Fallstudie: Roadrunner und Kojote – die Regeln eines absurden Universums

Oft fällt im Zusammenhang mit Fantasy und Science-Fiction der Satz „Hauptsache, es ist innerhalb des gegebenen Universums schlüssig“. Was aber, wenn die Gesetze im angenommenen Universum völlig sinnlos und mitunter sogar reichlich dämlich wirken?
Ein solches Universum ist das von vornherein auf Klamauk ausgelegte Universum rund um den immerhungrigen Kojoten und den immer wegrennenden Road Runner.

Regeln, die man beobachten kann

Einige einfache Regeln lassen sich ableiten, wenn man nur genug Cartoons anschaut und die Gemeinsamheiten betrachtet.
So gibt es mehrere Folgen, in denen der Kojote den Vogel reinlegen möchte, indem er mit Hilfe eines riesigen Landschaftsbildes einen anderen Straßenverlauf suggerieren oder einen Tunnel andeuten möchte, wo keiner ist. Der Roadrunner kann diese Zeichnungen betreten, als würde es sich um ganz normale Wege handeln – der Kojote in der Regel dagegen nicht.
Eine andere, von zahlreichen späteren Cartoons übernommene Serie ist: Die Gesetze der Schwerkraft gelten nur dann, wenn der Protagonist gerade Notiz von ihnen nimmt. Mit anderen Worten: Der Kojote kann so lange über einem Abgrund in der Luft stehen, bis ihm auffällt, dass er in der Luft steht. Sobald er weiß, dass unter ihm ein Abgrund gähnt, wird er jedoch fallen.
Ein weiteres physikalisches Gesetz, das grundsätzlich nicht funktioniert, ist das Hebelgesetz – ein Katapult, eine Zwille oder ein ähnliches Gerät funktioniert nicht. Die Munition des Katapults fällt grundsätzlich auf den Kojoten, die selbstgebastelte Riesenzwiele leiert aus und zerrt ihn in die falsche Richtung. Auch die Sache mit dem Lasso oder der Dynamitschleuder funktioniert nie, wie sie eigentlich sollte.

Auf der anderen Seite hat der Kojote praktisch unbeschränkte Möglichkeiten – obwohl er als Wildtier kein Geld hat, kann er sich jeden Baukasten, jede Anleitung per Buch und jedes Werkzeug von ACME in die amerikanische Wüstenwildnis liefern lassen. ACME ist dabei eine fiktive Firma, die auch in den anderen Trickfilmen der Looney Tunes-Reihe so ziemlich alles liefert – vom Wetterballon über Vogelfutter bis hin zu Raketen.
Außerdem kann der Kojote nicht sterben – sogar wenn er von einem riesigen Stein erschlagen wird, in einen unendlich tiefen Abgrund fällt oder ihm eine an seine Schnauze gebundene Stange Dynamit direkt im Gesicht explodiert, kommt er mit dem Leben davon. Teilweise gedemütigt, lächerlich rasiert oder zusammengestaucht – aber er ist im Prinzip dennoch unsterlich.

Wenn diese Regeln allgemeingültig werden?

Bei diesem Universum handelt es sich im Prinzip um ein Mini-Universum, bei dem bis auf sehr wenige Ausnahmen (wie z.B. eine Folge, an deren Ende sich der Kojote als Road-Runner-Weibchen verkleidet und anschließend von einer riesigen Kojotenmeute verfolgt wird) nur zwei Lebewesen miteinander interagieren. Selbst in vorbeikommenden Lastwagen oder Zügen sitzt oftmals der Road Runner als Fahrer. Es konzentriert sich auf die Interaktion dieser zwei Figuren und die bewusst absurd gehaltene Welt führt automatisch zur Situationskomik.

Was würde passieren, wenn man ein ganzes fiktives Universum auf den folgenden (verallgemeinerten) simplen Regeln aufbauen würde?

  1. Man fällt nur aus großer Höhe, wenn man den Abgrund sieht.
  2. Katapulte lassen ihre Steine immer auf den fallen, der an ihnen zieht.
  3. Man kann die Landschaft verändern, indem man alternative Bilder zeichnet und hinstellt – aber der Erschaffer des Bildes kann sein eigenes Bild nie benutzen.
  4. Aus jedem Tunnel kommt genau dann ein Zug, wenn man hindurchgehen will.
  5. Man kann nicht sterben, egal was passiert.
  6. Man kann sich jeden Gegenstand, jede Anleitung, jeden Baukasten einfach liefern lassen.

Die Menschen würden vermutlich ausladende Pluderhosen oder weite Röcke auf weiten Reisen tragen – denn dann könnten sie einfach über Abgründe spazieren, ohne herunterzublicken und könnten überall hin.
Maler wären hoch angesehen, denn sie könnten Bilder schaffen, mit deren Hilfe man alles Nötige in die karge Wüstenlandschaft zeichnen könnte. Sie würden herausfinden, dass man auf diese Weise Abkürzungen in alle Teile der Landschaft zeichnen könnte, würden Flüsse umleiten oder andere nützliche Dinge tun – da sie ihre eigenen Bilder jedoch nicht betreten könnten, würden sie sich von ihnen fernhalten.
Katapulte würden als Falle genutzt werden – denn egal wer an einem Katapult zieht, um es gegen einen anderen einzusetzen, wird unweigerlich selbst erschlagen.
Da in dieser Gesellschaft alle unsterblich wären, gäbe es vermutlich keine Fortpflanzung, keine Eifersucht. Die Menschen würden in einer Art Kommune leben und die freie Liebe praktizieren – schließlich hätte dies keinerlei Konsequenzen.

