Fallstudie: Randgruppen und der Umgang mit Diskriminierung in „Harry Potter“ Teil 2 – #blogeha

Diese Woche geht es mit unserem Beitrag für die #blogeha-Blogparade weiter – hier geht es zum Posting der letzten Woche, wo es um sexuelle Randgruppen und magische Hybriden ging.

„Infizierte“

Gemeint sind hier vorrangig Werwölfe – der Versuch, etwas über die Vampire im Potterverse herauszufinden, endete nahezu erfolglos, man weiß nur, dass es Gesetze gibt, die diese Wesen daran hindern, willkürlich von den Zauberern abgeschlachtet zu werden. Außerdem gibt es einen Sänger, der Halbvampir ist. Ansonsten ist über diese Gruppe jedoch wenig bekannt.

Über die zwei Seiten, die ein Werwolfdasein in der Potterwelt annehmen kann, schrieben wir bereits, als wir Lupin und Greyback verglichen und einen Blick auf die Gesetzgebung rund um Werwölfe warfen:

In der Welt von “Harry Potter” bleibt nichts unreguliert. Werwölfe gelten als Tierwesen mit der höchsten Gefährlichkeitsstufe – und auch wenn sie die meiste Zeit des Jahres völlig harmlos sind, werden sie trotzdem diskriminiert und haben kaum eine Chance, öffentliche Schulen zu besuchen oder eine Anstellung zu finden.
Es gibt zwar eine Behörde, die sie unterstützen soll, diese kann jedoch im Alltag so gut wie nichts ausrichten.
Außerdem ist es nicht möglich, das eigene Werwolfsein geheimzuhalten – es gibt ministeriumsintern geführte Listen, auf denen jeder Werwolf eingetragen ist.

Rowling selbst hat in einem Interview erzählt, dass Lykanthropie das magische Pendant zu HIV ist – und somit wiedergibt, wie Menschen mit HIV behandelt beziehungsweise diskriminiert werden. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist die Analogie gar nicht so abwegig, auch wenn die Auflagen an HIV-Erkrankte nicht so streng sind wie die für Werwölfe.
So gibt es zwar eine (anonymisierte) Meldepflicht, diese erfolgt jedoch nicht namentlich, sondern dient nur dazu, die Zahlen erfassen zu können. Außer in genau erfassten Ausnahmefällen muss nur der behandelnde Arzt von der Krankheit wissen – und gerade bei beispielsweise Zahnärzten auch der nicht einmal zwingend. Nur bei Lebensversicherungsabschlüssen ist der Betroffene verpflichtet, wahrheitsgemäß über die Krankheit zu informieren.*
Anders bei Werwölfen – wie oben zitiert, werden Werwölfe in Listen zentral vom Zaubereiministerium erfasst. Außerdem gelten sie nicht mehr als Menschen, sondern werden den Bestien zugeordnet, wodurch sie von einigen entsprechend eingestellten Mitgliedern der magischen Gesellschaft als minderwertig und gefährlich angesehen werden.

Werwölfe gelten somit als nicht einstellbar – kaum ein Arbeitgeber möchte einen Mitarbeiter haben, der als Bestie der höchsten Gefährlichkeitsstufe eingestuft wird. Dadurch werden Werwölfe automatisch an den Rand der magischen Gesellschaft gedrängt und kriminalisiert. Das führt zu Verhalten wie dem von Fenrir Greyback, der vermutlich als Rache für sein durch das Werwolfdasein verpfuschtes Leben möglichst viele Kinder beißt und sich tatsächlich so grausam verhält, wie die Vorurteile behaupten. Sein Verhalten ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Analog hierzu gibt es tatsächlich HIV-Infizierte, die sich so sehr von der Gesellschaft abgestoßen und diskriminiert fühlen, dass sie es sich zum Ziel machen, auf irgendeine Weise möglichst viele Unschuldige anzustecken – während es gleichzeitig viele anständige Menschen gibt, die unter der Gesellschaft zu leiden haben, auf die jedoch das Verhalten der aggressiven Erkrankten oft mit zurückfällt.

Ein Wesen um die Zauberwesen!

