Fallstudie: Dem Odysseus seine Beziehungskisten

Die Zeitzeugin ruft zum Karneval der Rollenspielblogs – und die Weltenschmiede folgt diesem Aufruf mit Vergnügen. Das Thema soll sein: „Beziehungskiste. Passend zum Mai und doch hoffentlich mehr als ein herzchengeschwängertes Blumenmeer.“

Ein auf den zweiten Blick sehr vielseitiges Thema, wie Evanesca und ich feststellen mussten, hatten wir doch gleich mehrere Ideen. Vielleicht wird es von uns daher auch mehrere Beiträge zum Karneval geben, aber zunächst greifen wir das Thema auf, das mir als letztes einfiel.

Nicht der älteste, aber einer der bekanntesten Helden des Abendlandes ist wohl Homers Odysseus. Oft übersetzt, oft rezipiert, oft nachgemacht, aber nie übertroffen begeistert uns der findige Ithaker seit mehr als 2000 Jahren, und das zu recht: Ist er doch nicht nur ein Sinnbild für den herumirrenden, suchenden Menschen und der Prototyp des listigen Überlebenskämpfers, nein, Odysseus stellt auch so einiges an. So experimentiert er etwa mit Drogen, stiehlt Vieh und lässt nichts anbrennen.

Schauen wir uns in dieser Fallstudie also einige seiner „Beziehungskisten“ einmal genauer an.

Odysseus und Kirke

Die Geschichte mit Kirke, der Zauberin, die auf der Insel Aiaia lebt und die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt, wird jeder kennen. Auch, dass Odysseus sich einen Schwamm in den Mund stopfte, ehe er Kirkes Zaubertrunk trank und so selbst der Verwandlung entging, dürfte bekannt sein. Aber was kam danach? Kirke wirft sich Odysseus zu Füßen, umfasst seine Knie, erkennt ihn als ihr überlegen an und fleht (in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß):

Lieber! so stecke dein Schwert in die Scheid‘, und laß uns zusammen
Unser Lager besteigen, damit wir, beide versöhnet
Durch die Freuden der Liebe, hinfort einander vertrauen!

Odysseus aber ahnt bereits eine Falle in diesem Angebot und er entgegnet ihr:

Nein! ich werde nimmer dein Lager besteigen, o Göttin,
Du willfahrest mir denn, mit hohem Schwur zu geloben,
Daß du bei dir nichts anders zu meinem Verderben beschließest!

Kirke tut ihm den Gefallen, schwört, dass sie nichts böses im Schilde führt und sie besteigen das Lager. In der Folge tischt Kirke Odysseus ein gar festliches Mahl auf, aber er besteht zunächst darauf, dass sie seine Gefährten endlich zurückverwandelt. Erst dann widmet er sich den Köstlichkeiten, zieht sein Schiff an Land, lässt sich tatsächlich häuslich nieder, ein ganzes Jahr lang, ehe seine Gefährten ihn endlich zum Weiterfahren mahnen:

Als nun endlich das Jahr von den kreisenden Horen erfüllt ward,
Und mit dem wechselnden Mond viel Tage waren verschwunden;
Da beriefen mich heimlich die lieben Gefährten, und sagten:
Unglückseliger, denke nun endlich des Vaterlandes;
Wenn dir das Schicksal bestimmt, lebendig wieder zu kehren
In den hohen Palast, und deiner Väter Gefilde.

Erst dann bricht Odysseus endlich auf, begibt sich auf Empfehlung der Kirke in die Unterwelt, erfährt dort sein Schicksal, kehrt zu Kirke zurück (!) und reist dann weiter, überlebt Sirenen, Skylla, Charybdis, schlachtet die Rinder des Helios, gerät in einen Sturm …

Odysseus und Kalypso

… und landet danach als einziger Überlebender des Sturmes auf Ogygia, der Insel der Kalypso. Kalypso fischt ihn aus dem Meer, füttert und wässert den großen Heroen und gibt ihm in ihrer Grotte ein Obdach – und das sieben Jahre lang, bis Hermes als Abgesandter von Zeus erscheint. Er macht Kalypso klar, dass sie Odysseus endlich gehen lassen muss. Nach einigem Hin und Her – denn Kalypso ist davon nicht begeistert – geht die Nymphe schließlich zum am Strand sitzenden Odysseus, um ihm die freudige Nachricht zu überbringen:

Aber Kalypso eilte zum großgesinnten Odysseus,
Als die heilige Nymphe Kronions Willen vernommen,
Dieser saß am Gestade des Meers, und weinte beständig,
Ach! in Tränen verrann sein süßes Leben, voll Sehnsucht
Heimzukehren: denn lange nicht mehr gefiel ihm die Nymphe;
Sondern er ruhte des Nachts in ihrer gewölbeten Grotte
Ohne Liebe bei ihr, ihn zwang die liebende Göttin;

Aber des Tages saß er auf Felsen und sandigen Hügeln,
Und zerquälte sein Herz mit Weinen und Seufzen und Jammern
Und durchschaute mit Tränen die große Wüste des Meeres.

