Fallstudie: Requiescat in Pace – Assassin’s Creed und Latein

Heute wollen wir uns kurz die Verwendung der lateinischen Sprache im Computerspiel „Assassin’s Creed II“ ansehen.

Inzwischen läuft die Spiele-Serie „Assassin’s Creed“ schon recht lange und den meisten müsste sie inzwischen bekannt sein. Ich muss zugeben, dass ich gerade bei Videospielen nicht immer am Puls der Zeit bin und immer etwa 5 Jahre hinter den aktuellen Erscheinungen hinterherhinke – was hauptsächlich eine Geldfrage für mich ist, denn weder kann ich mir die 50 bis 60 € für ein neues Spiel leisten, noch kann ich mir die Hardware-Updates für meinen uralten Rechner leisten. So kommt es, dass ich Assassins Creed erst vor kurzem für mich entdeckt habe. Ich fing ganz klassisch mit Teil 1 an und widmete mich jetzt Teil 2.

Kurzüberblick: Inhalt der Serie

Für die, die die Serie nicht kennen, sei hier ihr Inhalt kurz umrissen: Teil 1 spielt im Heiligen Land zur Zeit der Kreuzzüge. Die Tempelritter wollen in einer recht obskuren Verschwörung die Weltherrschaft an sich reißen, und allein der Orden der (in letzter Zeit viel zu oft rezipierten) Assassinen kann sie aufhalten, in dem sie die wichtigsten Templer und Helfershelfer in aberwitzigen Attentaten umlegen.

Assassin’s Creed II nun verlegt die Handlung ins Italien des späten 15. Jahrhunderts. Irgendwie hat der – eigentlich offiziell längst aufgelöste – Templerorden nach wie vor seine Finger im Spiel, und irgendwie haben auch die – ebenfalls offiziell längst erledigten – Assassinen ihren Schwerpunkt nach Italien verlagert. In der Folge wird rund um die tatsächlichen historischen Ereignisse der Zeit erneut ein Machtkampf zwischen Templern und Assassinen fingiert.

Im Endeffekt ist die Rezeption der tatsächlichen historischen Elemente und ihre Verarbeitung in der Serie gar nicht so uninteressant – sie wäre auch durchaus einen Blogbeitrag wert –, aber hier in der Fallstudie widmen wir uns einem anderen Thema: Nämlich des unseligen Requiescat in Pace, das der Assassine Ezio Auditore jedem seiner Opfer ins Ohr flüstert, während es am Ende eines langen Monologs mit Messer im Bauch endlich gestorben ist.

Exkurs: Kultureller Hintergrund

Wie schon oben angerissen, ist die Handlung im Italien des späten 15. Jahrhunderts angesiedelt. Genauer gesagt: Der Protagonist Ezio Auditore wird 1457 geboren, die ersten wichtigen Ereignisse der Handlung beginnen im Jahre 1478. Die Handlungsorte wechseln zwischen Florenz, Venedig, Forlì, und Monteriggioni in der Toskana. Hinzu kommt ein Abstecher in den Vatikan.

Wer sich ein wenig in Geschichte auskennt, wird nun schon bemerkt haben, dass wir uns nicht nur mitten in der Renaissance befinden, sondern dass Ezio im Laufe der Handlung auch einige der wichtigsten „Brutstätten“ des Humanismus abklappert.
So wird Florenz zu dieser Zeit etwa von Lorenzo I. de’ Medici regiert, in dessen Umfeld zu dieser Zeit etwa Gestalten wie Christoforo Landino, Sandro Botticelli, Michelangelo Buonarotti, Marsilio Ficino, Leon Battista Alberti und viele, viele mehr tätig sind.

Kurz gesagt: Die Rezeption der Antike und die alten Sprachen blühen auf, die Sprache des Humanismus ist Latein, und wer in dieser Zeit ein Mitglieder der Oberschicht ist und etwas auf sich hält – wie es Protagonist Ezio Auditore sicherlich tut – der lernt auch fleißig Latein.

Das Spiel selbst bedient sich sehr ausgiebig in dieser Blüte des geistigen Lebens, lässt Ezio zu einem Vertrauten Lorenzos werden, macht ihn mit Caterina Sforza bekannt, gibt auch dem guten Niccolò Machiavelli eine tragende Rolle im Spiel und macht keinen geringeren als den jungen Leonardo da Vinci zu Ezios bestem Freund. Auch auf der Gegenseite wartet man mit wichtigen Namen auf, so ist etwa der Hauptantagonist des Spiels Rodrigo Borgia (der spätere Papst Alexander VI.)