Die Sache mit den Zauberwesen in der Harry-Potter-Welt ist kompliziert. Es gab mehrere Versuche der Klassifikation – von „alles, was auf zwei Beinen laufen kann“ (was zwar Geister ausschließt, dafür jedoch auch Trolle oder riesige Frettchen umfassen könnte) bis hin zu „alles, was die menschliche Sprache sprechen kann“ (womit Geister zwar wieder im Rennen wären – Trolle jedoch nicht aus dem Rennen, da sie die menschliche Sprache theoretisch lernen könnten…), letztendlich einigte man sich auf „intelligent genug, um für die eigenen Rechte politisch einzustehen und politische Mitsprache zu erhalten“.
Geister bilden dabei zusammen mit lebenden Portraits und ähnlichen Geschöpfen eine eigene Klasse – die Gewesen, Dementoren gehören zu den „Nicht-Wesen“.
Hier tritt eine Form der Diskriminierung zutage, die vielleicht dem „defensiven Rassismus“ aus dem letzten Posting ähnelt – Zentauren und Meermenschen wären der Definition zufolge nämlich auch Wesen mit den entsprechenden Rechten bei der politischen Mitbestimmung in der Zauberwelt. Sie weigern sich allerdings, denn dann wären sie auf einer Stufe mit Wesen wie Vampiren und Sabberhexen – die sie widerum verachten. Also nehmen sie lieber einen niedrigeren Status als Tierwesen in Kauf, zusammen mit allen daraus entwachsenenden politischen Folgen.
Aus ähnlichen Gründen bilden auch Geister eine eigene Klasse – sie fanden, der Begriff „Zauberwesen“ wäre zu sehr auf Lebewesen fixiert und Geister wären nun mal… tot.

Die Zuordnung ist aber auch sonst nicht immer ideal – so hätten Sphinxen, die Riesenspinne Acromantula und andere Wesen durchaus ausreichend Intelligenz, um eine politische Mitsprache in der Zaubererwelt zu verdienen, fressen jedoch mit einer gewissen Vorliebe Menschen und sind darum ohne politisches Mitspracherecht. Das beißt sich natürlich ein wenig mit den als Zauberwesen eingestuften Sabberhexen, die schließlich mit Vorliebe kleine Kinder verspeisen!

Zentauren beispeilsweise sind in der Harry-Potter-Reihe sehr stolz auf ihre Ahnenreihe – denn auch wenn sie wie ein Hybridwesen aus Mensch und Pferd aussehen, sind sie nichts dergleichen. Entsprechend wütend reagieren sie, wenn sie als Mischwesen oder gar als Tiere behandelt werden, wie in der Szene mit Umbridge gut zu erkennen ist.
Auch sehen sie sich aufgrund ihrer großen Intelligenz als den Menschen im Allgemeinen und den Zauberern im Besonderen übergeordnet. Sich von einem Menschen reiten zu lassen, sehen sie als Schande an.
Hier zeigt sich eine Form des Rassismus, die auf beide Seiten übergeht – während einige Zauberer Zentauren als Tiere ansehen (die nur in wenigen geschützten Wäldern „geduldet“ werden), sehen die Zentauren die Zauberer als minderwertig an. Durch die gegenseitige Arroganz wird ein Zusammenleben erschwert.
Hier zeigt sich Dumbledores besonderes Verhalten, als sowohl er als auch Firenze sich über die Vorurteile der jeweiligen Gruppe für das Wohl der Gesellschaft hinwegsetzen – Firenze kommt als Ausgestoßener nach Hogwarts, um dort als Lehrer zu arbeiten, was nach den gesellschaftlichen Konventionen der Zentauren eine Erniedrigung und ein NoGo darstellt. Dumbledore verwandelt für ihn ein Klassenzimmer in einen Teil des Verbotenen Waldes und gibt ihm so eine neue Heimat und eine Aufgabe. Beide Seiten begegnen sich mit Respekt und können die Vorurteile ihrer Völker überwinden.