Der große Odysseus als Liebessklave einer Nymphe – ein Aspekt der Geschichte, der nur selten erwähnt wird.

Odysseus und Penelope

Nachdem Odysseus den Fängen der Kalypso entkommen ist, landet er schließlich auf Ithaka, wird vom trefflichen Schweinehirten bewirtet, schlachtet die Freier ab und ist endlich wieder daheim. Penelope erkennt ihn wieder, sie lagern zusammen.

Es kommt zur großen Besprechung mit seiner holden Gattin, die ihn zehn Jahre lang nicht mehr gesehen hat. Penelope berichtet von ihrem Kummer in all den Jahren:

Jene, nachdem sie die Fülle der seligen Liebe gekostet,
Wachten noch lang‘, ihr Herz mit vielen Gesprächen erfreuend.
Erst erzählte das göttliche Weib, wie viel sie im Hause
Von dem verwüstenden Schwarme der bösen Freier erduldet,

Auch Odysseus erzählt von all seinen Taten:

Auch von Kirkes Betrug und Zauberkünsten erzählt‘ er;
Und wie er hingefahren in Aïdes dumpfe Behausung,
Um des thebäischen Greises Teiresias‘ Seele zu fragen,
Im vielrudrigen Schiff, und alle Freunde gesehen,
Auch die Mutter, die ihn gebar und als Knaben ernährte.

Und wie sein rüstiges Schiff der Gott hochrollender Donner
Zeus mit dem Blitze zerschmettert; es sanken die tapfern Genossen
Allzumal, nur er selber entfloh dem Schreckenverhängnis.
Wie er drauf gen Ogygia kam, zur Nymphe Kalypso,
Die ihn so lang aufhielt in ihrer gewölbeten Grotte,
Und zum Gemahl ihn begehrte: sie reicht‘ ihm Nahrung und sagte
Ihm Unsterblichkeit zu und nimmerverblühende Jugend;
Dennoch vermochte sie nicht sein standhaftes Herz zu bewegen.

Was Kalypso angeht, so ist Odysseus tatsächlich ehrlich. Aber Kirke? Er erzählt von ihrem Betrug und ihren Zauberkünsten, kein Wort davon, dass er selbst mit ihr freiwillig ein Jahr verbrachte – das zu erwähnen wäre aber wohl nach der ersten Nacht mit der treuen Gattin auch etwas ungeschickt ;)

Fazit

Die Odyssee ist wohl der Prototyp der Reisegeschichte. Ein Held zieht aus, will ein fernes Ziel erreichen. Aber das bedeutet nicht, dass er die ganze Geschichte auf Reisen verbringt – Odysseus lag in zehn Jahren „Irrfahrt“ immerhin acht Jahre in den Armen einer Frau ;-)

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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8 Antworten zu Fallstudie: Dem Odysseus seine Beziehungskisten

  1. Carmilla DeWinter schreibt:

    Aufschlussreiche Erläuterungen, dankeschön. Ich war immer zu faul, das Original komplett zu lesen.
    Allein der Titel schmerzt dank seiner fragwürdigen Grammatik …

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Bitte, gerne! Das Original lohnt sich aber ;) Die Voß’sche Übersetzung ist heutzutage allerdings etwas mühsam (wenngleich billig zu haben, da gemeinfrei), auch die Versübersetzung von Roland Hampe, die Reclam druckt, hat manchmal ihre Mühen. Der Übersetzer schlechthin wäre ja Schadewaldt, aber der ist wieder teuer …
      Wer keine Lust hat, die ganze Odyssee zu lesen: Bei Reclam gibts meines Wissens auch eine Auswahlausgabe, in der das meiste in Prosa erzählt wird und nur die Schlüsselstellen, die bis heute eine Nachwirkung haben, in einer Versübersetzung dargeboten werden. Kostenpunkt etwa 5 €, auch nett :)

      Und der Titel ist absichtlich pure Provokation ;)

  2. Michael | Weltenbau-Wissen.de schreibt:

    Und ich dachte immer, Casanova wäre der Prototyp des Frauenhelden. :D

  3. Pingback: [Blogparade/Karneval] Beziehungskiste | Zeitzeugin

  4. Lady Sonea schreibt:

    Liebe Evanesca, liebe fruehstuecksflocke,

    Ich habe euren Blog für den Liebster-Award nominiert. Ich würde mich freuen, wenn ihr meine Fragen beantwortet: wp.me/p4rtXo-oS

    Liebe Grüße,
    Lady Sonea

  5. Pingback: Beziehungskiste: Die Beiträge | Zeitzeugin

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