Oder würde etwas völlig anderes dabei herauskommen, wenn man die Regeln des Cartoons auf einen Planeten oder ein Romanuniversum überträgt?

Fazit

Es kann für Weltenbauer durchaus lohnend sein, einen Blick auf die spezifischen Gesetze eines Cartoons zu werfen und weiterzudenken. Was würde es bedeuten, die Gesetze dieses Mikrouniversums auf einen größeren Zusammenhang zu übertragen? Welche Dinge müsste man noch festlegen, damit das Ganze einen Sinn ergibt? Welche Gesetze des Cartoons dagegen sind bei einer radikaleren Betrachtung für den Weltenbau unbrauchbar?

Advertisements

Über Evanesca Feuerblut

Lektorin, Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte.
Dieser Beitrag wurde unter Fallstudie abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Fallstudie: Roadrunner und Kojote – die Regeln eines absurden Universums

  1. Florian Born schreibt:

    Konsistenz im eigenen System. Ich hab mich darüber ja schon mal selbst ausgelassen. Und dabei muss ich sagen, dass das Roadrunner-Universum die großartig einhält und dabei trotz der Vorhersehbarkeit unheimlich unterhaltsam ist.

    Es gibt übrigens noch andere Regeln im Roadrunner-Universum, die bei der Gestaltung der Serie entstanden sind. Hier ein Link, wen es interessiert: http://9gag.com/gag/aqZYErY/10-golden-rules-of-road-runner-cartoons-8-is-the-best. Unter anderem kann sich der Roadrunner nur auf der Straße bewegen und kann dem Koyoten nicht anders schaden als durch sein „Beep Beep“.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Die Regeln stehen auch auf Wikipedia – aber ich wollte sie nicht einfach abschreiben, außerdem sind es quasi „festgelegte Regeln des Erschaffers“, also präskriptiv. Ich habe mich der Serie mal deskriptiv genähert und ein wenig weiterfantasiert, was man damit alles noch machen könnte… und das ist unglaublich spannend :).

  2. Marco schreibt:

    Hallo.
    Mich hat der Blog-Kommentier-Tag hierher geführt und habe dabei diesen sehr interessanten Artikel gefunden und gelesen.
    Ich habe mich noch nie wirklich mit dem Road Runner Universum beschäftigt, bzw. mit dessen Regeln. Aber macht natürlich Sinn, sich mal damit zu beschäftigen.
    Jedes Buch / TV Universum agiert ja in seinen eigenen Regeln und die Fans regen sich dann immer im Internet auf, wenn die Macher mal über eine der Regeln hinweg gehen. Aber man muss es ja auch nicht so eng sehen. Wenn ich so richtig darüber nachdenke, findet man im Anhalter durch die Galasxis bestimmt genug Stellen, in denen sich Douglas Adams über seine Regeln hinweg gesetzt hat. Das macht dann die Handlung auch etwas unvorhersehbarer.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Hallo, Marco!
      Der Bloggerkommentiertag ist toll – ich habe auch schon einige Blogs entdeckt, die ich sonst nie gefunden hätte!
      Leider läuft die Serie (Looney Tunes) inzwischen wieder nicht mehr bei SuperRTL, aber ich bin mir sicher, sie wird noch mal wiederholt.

      So ist es – und auch wenn die Regeln selten explizit genannt werden, sind sie vorhanden (und wir machen uns auf dem Blog immer die Mühe, sie rauszusezieren und aufzuarbeiten).
      Ich kann die Fans verstehen, wenn das Übertreten geschieht, weil dem Autor/Macher/etc. sein eigenes Universum schlicht egal ist und nur die Klickzahlen/Käufe/usw. zählen – denn man MERKT es einfach immer sofort, wenn etwas einfach lieblos dahingeschustert ist, nur um Geld zu scheffeln.
      Etwas völlig Anderes sind bewusste, vorher geplante Übertretungen der eigenen Regeln. Dies gut zu machen, erfordert Mut und Geschick – dann kann etwas richtig Tolles daraus werden :).
      Den Anhalter habe ich erst neulich gelesen – und traue DIESEM Universum so ziemlich alles zu :D

  3. Sam schreibt:

    So hatte ich das noch gar nicht betrachtet – ein interessantes Thema…! Und der Titel „Fall“-Studie passt dazu sehr gut ;)
    Ich werde mir mal den Road Runner erneut ansehen und schauen, wie das mit diesem Artikel im Hinterkopf jetzt auf mich wirkt. Danke dafür!

Hat dieser Artikel dir geholfen? Hast du eine Anregung oder eine weiterführende Frage?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s