Auch Meermenschen haben aus ähnlichen Gründen den Status „Zauberwesen“ abgelehnt und lassen sich lieber als Tierwesen klassifizieren, als sich auf eine Stufe mit Vampiren zu stellen. Außerdem haben sie nie die Beleidigung vergessen, als man ihnen einst den Zauberwesen-Status nicht zuerkennen wollte, weil ihre Sprache über dem Wasser nicht zu verstehen sei.
Im Vergleich zu Zentauren weiß man allerdings relativ wenig über sie – gesichert ist, dass sie eine reiche Kultur haben, Haustiere halten und Musik lieben.
Auch hier ist Dumbledore derjenige, der eine Brücke zwischen den Völkern schlägt: Entgegen der Behauptung, Meerisch könne an Land weder gesprochen noch verstanden werden, spricht er mit der Anführerin der Meermenschen ihre Sprache und erfährt so von Harrys außerordentlich mutigem Verhalten.

Fazit

Auch hier zeigt sich wieder, wie Rowling realgesellschaftliche Tendenzen der Gegenwart aufgreift und überspitzt in die Fiktion übersetzt, um der Welt einen Spiegel hinzuhalten.
Ihre Beschreibungen der Probleme im Leben eines Werwolfs sind bewusst an die Probleme der Menschen mit HIV angelehnt.
Ein anderes Problem zeigt sie mit ihren Beziehungen zwischen intelligenten magischen Wesen untereinander und den Schwierigkeiten einer externen Klassifizierung. Formulierungen wie „Wenn die da mitspielen dürfen, spiele ich nicht mit!“ kennen sicherlich alle aus ihrer Kindheit – in großem Maßstab kann eine solche Einstellung zu großen Problemen führen.

Nächste Woche gibt es den voraussichtlich letzten Artikel aus dieser Reihe.

*Quelle

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Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
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8 Antworten zu Fallstudie: Randgruppen und der Umgang mit Diskriminierung in „Harry Potter“ Teil 2 – #blogeha

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  2. tommimh schreibt:

    Die beiden Artikel sind, nunja, der Knaller. Ich bin erst jetzt dazu gekommen, die in Ruhe zu lesen und habe sie direkt beide aufgesaugt. Zum einem fasziniert mich die Zusammenfassung bezogen auf die Harry Potter Welt, die ich gerne mag. Parallel hält der Text auch der realen Welt den Spiegel vor die Nase. Wirklich, tolle Idee und Umsetzung.

    LG Thomas

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Danke für das Lob, Thomas!
      Die Harry-Potter-Welt ist großartig – in meinen Augen eine der tollsten Welten, die je gebaut wurde, eben WEIL ihre Elemente nicht Selbstzweck sind, sondern diesen Zusatzzweck haben, den du genannt hast – sie halten der Welt den Spiegel vor.
      Danke!

      LG,
      Evanesca

  3. Sarah Maria schreibt:

    Meine Güte! Wie spannend! :) Die Parallelen die in den Harry Potter Büchern gezeichnet wurden, sind ja noch viel vielschichtiger als ich dachte.

    Ich finde es großartig, wie Rowling das macht: Ihre Bücher sind ja schon fast wie eine lehrreiche Lehrbuch-Fabel -> Nur nicht so „platt“ und viel spannender zu lesen. ;)) Ich finde es toll, wie sie zeigt, dass alle Wesen, wenn sie nur ihre Ängste und Vorurteile überwinden, voneinander profitieren können. Lernen und helfen können: Und sich insgesamt ihr Leben bereichert. In ihren Büchern ist das nicht nur eine hochtrabende Floskel, sondern Rowling hat ihr tatsächlich Leben eingehaucht. Ein sehr schönes Leben. <3

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Ich bin ja selbst überrascht, wie viel es da zu sagen gibt. Je mehr ich analysiere, desto mehr erstaunliche Dinge finde ich heraus.
      Die Bücher sind dahingehend wundervoll!

      Genau – niemand will die immer gleiche Leier hören/lesen, wie man gefälligst zu sein, zu denken und zu leben hat.
      Aber behutsam als Gelebtes in einer Fantasygeschichte ist das etwas ganz Anderes *-*.
      Die Romanfiguren leben vor, wie man durch das Aufeinanderzugehen einander näher kommt.

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