Requiescat in Pace

Wenn Ezio nun auszieht, um die bösen Buben nicht nur das Fürchten zu lehren, sondern ihnen auch gleich das Leben zu nehmen, ist seine erste Lektion: Habe Respekt vor den Feinden, stelle dich nicht durch Hass auf eine Stufe mit ihnen, sondern erweise ihnen die letzte Ehre. Diese Ehre nun wird erwiesen, indem Ezio seinen Opfern seine Klinge in den Leib rammt, sie zu Boden sinken lässt, sie schützend in den Armen hält und mit ihnen ein Pläuschchen darüber hält, wieso sie taten, was sie taten, weshalb er sie umbringen musste, dass er es nicht gerne tat und vieles mehr. Alle Opfern packen bereitwillig ihr Wissen an der Schwelle zum Tode aus, und zum Dank sagt Ezio zu ihnen: „Requiescat in Pace.“ Das ist Latein für: „Er möge in Frieden ruhen.“ In just diesen Momenten sterben die Opfer dann auch endlich.

Ich rechne es Assassins Creed hoch an, dass sie das auch heutzutage noch populäre R.I.P. aufgreifen und es auf seine ursprüngliche Bedeutung zurückführen, denn es wird heute leider fälschlicherweise immer mit Rest in peace aufgeschlüsselt. Leider scheint Assassins Creed hier aber nicht viel weiter als bis zur englischen Variante zu denken.

Denn: Wenn heutzutage in Filmen jemand auf tragische Weise (meist in irgendwelchen heroischen Kontexten) stirbt, flutscht dem an der Todesszene teilnehmenden Helden nicht ungern ein Ruhe in Frieden über die Lippen. Dieses Ruhe in Frieden wendet sich in solchen Situationen direkt an den Sterbenden, ist also als Aufforderung zu verstehen. Lässt man in der deutschen Formel Er ruhe in Frieden das Personalpronomen er weg, so spricht auch nichts dagegen, ruhe als Imperativ aufzufassen, denn als dritte Person Konjunktiv. Sinngemäß im Deutschen also völlig richtig. Auch das englische Rest in peace hat damit kein Problem, auch rest kann problemlos ein Imperativ sein – und vermutlich gründet sich hierrin die Popularität der Formel als direkten Zuspruch an den Sterbenden.

Mit Requiescat in Pace funktioniert das aber nicht. Das lateinische requiescat entspricht einem Konjunktiv in der dritten Person, und es gibt hier keine Möglichkeit, das Subjekt wegzulassen und an einen Imperativ zu denken. Nicht umsonst findet sich die Formel vor allem auf Grabsteinen als Inschrift, quasi als verspäteten Wunsch für den Verstorbenen. Aber nicht als direkte Aufforderung an ihn.

Fairerweise muss man natürlich sagen, dass Requiescat in Pace es auch in die Liturgie der katholischen Kirche geschafft hat: „Requiem aeternam dona ei, Domine, et lux perpetua luceat ei. Reqiescat in pace. Amen.“
Aber: Hier handelt es sich um ein Gebet für andere Personen, nicht um einen Zuspruch an den Sterbenden selbst.

Wenn Ezio sich also direkt an den Sterbenden wendet, kann er das nicht mit requiescat tun. Stattdessen müsste er – der er als Oberschichtsmitglied im Humanismus sicherlich gut Latein kann – die Formel abändern und zur zweiten Person greifen: Requiescas in Pace.

Wer hier nicht ganz so pingelig ist und meint, Ezio bediene sich hier völlig unreflektiert einer feststehenden Wendung, die er aus dem liturgischen Kontext kennt, der möge wenigstens Anstoß daran nehmen, dass Ezio auch beim Singular requiescat bleibt, wenn er gerade zwei Personen getötet hat und folglich mit zwei Personen ein Pläuschchen hält. Hier wäre wenigstens der Plural requiescant drin gewesen, findet sich doch auch das oben zitierte Gebet in der Liturgie auch mit dem Plural für Anlässe, wenn für mehrere Personen gebetet werden muss.

