel Geduld habe.
        Jetzt bin ich durch und… hoffe, ich muss nicht zu lange auf Band 6 (Deutsch: 11 & 12, glaube ich…) warten. :/
        Englisch ist toll.

  2. PoiSonPaiNter schreibt:

    Ich bin noch nicht so weit mit der Reihe, aber damit komm ich einfach nicht klar:
    „Auf den Eiseninseln ist es auch durchaus üblich, eine Frau in Abwesenheit und ohne ihr Einverständnis zu verheiraten“
    Das klingt so absurd, dass es schon wieder lächerlich klingt, vor allem wenn ich mir das vorstelle.
    <Mann steht vor Priester>
    Priester: Willst du die hier nicht-anwesende soundso heiraten.
    Mann: Ja, ich will.
    Priester: Die Abwesenheit der Frau wird als Zustimmung zur Ehe genommen und hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.

    Mann: Wir sind jetzt verheiratet

    So oder so ähnlich spielt sich das zumindest in meinem Kopf ab, aber vermutlich ist es im Buch ganz anders.
    Bin gespannt. :D

    Abgesehen davon wird da ja auch vieles von den Eltern arrangiert und schon mal für bloße Gefälligkeiten eine Verlobung angezettelt (Überquerung der Twins Brücke z.B.), was ja für die Beteiligten auch nicht immer vorteilhaft ist.

    • PoiSonPaiNter schreibt:

      Na toll, WordPress hat meiner Vorstellung Wörter geklaut…
      So ist die Stelle egtl richtig:
      Priester: Die Abwesenheit der Frau wird als Zustimmung zur Ehe genommen und hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.

      Mann: Wir sind jetzt verheiratet

      • PoiSonPaiNter schreibt:

        Ok, ich fühle mich ver…albert, aber diesmal klappt’s und du darfst die Kommentare dann gerne zusammenlegen…
        Priester: Die Abwesenheit der Frau wird als Zustimmung zur Ehe genommen und hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.
        *Mann trifft später auf Frau*
        Mann: Wir sind jetzt verheiratet *zeigt ihr ggf. Zertifikat*
        *Frau reagiert vermutlich entsetzt oder zumindest verwirrt*

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        *g*
        Ich lasse sie mal als Einzelkommentar, weil mir die Zusammenlegung zu frickelig ist (nicht, dass dabei was verloren geht o.O).
        In der Regel werden schon beide bescheid wissen, dass sie verheiratet wurden – aber deine Vorstellung ist lustig :D

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Stimmt, ich fand es ja sehr… erwachsen von Robb damals, nur für die Brückenüberquerung einer politischen Verlobung zuzustimmen und eine seiner Schwestern in deren Abwesenheit mitzuversprechen… *g*

      Stellvertreterhochzeiten gab es im europäischen Mittelalter beispielsweise tatsächlich, sie waren nicht mal so unhäufig.
      Hier ging es oft darum, dass aus irgendeinem Grunde sofort geheiratet werden musste, die Brautleute aber z.B. in verschiedenen Ländern wohnten und nicht schnell genug anreisen konnten.
      Dabei fand dann die eigentliche Hochzeit erst statt, wenn beide Leute anwesend waren.

      Einen Überblick gibt es hier, http://de.wikipedia.org/wiki/Trauung_per_Stellvertreter – aber auch z.B. eine der Töchter von Katarina Medici heiratete so nach Spanien, als Ersatzbräutigam fungierte der Herzog von Alba, der sein Bein bis zum Knie entblößen und an das Knie der Frau halten musste, damit die Ehe als vollzogen gilt *g*.

      • PoiSonPaiNter schreibt:

        Interessant was man alles so lernt, wenn man sich ein bisschen mit den Hintergründen befasst. :D
        Danke für die Erklärung und den Link :)

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Ich habe als Teenie einfach am Liebsten historische Romane gelesen – und dann war mir das nicht genug und ich verschlang sehr viele Biografien von historischen Persönlichkeiten :)
        Immer wieder gerne!

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