Fazit

Die Rezeption der lateinischen Phrase im Sinne des Zeitgeistes durch das Spiel Assassin’s Creed II ist durchaus löblich, geschieht aber auf sehr plumpe und unbeholfene Weise. Man hätte vor Gebrauch der Phrase über ihre eigentliche Bedeutung kurz nachdenken können, oder aber – falls dies nicht zuviel verlangt ist – auch den Gebetscharakter weiter ausbauen können, um eine nichtreflektierte Verwendung der Formel klarer herauszustreichen.

Persönlich neige ich aber dazu, zu glauben, dass man es bei Ubisoft hier einfach nicht besser wusste: Denn das Spiel bezeichnet auch Schriftrollen als Kodex-Seiten … Am Ende bleibt das Spiel ein Beispiel dafür, wie man eine reale Sprache besser nicht in seine eigene fiktive Welt einbaut.

Die Story hinter Assassin’s Creed ist ziemlich verrückt und recht absurd, wer aber auf trashige, pseydohistorische Geschichtsmachwerke steht, macht hier sicherlich nichts falsch. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß, trotz schlechten Lateins und frickeliger Steuerung.

—-

Nachtrag: Inzwischen habe ich nach Verfassen des Artikels das Spiel durch – in der letzten Szene sagt Ezio doch tatsächlich zu seinem Erzfeind: „Requiescat in Pace, du Bastard!“ Ich habe mich nicht nur scheckig gelacht, sondern von einer unreflektierten Verwendung der Formel kann nun auch keine Rede mehr sein. Ubisoft hat sprachlichen Blödsinn gebaut, das steht für mich nun fest.

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Über fruehstuecksflocke

Tätig als Studiosus, Autor, Blogger, Leser; außerdem Zusatzqualifikationen: Zitatesammler, Schwammaufsauger von jeglicher Nichtigkeit und leidenschaftlicher Verlierer beim Schachspiel.
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6 Antworten zu Fallstudie: Requiescat in Pace – Assassin’s Creed und Latein

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Ja, über das unselige Wort „Assassine“ habe ich ja mal für uns hier gebloggt – Videospiele und sprachliche Faux-Pas halt :D

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Wobei das Wort „Assassine“ hier sogar mal passt, da sie wirklich den alten, historisch verbürgten Assassinenorden aufgreifen. Dieses direkte Anknüpfen scheint gerade mehr in Mode zu sein, als einfach nur den Namen zu „klauen“ – z.B. kommen auch bei der DC-Serie „Arrow“ inzwischen Assassinen vor, die an die historische Tradition anknüpfen. Wieso auch immer.

  2. Carmilla DeWinter schreibt:

    Ach ja. Hätten sie nur mal wen mit einem Latinum gefragt … Ich mache zwar trotz Schul-Latein noch Fehler, aber ich weiß, wen ich fragen kann, ob es richtig ist.

  3. Fran Jotpunkt schreibt:

    Hm, das was sie am Lateinischen verbrochen haben, haben die Leute von Ubisoft in der Ezio-Trilogie wiederum mit der graphischen Gestaltung der Städte, Landschaft sowie dem damaligen Italienisch (meiner Meinung nach) wieder rausgeholt. Florenz, Monteriggioni, San Gimignano, Rom, Venedig, Istanbul – alles wurde sehr realistisch umgesetzt. Auch Paris im aktuellen Assassin’s Creed Unity hat mir Freudentränen in die Augen getrieben, weil man wirklich denken kann, wirklich da zu sein (auch wenn man’s nur von Fotos kennt, wie in meinem Falle Istanbul).
    Ciao da Firenze!
    Fran

    • fruehstuecksflocke schreibt:

      Kann man wirklich von rausgeholt sprechen? Wenn ich von einem riesigen Unternehmen wie Ubisoft ein Spiel kaufe, erwarte ich mir überdurchschnittliche Qualität in allen Bereichen – schließlich haben die auch die Mittel, das umzusetzen. Muss ja irgendwie gerechtfertigt sein, dass die so groß und erfolgreich sind mit der Serie.
      Natürlich haben sie mit den Städten, Landschaften und der Einbindung von Romanen und Gemälden ins Spiel hervorragende Arbeit geleistet – aber grad wenn sie so stark auf Kultur geschaut haben, ist das mit dem Lateinischen in meinen Augen einfach ein sehr grober Patzer, der nicht hätte sein müssen.

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